Ihr kommt zu spät

Seit gestern steht fest: Diese Dauerdebatten, was Journalisten in Zukunft alles können müssen und wo wir an Grenzen stoßen, ist nur noch eine für ewige Gewerkschafter oder Tageszeitungs-Redaktionsleiter jenseits der 40. Die Journalisten der nächsten Generation können nämlich entweder schon alles – oder sie interessieren sich für diese Debatte nicht, völlig zurecht übrigens.

Gestern an der Uni Passau: eine Gruppe von 17 Studenten, die an einer Summer School teilnehmen. Jeder von ihnen hatte schon mal eine Videokamera in der Hand, fast alles wissen, wie man zumindest ein einfacheres Webvideo baut. Mit Audios kennen sich ebenfalls fast alle aus. Und, was besonders bezeichnend ist: Über Onlinejournalismus haben wir erst gar nicht lange debattiert – weil keiner aus dieser Gruppe auch nur auf die Idee gekommen ist, das Thema Online für seine spätere Tätigkeit auszuklammern. Weil sie wie selbstverständlich davon ausgehen, dass Onlinejournalismus ein fester Bestandteil ihres späteren Jobs ist, ganz egal, wo sie landen. Auch das völlig zurecht.

Das war bisher ungewöhnlich. Selbst junge Studenten hatten regelmäßig Vorbehalte gegen digitale Medien, erstaunlicherweise häufig sogar gegen die sozialen Netze, deren intensivste Nutzer sie doch sind. Auch ein leicht leidendes „Was sollen wir denn noch alles machen“ hört man nicht selten von Journalisten in einem Alter, bei dem man ihnen wünschen möchte, dass die innere Frühvergreisung nicht zu schnell fortschreitet. Gestern aber: 17 Nachwuchsjournalisten, bei denen man den Eindruck hatte, man könne mit ihnen schnell über das Wesentliche reden, als ermüdende Grundsatzdebatten führen zu müssen. Das Wesentliche, das ist immer noch Journalismus, das ist sein Inhalt, das ist auch unser Selbstverständnis, wie wir in Zukunft weiter machen wollen. Und da ist es einfach nur angenehm, zeitsparend und hilfreich, wenn diese jungen Journalisten, die Inhalt machen sollen, das Handwerk (und mehr ist es ja in der Basis nicht) schon beherrschen. Das Video, das Sie in diesem Beitrag sehen? Ich habe nicht auf die Uhr geschaut, aber ich würde sagen: nicht mal eine Stunde, danach war alles fertig. Was im Übrigen auch die Frage beantwortet, ob das nicht alles unzumutbar viel Arbeit sei mit diesem ganzen neuen digitalen Kram.

Um wen man sich eher Sorgen mach muss: all die Kollegen, die sowohl altersmäßig als auch mit ihrem digitalen Viertelwissen jetzt in der Mitte von Nirgendwo festhängen. Wenn ich böse wäre, würde ich sagen, all jene, die jetzt sich über 45 Euro mehr Gehalt freuen und in den letzten Monaten gerne mit Transparenten zu sehen waren, wonach Journalismus mehr wert sei. In ein paar Jahren spätestens werden sie sich in ihren eigenen Redaktionen von digitalen Vielkönnern umzingelt sehen, man wird vielleicht noch ein paar letzte Abwehrkämpfe führen können. Aber seit gestern bin ich mir ziemlich sicher, dass für die letzte analoge Generation in den Redaktionen verflixt harte Zeiten anbrechen. Keine schöne Nachricht, wenn man noch 30 Jahre im Job vor sich hat.

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10 Kommentare

  1. Erfreulicherweise: Es gibt Kollegen, die „im Nirgendwo“ zu verorten wären – und sich selbst neu entdecken und erfinden angesichts der Notwendigkeit, noch rund 30 Jahre Berufsleben schaffen zu müssen. Sie sind leider eher selten, gemessen an der Zahl derer, die sich den unbeschreiblichen Luxus gönnen, … nichts zu tun.

  2. Naja … muss ich da sagen, als freier Journalist, der ebenfalls alles macht (Print, Radio, Video). Die Offenheit und Begeisterung ist da – nur kann ich schon Kollegen verstehen, die nicht begeistert sind, weil sie das eben zusätzlich machen sollen – ohne eigens dafür bezahlt oder besonders geschult zu werden.
    Ein GF eines Lokalsenders brachte die Denke mal auf den Punkt: „Ihr müsst für das gleiche Geld das Doppelte arbeiten.“ Da hört der Spaß auf und da fängt die Kritik an.
    Alles machen, gerne, dann aber auch die Bezahlung und den Freiraum, das ordentlich und professionell zu machen – sprich Entlastung an anderer Stelle.

  3. Leider Realität in vielen Verlagshäusern: Keine Schulungen, keine Fortbildungen – auf Kosten von Qualifikation und Mitarbeitermotivation. Stattdessen völlig hirnrissige, manchmal über Monate und Jahre geführte Debatten, ob es möglich sei, den Mitarbeitern eine eigene Mailadresse einzuräumen. MitarbeiterXY@HintertupfingerBote.biz *könnte* zu juristischen Schwierigkeiten führen. Stattdessen auch Verbote von Twitter, Facebook und Co. am Arbeitsplatz, anstelle diese Kommunikationswege in die redaktionellen Abläufe sinnvoll zu integrieren und für entsprechende Kenntnisse im Umgang damit zu sorgen.

  4. Einerseits große Zustimmung. Ich bin froh, dass man solche albernen Grundsatzdiskussionen wie „Blog ja oder nein“ heute eigentlich nicht mehr führen muss. Andererseits erscheinen mir viele Aktivitäten (z.B. ein Redaktionsblog einrichten oder „was mit Social Media“) oft zu konzeptlos.
    Da wird auf einer Messe ein Video gedreht, weil eben ein Camcorder im Besitz der Redaktion ist und irgendjemand das schon mal gemacht hat und es doch ganz nett wäre, wenn man auch etwas Bewegtbild hätte. Dass Videos ohne Story oder Ziel („Wir sind hier auf dem Stand von XY. Herr Pressesprecher, erzählen Sie doch mal, was Sie hier so zeigen!“) nur mäßig interessant sind, merkt man dann maximal hinterher.
    Toll, wenn man viele Möglichkeiten hat. Trotzdem kommen meines Erachtens immer nur dann tolle Ergebnisse heraus, wenn sich jemand vorher Gedanken gemacht, wie man ein bestimmtes Ereignis am besten abbildet und erst dann an die Umsetzung mittels eines bestimmten Tools oder einer bestimmten Medienform denkt. Das fehlt mir oft noch. Dafür muss man allerdings auch Zeit und die nötige Freiheit haben. Und die jeweiligen Medien ernst genug nehmen.

  5. gibts die ergebnisse der studenten öffentlich im web zu sehen? google half leider nicht.

    meine erfahrung mit studenten mit journalismus-ambitionen: selber stellen sie wenig auf die beine. kurze projekte finden – aus welchen gründen – ein schnelles ende und werden nicht fortgeführt. journalistisch bloggende studis sind selten. multimediale noch viel seltener. das bremst leider meine euphorie. lasse mich gerne von den passauern vom gegenteil überzeugen.

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