Wir amüsieren uns wieder zu Tode

Eine der interessantesten Unterhaltungen, die ich mal mitbekommen habe, liegt schon eine ganze Zeit zurück und ging in etwa so:

Redakteur einer Tageszeitung: „Im Internet ist nix zu verdienen.“

Geschäftsführer derselben Tageszeitung: „Mit unserer Zeitung aber auch nichts mehr.“

Das fand ich deshalb so bemerkenswert, weil die Argumentation gerade von Verlagsgeschäftsführern gerne in die gegenteilige Richtung geht. Und das Zitat von den lousy Pennies, das kennen wir ja alle noch.

Die Bedeutung dieses Burda-Zitats hat sich in den letzten Jahren ungewollt umgekehrt. Bei der FAZ beispielsweise wären sie froh, wenn sie 2012 wenigstens lousy Pennies verdient hätten, stattdessen gab es wohl einen Millionenverlust. Die neuesten Spekulationen reichen in eine Höhe von bis zu 20 Millionen Euro. Die Geschichten von FTD und FR sind in den letzten Woche oft genug erzählt worden, als dass sie noch irgendeinen Neuigkeitswert bieten würden. Wie viele Journalisten seither (und auch nach der Beinahe-Pleite der dapd) auf Jobsuche sind, weiß ich nicht; demnächst allerdings dürften sogar noch Kollegen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in beträchtlicher Zahl dazu kommen.Kurzum: Die Frage, ob man auf das Internet nicht verzichten kann, weil man dort eh nur lousy Pennies verdient, stellt sich nicht mehr. Die Frage ist vielmehr: Wie kann man sich im Netz schnellstmöglich so aufstellen, dass man ein paar Pennies mehr verdient, um die Verluste aus dem angestammten Geschäft zu reduzieren?

Bevor es jetzt jemand von Ihnen anmerkt: Natürlich gibt es immer noch ausreichend Verlage und Sender, die sehr ordentliches Geld verdienen; da sind immer noch Umsatzrenditen im Spiel, bei denen andere Branchen feuchte Augen bekämen. Das aber ist kein Ruhekissen, sondern eine Gefahr. Mit dem selben Argument haben sich schon vor 10 Jahren etliche Unternehmen zurückgelehnt, müde über das Netz gelächelt und darauf verwiesen, dass sie gerade das beste Jahr ihrer Geschichte gemacht haben, was bitteschön soll also schon passieren? Das Netz ist in seiner schöpferischen Zerstörung immer noch so wuchtig, dass es sicher geglaubte Strukturen innerhalb weniger Jahre ins Nirwana pusten kann. Dass sich Abwärtsbewegungen keineswegs immer strikt linear vollziehen, haben wir 2012 zur Genüge gesehen. Soll heißen: 2013 wird das erste Jahr werden, in dem nicht mehr darüber nachgedacht wird, wie Verluste aus dem Netz kompensiert werden. Stattdessen verschieben sich die Gewichte: Wer nicht weiß, wie er im Netz (mehr) Geld verdient, wird auch sein klassisches Medium nicht überlebensfähig halten.

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Journalisten, auch das liest man in letzter Zeit öfter mal, seien sowas wie die Bergarbeiter des 21. Jahrhunderts. Ein Relikt vergangener Tage, nicht überlebensfähig. Journalismus als bezahlter Beruf werde aussterben, an unsere Stelle treten dann demnach talentierte Laien, Blogger, soziale Netzwerker. Was ja als Gedanke zunächst auch nicht von der Hand zu weisen ist: Wenn sich Journalismus nicht mehr finanzieren lässt, wie soll man dann Journalisten noch am Leben erhalten? Und richtig ist ja auch, dass nicht jeder Laie, der gut in seinem Thema ist und darüber bloggt, das schlechter macht als der journalistische Profi. Ja, Twitter ist manchmal schneller als jede Nachrichtenredaktion und Facebook ist gelegentlich unterhaltsamer als jedes People-Magazin oder die Panorama-Seite in der SZ. Ich glaube nicht mal mehr an die Macht der Marke und der Gewöhnung, zumindest wären beides die schlechtesten Argumente, die man für den Fortbestand des bezahlten Journalisten ins Feld führen könnte.

Die Gründe dafür, warum es den bezahlten Journalisten weiter braucht und geben wird, sind pragmatischer Natur. Für Journalismus im eigentlichen Sinne braucht es Strukturen und Finanzierungen, braucht es – praktisch besehen – die Möglichkeit, auch mal wochenlang für ein Stück recherchieren zu können und dabei sogar einen Misserfolg in Kauf nehmen zu können. Journalismus braucht Zeit, Geld, Können, Unabhängigkeit. Das wird der eine oder andere in Zukunft alleine hinbekommen, mehr als früher in jedem Fall. Aber diese selbstvermarktenden Journalisten, deren Name Programm ist und deren Blog den Verlag/den Sender ersetzt, die werden auch weiterhin die Ausnahme bleiben. Es ist erstens eine Illusion zu glauben, dass wir es urplötzlich nur noch mit lauter begabten Verlegerunternehmerjournalisten zu tun haben, zweitens ist es auch nicht jedermanns Sache, eher im Gegenteil. Glauben Sie nicht? Dann machen Sie sich doch mal den Spaß und googeln mal den Anteil der Selbständigen in Deutschland. Nur weil jemand nicht selbständig ist, ist er deswegen kein schlechter Journalist. Er braucht nur seine Strukturen, in denen er vernünftig arbeiten kann.

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Journalismus schafft sich ab – das ist das neue „Wir amüsieren uns zu Tode“; defätistisch und mit der Journalisten nun mal eigenen Lust am eigenen Untergang. Kleiner haben wir es in unserem Kulturpessismismus meistens nicht. Wir reden gerne von Schumpeters kreativer Zerstörung, wenn es um den eigenen Beruf geht, mit der Betonung auf Zerstörung, ohne dabei das Adjektiv davor zu sehen. Journalismus schafft sich nicht ab, Journalisten wird es auch weiter geben. Sofern sie etwas tun, sich wandeln – und nicht glauben, sie seien qua Verfassungsrang vor allem geschützt, endlich den Hintern in die Höhe zu kriegen.