Der Pyrrhussieg im Tarifstreit

Es wäre eine echte Chance gewesen. Eine Chance, es anders zu machen als all die Jahre zuvor. Das ausgetretene Tarifritual, das sich im Wesentlichen mit Prozenten und Laufzeiten befasst, zu verlassen. Und um über sehr grundlegende Dinge zu sprechen, beispielsweise über so etwas Simples wie die Frage, wie es mit dem Journalistenberuf eigentlich weitergehen soll. Stattdessen haben sich Gewerkschaften und Zeitungsverleger über außergewöhnlich viele Runden gegenseitig gequält. Mit einem Ergebnis, an dessen Ende auch stehen könnte: Wir vertagen uns nochmal zwei Jahre, danach werden wir die Debatten aus dem Jahr 2011 nochmal führen (müssen). Man hat also Zeit gewonnen, nicht sehr viel mehr.

Vordergründig, natürlich, steht anderes: Die befürchteten Einbußen im Redakteursberuf bei Tageszeitungen sind zunächst vom Tisch, es gibt sogar ein bisschen mehr Geld. Zwei Einmalzahlungen von jeweils 200 Euro, dazu eine Gehaltssteigerung von rund 1,5 Prozent. DJV und Verdi verweisen jetzt darauf, dass man das Schlimmste habe abwehren können, und hey, mehr Geld gibt´s auch. Immerhin hatten die streikenden Kollegen ja gerne postuliert, dass Journalismus „mehr wert“ sei. Dieser Mehrwert manifestiert sich jetzt in rund 45 Euro brutto, die jemand bei einem Gehalt von 4000 Euro demnächst mehr auf seinem Gehaltszettel stehen hat. Dafür kann man in einem Arbeitskampf schon mal über die volle Distanz gehen.

Natürlich, jedem Kollegen sei jeder Euro mehr herzlich gegönnt. Das Dumme ist nur: Keines der wirklich drängenden und mittelfristigen Probleme, die dieser Beruf und damit letztendlich die streikenden Redakteure momentan haben, ist damit gelöst worden. Und ja, das müssen sich DJV (Hinweis: Ich bin Mitglied) und Verdi vorwerfen lassen: Sie haben es nicht mal versucht. Die Verlockung, endlich mal wieder einen richtig ordentlichen Arbeitskampf zu zelebrieren, war anscheinend zu groß. Und auch das darf man vermuten: Die Berufsgruppe der Tageszeitungsredakteure ist immer noch die größte und einflussreichste in den Verbänden, da muss man sich schon mal ins Zeug legen. Zehn Verhandlungsrunden und lange Streiks für Online-Kollegen? Kaum vorstellbar, es gibt ja bis heute noch nicht mal einen Onliner-Tarifvertrag. Dass Onlinejournalisten immer noch sehr häufig deutlich schlechter bezahlt werden als ihre Printkollegen, nimmt man anscheinend als gottgegeben hin.

Dabei geht es nicht um eine Abwägung, welche Berufsgruppe im Verband besser vertreten ist; dass die Onliner-Lobby selbst unter den eigenen Kollegen nicht so rasend groß ist, weiß jeder, der mit Onlinejournalismus zu tun hat. Nein, es wäre auch im eigenen Interesse der Zeitungskollegen gewesen, das Thema Digitalisierung auch mit Blick auf das eigene Berufsbild und ihre eigene Zukunft zu verhandeln. 2013, wenn die nächsten Tarifrunden anstehen, wird die Erosion des klassischen Tageszeitungsredakteurs weiter fortgeschritten sein, werden neue Tätigkeiten hinzukommen, wird sich noch sehr viel mehr im Netz abspielen als bisher schon. Vor allem wird es diese strikte Unterscheidung zwischen dem Print- und dem Onlineredakteur nicht mehr geben. Wenn also künftig Printjournalisten mehr im Digitalen arbeiten müssen, wenn sich möglicherweise ganze Ressorts deutlich mehr Online als im Blatt abspielen und wenn umgekehrt Onliner mehr als bisher den Blättern zuliefern, wie kann man dann noch Tarifverträge für „Zeitungsredakteure“ in dieser Ausschließlichkeit debattieren? Und wie kann man es angesichts dessen dann immer noch rechtfertigen, dass Onliner schlechter bezahlt sind?

Erstaunlich ist das, nebenher bemerkt, auch aus verbandspolitischer Sicht. Speziell der DJV beklagt ja gerne mal intern, für junge Journalisten nicht mehr so richtig lukrativ zu sein. Aber wie soll das auch gehen, wenn junge, digital denkende Journalisten im Verband sehr viel weniger Heimat finden als jeder Lokalredakteur eines Provinzblatts?

Der Journalistenberuf jedenfalls wandelt sich mehr und mehr, speziell beim Berufsbild „Zeitungsredakteur“ geht der Umbruch sehr viel schneller als man sich das noch vor zwei oder drei Jahren hätte vorstellen können. 45 Euro mehr Gehalt und ein Aufschub von zwei Jahren sind ein Pyrrhussieg. Von den Fragen, die sich schon bald stellen werden, ist dagegen leider keine einzige beantwortet worden.