Regensburger Gschicht´n (2): Eine ganz heiße Nummer

Wenn es um den Umgang mit Medien und Öffentlichkeit geht, dann gilt das Bistum Regensburg als, nunja, eigenwillig. Der Blogger Stefan Aigner („Regensburg Digital“) steht demnächst mit dem Bistum in Hamburg vor Gericht wegen eines bösen Wortes, das man nicht mehr benutzen darf — mit der Konsequenz, dass es inzwischen eine Facebook-Gruppe namens „Solidarität mit Aigner“ gibt, der sich inzwischen sogar Jeff Jarvis angeschlossen hat. Stefan Niggemeier hat vom Bistum eine Abmahnung bekommen, mit dem „Spiegel“ liegt das Bistum im Rechtsstreit und schließlich durfte ich meine Erfahrungen mit der Öffentlichkeitsarbeit des Bistums auch schon machen.

Was die einzelnen Fälle gemeinsam haben: Neben einer erkennbaren Wagenburg-Mentalität hat das Bistum offenbar Probleme mit jeder Kleinigkeit, die von ihrem Weltbild abweichen könnte. Und weil einfach nicht sein kann, was nicht sein darf, sperrt das Bistum alles aus, was ihr nicht gefällt, wobei der Begriff „aussperren“ wörtlich zu nehmen ist. Ausgesperrt wurde jetzt eine Produktionsfirma, die für das ZDF einen Film (u.a. mit dem Kabarettisten Sigi Zimmerschied) drehen soll. „Eine ganz heiße Nummer“ heißt der Film — und wer das ZDF kennt, der weiß, dass das weder ein Softporno noch sonst etwas quasierotisches ist.

Man muss, um die Geschichte verstehen zu können, ein kleines bisschen über meine kleine niederbayerische Heimat wissen. Dort gibt es, wie bei einem Schizophrenen, zwei Gesichter. Das eine ist das Gesicht, das man gerne nach außen hin präsentiert. Das einer „Aufsteigerregion“, die sich vom rückständigen Bauernland innerhalb weniger Jahre gewandelt hat zu einer wirtschaftlichen Mustergegend. Bei BMW in Dingolfing arbeiten mehr Menschen als die Stadt Einwohner hat, die Arbeitslosenquote dort nähert sich der Vollbeschäftigung, die Stadt und der Landkreis leben in einem ganz ansehnlichen Wohlstand. Landshut ist zur Boomtown geworden, Passau profitiert von einer Universität.

Aber es gibt auch das andere, das ländliche Niederbayern. Eine Region, der Forscher schon seit Jahren ein langsames Aussterben prophezeien. Eine Region, die unter dem Wegzug junger Leute leidet, in der sich kaum mehr Betriebe niederlassen und in der es eine bedauerliche Perspektivlosigkeit gibt. Damit beschäftigt sich der Film, den das ZDF ins Programm nehmen will. Sigi Zimmerschied spielt darin einen Dorfpfarrer — was alleine schon den Unmut des Bistums erregt hat, seit Zimmerschied in den 70er Jahren in einem Kabarettprogramm mal eine „Himmelskonferenz“ spielte, in der Maria ein zweites Mal schwanger ist und der Herrgott mault, man solle sich etwas einfallen lassen, weil einem die lieben Schäflein auf der Erde den „Schmarrn mit der unbefleckten Empfängnis“ kein zweites Mal abnehmen würden. Seither gilt Zimmerschied als eine Art Gottseibeiuns in den konservativ-klerikalen Kreisen Bayerns.

Der offizielle Stein des Anstoßes ist allerdings nicht Zimmerschied (auch wenn er anderes glaubt), sondern eine Szene, die in einer Kapelle gedreht werden soll. Dort läutet das Handy, als eine der Protagonistinnen gerade in der Kirche sitzt. Das ist ohnehin schön blöd genug, aber wenn man gerade frischgebackene Inhaberin einer Telefonsex-Agentur geworden ist, dann passt der Anruf in der Kirche umso weniger. Inhaberin der Telefonsex-Agentur ist die Frau allerdings nicht, weil man irgendwie mit einem kleinen bisschen Schlüpfrigkeit  Quote machen möchte, sondern weil es letztlich das Thema des Film reflektiert: was man eben nicht so alles macht, wenn die Perspektivlosigkeit einen dazu zwingt.

Das Bistum Regensburg will das verhindern: Weder in Kollnburg noch in Gotteszell darf in der Kirche gedreht werden. Begründung: Es handele sich um eine „leicht blasphemische“ Szene, zudem seien Kirchen liturgische Räume, in denen für derlei Stoff im wahrsten Sinne des Wortes kein Platz sei. Das Bistum stellt sich damit auch gegen den Pfarrer vor Ort — und die Bürgermeisterin. Beide, obwohl als christlich und durchaus konservativ geltend, hätten mit dem harmlosen Plot keinerlei Probleme gehabt und stellen sich demonstrativ hinter das Projekt.

Das Problem der Diözese ist dabei gar nicht mal ihre intellektuelle Kleingeistigkeit. Es ist auch nicht ihr Problem, dass sie aus kommunikativer Sicht mal wieder einen beträchtlichen Fehler begeht, in dem sie einer verhältnismäßig kleinen Sache viel mehr Aufmerksamkeit zukommen lässt, als sie ansonsten jemals erhalten hätte. Es ist eine einfache eine erstaunliche Form von Realitätsverweigerung und Bigotterie, die der katholischen Kirche irgendwann mal allergrößte Probleme bereiten wird. Jeder weiß, dass es all das, worüber sich das Bistum Regensburg zu diskutieren weigert, in der Wirklichkeit gibt. Man wird das nicht beseitigen können, in dem man einfach nicht darüber spricht.

Randbemerkung dazu: Stefan Aigner trifft sich jetzt am 11. Januar 2o11 mit der Diözese Regensburg in Hamburg vor Gericht. Die Gruppe „Solidarität mit Aigner“ bei Facebook hat momentan 48 Mitglieder, darunter einige Leute, die sich sehr schätze und mit denen ich auch zu unterschiedlichen Gelegenheiten zusammenarbeite. Ich bin auch in der Gruppe, mit gemischten Gefühlen allerdings. Ich finde es zum einen immer etwas einfach, jemandem die Solidarität zu erklären, ohne wirklich etwas tun zu können. Nach Hamburg kann und werde ich nicht fahren und selbst wenn ich könnte und wollte — was soll ich da? Dem Richter erklären, dass ich mich mit Stefan Aigner solidarisch verbunden fühle? Das wird ihn kaum beeindrucken. Und ein bisschen habe ich die Befürchtung, dass solche Gruppen zu einem Entrüstungs-Aktionismus führen, der irgendwann entweder nervt oder schlichtweg nicht mehr wahrgenommen wird. Nehmen Sie also bitte zur Kenntins, dass ich auf Aigners Seite stehe und Sie ansonsten bitten würde, ihn per Flattr oder Paypal zu unterstützen. Und was Jeff Jarvis in dieser Gruppe macht, ist mir unklar. Völlig.