Schiffeversenken zwischen Theorie und Wirklichkeit
Mittlerweile ist man ja wenigstens so weit, dass es kein Zeitungshaus und keinen Verlag mehr gibt, der ernsthaft noch die Notwendigkeit eines mehr oder weniger schnellen Wechsels in die digitale Welt bestreitet. Erstaunlich ist eines aber dann doch: Fast nirgendwo ist die Diskrepanz zwischen theoretischem Schein und praktischem Sein so groß wie in den deutschen Verlagen.
“Burn the boats” empfiehlt beispielsweise Marc Andreessen den Verlagen: Trennt euch von euren althergebrachten Geschäftsmodellen. Seht endlich nicht nur ein, dass die Tage des bedruckten Papiers zu Ende gehen, sondern handelt auch danach. Und handelt schnell, weil ihr sonst untergeht. “In particular, he was talking about print media such as newspapers and magazines, and his longstanding recommendation that they should shut down their print editions and embrace the Web wholeheartedly”, heißt es bei “Techcrunch” — und genau davon kann bei uns leider immer noch keine Rede sein. Weder mit vollem noch mit halbem Herzen: Für die meisten ist die Digitalisierung immer noch ein Albtraum, von dem sie möglichst schnell aufzuwachen hoffen.
Eine sehr exemplarisches Verhalten habe ich unlängst beobachtet: ein Verlag, der von sich selbst behauptete (O-Ton) “ziemlich weit” auf dem Weg in die digitale Zukunft zu sein. Theoretisch klang das, was man mir erzählte, dann auch gar nicht mal so abwegig. Dann aber kam der Praxischeck: ein vernünftiges, crossmediataugliches CMS? Fehlanzeige. Eine stringente mehrkanalige Strategie? Nicht die Spur. Onlinetaugliche, onlinegebriefte, onlineaffine Redakteure? So etwas Bizarres wie eine App? Man denke drüber nach, ja (spannende Idee, nachdem es die Dinger ja inzwischen gerade mal erst ein gutes Jahr als Massenprodukt gibt). Eine Strategie für freie und womöglich bezahlte Inhalte? Nichts, rien, nada. Die Idee, man sei “ziemlich weit” in Sachen digitale Zukunft, muss sich also demnach aus der Tatsache gespeist haben, dass man eine Webseite und schon mal entfernt davon gehört hat, was “social media” ist (was “Twitter” ist, wussten dann aber von 20 doch nur 2).
Es ist diese fabelhafte Ignoranz, die immer wieder erstaunt. Es ist ja nicht nur dieser eine erwähnte Verlag, bei dem die Eigenwahrnehmung und die Realität in Sachen Onlinemedien meilenweit auseinanderklaffen. Die meisten Webseiten deutscher Verlage sind immer noch in einem Zustand, der ihren Besuch eher wenig verlockend macht. Man legt sich eine Fan-Seite bei Facebook zu und meint dann, man sei im Zeitalter neuartiger Kommunikation angekommen. Einen Grund, warum man von irgendetwas Fan sein sollte, liefern sie leider nicht mit. Die Online-Abteilungen sind sehr häufig Feigenblätter, ein absurdes Missverhältnis in der personellen Besetzung zwischen Print und Online immer noch eher die Regel denn die Ausnahme. Ich weiß aus dem Stand fünf Tageszeitungen, bei denen 100 Leute in der Printredaktion arbeiten — und drei online. Und immer noch gibt diese weit verbreitete und merkwürdige Grundhaltung, das “Kerngeschäft” seien die gedruckten Werke, weil man das ja zum einen richtig gut könne und zum anderen in diesem elenden Web kein wirkliches Geld zu verdienen sei (“Wir verschenken nichts”, hat mir jetzt jemand mal im Brustton der Überzeugung und der ehrlichen Entrüstung gesagt).
Sie versenken ihre Boote nicht, weil sie nicht wollen. Die meisten versenken sie nicht, weil sie es immer noch nicht verstanden haben.
Wollen wir 2015 nochmal schauen, was von ihnen übrig geblieben ist?
1000 Mikes, selbstgemacht
Zugegeben, ich bin kein großer Radio-Hörer mehr. Seit ich töchterbedingt wieder viel Antenne Bayern hören muss, habe ich den Eindruck, ich sei versehentlich in einem Remake von “Und täglich grüßt das Murmeltier” gelandet. Ich kann inzwischen verlässlich sagen, was “Johnny B” und “Black Betty” und “Paparazzi” kommen, was mich immer amüsiert, weil ich mir dann immer vorstelle, wie ein Sparkassen-Angestellter aus Germering seinen Golf Diesel aus der Doppelgarage fährt und sich bei “Black Betty” entsinnt, dass er da vor 30 Jahren immer wüst zu gerockt udn seine ersten Vollräusche absolviert hat. Ich glaube, mehr Titel hat der Sender momentan nicht auf der Festplatte. Das ist übigens mit den Moderatoren-Imitatoren dort ähnlich, man ahnt eigentlich fortlaufend, was als nächstes an leicht klebrigen oder manchmal auch nur öden Moderationen kommt. Wenn die Töchter das Auto verlassen haben, schalte ich übrigens immer sofort um.
Heute dagegen — ein schöner Tipp eines alten Kollegen, ein Radio 2.0, nur im Netz, sehr interakiv, ein wenig abseitig, gerade deswegen sehr charmant: 1000Mikes, eine Plattform für mehr oder (meistens) weniger professionelle Radiomacher. Man kann sich dort Gedichte über Schottland anhören (eines der meistgehörten: hier) oder Eishockey-Live-Berichterstattung von den Straubing Tigers.
Radio von allen, für alle — und ich überleg mir jetzt glatt, ob ich da nicht mal einen eigenen Niederbayern-Kanal aufmache. Irgendjemand dabei? Bitte in den Kommentaren oder per Mail melden.
Zeitung im Selbstzerstörmodus
Gerade eben wollte ich ernsthaft eines meiner niederbayerischen Lokalblätter als E-Paper kaufen. Draußen schneit es wie doof, meine Lust, in den nächsten Laden zu fahren, ist bei Null — und außerdem könnte mich die Geschichte, um die es geht, wirklich interessieren, ich würde sie gerne irgendwo archivieren. Und dafür ist das e-Paper-Format ja ohnehin besser geeignet als ein Stück Papier, das irgendwann vergilbt und ziemlich unübersichtlich in Stapelform in Baumarktregalen im Kellerarchiv landet.
Zwei Klicks also, um ans Ziel zu kommen, Abrechnung via Click&Buy — das schien mir ein akzeptabler Weg, ums an Ziel zu kommen (eingedenk der manchmal etwas arg merkwürdigen Bezahlvorgänge bei anderen Anbietern). Und beinahe, aber eben nur: beinahe hätte ich auch auf den Kaufen-Button geklickt, wäre mir nicht noch was nur so mittelgroß gedrucktes aufgefallen:
Ach, ich darf mir die Zeitung quasi nur ausleihen? Danach geht sie dann in Selbstzerstörmodus?
Und irgendwie werde ich das Gefühl ja nicht los, dass der Verlag den Satz, den er da auf der selben Webseite bringt, ziemlich ernst meint:
Liebes Google…
…natürlich werden auf dieser kleinen Seite auch mal, hm, Dinge behandelt, die das Herz nicht immer erfreuen.
Aber musstet ihr mir deswegen gleich diese Anzeige hier auf die Seite stellen?
Die Zukunft von Journalismus heißt – Journalismus
Und wo bleibt jetzt die Perspektive?
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Gestern abend kam noch eine Mail zu diesem Beitrag hier, in dem es sinngemäß hieß: Das stimme ja schon alles, was ich geschrieben hätte, aber irgendwo fehle ihm ein wenig die Zukunftsperspektive — sowohl in diesem Beitrag, als auch generell in diesem wie auch in anderen (Medien-)Blogs.
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Ich mag das ziemlich, was dieser Mensch in seinem Hauptberuf so schreibt. Deswegen hätte ich ihm das Folgende antworten können: Natürlich gibt es eine Perspektive, ich sehe sie ja jeden Tag. Ab und an kaufe ich mir eigens das Blatt, für das der Mailschreiber arbeitet, weil ich gerne seine Kommentare lese und mich meistens ziemlich gut aufgehoben fühle bei ihnen. Ich habe seine Tweets abonniert, weil ich sie gerne lese und weil ich kaum ein Blatt kenne, dass so klug und witzig mit seinen Lesern via Twitter interagiert. Und weil das so ist, schaue ich mir auch die Onlineausgabe des Blattes ganz gerne an, obwohl die früher absolut ungenießbar (um nicht zu sagen: ein sehr schlechter Witz) war. Und ja, ich gebe dafür, was dieses Blatt so alles produziert, auch Geld aus. Momentan nur für die Zeitung, ich wäre aber bei einem intelligenten und kundenfreundlichen Modell auch bereit, für anderes zu zahlen.
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Reden wir also erst einmal über das Journalistische, ehe wir zum leidlichen Thema Geld, Geschäftsmodelle, Abrechnungsweisen kommen. Man wird ja in diesen Tagen den Eindruck nicht los, als würde man darüber generell ein bisschen arg wenig sprechen. Fragt man heute Strategen und, ja, auch das, Journalisten nach dem, wie sie sich die Zukunft vorstellen, hört man sehr oft Dinge wie: iPad, PaidContent, Gratismentralität, Online, Hyperlokales, Graswurzelaktivitäten. Man vernimmt das meistens in einem Kontext zwische Ratlosigkeit und Frustration; jedenfalls bekommt man es selten mit Menschen zu tun, die dem Ganzen auch etwas Positives, Aufregendes, Herausforderndes abgewinnen können. Die paar, die es können und machen, kenne ich (glaube ich) inzwischen alle persönlich. Der Rest empfindet die neue Medienwelt irgendwie als eine Art Belastung oder Quälerei. Wenn man aber dauernd über Geräte, Modelle und Frustration spricht, bleibt das auf der Strecke, was unseren Job seit Menschengedenken ausmacht: Journalismus. Ich kann mich immer noch wie ein Kleinkind über gute Autoren freuen, ich zolle jedem, der ein paar kluge Sätze schreibt oder spricht, meine aufrichtige Bewunderung und gerne auch 3,50 Euro als Honorar. Dabei ist es weitgehend egal, aus welchem Hintergrund jemand kommt. Ob das ein Blogger oder ein Chefredakteur ist, interessiert mich eher am Rande, Hauptsache es ist gut. Das heiß natürlich, dass Journalisten es auf einmal mit einer zumindest quantitativ und in vielen Fällen auch qualitativ größeren Konkurrenz zu tun bekommen. Auf der anderen Seite ist das aber auch eine Chance für sie: Wer etwas zu sagen hat und das richtig gut tut, wird wahrgenommen, bekommt Aufmerksamkeit. Und dieses “richtig gut können” – das sollte zumindest theoretisch eher die Stärke von ausgebildeten Journalisten sein. Theoretisch zumindest.
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Warum stehen hier solche Bagetellen? Weil sie zwar Bagetellen sind, man aber den Eindruck nicht los wird, dass man sie nicht oft genug wiederholen kann. Richtige Autoren, Autoren die etwas können, Autoren, die nicht nur unter dem Label einer Marke schreiben, sondern womöglich selber sogar Marken sind, vermisst man inzwischen fast überall. Redaktionen sind nach meinem Eindruck leider viel zu sehr zu Kostenstellen, zu reinen Produktionsstätten verkommen; besetzt mit ziemlich vielen Menschen, die austauschbar sind. Den Luxus, gute Autoren zu hegen und zu pflegen leistet sich fast niemand mehr, was einer Quadratur des Kreises ziemlich nahekommt: Man könne sie sich nicht leisten, wird gerne argumentiert, weil man schlank und kostengünstig produzieren müsse. Der Kostendruck wiederum nimmt zu, weil man immer mehr an Umsätzen verliert und die Umsätze wiederum — ist es eine gewagte These, wenn man behauptet, dass sie auch deswegen zurückgehen, weil Journalismus immer verwechselbarer und austauschbarer geworden ist? Natürlich finde ich übrigens Internet toll, verzweifle inzwischen aber regelmäßig an Chefredakteuren, die als obersten Anspruch an ihre künftige Leute ausgegeben haben, dass sie auch Internet “können” müssten. Um ehrlich zu sein: Wenn ich heute einen richtig guten Autoren im Team hätte, könnte der meinetwegen seine Sachen auch mit der Schreibmaschine reinhacken oder auf analogem Tonband aufnehmen.
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Ich ertappe mich zunehmend dabei, meine Mediennutzung tatsächlich nach der Qualität der Autoren auszusuchen. Und: Je umfangreicher die Angebote werden, desto selektiver und rigoroser wird die Auswahl betrieben. Von David Gelernter habe ich in dieser Woche den schönen Vergleich gelesen, dass es einfacher sei, einem einzigen schnell sprechenden Menschen zuzuhören, als fünf Menschen gleichzeitig — selbst dann, wenn diese fünf in einem normalen Tempo sprechen. Daraus lässt sich eine Perspektive für Journalisten und für Medien schon ableiten: Wenn man es schafft, dieser eine zu sein, dem man gerne zuhört, dann hat man auch gute Chancen, in diesem digitalen Dschungel nicht unterzugehen.
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Das also könnte tatsächlich eine Geschäftsidee werden: zu akzeptieren, dass wir es in Zukunft noch viel mehr als bisher mit einer Art Aufmerksamkeitsökonomie zu tun haben werden als bisher. Zu akzeptieren, dass sich Finanzierungen künftig (auch) aus Aufmerksamkeit ableiten lassen. Und zu akzeptieren, dass es Aufmerksamkeit nicht für Beliebigkeit gibt. Ich glaube allen Ernstes daran, dass viele der bisherigen Medien-Geschäftsmodelle nicht nur wegen ein paar ökonomischer Unwegsamkeiten gerade vor die Wand fahren. Ich glaube, es ist die Beliebigkeit, die Trägkeit, die Routine in vielen Redaktionen, die gerade eine Menge Menschen auf die Idee bringt, man könne es doch auch mal ganz gut ohne Zeitung/Radio/Fernsehen probieren (und dummerweise merkt man ja auch: es geht ganz gut).
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Kann mir also Google News (man muss ja zum Schluss leider auch auf dieses leidvolle Thema kommen) irgendeinen guten Autoren ersetzen? Sind News-Aggregatoren nicht eigentlich nichts anderes als ein modernes Clipping? Und wäre jemals jemand auf die Idee gekommen, wegen eines Clippings keine Zeitung mehr zu lesen? Ein Leistungsschutzrecht? Ich würde jedem Verleger/Chefredakteur sofort seligsprechen, wenn er seine Zeit darin investieren würde, Journalismus zu fördern — anstatt sie zu verschwenden, indem er eine Technologie (das ist eben nur: eine Technologie) blockieren will.
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Und in erster Linie, man ist ja auch Egoist, wünsche ich mir für diesen Beitrag jetzt nur eins: Aufmerksamkeit.
Wie man Journalismus (vielleicht) finanzieren könnte
Keine Ahnung, ob das so funktionieren wird: Aber zumindest mal überlegen, wie man Journalismus künftig finanzieren möchte, sollte man in jedem Fall. Dass es dabei auch ein paar Wege geben könnte, über die man bisher in Deutschland noch gar nicht so richtig nachdenkt, zeigt Robert Rosenthal in diesem Interview.
Menden und München
Irgendwann ziemlich zu Beginn des Jahres bin ich auf einem Seminar gefragt worden, ob ich es für denkbar hielte, dass wir das amerikanische Zeitungssterben auch in Deutschland sehen würden — und ich habe, ohne lange nachzudenken, geantwortet: Ja, ganz sicher. Danach kam die Nachfrage, ob das schon in diesem Jahr passieren würde. Und ich habe, ebenfalls ohne lange nachzudenken, geantwortet, dass ich mich nicht auf die Zahl 2010 festlegen wolle, mir aber sicher sei, dass spätestens 2011 die ersten Blätter zusperren.
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In Menden ist es jetzt passiert. Die kleine “Mendener Zeitung” wird kurz vor ihrem 150. Geburtstag dicht gemacht. Man mag sich darüber amüsieren und sich fragen, wie man ernsthaft ein kleines Lokalblatt mit einer Auflage knapp überhalb der 6000 als Menetekel für die Zeitungslandschaft heranziehen kann. Genauer besehen ist die “Mendener Zeitung” aber nicht einfach nur ein kleines Lokalblatt, sondern eine der vielen Beteiligungen des Münchner Großverlegers Dirk Ippen. Hinter Ippen steckt genügend Geld und Substanz, ein Blatt auch mal durch eine kleine Krise zu führen. Wenn man sich dort dafür entscheidet, die Zeitung zuzumachen, muss man von der Sinnlosigkeit des bisherigen Tuns schon sehr überzeugt gewesen sein.
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München ist nicht Menden und die SZ ist natürlich nicht die “Mendener Zeitung”. Dennoch kommt nahezu zeitgleich die Nachricht, dass bei der SZ die nächste Entlassungsrunde ansteht. Man verbrämt das inzwischen auch nicht mehr weiter, sondern nennt es so wie es ist: Entlassungen. 14 Stellen sind demnach in der Redaktion hinfällig, die Hälfte davon in der Mantelredaktion. Dabei ist es ja nicht so, dass es der SZ mit ihrer Auflage schlecht ginge.
(Quelle: Meedia.de)
Die Zahl der Abonnenten ist im vergangenen Jahr stabil geblieben, die Rückgänge im Einzelverkauf sind auch nicht schlimmer als anderswo. Die Probleme sind also nicht die, die man vordergründig betrachtet gerne mal für den Niedergang von Zeitungen verantwortlich macht: Es ist keineswegs so (der Verdacht wurde ebenfalls bei eingangs erwähntem Seminar geäußert), dass “die Leute” nicht mehr gerne lesen oder gar im Internetzeitalter nicht mehr in der Lage seien, sich länger als ein paar Minuten auf einen Text zu konzentrieren. Dass die Leserschaft auch bei der SZ (und: nahezu allen anderen) langsam erodiert, ist unbestritten, aber von einer massiven Abkehr der Leser vom Medium Zeitung zu sprechen, stimmt ganz einfach nicht.
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Warum also macht die “Mendener Zeitung” dicht, warum kürzt die personell ohnehin schon gebeutelte SZ nochmal 14 Stellen? Und warum kann man darauf wetten, dass man Nachrichten wie diese in den kommenden Wochen, Monaten, Jahren noch sehr viel öfter hören wird?
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Erster Grund: Das Geschäftsmodell Tageszeitung hat sich überlebt. Es ist ein Anachronismus aus analogen Zeiten. Es ist teuer (sowohl in der Produktion als auch für den Endverbraucher), es ist starr, unflexibel, langsam. Es hat gar nicht mal viel mit der gescholtenen Kostenlos-Mentalität im Netz zu tun, wenn man eine simple Rechnung aufmacht: Leistet man sich zwei Tageszeitungen (sagen wir: die SZ und eine Regionalzeitung), ist man schnell mit rund 900 Euro im Jahr dabei. Liest man womöglich dann noch was anderes (sagen wir: Zeit und Spiegel), sind das aufs Jahr gerechnet mal eben 1300 Euro, die man alleine für Zeitungen auf den Tisch legt. Das ist angesichts der Tatsache, dass man inzwischen im Web auch hochwertigste Inhalte kostenlos oder eben deutlich günstiger bekommt, eine Größenordnung, bei der man auch als bekennender Zeitungsleser schon mal nachdenken darf. Bevor jetzt alle aufschreien: Ich finde natürlich auch, dass sich ordentlicher Journalismus irgendwie finanzieren muss. Ich staune nur manchmal über den Starrsinn in den Verlagen: Gibt es also ernsthaft kein Geschäftsmodell, dass sich ohne die unwahrscheinlich teure Produktion von Zeitungen rechnet? Immerhin kostet eine Druckstraße ja mal eben ein paar Millionen und die Drucker und das Papier und das Zeug auf Lastern durch die Gegend fahren ist auch nicht ganz billig. Schon mal drüber nachgedacht, was man sich mit digitalem Vertrieb und digitaler Produktion so alles sparen könnte? Eben.
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Jeden Tag leide ich ja irgendwie. Jeden Tag landet eine Menge Papier unberührt und schuldig im Altpapier. Das tut mir angesichts der vielen toten Bäume in der Seele weh und außerdem muss der Krempel dann auch noch entsorgt werden. Aber mal im Ernst: Ist es wirklich zeitgemäß, dass ich als Zeitungsleser ungefähr 70 Pozent Zeugs mitgeliefert bekomme, von dem ich weiß, dass es mich eh nicht interessiert? Nein, nicht weil die Inhalteauswahl der Redaktionen so gruselig schlecht wäre. Es gibt nur Themen und Ressorts, die sind mir völlig egal und ich werde sie in tausend Jahren nicht lesen. Curling zum Beispiel; ich lese ja sonst fast alles, was im Sport steht. Aber wenn ein paar Menschen mit einem Besen übers Eis rutschen, ist meine Schmerzgrenze erreicht. Die Autoseiten nehme ich immer zum Fisch einwickeln, weil mir Autos herzlich egal sind. Und bei ein paar anderen Seiten weiß ich ebenfalls jetzt schon, dass ich gar nicht darüber nachzudenken brauche. Ich kann also mein Blatt leider nicht personalisieren, obwohl ich im Zeitalter des Informationsoverkills genau weiß, dass es kaum etwas gibt, was wichtiger wäre, wenn ich nicht in der Flut jämmerlich ersaufen will. Dass man also jeden Tag ein Produkt bekommt, von dem man eh die Hälfte nicht nutzt/nicht nutzen kann, ist möglicherweise ein zweiter Grund, warum man dafür nicht allzu viel Geld ausgeben will.
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Und dann gibt es da auch noch nicht nur den bösen, zahlungsunwilligen und auch sonst so eher störrischen Leser. Viel schlimmer: Es gibt Kunden, die mit ihrer Werbung eine Zeitung erst finanzieren. Ihre Gründe, mit ihrer Werbung und ihrem Geld noch zur Zeitung zu gehen, werden mit jeder verlorenen Zeitung Auflage und demnach mit jedem Tag weniger. Ein produktionsaufwändiges teures Produkt und eine immer kleiner werdende Basis an Finanziers — man kann rechnen, wie lange das noch gut geht.
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Zeitungsbashing? Nein, wirklich: Ich mag Zeitungen und ich finde es schade, wenn es sie eines Tages nicht mehr geben sollte. Leider ist das so ziemlich der einzige Grund für mich, warum ich sie noch lese.
App-Date: Jetzt sieht´s schon besser aus
Keine Ahnung warum, aber ich hab´s nochmal getan: den neuen “Spiegel” auf´s iPhone gezogen. Das Ganze funktioniert jetzt doch deutlich besser als bei der ersten missratenen Ausgabe. Die Bilder sind mitgeliefert und auch die übelsten typographischen und technischen Schnitzer sind weg. Der “Spiegel” hat inzwischen auch die Möglichkeit angeboten, das defekte erste Heft nochmal kostenlos neu zu laden.
Ein paar Vorteile bietet diese neue Variante des Lesens ja schon. Erstens: den Informationsvorsprung. Samstag und Sonntag “Spiegel” lesen können, ist nicht nur schneller, sondern auch angenehmer. Persönlich finde ich diesen Montags-Erscheinungstermin ja echt gruselig, aber das wird sich wohl nie mehr ändern. Zweitens: Archivierungsmöglichkeiten, sowohl auf dem iPhone als auch als E-Paper. Ich habe die Stapel alter und irgendwann vergilbter Zeitungen immer gehasst.
Aber ja, zugegeben, das sind Vorteile, die Journalisten, künftige iPad-Nutzer und andere Harcore-Leser glücklich machen. Für die breite Masse bleibt das alles erst einmal eine Utopie. Und das Heft habe ich mir (idiotisch genug, ich weiß) heute trotzdem gekauft. Schon alleine der Augen wegen.
Die dunklen Wolken am Sky
Man hält das ja kaum für möglich, aber “Sky” ist doch für etwas gut: Als Anschauungsbeispiel dafür, wie unsere althergebrachte Medienwelt langsam untergeht und wie selbst Geschäftsmodelle, die man noch vor einiger Zeit für halbwegs neu und innovativ hielt, nicht mehr sehr viel wert sind, ist das ehemalige “Premiere” kaum zu schlagen.
Das Problem, das “Sky” hat, sind nicht mal nur die unfassbar vielen merkwürdigen Fehler, die man dort im Laufe der letzten 20 Jahre gemacht hat. Das Problem ist, dass “Sky” in einer Zeit entstanden ist, in der es vielleicht gerade noch einen Markt dafür gegeben hätte. Diesen Markt gibt es jetzt nicht mehr: Wem will man allen Ernstes erzählen, es sei für den Kunden auch nur halbwegs lukrativ, ein Abo für Fernsehsender, für Bewegtbild abzuschließen? Die Ware, die “Sky” für einigermaßen viel Geld verkaufen will, gibt es an nahezu jeder Straßenecke. Serien und Filme bekommt jeder durchschnittlich begabte Mensch inzwischen auf Knopfdruck und die paar wenigen, die beispielsweise “Forrest Gump” wirklich noch nicht in ihrer Sammlung haben, erhalten ihn momentan bei iTunes für 3,99. Sky abonnieren? Das wäre allenfalls noch ein Gedanke, wenn man sehr fußballfanatisch ist, selbst dann aber ist das Abo-Modell überholt, weil es den Nutzer in eine Bindung an den Anbieter zwingt, die man in Zeiten überbordender Medienangebote nicht mehr eingehen will. Ein einzelnes Spiel abrufen, einen kompletten Spieltag meinetwegen — also im Prinzip das, was Apple in Sachen Musik schon lange vormacht: Inhaltepakete aufschnüren und sehr viel kleinteiliger anbieten.
So aber ist “Sky” ein Anachronismus aus den 90er Jahren, den auch der vierte Vorstandschef innerhalb weniger Jahre nicht retten wird — allen vollmundigen Ankündigungen zum Trotz.
Die lustige Welt des Fernsehens ohne Fernsehen
Wenn man wirklich ulkige Sachen über die Zukunft des Fernsehens hören will, kommt man inzwischen an Thomas Ebeling nicht mehr vorbei.
Als es vor einigen Monaten um die Zukunft von N24 ging, meinte Ebeling, dass Nachrichten ja irgendwie nicht so wichtig seien, zumindest nicht für die Zuschauer in seiner Sendergruppe. Da war es dann nur konsequent, dass er in dieser Woche ankündigte, den Etat der Nachrichtensendungen der Gruppe mal eben um zwei Drittel zu kürzen, was durchaus möglich ist, wenn man, wie Ebeling fordert, nicht immer diese komischen bewegten und vor allem sauteuren bewegten Bilder zeigt. Manchmal reicht da ja auch ein Foto, so einfach geht das. Was insofern nicht ganz von der Hand zu weisen ist, als dass es bei der Qualität der meisten Nachrichtensendungen aus der Gruppe nicht mehr darauf ankommt, ob das Ganze jetzt mit bewegten oder doch eher stehenden Bildern hinterlegt ist.
Nun könnte man Ebeling eigentlich gar nicht böse sein. Erstens triftt man so viel frappierende Ehrlichkeit in der Branche eher selten an, zum anderen: Der Mann kommt aus der Pharmaindustrie, hat in seinem langen und sicher erfolgreichen Managerleben noch nie ein Medienunternehmen geleitet — und führt ProSiebenSat1 so, wie er vermutlich auch die Wurstfabrik von Uli Hoeneß führen würde, wenn Uli Hoeneß ihn darum bäte. Ebeling ist noch nie mit einem einzigen sinnigen Wort zu Themen wie Programm und Inhalt auffällig geworden. Nicht nur, weil er dazu vermutlich auch nichts Sinniges sagen könnte, sondern weil er dafür nicht geholt worden ist: Sein Job ist es nicht, aus P7S1 etwas fernsehähnliches zu machen, sondern: Rendite. Wenn man die mit einer 24-Stunden-Dauersendung kopulierender Fliegen erzielen könnte, würde Ebeling auch das senden, solange seine Investoren 15 Prozent Umatzrendite auf diesem Sendeplatz bekommen.
Aus seiner medienunbelasteten Sicht ist Ebelings Argumentation auf den ersten Blick sogar verständlich: Man kann immer alles noch einen Tick billiger machen. Das Problem ist, dass Ebeling seine Zuschauer unterschätzt: Selbst Laien bemerken inzwischen an allen Ecken und Enden des Programms der Gruppe, dass es in erster Linie billig sein muss. So etwas ähnliches wie eine programmliche Innovation ist aus dem Haus schon gefühlte Jahrhunderte nicht mehr gekommen (nimmt man mal Raab aus, aber das ist eben: Raab.) Und wann hat eigentlich der letzte wirklich kreative Kopf Unterföhrimg verlassen?
Das alles könnte man schulterzuckend ad acta legen, hätte die Entwicklung einer Sendergruppe, die demnächst Fernsehen ohne bewegte Bilder machen will, nicht auch eine medienpolitische Komponente: Sie zeigt, dass Fernseh- und Medienunternehmen nichts in der Hand von Finanzinvestoren verloren haben. Medien sind eben nicht einfach ein Wirtschaftsgut, sondern ein Kulturgut. Medien dürfen eben nicht nur von Controllern und Investoren und Managern gemacht werden. Sie brauchen — selbst dann, wenn es um Privatfernsehen geht — ein Mindestmaß an Kreativität, an journalistischer Verantwortung und Kompetenz an gesellschaftlicher Verantwortung. Bei allen Benken, die man damals vor allem aus kartellrechtlicher Sicht gegen eine Übernahme des Senders durch den Springer-Verlag haben konnte: eine bessere Lösung als das controllergesteuerte Ruinieren wäre sogar das gewesen.


