Jugendsender, Facebook-Seiten und andere Innovations-Attrappen

Manchmal sind es ja die ganz simplen Anlässe, die dann zu längeren Überlegungen führen. Beispielsweise das automatisierte Abbuchen des Rundfunkbeitrags, bei dem man für ein Quartal mal eben gute 50 Euro los wird. Der Gedanke ist zwar weder neu noch originell, drängte sich aber auf: Für was eigentlich? Das öffentlich-rechtliche System würde mir jetzt antworten: Für über 60 Hörfunkwellen, für ARD und ZDF und die Dritten und den Deutschlandfunk und für jede Menge herausragender journalistischer Qualität (und aus Transparenzgründen der Hinweis: auch für mich selbst, ich bin auch schon von Gebührengeldern bezahlt worden). Selbst wenn ich dem uneingeschränkt zustimmen würde, was ich keineswegs tue, dann würde ich mir denken: stimmt, und für Rundfunkorchester, Fernsehballette, unfassbar riesige und intransparente Verwaltungskosten, für Apparatefernsehen, für den Einfluss des deutschen Bauernverbands, der FDP und des Straubinger Zeitungsverlegers auf den Chefredakteursposten des ZDF und für vieles andere auch, wofür ich über 200 Euro im Jahr eher ungern ausgebe.

Man könnte jetzt also eine umfangreiche Debatte über Sinn und Unsinn des öffentlich-rechtlichen Rundfunks führen, wenn man das denn wollte. Man könnte es allerdings auch so sehen: Die Öffentlich-Rechtlichen stehen exemplarisch für das, was in den „alten“ Medienlandschaft passiert. Oder besser gesagt: nicht passiert. Man könnte es auch so formulieren: Wir „alten“ Medienmacher kommen immer erst da an, wo wir den Konsumentennachwuchs vermuten, wenn der schon lange wieder ganz woanders ist. Das Beispiel Facebook ist da nur eines von vielen.  Während sich bei uns Facebook gerade mal als Standard für Social-Media-Anwendungen zu etablieren beginnt, zieht die Karawane junger Mediennutzer schon lange weiter. Möglicherweise werden wir in dem Moment, in dem dann auch mal der mediale Mainstream Facebook als Selbstverständlichkeit ansieht, schon lange nicht mehr über Facebook reden, weil es dann so hip ist wie StudiVZ.

Es geht also schon lange nicht mehr um das, was wir lange Zeit glaubten: dass wir einfach ebenfalls ins Netz übersiedeln müssten, der Rest ergebe sich dann schon. Dass man einfach nur das, was man vorher in der heilen analogen Welt gemacht hat in diesem Internet fortführen müsse und dann ist wieder alles wie vorher. Tatsächlich aber hat die digitale Generation nicht einfach nur den Kanal gewechselt — sondern auch gleich noch einen beträchtlichen Teil der bisher bekannten Nutzungsweisen mal eben über Bord geworfen.

Das ist noch nicht überall angekommen, noch lange nicht. Mein Lieblingsbeispiel (deshalb auch das Intro mit den öffentlich-rechtlichen Sendern): der geplante Jugendkanal von ARD und ZDF, der vermutlich eh schon wieder tot ist, weil den Ministerpräsidenten der Länder berechtigte Zweifel gekommen sind, ob das in dieser Form eine geeignete Art ist, dem Totalverlust an jungen Zuschauern entgegen zu wirken. Zur Erinnerung: Die Zuschauer des öffentlich-rechtlichen Fernsehens  sind im Durchschnitt nochmal ein Jahrzehnt älter als ich, was schon schwer vorstellbar ist. Sie sind irgendwo in den Sechzigern angesiedelt und selbst das Satiremagazin „Quer“ im Bayerischen Fernsehen schafft es als das „jüngste“ Format des BR gerade mal auf einen Altersdurchschnitt von 58. Das ist, bei allem Respekt vor uns Älteren, keine sehr verlockende Perspektive. Und eine tragfähige für die Zukunft ohnehin nicht.

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Das Interessante an der aktuellen Situation ist also: Da verändert sich gerade mal eben die ganze Medienwelt überaus dramatisch – und wir reden immer noch darüber, dass man die analogen Medien dann halt einfach mal ins Netz holt und ein bisschen Social Media drumrum drapiert und dann ist alles wieder gut. Man müsste also (wenn er denn jemals kommt) befürchten, dass ein Jugendkanal von ARD und ZDF so aussieht, wie jüngere Menschen aus der Sicht älterer Menschen gerne fernsehen würden. Man hat vor Augen, wie irgendjemand Meldungen aus diesem Twitter vorliest und wie man eine eigene Facebook-Seite entwickelt und womöglich ab und an auch noch Leute ins Studio eingeladen werden. Oder womöglich sogar per Google Hangout dazu geschaltet werden. Aber alles in allem wäre es eben immer noch Fernsehen, so wie wir es kennen.

Aber es ist ja nicht so, dass nur die öffentlich-rechtlichen nicht so recht wissen, wie sie diesem Internet begegnen sollen. Generell lässt sich feststellen: Auch im 20. Jahr dieses Internets gibt es immer noch einen gravierenden Denkfehler: zu glauben,  es reiche aus, dass man analoge Medien einfach auf digitalen Plattformen ausspielt. Nichts anderes aber passiert momentan an vielen Stellen:  TV-Sender (da sind sich private und öffentlich-rechtliche erstaunlich ähnlich) stellen ihre gesendeten Inhalte auch in Mediatheken zur Verfügung und ab und an gibt es auch mal ein paar Outtakes oder anderes Bonusmaterial dazu. Zeitungen und Zeitschriften packen ihre gedruckten Produkte in mehr oder weniger solide gemachte Apps und bauen mehr oder weniger solide Webseiten. Gemeinsam diskutieren sie dann darüber, wer im Netz der Zukunft „Presse“ und wer „Rundfunk“ sein darf, ganz so, als hätten sie es in der Hand, das Netz nach Claims aufzuteilen. Die etwas fortschrittlicheren haben Social-Media-Strategien, andere dann wieder eher nicht. Dass aber mittlerweile ein junges Publikum diesen Plattformen schon wieder gar nicht mehr viel abgewinnen kann, ist noch nicht angekommen.

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Vielleicht muss man deshalb mal mit ein paar Zahlen hantieren: Bei den auf iOS installierten Apps hat mittlerweile „WhatsApp“ „Facebook“ als Nummer eins abgelöst, der Rückzug vom ganz großen Publikum hin zu offenbar kleineren Gruppen und damit auch zu weiter fragmentierten Märkten ist unübersehbar. Bei der Nutzung von Bewegtbild spielt das Webvideo bei diesem Publikum eine ungleich größere Rolle als das lineare Programm, der gebaute TV-Beitrag ist für diese Zielgruppe bestenfalls noch ein Relikt aus vergangenen Tagen. Natürlich verweisen TV-Sender in einem solchen Zusammenhang gerne auf ihre Reichweite und Nutzungsdauern, die in der Tat zumindest in Deutschland noch so sind, dass man nicht gerade von einer schweren Krise sprechen müsste. Aber bereits in den USA sieht das mittlerweile schon ganz anders aus – man könnte es durchaus als drohendes Unheil bezeichnen, was der „Business Insider“ beschreibt. Zusammengefasst: In den USA verabschiedet man sich inzwischen eindeutig vom klassischen, linearen TV.

Über die Auflagenentwicklung der Tageszeitungen in Deutschland muss man in diesem Zusammenhang nicht mehr sehr viel sagen. Wohin die Reise geht, ist offensichtlich. Man kann bestenfalls darüber diskutieren, wie schnell und linear es mit dem Auflagenrückgang weiter gehen wird. Dass es schon lange da ist und nicht mehr aufzuhalten sein wird, bestreiten mittlerweile nicht mal mehr die, die jeden, der so etwas vor ein paar Jahren prophezeite, wahlweise als Schwarzseher, Printhasser oder schlichtweg Luftnummer bezeichneten.

Umgekehrt: Die Bedeutung des Netzes als Informationsquelle Nummer 1, als das neue Supermedium schlechthin, geht ungebremst weiter. Inzwischen stimmen beinahe zwei Drittel der 14-29jährigen der Aussage zu, dass das Netz für sie das wichtigste Informationsmedium sei. Und selbst bei den bis 39jährigen sagt das beinahe die Hälfte der Befragten von sich.

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Kurzum: Die allermeisten Debatten, die heute noch in Sendern und Verlagen geführt werden, gehen an der eigentlichen Problematik vorbei. Weil sie das wahre Ausmaß dessen, was gerade am Markt passiert, immer noch unterschätzen. Weil sie mit einem ein bisschen aufgepeppten Jugendsender und ein paar Webseiten und krampfhaft bemühten Facebook-Auftritten etwas kompensieren wollen, was gar nicht mehr zu kompensieren: den Abriss zu einer ganzen Generation.  Auch die Tatsache, dass ein Wechsel des Trägermediums nicht zwingend auch den Abkehr von einer Medienmarke bedeuten muss, greift in diesem Fall nicht.  Weil Medienmarken wie die ARD, das ZDF oder diverse Zeitungstitel diese Generationen gar nicht mehr erreichen. Weil sie für diese Generation häufig gar nicht mehr relevant sind, weil sie sich irgendwo da aufhalten, wo der Medienkonsumenten-Nachwuchs noch nie war. Oder sich zumindest nie heimisch gefühlt hat.

Bisher also war das in den Köpfen der meisten Strategen so: Man hat sein Muttermedium, das man mit etwas Internet drapiert. Immer in der Hoffnung, dass das Publikum aus dem Netz wieder zurück kommt zur guten alten Mutter TV/Zeitung. Das ist die grundlegend falsche Denkweise. Ein Medium funktioniert heute nur noch, wenn es als stringentes Ganzes wahrgenommen wird, das auf allen Kanälen gleichermaßen glaubhaft, kompetent, unterhaltsam daher kommt. Jugendsender und Facebook-Auftritte sind so, wie sie momentan von den meisten gehandhabt werden, Innovations-Attrappen.

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Und eines noch zum Schluss: Wenn man sich ein bisschen umhört in den Verlagen und den Sendern im Jahr 2013, dann bekommt man unter der Hand gerne mal gesagt, den Wandel sei dann doch sehr viel schneller gegangen als erwartet. Kleiner Tipp für 2014: Das Karussell wird sich noch schneller drehen. Und wenn ihr so weiter macht, bleiben ganz sicher nicht alle oben.

#ddj und der journalistische Alltag

Datenjournalismus bei den Ruhr-Nachrichten from Christian Jakubetz on Vimeo.

Lokalredaktionen und Datenjournalismus – das ist im Regelfall nicht unbedingt etwas, was man auf den ersten (und auch nicht auf den zweiten) Blick zusammen bringt. Dass das trotzdem geht, belegen seit geraumer Zeit beispielsweise die Ruhr-Nachrichten. Mit deren Lokalchef Phillip Ostrop habe ich mich darüber unterhalten, wie das in der Praxis funktioniert, was gut lief und welche Probleme es dabei gibt. Mehr dazu drüben beim „Universalcode“.

Jung, schwul, Sozi? Den machen wir rund!

Die Presse achtet das Privatleben des Menschen und seine informationelle Selbstbestimmung. Ist aber sein Verhalten von öffentlichem Interesse, so kann es in der Presse erörtert werden. Bei einer identifizierenden Berichterstattung muss das Informationsinteresse der Öffentlichkeit die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegen; bloße Sensationsinteressen rechtfertigen keine identifizierende Berichterstattung.  (Pressekodex, Ziffer 8).

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Michael Adam ist Landrat. In einem kleinen Landkreis im Bayerischen Wald, genauer gesagt in Regen. Zugegeben, Adam ist keiner der Landräte, wie sie im Buche stehen: Er ist mit 28 Jahren der jüngste Landrat in Deutschland und er ist, was in Niederbayern durchaus ungewöhnlich ist, Sozialdemokrat.

Und er ist bekennend homosexuell.

Über Michael Adam weiß man seit dieser Woche auch noch anderes: dass er nämlich in seinem Dienstzimmer Sex mit einem Mann hatte, der nicht sein (eingetragener) Lebenspartner war. Was das die Öffentlichkeit angeht? Offenbar sehr viel, befand man bei dem kostenlosen Blättchen „Am Sonntag“, das zum kleinen Imperium der „Passauer Neuen Presse“ gehört. In der jüngsten Ausgabe der Blatts wurde detailliert geschildert, wie und warum und wo es zum „Sex im Dienstzimmer“ kam.  Die große Schwester PNP nahm den Ball mehr oder weniger dankbar auf, berief sich auf die Berichterstattung des Sonntagsblättchens und berichtete ebenfalls über die „Sex-Affäre“. Nicht weniger erstaunlich: Die Geschichte vom niederbayerischen Landrat, der sein Dienstzimmer zweckentfremdete, schaffte es als Aufmacher (!) auf die Titelseite der „Bild am Sonntag“.

Michael Adam hat die Vorwürfe inzwischen weitgehend bestätigt (den kolportierten Poppers-Konsum bestreitet er allerdings). Dass er hinter den Veröffentlichungen eine gezielte Kampagne vermutet, kann man ihm kaum verdenken. Angenommen, irgendein anderer Landrat in Deutschlands Provinz hätte irgendwo in seinem Dienstzimmer Sex mit einer anderen Frau gehabt: Kann man sich ernsthaft vorstellen, dass das zu einer Titelgeschichte geworden wäre? Vermutlich hätten dann Deutschlands Redaktionen ziemlich viel zu tun, ganz davon abgesehen, dass der Pressekodex eine solche Geschichte gar nicht zulässt. Wo das „Informationsinteresse der Öffentlichkeit“ bei einer sexuellen Eskapade eines Lokalpolitikers liegen soll, das würde man wirklich gerne mal erklärt bekommen. Es sei denn, man verwechselt Sensationsgier und Klatschlust mit „Information“. Tatsächlich gilt: Niemand ist zu Schaden gekommen, Landrat Adam hat sich insoweit korrekt verhalten, als dass er seine Dienstpflichten nicht verletzt hat. Der Seitensprung im Dienstzimmer geht also exakt drei Menschen etwas an: den Landrat, seinen Lebenspartner und den jungen Mann, der sich mit Adam im Dienstzimmer verlustierte. Sonst niemanden.

Und obwohl das so ist, hat diese Veröffentlichung zumindest eines geschafft: Adam zu diskreditieren, Dinge aus seinem Privatleben bekannt zu machen, die schlichtweg nicht an die Öffentlichkeit gehören.

Bei der PNP verfährt man indes gerne nach journalistischer Gutsherrenart: Freunde sind Freunde, Feinde sind Feinde. Für immer und ewig. Ein schwuler, junger, sozialdemokratischer Landrat gehört offenbar zu den Dingen, die sich mit dem Weltbild der Zeitung nicht sehr gut vertragen.

PNP-Chefredakteur Ernst Fuchs übrigens erklärt in einem Kommentar, warum sich der Landrat diese „Enthüllung“ selbst zuzuschreiben hat:

Ein Landrat, dem – politisch oder moralisch berechtigt oder nicht – zu viel Häme entgegenschlägt, kann einpacken. Im Fall Adam kommt hinzu, dass einer, der gern so scharf das Wort gegen andere führt, um so weniger mit Barmherzigkeit rechnen kann (…)

Dann wünschen wir Fuchs und der PNP, dass niemand irgendwann auf die Idee kommt, er und sein Blatt würden „scharf das Wort gegen andere führen“. Ob man das in Passau auch als Begründung für fehlende Barmherzigkeit werten würde? Und ist das ernsthaft schon „Barmherzigkeit“, wenn man als Zeitung auf schmutzige Enthüllungen verzichtet? Das sagt viel über das journalistische Selbstverständnis des Blattes aus. An Zynismus jedenfalls ist das nicht mehr zu überbieten.

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Dabei hätte es durchaus anderes zu berichten gegeben aus Passau in diesen Tagen: Der freie Journalist Hubert Denk ist offensichtlich in das Visier von Fahndern geraten, die ein über 700 Seiten starkes Dossier über ihn angelegt haben. Denk hatte über eine umstrittene Parteispende berichtet, was sehr offensichtlich nicht jedem recht war. Über den Fall Denk berichteten unlängst u.a. die „Süddeutsche Zeitung“ und der Bayerische Rundfunk. In der „Passauer Neue Presse“ war davon exakt nichts zu lesen. Denk gehört allerdings auch nicht zum Freundeskreis des Monopolblatts: Früher selbst bei der Verlegerfamilie Diekmann arbeitend, überwarf er sich mit dem Monopolisten und gibt seither sein eigenes Stadtmagazin heraus.

Der Fall Adam jedenfalls zeigt, wie unsinnig das Gerede von medialer Vielfalt in Deutschland ist, zumindest in den weniger urbanen Regionen. Adam und Denk stehen ziemlich ohnmächtig vor der Macht der PNP da: Selbst wenn es zu einer Beschwerde beim Presserat und einer anschließenden Missbilligung käme – der „Schaden“ für das Blatt wäre nicht im Geringsten mit dem vergleichbar, was Michael Adam schon jetzt hinnehmen muss.

Was die anderen schreiben

Die HuffPo, das journalistische Soufflee

Jetzt muss ich, entgegen meines eisernen Vorsatzes, doch noch mal zwei Sätze zur „Huffington Post“ loswerden: Inzwischen sind die ersten Jubelmeldungen aus dem Hause Burda rausgegangen (was nicht anders zu erwarten war). Demnach bringt es die HuffPo auf hochgerechnet rund 6 Millionen Visits, was für ein neues Angebot ein ziemlich gutes Ergebnis wäre.

Wenn man sich die Zahlen dann aber genauer ansieht, dann kommt man schnell zu der Erkenntnis, dass die Zahlen in etwa so sind wie das Angebot: etwas aufgeblasen und bei genauerem Hinsehen eher ernüchternd. Besucher über Suchmaschinen-Traffic: gut 4 Prozent. Aus sozialen Netzwerken: rund 6 Prozent. Direktes Ansteuern der Webseite über den Browser: rund 15 Prozent.

Und jetzt kommt´s: Fast zwei Drittel des Verkehrs der HuffPo generieren sich die beiden glücklichen Eltern selber – rund 66 Prozent des Traffics kommen nämlich von „Focus Online“ oder „AOL“. Das kann man natürlich machen, zeigt aber auch, wie schwachbrüstig das Angebot außerhalb des eigenen Mikrokosmos ist. Und wenn man dann noch angesichts des enormen Anfangs-Ballyhoos die Zahlen auf rund 2 Millionen Besucher runterrechnet, die nicht von Focus oder AOL kommen, dann ist man auf dem Level einer kleinen Regionalzeitung.

Oder anders, böser gesagt: Es besteht noch Hoffnung, dass man nur mit heißer Luft dann doch nicht zwingend erfolgreich ist.

Lebt eigentlich die HuffPo noch – und wenn ja, warum?

Das Beste, was einem Projekt passieren kann, ist Aufmerksamkeit. Im umgekehrten Fall bedeutet das: Wenn keiner mehr darüber redet, dann ist das der GAU. Im Fall der Huffington Post Deutschland nähert sich dieser GAU allmählich, weil kaum mehr einer darüber redet, außer dieses kleine Blog und ein paar andere noch.

Tatsächlich liefert die HuffPo nur noch sehr, sehr wenig Anlass, sich über sie ernsthaft zu unterhalten. Die Substanzlosigkeit, das Fehlen jeglichen Esprits und einer Haltung, die etwas anderes ist als ein bemühtes „Wir sind neu und anders“, das alles, was man zu Beginn bemängeln konnte, hat sich nicht wirklich geändert. Weswegen sich ein alter Verdacht neu aufdrängt: Irgendwie wollten sie bei Burda mit wenig finanziellem Aufwand eine Menge Geld verdienen, dafür spricht u.a. der hehre Anspruch, in den kommenden Jahren zu den Top 5 der deutschen Webseiten zu gehören. Das schafft man normalerweise nicht mit einer 15-Mann-Redaktion und auch nicht mit einem ziemlich dahingeschlamperten Nicht-Konzept.

Bis heute hat es die HuffPo nicht geschafft, einen ihrer grundlegenden Irrtümer zu korrigieren: Nur, weil die Pressesprecher von halbwegs bekannten Menschen mediokre Allerweltstexte zur Verfügung stellen und man das dann halbwegs marktschreierisch als „Blogger“ firmieren lässt, entsteht noch keine Relevanz. Dass es sich bei diesen vermeintlichen „Bloggern“ sehr häufig um eine PR-geleitete Mogelpackung handelt, bemerkt man selbst dann sehr schnell, wenn man sich nicht beruflich mit Medien und Journalismus auseinander setzt. Dass sich von den Größen der deutschen Bloggosphäre kaum jemand fand, der für die HuffPo schreibt, sagt einiges über das Projekt aus. Dass sich die Klagen derjenigen, die sich breitschlagen ließen, allmählich häufen, übrigens auch.

In den USA gründete sich ein beträchtlicher Teil des HuffPo-Erfolgs darauf, dass sie sich als linksliberale Gegenstimme zum erzkonservativen Fox-Imperium etablierte. In Deutschland will die HuffPo zwar auch irgendwie anders sein, ist aber bisher nur laut und seelenlos. Und will wirklich irgendjemand Cherno Jobatey abnehmen, dass er sich plötzlich zum Gesicht einer digitalen Mediengesellschaft fernab der großen Konzerne aufschwingt? Und selbst wenn er es täte – nähme irgendjemand Burda bzw. Tomorrow Focus ab, dass man das dort wirklich wollte?

So bleibt die HuffPo der merkwürdige Versuch eines medialen Establishments, sich einen irgendwie innovativen und revolutionären Anstrich zu geben. Herausgekommen ist ein Angebot, das niemand so wirklich braucht – und über das deshalb niemand so richtig mehr redet.

Einen heißen Kandidaten für die Rubrik „Flop des Jahres“ im Jahr 2013 gibt es damit jetzt jedenfalls. Ist ja auch schon mal was wert.

Der Blick in den“Spiegel“

Ab und an soll man ja auch mal was Positives sagen. Um allerdings das Positive, dass ich gleich loswerden möchte, sagen zu können, muss ich erstmal was Negatives vorausschicken: Ich fand den „Spiegel“ in der dann doch eher kurzen Mascolo-Ägide gruselig. Voraussehbar, bräsig, langweilig, stereotyp, manchmal hart am Rand der Lächerlichkeit („Hitlers Uhr“). Manchmal wusste ich auch nicht, ob sich nicht Helmut Markwort als Georg Mascolo getarnt hatte und lauter abgelehnte „Focus“-Geschichten zu „Spiegel“-Titeln umwandelte. Die Häufung von Geschichten jedenfalls, die irgendwas mit Volkskrankheiten zu tun hatten, verleidete mir die „Spiegel“-Lektüre einigermaßen nachhaltig.

Dass Wolfgang Büchner Chefredakteur wurde, hielt ich für eine ausgesprochen gute Idee, auch wenn ich nach der Causa Nikolaus Blome zunächst dachte: Ok, du kannst weiter darauf verzichten, den „Spiegel“ zu lesen. Dann kamen die ersten neuen Hefte – und das erkennbare Bemühen, den „Spiegel“ wieder zu dem zu machen, was er früher mal war. Im Heft dieser Woche ist das ziemlich gut gelungen: mit dem NSA-Thema ein relevantes Titelthema, eine klare Haltung, gut recherchierte Geschichten.

Natürlich, es gibt immer noch die spiegeligen Marotten, die in keinem Heft fehlen dürfen. Sätze wie „Jetzt rächt sich, dass…schon gibt es erste Kritik aus den eigenen Reihen“ gehören offensichtlich zur „Spiegel“-DNA. Und natürlich gibt es immer noch die merkwürdigen Bildtexte, die manchmal mit Brachialgewalt erzeugten szenischen Einstiege und alles andere, was man als wenigstens merkwürdig abtun kann. Aber in Zeiten, in denen einen ansonsten die „Huffington Post“ anquäkt und Lautstärke mit Substanz verwechselt, findet man das fast schon wieder heimelig.