Krautreporter: Gescheitert an sich selbst

Zumindest eines muss man den „Krautreportern“ ja lassen: Ihr absehbares Scheitern hat eine der intensivsten und anhaltendsten Diskussion über ein einzelnes Projekt ausgelöst. Natürlich ist es noch nicht ganz vorbei, wenn sich in den kommenden drei Tagen noch ein bisschen mehr als 7000 Abonnenten finden, dann wird es doch noch was aus dem Magazin. Das aber wäre tatsächlich der fulminanteste Endspurt aller Zeiten und ein Grund für ein paar weitere lang anhaltende Debatten.

Realistisch ist eher das folgende Ergebnis: Die Krautreporter werden ihr Ziel nicht nur nicht erreichen – sie werden es vermutlich in einer erstaunlichen Deutlichkeit verfehlen. Und noch etwas haben die Krautreporter geschafft: Ich habe schon lange kein Projekt mehr erlebt, das mehr Ambivalenz hervorgerufen hat. Bei dem Menschen ihre Positionen – oder besser gesagt: die Positionen, bei denen man sie vermutet hatte – radikaler gewechselt haben. Und auch für mich selber kann ich sagen: Ich hätte mir grundsätzlich sehr gewünscht, dass ein Projekt wie die Krautreporter funktioniert hätten. Ich würde mir auch weiterhin wünschen, dass man ein solches Projekt auf die Beine stellt. Aber – so viel zur Ambivalenz: Ich bedaure es nicht, dass es die Krautreporter in ihrem jetzigen Zustand wohl nicht geben wird. Obwohl ich zu Beginn des Projekts etwas anderes geschrieben hatte.

Natürlich sind hinterher immer alle schlauer. Und natürlich weiß ich auch (ich habe selbst eine erfolglose Crowdfunding-Kampagne hinter mir), dass man sich als Außenstehender mit Kritik immer leicht tut. Trotzdem fand ich verblüffend, wie offensichtlich wenig durchdacht und mit welcher überheblichen Attitüde teilweise an dieses Projekt herangegangen wurde.

Fangen wir mal an mit dieser Attitüde. „Der Online-Journalismus ist kaputt“, schreiben die Krautreporter sehr prominent auf ihrer Seite – und tappen dabei gleich in zwei Fallen. Zum einen ist diese Aussage in ihrer Absolutheit so falsch, wie es nur absolute Aussagen sein können. Niemand bestreitet, dass es eine ganze Reihe von weniger schönen Erscheinungen im (Online-)Journalismus gibt. Aber der  Online-Journalismus ist kaputt? Ach, Leute. Wenn ich mir so anschaue, was ich alleine in den letzten zwei Wochen an Stücken gefunden habe bei süddeutsche.de oder bei ZEIT Online, wenn ich mir die Nominierungen bei Grimme Online Award so ansehe oder noch eine ganze Reihe andere Sachen, die man nicht täglich in den diversen Mediendiensten als leuchtende Beispiele findet – dann würde ich sagen, dass es zu viele Gegenbeispiele gibt, als dass man diese Aussage einfach mal eben so hinwerfen könnte.

Aus dieser absoluten Aussage resultiert noch etwas anderes. Ich würde sogar soweit gehen, dass dies die Krautreporter enorm viele Sympathien gekostet hat: Wer den Online-Journalismus als „kaputt“ darstellt und gleichzeitig von sich sagt: „Wir bekommen das wieder hin“ – der stellt sich selbst auf einen Sockel mit ganz enormer Fallhöhe. Ich habe eine ganze Reihe geschätzter Kollegen erlebt, die ich zu den sicheren Unterstützen gezählt hätte, die aber einfach angefressen waren, wenn sie sich als Vertreter eines „kaputten“ Journalismus bezeichnen lassen mussten, die sich jetzt von 27  Kollegen retten lassen müssen. Ich habe in meinem Leben jede Menge Beratungs-Projekte gemacht. Wenn ich mich auch nur einem einzigen hingestellt und gesagt hätte: Euer Journalismus ist kaputt, aber ich kriege das wieder hin, ich wäre sofort hochkant rausgeflogen.

Ein riesiges Eigentor war diese Grundhaltung für die „Krautreporter“ aber auch aus anderen Gründen: Wenn man sich selbst als Retter des kaputten Journalismus geriert, dann müsste schon etwas verdammt Überzeugendes folgen. Ein Konzept, eine Idee, bei der ich, überspitzt gesagt, nach Luft schnappe und sage: Ja! Das ist es! Die Außenwirkung der Krautreporter ist, wenn auch vielleicht ungewollt: Gebt uns mal das Geld, dann machen wir. Dafür ist allerdings die Idee, jeden Tag vier bis fünf Geschichten zu schreiben, ein wenig dünn. Irgendwann lieferte man dann, als die Kritik daran zu groß wurde, pflichtschuldig noch Vorschläge für die Themen eines jeden Autors ab. Das kam viel zu spät, klang eher unverbindlich – und ganz ehrlich: Diese Themenliste war nett. Aber dass ich darin die Rettung des kaputten Online-Journalismus hätte erkennen können, lässt sich wirklich nicht sagen. Viele andere haben das offenbar auch nicht. Zumindest im Aufkommen der Crowdfunder hat sich auch nach Veröffentlichung dieser Liste nichts Erkennbares getan. Vielleicht hat das auch damit zu tun, weil man die ganze Zeit während der laufenden Kampagne das Gefühl hatte, die Krautreporter kämen den Wünschen nach Interaktion, nach Initiative und nach Transparenz mehr oder weniger nur widerwillig nach. Selbst prominente Unterstützer wie Thomas Knüwer oder Dirk von Gehlen spendeten zwar, erklärten gleichzeitig aber auch, mit welchem Bauchgrimmen sie das tun. Auch beim Thema Erwartungsdruck habe ich an eigene Erfahrungen gedacht. Ich war 2011 im Gründungsteam der deutschen „Wired“ dabei. Und ich erinnere mich nur zu gut, welchem Erwartungsdruck wir ausgesetzt waren; mir war manchmal ganz übel, wenn ich die erwartungsfrohen Beiträge im Netz so gelesen habe. Wir haben damals versucht, mit so viel Kommunikation und Transparenz wie möglich ein bisschen Druck aus dem Kessel zu lassen. Hätte sich der damalige Chefredakteur Thomas Knüwer in einem Interview hingestellt und gesagt: Unser Konzept besteht aus einem Magazin, in dem gute Autoren gute Geschichten schreiben, man hätte ihn massakriert und uns in der Isar versenkt. Wir haben damals nach dem Release immer noch ausreichend Prügel bekommen, manche sogar zurecht. Aber wenn wir mit dieser Attitüde der Krautreporter aufgetreten wären, wir würden heute vermutlich alle irgendwie im Exil leben.

Neben dem vermutlich eher psychologischen Aspekt der Fallhöhe haben die „Krautreporter“  mit diesem Konzept, mit dieser Idee auch anderes nicht geschafft. Nämlich eine ausreichend große Zahl von Menschen davon zu überzeugen, dass man sie wirklich braucht. Das ist insofern ebenso erstaunlich wie ärgerlich, weil es in den letzten Jahren in Deutschland kein einziges Medienprojekt gegeben hat, das auf so viel grundsätzliche Sympathie, auf so viel Wohlwollen und auch auf soviel Airplay in den Medien gestoßen wäre. Die „Krautreporter“ bringen es auf TV-Beiträge, Rundfunkbeiträge, auf Zeitungsbeiträge, auf sehr, sehr viele prominente Unterstützer – und das Netz war eh jeden Tag voll mit ihnen. Wenn man es bei einem solchen Rückenwind nicht mal in die Nähe des Funding-Ziels bringt, dann muss man einfach festhalten, dass einiges an der Idee und an der Kampagne nicht überzeugt hat.

Zu den Schwächen des Konzepts gehört auch: 27 Journalisten sind 27 Journalisten. 27 Journalisten sind noch lange keine Redaktion. Dabei ist mir der Frauenanteil völlig Wurscht. Selbst wenn er bei 100 Prozent gelegen wäre: Hinter den 27 verbarg sich nicht die Idee eines Teams, das man irgendwann auch mal als Team identifiziert. Stattdessen kamen die Krautreporter eher wie ein Multiautoren-Blog daher, in dem jeder ein bisschen was schreibt. Magazine leben aber eben auch von der Marke. Und von einer Haltung, für die ein Magazin steht. Ich lese den „Spiegel“ oder die „FAZ“, weil es der „Spiegel“ oder die „FAZ“ sind. Ich lese sie nicht, weil dort im Impressum eine Auflistung bekannter Namen steht. Das kommt dann erst an zweiter Stelle.

Davon abgesehen möchte ich bei einem Magazin (da bin ich ein alter, konservativer Sack) eine Struktur haben. Ich möchte in etwa wissen, wo ich welche Themen finden kann. Oder genauer: welche Themen mich überhaupt erwarten. Die Aussage bei den „Krautreportern“ war: 27 Leute schreiben, worauf sie gerade Bock haben. Und das soll die Rettung des Online-Journalismus sein?

Und weil wir gerade beim Thema (Mehr-)Wert sind: Ich hatte schon in meinem ersten Beitrag über das Thema geschrieben, es werde spannend sein zu sehen, wie man dem Leser erklären will, warum er die Krautreporter unterstützen soll, wenn er die Beiträge ihrer Autoren auch auf etlichen anderen Plattformen lesen kann. Das spricht ja keineswegs gegen die Qualität der Autoren, wohl aber gegen die Krautreporter: Es fehlt ihnen so etwas wie Exklusivität.

Auch da hilft ein Blick in die analoge Welt: Angenommen, 30 Edelfedern aus den besten Redaktionen Deutschlands würden ein Magazin ankündigen, in dem sie immer wieder mal Beiträge ankündigen. Aber natürlich schreiben sie weiterhin auch für ihre bisherigen Arbeitgeber. Der Reiz würde sich in engen Grenzen halten.

Man muss – leider – diese konzeptionellen Schwächen deshalb so klar benennen, weil wir gerade dabei sein, das Entstehen einer kleinen Dolchstoßlegende zu erleben: Das Netz hat die eigenen Pioniere, die eigenen Vorkämpfer von hinter erstochen! Man hat sie hängen lassen, obwohl wir immer gefordert haben, dass es so etwas doch geben müsste! Bei netzpolitik.org beispielsweise ist schon die Rede davon, dass „uns“ ein Scheitern vor Augen führen würde, dass wir nicht mal in der Lage seien, uns „diese Utopie in unserer eigenen kleinen Nische zu errichten indem wir 15.000 Menschen finden, die bereit sind, einen lächerlichen Fünfer pro Monat für ein Experiment beizutragen.“ Und schließlich kommt die bedeutungsschwangere Frage: „Können wir als Netzgemeinde™ uns ein Scheitern dieses Projektes überhaupt erlauben?“. Vermutlich wird dann irgendwann auch jemand auf die Idee kommen, dieses Scheitern als Beleg dafür zu nehmen, dass Menschen für Journalismus im Netz eben doch nichts bezahlen wollen.

Das alles ist im vielfachen Sinne falsch. Diese „kleine Nische“ dürfte es vor allem deswegen nicht geben, weil die Nischengründer es nicht geschafft haben, diese Idee überzeugend auszugestalten. Was ist das eigentlich für eine fatale Geisteshaltung zu glauben, man müsse ein Projekt unterstützen, nur weil es von den vermeintlich richtigen Leuten gemacht wird? Zudem benennt dieser Netzpolitik-Beitrag ungewollt noch eine weitere Schwäche des Projekts: Es ist ein Netzgemeinden-Projekt. Aus der Netzgemeinde für die Netzgemeinde. Kann man schon machen, das. Man sollte dann halt nur nicht glauben, dass es zur Rettung des kaputten Journalismus irgendwas beiträgt.

Natürlich kann man zum Thema Zahlungsbereitschaft aus der Krautreporter-Geschichte einiges lernen. Nämlich, dass Menschen im Netz ganz einfach ticken: Sie zahlen für etwas, was sie gut finden. Für etwas, was ihnen im wahrsten Sinne des Wortes „wertvoll“ erscheint. Kommt ihnen das nicht in den Kopf, zahlen sie nicht. So einfach, so mündig. Und man ahnt jetzt auch anderes. Nämlich, wie schwer es in Zukunft sein wird, Journalismus über Bezahlung durch den Leser zu finanzieren. Der nämlich hat ein inzwischen riesiges Angebot und muss keineswegs schon alleine deshalb glücklich sein, weil ihm 27 Autoren ankündigen, etwas schreiben zu wollen.

Um es also nochmal deutlich zu sagen: Das Scheitern der Krautreporter ist ein Scheitern der Krautreporter. Nicht mehr, nicht weniger.

War es das also, wie einige befürchten, auf längere Zeit mit der Finanzierung unabhängiger und alternativer Journalismus-Projekte? Unsinn. Ich bin sicher, dass eine Art Krautreporter2-Projekt sofort wieder auf viel Sympathie stoßen würde. Dass es den Wunsch danach gibt, zeigt die ja dann trotz allem sehr hohe Zahl von Unterstützen. Und die vielen Debatten darüber. Man debattiert nicht über Dinge, die einen kalt lassen.

Wer clever ist – lernt einfach aus den vielen Fehlern dieses Versuchs. Und macht es irgendwann dann mal selbst. Nur besser.

(Für den Fall, dass die Krautreporter ihr Ziel doch noch erreichen, haben sie dann ja gleich eine gute Aufgabe: Aus der vielen Kritik, die es gab, ihre Schlüsse zu ziehen.)