Das Duracell-Häschen Journalismus

Immer mehr, immer schneller, immer echtzeitiger: Möglich ist im Journalismus inzwischen ungefähr alles. Die Frage, ob das auch wirklich alles Sinn macht, stellt sich allerdings mittlerweile mehr denn je.

Eine Bekannte ist heute aus einem dreiwöchigem Urlaub zurückgekommen. Vom anderen Ende der Welt. Drei Woche lang ohne: Netz, Handy, Zeitungen und nahezu auch ohne TV. Als sie zurückkam, stellte sie die Frage, die man nach drei Wochen am anderen Ende der Welt eben so stellt: Und, war was? Ich musste ein bisschen angestrengt nachdenken, zumal mir die drei Wochen eher vorkamen wie eine – um dann zu antworten: nein, eigentlich nicht. Was natürlich glatt gelogen war, weil irgendwas ja immer ist. Aber wenn man einem Menschen nach drei Wochen Totalabwesenheit sagen soll, ob was wirklich Wichtiges passiert ist, dann legt man den Maßstab gerne etwas strenger an. Und dann kommt man in den meisten solcher Fälle nahezu zwangsläufig auf die Antwort: nein.

Das ist ziemlich verblüffend auf den ersten Blick. In diesen drei Wochen haben Journalisten schließlich jeden Tag jede Menge zu erzählen gehabt. Bisher ist noch von keiner Redaktion bekannt, dass sie mal für einen Tag nichts publiziert hätte, weil sie der Auffassung war, dass das alles jetzt so wahnsinnig wichtig auch wieder nicht ist. Im Gegenteil, das Grundrauschen nimmt jeden Tag ein bisschen mehr zu. Die Kollegen vom „Nordbayerischen Kurier“ tickerten jetzt sogar mal was über das Erblühen der lokalen Titanwurz. Die Titanwurz ist, soweit ich das richtig verstanden habe, eine Pflanze, die ziemlich stinkt, dafür aber leider nur ausgesprochen selten blüht. Das ist lokal bestimmt ein großes Ereignis, aber irgendwie habe ich mir die Frage gestellt, wie das wohl früher war, als die Menschen noch nicht in Echtzeit über die Fortschritte eines stinkenden Seltenblühers auf dem Laufenden gehalten wurden.

Nein, keine Sorge: Jetzt kommt keine Altmännernostalgie im Sinne von „früher war alles besser“. (Wenn Sie so etwas wollen, empfehle ich Ihnen an dieser Stelle schamlos „Der 40jährige, der aus dem Golf stieg und verschwand“). Und ich beklage mich auch keineswegs über die vielen wunderbaren Möglichkeiten, die wir Journalisten inzwischen mit Echtzeit-Tools, sozialen Netzwerken und mobilen Anwendungen an die Hand bekommen. Im Gegenteil, ich bin mir sicher, dass man das beherrschen muss. Die Frage ist viel eher: Was machen wir daraus? Ich vermute, dass wir jetzt und in Zukunft noch viel mehr der Aufgabe der journalistischen Selektion nachkommen müssen. Weil wir zwar inzwischen jeden Pups twittern, filmen, fotografieren und anschließend posten können, wir aber uns selbst, dem Journalismus und vermutlich auch dem Publikum keinen sonderlichen Gefallen damit täten. Gerade dann, wenn man quasi die ganze Welt irgendwo und irgendwie in Echtzeit erleben kann, wäre es guter Journalismus, die Dinge herauszufiltern, die über die Bedeutung des Pupses hinausgehen. Oder anders gesagt: die Dinge zu erzählen, die über die atemlos herausgehauene Eilmeldung hinausgehen. Wenn man sich die Geschichte von der drei Wochen lang verschollenen Bekannten vor Augen führt, dann bekommt man eine Ahnung, wie viel Nonsens und Bedeutungsloses man in der Zwischenzeit wohl konsumiert haben könnte.

Der Kollege Richard Gutjahr hat jetzt in seinem Blog erzählt, wie sich sein Leben und sein Job durch die Digitalisierung gewandelt haben. Wie er seither an jeder beliebigen Stelle der Welt irgendetwas veröffentlichen kann und sich seither der Begriff „Feierabend“ aus seinem Leben verabschiedet hat. Das kann man so machen und nachdem Richard damit ja auch alles andere als unerfolgreich ist, gibt es daran nicht sehr viel zu kritisieren. Es geht also nicht um Kritik an diesem Beitrag, wenn ich an dieser Stelle erzähle, warum ich das nicht (mehr) so mache. Und auch künftig nicht mehr machen will. Das hat nicht nur mit sehr persönlichen Erwägungen zu tun und damit, dass ich es mittlerweile zu schätzen weiß, wenn ich mal im eigenen Bett schlafen kann. Sondern auch damit, dass ich nicht für mich selbst, sondern auch für andere gleich mit glaube, dass Beschleunigung und Information seine Grenzen hat. An diese Grenzen stößt man, wenn man nicht mehr in der Lage ist, Dinge einzuordnen. Wenn man auf drei, vier, fünf Kanälen gleichzeitig unterwegs ist, wenn man also all das tut, was heute irgendwie en vogue ist. Nein, ich bin jetzt nicht plötzlich zum Digital-Skeptiker mutiert. Ich glaube nur nicht daran, dass es sinnvoll ist, Dinge zu tun, bloß weil man sie tun kann. Ich glaube auch nicht, dass Journalismus besser wird, wenn man ihn wie wild in irgendwelche Kanäle schüttet. Genauso übrigens, wie ich inzwischen glaube, dass es eine gute Sache ist, ab und an das Handy auszuschalten, nicht erreichbar zu sein und auch mal selbst die Klappe zu halten. Omnipräsenz kann irgendwann mal in das Gegenteil umschlagen und furchtbar zu nerven beginnen. Ein bisschen kommt mir der Journalismus gerade vor wie ein aufgedrehtes Duracell-Häschen.

Exemplarisch für die eigentlichen Aufgabe von Journalisten sind diese großen Webreportagen, von denen jetzt alle reden und die irgendwie so furchtbar chic sind. Natürlich ist es großartig, wenn man jetzt mit Werkzeugen wie „Pageflow“ vergleichsweise simpel Videos, Audios, Foto, Texte und alles andere auf eine Seite packen kann und das auch noch richtig gut aussieht. Aber wenn man sich mit dieser Spielart des Journalismus mal näher beschäftigt und selbst versucht, ein solches Stück zu produzieren, dann stellt man schnell fest, dass die Selektion das eigentlich Komplexe daran ist. Der Neigung, mal eben alles, was man irgendwie hat, in eine solche Reportage reinzupacken, ist einigermaßen groß. Aber Sinn macht das nie.  Und wenn man dann vor der Frage steht, was man jetzt wie miteinander kombiniert, damit es nicht nur gut und beeindruckend aussieht, sondern unter dem Strich eine gute Geschichte ergibt, stellt man fest, wie schwierig das ist. Das ist sinnbildlich für alles andere, was gerade im Journalismus passiert: Natürlich kann man mühelos jeden Kanal bespielen, der einem gerade in den Sinn kommt. Aber was haben wir selbst davon? Und vor allem der Nutzer, jenes bedauernswerte Wesen, das wir jetzt bombardieren, wo es gerade steht und geht.

Dieser zu Tode gerittene Satz, man müsse den Nutzer abholen, wo er sich gerade befindet, wird also immer weniger richtig. Wichtiger ist es, sich zu überlegen, wo er was bekommen wollen könnte. Und mit was er wirklich etwas anfangen könnte, statt ihn einfach zuzutickern und eilzumelden. Ihn mit inflationärem und atemlosen Kram zu quälen ist auch aus anderen Gründen wenig sinnvoll: Wenn wir wirklich wollen, dass Menschen Journalismus wertschätzen und in deshalb letztendlich auch finanzieren, dann sollten wir aufhören, ihn immer wahlloser zu betreiben. Manchmal erinnern mich Medien zunehmend mehr an einen vollgestopften Briefkasten, aus dem man genervt eine Menge Papier rausholt, um es dann ungelesen wegzuwerfen. Kein Wunder übrigens, dass man den Aufkleber „bitte keine Werbung“ an immer mehr Briefkästen findet. Möglicherweise wäre es bei diesen ganzen Debatten um vielkanaligen Journalismus eine Überlegung wert, dass es immer auch einen Punkt gibt, an dem es einfach zu viel wird.

Ich habe übrigens mein Smartphone in den letzten Monaten ziemlich von Apps entrümpelt. Ich nutze kein Foursquare mehr, kein Path und etliches anderes Zeug auf nicht mehr. Weil ich mich irgendwann mal an irgendeinem Flughafen dabei ertappt habe, wie absurd es ist, was ich da mache. Ich zücke das Handy, sofort nachdem die Maschine gelandet ist – und tue Dinge, die weder mir noch anderen irgendwas bringen. Ich checke bei Foursquare ein, melde mich bei Path, poste was bei Facebook und twittere, gerade eben glücklich gelandet zu sein. Ich beantworte, fave und like irgendwelche mittelguten Kommentare zu überflüssigen Einträgen und lese nebenher noch schnell, bevor ich ins nächste Taxi steige, Eilmeldungen und Ticker. An diesem ominösen Tag hatte ich abends den Eindruck, kurz vor der Verblödung zu stehen und außerdem viel zu viel Zeit mit Dingen verbracht zu haben, die ich nicht machen wollte und die keinen echten Nutzen für mich hatten. Am Ende dieses Tages hatte ich zudem das Gefühl, jemand anderem und mir selbst auch nicht mehr erklären zu können, was ich da eigentlich den ganzen Tag gelesen und gemacht hatte. Hängengeblieben war ungefähr nichts – und ich hatte mal wieder dieses schöne Bild vor mir von jemandem, der sehr viel Durst hat, deswegen versucht, aus einem Gartenschlauch zu trinken und am Ende zwar klatschnass ist, aber immer noch irre viel Durst hat.

Das Interessante daran ist: Ich habe nicht das Gefühl, dass mir irgendwas fehlt, seit ich die digitale Entrümpelung vorgenommen habe. Im Gegenteil: Seitdem fühle ich mich zunehmend klarer im Kopf (bitte ersparen Sie sich an dieser Stelle schlechte Witze über meinen Geisteszustand). Ich habe auch nicht das Gefühl, dass den Menschen in meinem Umkreis irgendetwas fehlt, seit sie nicht mehr wissen, wo ich gerade bin und nicht mehr jeden Tag mit 27 Tweets zugeballert werden.

Schön also, dass die Menschheit und die Medien langsam wirklich in der digitalen Welt ankommt. Was wir in und aus dieser Welt machen, ist aber immer noch eine ziemlich offene Frage.