Münster ist jetzt in Passau

Es ist gut eineinhalb Jahre her, da passierte in Münster Ungeheuerliches: Ein Verlag war mit seiner Lokalredaktion ziemlich unzufrieden und griff zu Radikallösung. Man engagierte mit Lutz Schumacher einen Exekutor, der wiederum parallel eine neue Lokalredaktion heimlich, still und leise aufbaute – und nach getaner Aufbauarbeit an einem Freitagabend der bisherigen Lokalredaktion mitteilte, sie brauche am Montag nicht mehr zu erscheinen, weil sie gefeuert sei. Das war in Deutschlands Zeitungslandschaft bisher einmalig und man konnte mit gutem Recht annehmen, dass dies auch so bleiben würde. Ganz so verroht sind die Sitten ja nun auch wieder nicht.

Bei unseren Freunden aus Passau, Hauptdarsteller der beliebten Rubrik „Online worst“, ist heute allerdings der Gegenbeweis angetreten worden: Dort setzte man Knall auf Fall ebenfalls beinahe die ganze Passauer Lokalredaktion vor die Tür – das heißt, ganz so formuliert man es nicht, lediglich von einer „Freistellung“ ist die Rede. Das betrifft den Lokalchef, den Rathausreporter und zwei Redakteurinnen. Der Lokal-Vize soll in eine andere Redaktion wechseln und alle anderen (drei Redakteure und ein Fotograf) müssen zumindest um ihre Jobs bangen. Die Entscheidung darüber, wer der neuen Truppe angehören soll, trifft der neue Lokalchef, der bereits kommende Woche seinen Job antreten soll.

Vorab: Ich kann nicht beurteilen, wie gut oder schlecht die Arbeit der Passauer Lokalredaktion war und ist. Dazu kenne ich die Stadt Passau und ihre lokalen Begebenheiten viel zu wenig. Dass man der Truppe allerdings offensichtlich vorwirft, sie sei schuld an sinkenden Auflagezahlen, ist ein Treppenwitz. Davon abgesehen, dass es mit den Auflagezahlen des Blattes in allen Teilen des Verbreitungsgebietes abwärts geht und davon abgesehen, dass die PNP seit Jahren konstant zwischen ein und zwei Prozent ihrer Auflage verliert, macht sie seit vielen Jahren all die Fehler, die auch viele andere Regionalblätter machen – allerdings in einer exzessiven Form: Sie schreibt mit bemerkenswerter Konstanz an den Lesern vorbei. Sie macht ein Blatt von Journalisten für Journalisten. Sie berauscht sich an ihrer eigenen Bedeutung und vergisst darüber völlig ihr Publikum. Sie lädt Helmut Schmidt, Angela Merkel, Michail Gorbatschow und Helmut Kohl zu Veranstaltungen nach Passau ein und dampft gleichzeitig die Lokalteile ein. Sie widmet kulturellen Veranstaltungen, die häufig von der Verlegerin initiiert werden, ausführliche Strecken und ignoriert, was in ihrem engsten Umfeld passiert.

Weil das natürlich auf Dauer nicht gut geht – und schon gleich gar nicht in digitalisierten Zeiten, in denen kein Mensch mehr die Politikseiten der PNP braucht – ist das Blatt in eine fatale Abwärtsspirale geraten. Die man mit einer noch fataleren Gegenreaktion zu beenden sucht: Man spart. An Seiten, an Personal, an Quantität wie an Qualität. Ein akzeptables Onlineangebot oder geschweige denn so etwas wie eine Digitalstrategie existiert nicht. Häufig hat das Blatt während der Woche inzwischen nicht mehr als 28 oder 32 Seiten, man kann sich abzüglich von Politik, Meinung, Wirtschaft, Sport, Kultur, Sonderseiten und anderem Plunder und Anzeigenseiten leicht ausrechnen, wie viel Platz noch für Lokales und Regionales bleibt. Es gibt Tage, an denen stehen über mein charmantes niederbayerisches Heimatörtchen 20 Zeilen im Blatt. Man kann natürlich einwenden, dass mein Heimatörtchen nicht sehr viel mehr hergibt, schon wahr – aber glauben Sie, das würden meine Mitbürger in dem kleinen Heimatörtchen so sehen? Und glauben Sie ernsthaft, für meine lieben Mitbürger gäbe es noch viele andere zwingende Gründe, die PNP zu lesen, außer der Hoffnung, dort etwas über ihren Ort zu finden? Ich habe jedenfalls noch niemanden kennen gelernt, der das Blatt wegen der bemerkenswerten Leitartikel hat.

Möglicherweise erkennt man in der Auswahl der Chefredakteure, wie die Verlegerfamilie die Schwerpunkte ihres Blattes gewichtet. Nachdem man sich 2002 von Chefredakteur Rudolf Kollböck getrennt hatte, holte man einen gewissen Michael Backhaus. Backhaus war u.a. bei der B.Z. in Berlin und beim Stern und interessierte sich für Niederbayern ungefähr gar nicht. Das merkte man dem Blatt auch an:  Niederbayerisches Lebensgefühl kam fortan nur noch in Spurenelementen vor. Stattdessen gefiel sich der Chefredakteur in Interviews mit dem halben Bundeskabinett und mit Edmund Stoiber – und ich vermute, dass er auch am Ende seiner Amtszeit 2005 sich geographisch in seinem Verbreitungsgebiet nicht auskannte. Danach wechselte Backhaus zu Bild und Bild am Sonntag und dass die Verleger diese merkwürdige Form des Regionalzeitungsjournalismus durchaus goutierten, zeigte sich in der Wahl seines Nachfolgers: Hans Schregelmann, der 2006 zur PNP kam, hat zwar irgendwie bayerische Wurzeln, war aber schon seit Dekaden in Berlin und arbeitete dort zum Schluss als stellvertretender Leiter der Parlamentsredaktion von N24. Das Medium wechselte, inhaltlich brauchte sich Schregelmann nicht umzustellen: Nach wie vor befasste er sich in erster Linie mit Frau Merkel und dem Berliner Mikrokosmos. Einmal in der Woche griff er in die Tasten und verfasste Leitartikel, bei deren Lektüre es eine eiserne Willensanstregung bedeutete, sie bis zum Ende durchzuhalten. Den Verlegern war und ist dies ziemlich egal; schließlich wird man ab und an mit einer Erwähnung in den Frühnachrichten des BR belohnt. Wen interessieren dann schon die Karnickelzuchtvereine draußen auf dem Land?

Nachdem auch bei Schregelmann nicht zu vermuten steht, dass er sich mit den Vorgängen in den (inzwischen in eigenständige Mini-Gmbhs ausgelagerten) Lokalredaktionen auskennt, hat man jetzt zu einer besonders lustigen Variante gegriffen: Man holte einfach Schregelmanns Vor-Vorgänger Kollböck mit einem Beratervertrag zurück ins Boot. Kollböck ist übrigens hauptberuflich Chefredakteur der „Astrowoche“, einem Blättchen, das in den Sternen liest und Stieren und Jungfrauen gerne Tipps zur Gestaltung des Tages gibt. Außerdem ist er Geschäftsführer seiner Firma Mondhaus Medien, die nach eigener Darstellung 2008 vor allem folgendes Projekt launchte und verfolgte:

Wir bringen seit dem 16. April 2008 das Heft ENGELmagazin neu auf den Markt. ENGELmagazin berichtet mit spannenden Wissens- und Unterhaltungsbeiträgen und möchte der Leserin und dem Leser das aktuelle Lebenshilfe-Thema „Engel“ näher bringen. Entwickelt und herausgegeben wird ENGELmagazin von uns, den „Machern“ der ASTROWOCHE und in Zusammenarbeit mit vielen bekannten Buchautoren der Szene. In der Startausgabe erfahren die Leserinnen und Leser unter anderem:
• Tägliche, persönliche Engelbotschaften vom 1. Mai bis 30. Juni, eine Anleitung für ein besseres, glücklicheres und sinnvolleres Leben
• Bestseller-Autorin Doreen Virtue verrät exklusiv ihre Engel-Secrets, das Geheimnis für mehr Erfolg, Selbstbewusstsein und Lebenserfüllung und auf einfache Art glücklich zu sein.
• Exklusive Leseprobe aus Doreen Virtues neuen Roman „Der Tempel der Engel“
• TV- und Buchautor Wulfing von Rohr sagt, wie man von Engel im Alltag beschützt wird
• Bestseller-Autorin Sabrina Fox über den richtigen Umgang mit Engel
• Wie ein Engel Sarah Connor und ein kleines Mädchen zusammenführte
Das ENGELmagazin erscheint zweimonatlich und ist an folgenden Tagen am Kiosk deutschlandweit, in Österreich und in der Schweiz erhältlich. Das zweite Heft erscheint am Mittwoch, 18. Juni 2008.
Mehr unter www.engelmagazin.de

Man darf also sehr gespannt sein, wie der Herausgeber des „Engel-Magazins“ und  Chefredakteur der „Astrowoche“ den Lokalredaktionen der PNP zu mehr Durchschlagskraft verhilft. Einstweilen kann man davon ausgehen, dass die Lokalredaktionen, die demnächst Besuch von Kollböck bekommen, sich spätestens nach dem heutigen Tag richtig darauf freuen werden.

(Disclaimer: Hinweis: Ich habe bis 1998 bei der PNP gearbeitet. Mein Chefredakteur hieß Rudolf Kollböck.)