Das Medienjahr 2013: Immer noch auf Antwortsuche

Es ist ja unbestritten ganz praktisch, wenn man sich gerade Gedanken über so etwas Ähnliches wie einen Jahresrückblick macht – und dann kommen andere daher und nehmen einem den einen oder anderen Denkanstoß ab und greifen dabei auch noch auf ein wohl sortiertes Audioarchiv zurück. So geschehen am Donnerstag Abend, als Daniel Fiene und der Herr Pähler ihren Jahresrückblick bei DRadio Wissen rausgehauen haben und mir freundlicherweise erlaubt haben, geschlagene 90 Minuten meinen Senf dazu zu geben, was man übrigens hier nachhören kann.

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Aber natürlich sind auch 90 Minuten Sendezeit etwas kurz, man bringt nicht alles rein, was man gerne hätte und man hat natürlich auch noch den einen oder anderen weiterführenden Gedanken. Einen, der im Jahresrückblick gar keinen Platz gefunden hat — ist einer, für den ich wahrscheinlich wenigstens verwunderte Blicke bekomme. Weil — Kollegen schelten und gleichzeitig Politiker wenigstens vorsichtig verteidigen, das geht gar nicht, will man nicht dem Verdacht ausgesetzt sein, man  sei wahlweise Parteigänger, Lobbyist oder schlichtweg nicht ganz bei Trost. Trotzdem oder gerade deswegen: Ich bin gerade 2013 den Eindruck nicht losgeworden, dass nicht nur unsere Außenwirkung ein wenig gelitten hat, sondern dass Journalisten immer häufiger den Versuchung erliegen, in einer für aufgeheizten Stimmungen sehr empfänglichen Öffentlichkeit immer öfter mal jegliches Maß und Ziel verlieren.  Wenn man beispielsweise in diesen Tagen erlebt, wie an strafrechtlich relevanten Vorwürfen gegen Christian Wulff ein beschämend lächerliches Maß übrig bleibt und wenn man sich gleichzeitig vor Augen führt, wie Wulff wie ein Verbrecher niedergeschrieben wurde — dann kann man sich zwar fragen, ob nicht die Justiz gerade maßlos übertreibt. Aber man muss sich dann eben auch die Frage stellen, ob nicht die mediale Berichterstattung auch dazu geführt hat, dass eine Staatsanwaltschaft sich möglicherweise erst so richtig ermutigt oder vielleicht auch unter Druck gesetzt gefühlt hat, Wulff ordentlich auseinander zu nehmen.

Damit wir uns nicht missverstehen: dass Wulff sich in seinen Ämtern unmöglich gemacht hatte, steht außer Zweifel. Aber unter dem Strich wird folgende Bilanz bleiben: Ein Mann verliert sein komplettes Ansehen, seine Ehe und seine Ehre, er wird einmal komplett öffentlich durchleuchtet einschließlich aller Kontoauszüge, Freundschaften und seiner Hauseinrichtung. Das alles wegen eines Vorwurfs, der sich irgendwo im dreistelligen Eurobereich bewegt. Und der, so viel lässt sich prophezeien, demnächst wegen Geringfügigkeit nicht mehr weiter verfolgt wird.

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Natürlich ist der Fall Wulff der extremste seiner Gattung. Aber auch andere Geschichten haben gezeigt, dass wir mal wieder über unser Selbstverständnis nachdenken sollten. Beispielsweise dieses ominöse Slomka-Gabriel-Interview. Da war eine Journalistin nicht nur schlecht vorbereitet, sondern beharrte auch quengelig wie ein Kleinkind auf einem Randaspekt des Themas. Ein Aspekt, von dem man heute weiß, dass er tatsächlich irrelevant war. Und einer, zu dem Gabriel eine klare Antwort gegeben hatte; es war ja nicht so, dass er sich vor einer Antwort gedrückt hätte. Ganz ehrlich: Wäre ich an Gabriels Stelle gewesen, hätte ich Frau Slomka auch irgendwann mal gefragt, was der Unsinn soll.

Was daran besonders nervt: Zunehmend öfter erlebt man Totschlagargumente, ist sofort die Pressefreiheit bedroht und am besten gleich noch der ganze Staat, wenn die Menschen auf der anderen Seite des Schreibtisches irgendwann mal sagen, dass es so nicht geht. Spätestens dann, wenn sich Michael Konken und der DJV melden, ahnt man, dass die Debatte zu Tode geritten ist. Es ist nur einfach nicht so, dass an einem missratenen Interview grundsätzlich der Interviewte schuld ist und dass jede Berichterstattung auch durch ihren Hintergrund gerechtfertigt ist. Im Fall Wulff und auch bei der Debatte um Gabriel und Slomka habe ich mich jedenfalls dabei ertappt, dass mein inneres Zustimmungspendel ungewollt gegen die Journalisten-Seite ausschlug. Dass das ZDF in der „heute-show“ noch eine dünne Satire brachte und eine „Horst-Seehofer-Journalistenschule“ parodierte, machte die Sache auch nicht wirklich besser. Natürlich sind Politikeranrufe bei Sendern immer so eine Sache, aber trotzdem: Sowohl im Fall Wulff als auch bei Gabriel gäbe es schon ein paar Gründe, die dafür sprächen, dass Journalisten mal ein bisschen in sich gehen und über den Unterschied zwischen hartnäckiger Recherche bzw. hartnäckigem Nachfragen und Maßlosigkeit und Oberflächlichkeit nachdenken.

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Wenn man denn unbedingt das Medienjahr 2013 bilanzieren will, dann ist das ungleich schwieriger als 2012. 2012 schien die Sache eindeutig: Die FTD machte dicht, die FR stand kurz davor. Man redete vom Zeitungssterben und davon, dass es wohl doch schneller gehen könnte mit dem Siechtum analoger Medien. In diesem Jahr ist das Bild ambivalenter. Das hat kein Deal klarer gezeigt als der zwischen Springer und Funke. Da gibt es auf der einen Seite den Verkäufer, der offenbar dauerhaft nicht mehr an dieses Kerngeschäft der gedruckten Regionalzeitung glaubt und sich stattdessen radikal an einer digitalen Neuausrichtung des Hauses versucht. Dass er dieses Kerngeschäft nicht verramschen musste, sondern stattdessen einen sehr anständigen Preis erzielte, lag daran, dass auf der anderen Seite jemand stand mit genau gegenteiliger Auffassung: Bei Funkes glauben sie anscheinend noch sehr an die gedruckte (Regional-)Zeitung. Obwohl, sogar innerhalb der Funke-Handlungen kann man jede Menge Widersprüche entdecken. Man hat auf der einen Seite fast eine Milliarde für die Springer-Blätter ausgegeben, auf der anderen Seite aber weiter Personal abgebaut, Redaktionen geschlossen und ab 2014 als Sparmaßnahme auch noch alle Agenturen außer dpa gekündigt. Wie das alles zusammen gehen soll, wissen sie vermutlich nur bei Funke selber.

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Es war ansonsten übrigens ein Super-Super-Wahljahr (frei nach Pep Guardiola) in Deutschland. Das wäre eine gute Gelegenheit zu bilanzieren, wie sehr sich neue Formen des Journalismus etabliert haben und was sich seit 2009 geändert haben könnte. Leider muss man, durchaus überrascht, feststellen, dass das so rasend viel gar nicht wahr. Die üblichen Verdächtigen bei süddeutsche.de und bei „Zeit Online“ haben sich wohltuend abgehoben von der Routine der anderen. Bei den meisten muss man allerdings feststellen: alles wie gehabt. Die ganz großen, aufregenden Neuerungen sind 2013 ausgeblieben, auch bei denen, die sie eigentlich angekündigt hatten und von denen man sie vielleicht sich hätte erwarten dürfen. Die „Huffington Post“ jedenfalls — als wohl größte und spektakulärste Neugründung des Jahres — ist nicht unbedingt das, was man in Deutschland noch unbedingt zu seinem Medienglück gebraucht hätte.

Aber vielleicht ist das ja auch die Quintessenz des Medienjahres: Dass es irgendwann nicht mehr so weitergehen kann wie jetzt, das ahnen wir alle ja schon etwas länger. Die richtigen Antworten auf die vielen Fragen werden wir aber womöglich noch einige weitere Jahre suchen müssen.

Klammern an „Bild“ und ein zahlendes Prozent

Wenn man sich die Reaktionen auf die erste Zwischenbilanz des „Plus“-Modells der „Bild“ anschaut, dann könnte man meinen, die Branche habe tatsächlich den Wunsch des Konzerns bei der Einführung der Bezahlinhalte erfüllt: feste Daumen drücken! Anders lässt sich der manchmal mehr und manchmal weniger verhaltene Jubel angesichts der Erfolgsmeldungen von Springer kaum erklären. „Springer zeigt, wie man im Internet Geld verdient“, habe ich heute schon gelesen. Nüchtern betrachtet hat „Bild“ dagegen nur eines bewiesen: Bezahlinhalte werden für alle, die nicht gerade sehr spezialisierte Themen bearbeiten, bestenfalls ein kleines Zusatzgeschäft bleiben. Und: Für die überwiegende Masse ist „Paid Content“ schlichtweg kein Thema. Und noch ein letztes: Für die ganz überwiegende Masse sind die Angebote, die Webseiten vor der Paywall stehen haben, meistens schon ausreichend. Um hinter die Bezahlschranke zu wollen – dazu muss man schon ein beinharter Fan des jeweiligen Angebots sein.

Gehen wir also das Beispiel „Bild“ mal genau durch: Innerhalb eines halben Jahres hat man rund 150.000 Digital-Abos abschließen können. Klingt in absoluten Zahlen viel, ist relativ gesehen aber nur unwesentlich über dem, was andere Häuser auch schaffen. „Bild“ liegt bei einer Konversion von rund einem Prozent. Gemessen bspw. an NYT oder auch der eigenen „Welt“ ist das etwas mehr als gewohnt, unter dem Strich heißt das aber eben auch: 99 Prozent der Leser nutzen „Bild“ nach wie vor, ohne für die Digital-Ausgabe zu bezahlen. Und schließlich muss man noch einen sehr speziellen Trumpf ins Feld führen, den „Bild“ hat: Bundesliga-Bewegtbilder. Das hat sonst niemand zu bieten. Es wäre also mehr als erstaunlich, hätte „Bild“ es nicht geschafft, eine höhere Konversion als andere zu erzielen.

Wenn man also davon ausgeht, dass 99 Prozent der Nutzer nicht bereit sind, für digitale Inhalte Geld auszugeben – ist es dann wenigstens dieses eine Prozent? Die Frage stellt sich im Falle „Bild plus“ nicht. Weil „Bild“ ja das Angebot nicht reduziert, sondern erweitert hat. Wer also wirklich alle Geschichten lesen will, muss zahlen. Das machen ein paar Hardcore-Fans, der Rest kommt ganz gut mit dem aus, was kostenlos zu lesen ist. Es ist also ein bisschen wie bei einer DVD: Man kann die Standardausführung bekommen und wenig bezahlen. Wenn man richtiger Fan ist, kauft man sich irgendeine Deluxe-Edition mit Bonusmaterial und anderen Gimmicks. „Bild plus“ ist also eine Art „Bild Deluxe“ – und deshalb sagt dieses Modell nicht sehr viel darüber aus, ob Menschen bereit sind, für Journalismus Geld auszugeben.

Zumal sich am grundsätzlichen Geschäftsmodell der „Bild“ nichts geändert hat: Es basiert immer noch zu 99 Prozent auf Reichweite und Werbung. Erst aus der Reichweite — die ja bei „Bild“ zweifelsohne enorm ist — entsteht die Möglichkeit, mit Zusatzinhalten nennenswert Geld zu verdienen. Da reicht dann schon eine Konversion von einem Prozent aus, um in den Millionenbereich zu kommen. Stellen wir uns dieses Modell bei einem Regionalzeitungsverlag vor, dann sehen die absoluten Zahlen schon nicht mehr so wirklich rosig aus.

„Bild“ ist auch aus anderen Gründen keine Blaupause für andere Verlage. Zum einen: „Bild“-Geschichten werden ausreichend von anderen Medien nacherzählt, auch und vor allem solche, die sich hinter der Bezahlschranke verbergen. Das klingt auf den ersten Blick ärgerlich, ist es aber auf den zweiten Blick gar nicht. Dadurch geraten nämlich auch die „Bild“-Geschichten in die sozialen Netzwerke, die normalerweise wegen der Bezahlschranke dort kein Thema wären. Soll heißen: „Bild“ bleibt trotz allem im Gespräch. Das wäre bei kleineren Medien, die weder die Reichweite noch die Themen haben, anders. Wer sich hinter die Bezahlschranke stellt, stellt sich auch bei sozialen Netzwerken ins Abseits. Und zum anderen: „Bild“ hat auch kostenfrei ein Angebot, das groß genug ist, um Reichweite zu generieren. Wenn — mal angenommen — eine Regionalzeitung nur noch die dpa-Meldungen aus dem überregionalen Geschehen frei empfänglich und den Rest bezahlpflichtig macht, dann muss sie mit massiven Einbrüchen in der Reichweite rechnen. „Bild“ kann beides, sowohl Reichweite als auch Paid Content, das ist der Unterschied.

Wobei nicht mal „Bild“ ungeschoren davon kommt, wenn es um Reichweite geht: Ein halbes Jahr nach der Einführung liegen die Reichweiten unterhalb der vor der Bezahlschranke (wenn auch, zugegeben, von einem sehr hohen Niveau kommend). Ob man allerdings schon irgendeine gültige Aussage darüber treffen kann, wie sich Bezahlschranken auf die Reichweite auswirken können, sei dahin gestellt:

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Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Drei gewinnen leicht bzw. halten ihr Niveau, drei verlieren teilweise spürbar: Es scheint immer noch so zu sein, dass regionale und produktspezifische Eigenheiten die entscheidende Rolle spielen bei dieser Frage. Und natürlich spielt auch die Form der Bezahlschranke eine wichtige Rolle. „Bild“ hat sein Angebot ja nicht wirklich reduziert, es gibt keine spürbaren Einschränkungen, außer der, dass man jetzt eine ganz bestimmte Geschichte nicht lesen kann. Nachdem aber dort noch etliches anderes Zeugs steht…so what?

Trotzdem bleibt, bei allen Besonderheiten, zumindest eine Feststellung, die vermutlich eine gewisse Allgemeingültigkeit hat: Zahlen für Journalismus, das wird im Netz weiterhin eine kleine Minderheitenveranstaltung bleiben. Bei Konversionsraten von einem Prozent wäre es absurd, irgend etwas anderes zu glauben.

Was vom #tag2020 übrig bleibt

Im „Spiegel“ beginnt mit der neuen Ausgabe eine größere Serie zum Thema „Zukunft der Tageszeitung“. Erzählt wird das ganze in einem neuen Format, der sogenannten „Multistory“. Das ist vermutlich die etwas hippere Variante eines crossmedialen Projekts, jedenfalls aber widmet man sich dort diesem Thema derart intensiv, dass man eine Ahnung davon bekommen  kann, wie relevant das Thema inzwischen auch außerhalb der jahrelang branchenintern heftig geführten Debatten geworden ist. So wichtig, dass man es auf den Titel gehoben hätte, ist es noch nicht, da war Napoleon schon wichtiger. (aber ok, besser als irgendwas mit Hitler). Ab morgen sollen die Debatte und das Thema auf „Spiegel Online“ weitergeführt werden und wenn die Redaktion meinen Text nicht gerade als unbrauchbar gelöscht hat, werde ich bei dieser Debatte ebenfalls vertreten sein.

Die Geschichten aus dem Heft habe ich, appseidank, heute schon gelesen. Da steht nicht viel drin, was man als mit dem Thema befasster nicht irgendwie schon mal gehört hätte (was ja auch nicht Ziel der Übung war, der normale Spiegel-Leser wird sich mit den Tücken unseres Berufs vermutlich wenig beschäftigt haben). Was aber auffällig ist: Der Ton hat sich geändert. Das klingt jetzt erst mal kryptisch. Und weil das so ist, habe ich auch darauf verzichtet, diesen Satz, diesen Eindruck in meinen Beitrag für „Spiegel Online“ zu packen. Tatsächlich aber gab es für mich bei der Lektüre der „Spiegel“-Geschichten vor allem das als ersten und bleibenden Eindruck: Wenn man das mittelfristige Ende der Tageszeitung an einem Indikator festmachen will (außer natürlich an den ganzen anderen, den Zahlen beispielsweise), dann kann man das inzwischen ganz gut an der Tonart festmachen, die inzwischen auch aus den Verlagen, ihren Geschäftsführungen, Herausgebern und Chefredakteuren angeschlagen wird. Die war noch vor gar nicht mal so langer Zeit so, dass Menschen, die an eine Digitalisierung des Journalismus glaubten, als eher bemitleidenswerte Spinner belächelt wurden. Dann kam die Phase, in der sie vom Spinner wenigstens schon mal zur Kassandra befördert wurden, dann schließlich zum Onliner, der schon auch mal wichtig werden könnte. Heute sollen sie den Verlag retten. Der FAZ attestiert der „Spiegel“ beispielsweise, man verlasse sich dort ziemlich auch den neuen Online-Chef  (der zufällig vom „Spiegel“ kommt). Wenn man vor ein paar Jahren gesagt hätte, die FAZ setze mal sehr darauf, dass die Rettung aus dem Digitalen kommen könne, man hätte ihn auf seinen Geisteszustand untersuchen lassen.  Trotzdem ist das Warten auf Müller-Blumencron womöglich gar keine schlechte Idee, wenn man im gleichen Heft zum Thema Internet ansonsten nur mal wieder das übliche Schirrmacher-Lamento liest, es gehe jetzt demnächst um die Frage nach dem Wert der geistigen Arbeit im Allgemeinen und des Journalismus im Speziellen. Das mag schon möglich sein, dass das so ist, wird aber den durchschnittlichen Nutzer im Zweifelsfall eher weniger interessieren. Und dass bei den Kollegen der „Süddeutschen“ die spannenderen Beiträge schon seit längerem mehr von Stefan Plöchinger und weniger von Kurt Kister kommen, ist auch nur bedingt ein Zufall.

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Der „Spiegel“ beschreibt in seinem ausführlichen Stück dann auch noch mal ein paar Realitäten, die sich auf Zahlen stützen. Beispielsweise über das momentan wieder mal überaus gehypte Thema „Paid Content“, bei dem sich dann rausstellt, dass die Zahlen doch nicht so großartig sind, wie man vielleicht denken könnte, nicht mal beim Lieblingsbeispiel der Branche, der „New York Times“. Dass es aus dem Hause Springer nicht fortlaufend Jubelmeldungen über „Bild plus“ und dem Pay-Modell der „Welt“ gibt, mag einer Menge von Gründen geschuldet sein. Einer davon könnte sein, dass es so viel vielleicht gar nicht zu jubeln gibt. Die Zahlen über die stetig sinkenden Auflagen sind ebenfalls jedem bekannt, der mit der Branche zu tun hat und dass weder die Vertriebs- noch die Anzeigenumsätze viel Grund zur Hoffnung geben, ist ebenfalls nicht neu.  Das alles muss man aufschreiben, wenn es um die Probleme und die Zukunft der Zeitungen geht, bringt aber die Sache nicht endgültig auf den Punkt. Dass sie Umsätze, Auflage und Relevanz verlieren, wissen sie in den meisten Häusern schon ganz gut selbst, wenn man nicht gerade beispielsweise in Passau sitzt, dort den Realitätsverlust zur Verlagspolitik erklärt und Dinge wie beispielsweise eine App für Tablets für völlig überbewerteten Unfug hält. Selbst wenn sich der Ton gegenüber Onlinern geändert und man womöglich erkannt hat, dass es ganz ohne dieses Internet nicht gehen wird, die Konsequenzen, die in den allermeisten Häusern daraus gezogen sind zu wenige – falls es überhaupt irgendwelche gibt.

Das hat damit zu tun, dass in er durchschnittlichen deutschen Tageszeitung das Thema Medienwandel (hier steht absichtlich: Medienwandel. Und nicht Internet) nicht wirklich durchdrungen und bearbeitet wird. Für die allermeisten ist die große Abenteuerwelt des Internet noch immer ein zusätzlicher Ausspielkanal. Würde man vom Chefredakteur bis zum Volo nach dem Verständnis der Digitalisierung fragen, die meisten würden sinngemäß sagen: Da kann man jetzt auch noch reinschreiben. Ist das ein Wunder, wenn sogar Journalistenausbilder wie Wolf Schneider dem Netz vor allem bescheinigen, dass in seinem großen Bauch auch Dinge Platz finden, die in die Zeitung nicht mehr reinpassen? Kurz gesagt: Wer eine Webseite betreibt und einen Facebookaccount und möglicherweise sogar eine App, der hat noch lange nicht begriffen, was Journalismus im digitalen Zeitalter bedeutet. Oder wenigstens bedeuten müsste.

Genau deswegen sind ja auch diese ganzen Debatten um Papier oder nicht Papier so sinnlos. Ich kenne kaum ein Verlagshaus, in dem sich die Debatten tatsächlich auch um ein geändertes journalistisches Rollenverständnis oder um eine neue Positionierung der eigenen Publikation in der Gesellschaft drehen würden.  So lange das aber so ist, ist es vergeudete Zeit, über digitale Produkte zu reden. Oder darüber, ob den Menschen geistige Arbeit noch irgendwas wert ist. Die Frage wäre also viel eher: Ist es die richtige geistige Arbeit, die wir da verrichten? Braucht und will die künftig überhaupt noch ein Mensch? Würde man heute einen Opel Kadett bauen, wäre die Frage ja auch nicht die, ob den Menschen die Arbeit, die hinter einem solchen Kadett steht, noch etwas wert ist. Die Frage wäre eher: Will und braucht jemand noch einen Kadett, sofern er nicht gerade alte Autos sammelt?

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Man weiß also momentan nicht so recht, ob man es als wirklichen Fortschritt verstehen soll, wenn die Onliner in den Verlagshäusern jetzt nicht mehr nur am Katzentisch sitzen und manchmal sogar als Heilbsringer angesehen werden oder gute Interviews geben dürfen.

Die Kollegen vom „Spiegel“ jedenfalls haben angekündigt, dass am Ende ihrer dreiwöchigen Debatte das Konzept und die Idee einer modernen Tageszeitung stehen soll. Wenn ich bei diesem Projekt auf etwas gespannt bin, dann auf das.

Die Verlagsträume vom flotten Dreier

Der größte redaktionelle Alptraum, den ich mal hinter mich bringen musste, nannte sich „Zentralredaktion“. Dieses journalistische Monstrum sollte vor knapp 15 Jahren alle Sender und Mediengattungen der damaligen Kirch-Gruppe mit Inhalten beliefern. Alles aus einer Hand, trotzdem individualisiert, unheimlich effizient und kostensparend. Man muss das Journalisten vermutlich nicht erzählen, dass eine solche Idee nur aus den feuchten Träumen von Controllern und Vorständen kommen kann, in der Tat aber kein realistisches Konstrukt ist. Ein Inhalt, der gleichermaßen bei N 24 wie Pro 7  funktionieren soll? Kaum vorstellbar (es sei denn, man sieht sich an, was inzwischen aus der Nachrichtenattrappe N 24 geworden ist; da kann man durchaus Nachrichten zu Dokus über die größten Sattelschlepper der Welt oder irgendwas mit Wetter oder Hitler auf allen Kanälen bringen). Ein Journalist weiß also, dass die Träume von den Synergien etc. in etwa gleichbedeutend mit einem flotten Dreier ist: Die meisten Controller träumen von ihm, selten wird er wahr.

In den letzten Jahren sind die kleinen Fantasien von flotten Dreiern in vielen Verlagen wieder hochgekommen. Springer versucht sich seit Jahren an irgendwelchen eher mäßig funktionierenden Zuliefer- und Austauschmodellen, bei Gruner&Jahr hat man die ganzen Wirtschaftspublikationen mal eben in einen großen Topf geworfen und daraus kurzerhand die „Wirtschaftspresse“ gemacht. Die Funkes formerly known as WAZ lassen sich mittlerweile ihre Zeitungen im Lokalteil teilweise von der Konkurrent befüllen. Das Ergebnis ist bekannt: Die Austauscherei hat kein einziges Springer-Blatt weiter gebracht, die WAZ verliert in Dortmund mehr an Auflage als ohnehin schon in den anderen Regionen, die „Wirtschaftspresse“ ist traurige Geschichte (der Korrektheit halber sollte ich dazu fügen, dass ich an der Umsetzung einer Zentralredaktion bei Kirch ebenfalls mehr oder weniger kläglich gescheitert bin).

Dass es das neue Springerfunke-Großkonglomerat jetzt wieder mit einem synergetischen Modell versuchen will, kann man als konsequent bezeichnen. Oder auch als unbelehrbar. Jedenfalls soll ungeachtet des Verkaufs der Springer-Blätter an die Funke-Gruppe die Zulieferung der „Welt“ an die anderen weitergehen. Das klingt erst einmal logisch und nachvollziehbar, weil das ja bisher schon so war. Die tatsächliche Dimension ist allerdings die, dass die Funke-Gruppe zu einem role model für einen überaus merkwürdigen Trend in der Verlagswelt wird: Man versucht zunehmend, Zeitungen zusammenzuschustern. Von Publizistik und Journalismus kann jedenfalls bei der ehemals stolzen WAZ kaum mehr die Rede sein, eher von einer Hülle, in die verschiedene Inhalte eingekauft werden. Dass sie sich bei Springer angesichts dieses Deals freuen werden, dürfte gesichert sein. Man verkauft seinen alten Krempel und schließt dazu gleich noch einen Servicevertrag ab.

Tatsächlich muss man sich bei dieser ganzen Sache sehr viel mehr über die Funke-Gruppe wundern als über Springer. Im Ruhrgebiet kreist seit Jahren die ganz große Sparkeule, hunderte Jobs sind abgebaut, ganze Redaktionen mit einem Federstrich geschlossen worden, die Auflagen befinden sich selbst für Tageszeitungsverhältnisse in einem erstaunlich freien Fall, eine klare Digitalstrategie gibt es nicht und von einem journalistischem Profil mag man eh nicht mehr sprechen – und dann kauft man in einem kriselnden Kerngeschäft das kriselnde Kerngeschäft eines Konkurrenten dazu, um sich von diesem Konkurrenten dann mit Inhalten beliefern zu lassen? Ich habe nicht BWL studiert und würde mir auch keine übertrieben hohen strategischen Fähigkeiten zubilligen, aber um das als ziemlichen Unsinn zu erkennen, dafür reicht es sogar bei mir noch.

Und auch im gefühlten Jahr 50 nach Beginn der Digitalisierung staunt man immer noch über beträchtliche Teile der deutschen Verlage: Es fallen einem spontan nur sehr wenige ein, denen man eine stringente und zukunftsfähige Digitalstrategie zubilligen würde. Digitale Innovationen aus Verlagshäusern werden eher selten gesichtet, beim Hase- und Igelspiel mit dem Netz sind sie meistens Hase. Das Leistungsschutzrecht haben sie durchgedrückt und es wird ab morgen wirkungslos verpuffen (dazu habe ich gesondert ein paar Sätze bei „Cicero“ geschrieben). Nur was ihre eigentlichen Überlebensstrategien angeht, fällt ihnen meistens nicht sehr viel mehr ein als sparen und zusammenlegen, was sich jetzt Synergien nennt und gleich viel besser klingt.

Wie solche Geschichten meistens weitergehen, wissen BWL-Studenten übrigens sehr häufig schon nach dem zweiten Semester.

Und jetzt noch ein Pulitzer-Preis für „Hörzu“

Axel Caesar Springer, könnte er es hören, würde sich wundern. Darüber, was man ihm bald 30 Jahre nach seinem Tod alles an Wohlwollendem hinterherruft. Dass er ein großer Verleger gewesen sei, einer mit Spürnase, einer der noch publizistisch-verlegerisch gedacht habe und einer, der mit Herzblut bei der Sache war. Nicht so eine Controller-Krämerseele wie dieser Dr. Döpfner, der da mal einfach eben so Sachen verscherbelt, die quasi stellvertretend für große journalistische Traditionen stehen. Man staunt zwar ein bisschen, dass das die „Morgenpost“ und die „Hörzu“ gewesen sein sollen, ohne die Springer, ach, was reden wir, der ganze Journalismus in Deutschland nie, nie wieder so sein werden wie sie mal waren. Aber in einer hysterisch geführten Debatte macht man eben auch mal aus einer Fernsehzeitschrift eine Ikone des deutschen Journalismus.

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Vermutlich war es schlichtweg dieser sehr radikale Schnitt bei Springer, der jetzt für so viel Aufregung sorgt. In der Konsequenz ist er aber trotzdem nicht wirklich überraschend: Dass man bei Springers schon länger nicht mehr an eine große Zukunft von gedruckten Medien glaubt, war aus so vielen Äußerungen herauszulesen und in so vielen Unternehmensentscheidungen versteckt, dass man reichlich naiv sein müsste, um jetzt noch ernsthaft überrascht zu sein. Nüchtern betrachtet ist lediglich das eingetreten, was ziemlich viele der üblichen Verdächtigen aus den bloggenden Netzgemeinde schon lange prophezeien: Das Zeitfenster für Print schließt sich zunehmend. Und ebenso nüchtern betrachtet muss man Döpfner ja fast schon wieder gutes Management bescheinigen: Eine knappe Milliarde ist ein sehr ordentlicher Erlös – und die Hände an den abgestoßenen Blättern macht sich jetzt Funke schmutzig, nicht Springer. Nachdem man bei Funkes schon mal auch eine ganze Zeitung ohne Redaktion macht, haben die Herrschaften in dieser Disziplin ja vermutlich Erfahrung.

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Soweit die nüchterne Einschätzung. Die ganze Geschichte hat aber noch eine zweite und dritte Komponente. Dass der Verkauf für die betroffenen Mitarbeiter eine sehr bittere Sache ist, wird niemand bestreiten können. Anlass zur Häme gibt es nicht, selbst wenn man eine sehr nüchterne Einschätzung der Lage vornimmt. Job- und Existenzangst zu haben, das wünscht man niemandem.

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Aber der Springer-Radikalschnitt hat auch für Journalisten Konsequenzen, die nicht bei Springer arbeiten und womöglich auch gar nicht vorhaben, das jemals zu tun. Der Deal ist ein Fanal für alle, die jetzt Journalisten sind oder es noch werden wollen. Ein Fanal, dass es auch für sie nicht so weitergehen kann wie bisher. Dafür, dass das Internet eben nicht ein Betriebsunfall der medialen Geschichte ist oder nur eine nette Ergänzung dessen, was schon immer da war und auch immer bleiben wird. Wenn man so will, dann kommt der Journalismus jetzt endgültig im digitalen Zeitalter an. Die Frage dabei ist gar nicht, ob man Zeitungen lieber gedruckt oder digital konsumieren will. Es geht vielmehr darum, wie Journalismus künftig aussehen wird. Das, was Journalisten können müssen, geht weit über das hinaus, was ihnen heute abverlangt wird. Darüber würde es sich lohnen zu reden – und nicht so sehr darüber, ob jetzt eine Zeitung auf Papier oder auf dem Tablet gelesen wird. Der Journalismus, der dort gemacht wird, ist nahezu identisch (weswegen es übrigens auch ein Trugschluss ist zu glauben, die Erfindung des Tablets habe irgendwas gerettet).

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Man kommt in diesem Zusammenhang übrigens nicht daran vorbei, sich ein wenig über den Zustand des Medienjournalismus in Deutschland zu wundern. Das Medienmagazin „Töne, Texte, Bilder“ bei WDR 5 beispielsweise hatte keine schlechtere Idee als den Zeitungswissenschaftler Horst Röper zu fragen, den sie immer fragen, wenn in irgendeinem Thema ansatzweise das Wort „Zeitung“ vorkommt. Der Wissenschaftler röperte dann auch mal in gewohnter Manier, sagte ziemlich überraschend, Springer sei ja noch ein echter Verleger gewesen und dass wir allmählich auf ein Finanzierungsproblem zusteuern, wenn „das Internet kostenlos bleibt“ (das sagte er wirklich). Danach fragten sie die Vorsitzende des Springer-Betriebsrats, ob der Schock noch tief sitze. Die Dame antwortete wahrheitsgemäß, dass der Schock noch tief sitze, um dann das übliche Zeug im Gespräch mit der Moderatorin abzusondern: dass Springer jetzt irgendwie seine Seele verkauft habe und dass Journalismus wohl keine wirkliche Rolle mehr spiele. Bei allem Respekt vor den Kollegen (und allem Verständnis für ihre jetzt ziemlich unangenehme Lage): Wenn „Bild der Frau“ und „Hörzu“ die Seele des Springerverlags gewesen wären, dann stände es vermutlich gar nicht mehr gut um Springer. Und nur mal angenommen, Döpfner hätte nicht verkauft und irgendwann mal eines der Blätter schließen müssen – die Kommentare, dass da jemand alle Zeichen der Zeit verschlafen habe, kann man sich wunderbar ausmalen. Zumal es ja schon interessant ist, wie viele Kritiker und (Medien-)Journalisten reagiert haben: Irgendwas mit Tradition und Seele und Zeitung und nicht mehr so wichtigem Journalismus tauchte immer auf, sogar beim ansonsten unaufgeregt-sarkastischem Kurt Kister in der SZ. Ganz so, als könne man mit Tradition und Seele Journalismus finanzieren. Um nicht falsch verstanden zu werden: Natürlich darf und muss sich Medienjournalismus kritisch gerade mit Springer auseinandersetzen. Aber was mir bei den Medienmagazinen und den Röpers dieses Landes einfach nicht gefällt, ist der leicht larmoyante Grundton, diese „Früher war halt doch besser“-Haltung und die Nicht-Auseinandersetzung mit medialen Zukunftsthemen. Vom WDR und von Röper hätte ich viel lieber gewusst, wie wohl ein Springer-Verlag der Zukunft ausssehen mag und welches Muster für die Branche erkennbar sein könnte.

Aber vielleicht ist das ja auch nur einfach symptomatisch für eine Branche, die ihre Vergangenheit seit Jahren zunehmend verklärt.

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Hinweis noch in eigener Sache: Die letzte „Redaktionskonferenz“ mit Daniel Fiene und Herrn Pähler hat sich diesem Thema natürlich auch ausführlich gewidmet. Ohne Horst Röper (dafür mit, hüstel, mir).