Man wird doch wohl noch sagen dürfen, was nicht sein darf

Vielleicht ist es ganz gut, an dieser Stelle mal ein paar Bagatellen festzuhalten: Apple ist ein Privatunternehmen. Apple arbeitet ausschließlich für seine eigene Tasche und seine eigenen Interessen.  Apple ist keine öffentlich-rechtliche Institution und hat dem Wohl anderer gegenüber keinerlei Verpflichtungen. Nicht mal gegenüber den Zeitungsverlagen in einem aus Apple-Sicht mittelgroßen Land irgendwo in Europa.

Irgendwie scheint man diese Bagatelle aber bei den Zeitungsveragen in Deutschland verdrängt zu haben. Die Verlage fordern nämlich jetzt nichts weniger als den „freien Zugang“ zum iPad, was man aus ihrer Sicht zwar irgendwie verstehen kann, dennoch aber ein putziger Gedanke ist. Umgekehrt gäbe es wahrscheinlich einen Aufschrei der Entrüstung, wenn irgendwelche Unternehmen freien Zugang zu den Zeitungen verlangen würden, mit dem durchaus treffenden Hinweis, dass speziell die Tageszeitungen in Deutschland eine regulierende und meinungsbildende Funktion haben und zudem vielerorts in Quasi-Monpolstellungen existieren.

Natürlich ist die Lage jetzt nicht so schön, wenn man das aus Sicht der Verlage betrachtet. Tatsächlich hat sich mit Apple ein Gigant zwischen sie und die Leser geschoben; ein Gigant, der die Bedingungen beinahe nach Belieben diktieren kann und der es ungewollt ulkig aussehen lässt, wenn sich Verbände, Verlage und Funktionäre beschweren, dass man so unter Geschäftspartnern nicht umgehe. Das mag schon so sein, aber vermutlich werden sie sich bei Apple denken, dass das nur unter Partnern auf Augenhöhe gilt — und dass ein paar Verlage in good old Germany, nun ja, ganz nett, für das Fortbestehen von iTunes aber nicht essentiell sind. Man fragt sich also, was das Gemaule soll, nicht nur, weil es merkwürdig ist, jemandem vorschreiben zu wollen, welche Geschäftsbedingungen er wählt. Sondern auch, weil es zum einen sinnlos ist und zum anderen: Wie schon seit vielen Jahren wirken viele Verlage wie Getriebene einer Entwicklung, aber keineswegs wie echte Akteure.

Ein schönes Beleg dafür: Es wird viel darüber gesprochen, was aus Sicht der Verlage alles nicht sein darf. Es darf nicht sein, dass Apple so mit uns umgeht. Es darf nicht sein, dass es eine öffentlich-rechtliche Presse gibt. Es darf nicht sein, dass wir von Google gefunden (und ausgebeutet werden). Unabhängig davon, wie man zu den einzelnen Positionen steht, es ist dann doch erstaunlich, wie defensiv die Verlage und Verbände agueren und argumentieren. „Es darf nicht sein“, das ist in etwa vergleichbar mit dem Westerwelle-Generalargument „Man wird doch noch sagen dürfen…“.

Gerne wüsste man also demnach, was alles sein darf und sein soll. Was man  vermisst: kreative Ansätze, Eigeninitiative, Alternativen. Es fällt ziemlich schwer,  dem ewigen Lamento noch zuzuhören, zumal wenn man sieht, was häufig herauskommt, wenn Verlage durch die digitale Welt stolpern. Der Widerwille und das Unverständnis sind unübersehbar. Solange das so ist, bleibt die Neigung, dem ewigen „Das darf aber nicht sein“ auch nur im Ansatz zuzuhören, eher gering.

Bei Apple werden sie das übrigens ähnlich sehen. Und das wird man doch wohl noch sagen dürfen.

Dieser Beitrag hat 7 Kommentare

  1. Thor

    Tja, die Verleger werden die ungeliebte Grossisten eben auch in der digitalen Welt nicht los. Da tränt das bis eben mit Dollarzeichen vernebelte Verlegerauge natürlich wieder vor Trauer.

  2. Björn Sievers

    Wir sollten nicht vergessen, dass
    – das iPad ein Nischenprodukt ist,
    – der Zugang zu Papier frei ist
    – und HTML5 ja auch noch da ist.

  3. Mat

    Ich find das ja alles ziemlich putzig. Jahrelang verschlafen die Verlage jeglichen Trend und auf einmal passiert da was, was sie nicht wirklich verstehen. Sie blicken auf und stellen fest, dass sich die Welt seit 1950 verändert hat. Sie haben keine Wahl mehr, ob sie aufs iPad wollen oder nicht. Es heisst nur noch „friss oder stirb“. Fertig.

    Mat (@buntomat)

  4. Peter Paul

    … was natürlich nichts daran ändert, dass Apples Monopolverhalten abscheulich ist.
    Hoffentlich gehen die Verlage dann auch den naheliegenden Schritt und lassen Apple-Geräte bei ihren Vertriebswegen außen vor. Aber irgendwie scheint es sich im Verlagsmanagement noch nicht herumgesprochen zu haben, dass es neben Apple-Geräten noch anderes gibt. *seufz*

  5. Ich fand die Meldung im Nachrichtenduktus bereits sehr hübsch, so offiziös: http://bit.ly/eVlr0g – Auszug:

    „Den Verlagen müsste es erlaubt sein, Print-Abos mit Digitalausgaben zu kombinieren, was von Apple noch in Frage gestellt werde. (…) So fordern die Zeitungsverlage in Deutschland von Apple Transparenz und Planungssicherheit für die Entwicklung ihrer Angebote auf dem iPad.“

    Ich kommentierte nach dem ersten Lesen: „#HTML anyone? „Der Europäische Zeitungsverlegerverband #ENPA mahnt einen freien Zugang für #Verlage zum #iPad an.“ via #Visuell“

    Ansonsten ohne Worte … ach ja, eines noch: Leistungsträger 🙂

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