Das Aus der „HuffPo“ – und ein paar Lehren für den Journalismus

Die deutsche Ausgabe der „HuffPo“ macht dicht. Nach gerade mal fünf Jahren. Sieht man davon ab, dass es für betroffene Mitarbeiter nie schön ist, wenn die eigene Redaktion zumacht, lässt sich dennoch festhalten: Es war ein Scheitern mit Ansage. Zudem eines, das für den Journalismus keine schlechte Nachricht sein muss. Read More

Das Medienjahr 2013: Immer noch auf Antwortsuche

Es ist ja unbestritten ganz praktisch, wenn man sich gerade Gedanken über so etwas Ähnliches wie einen Jahresrückblick macht – und dann kommen andere daher und nehmen einem den einen oder anderen Denkanstoß ab und greifen dabei auch noch auf ein wohl sortiertes Audioarchiv zurück. So geschehen am Donnerstag Abend, als Daniel Fiene und der Herr Pähler ihren Jahresrückblick bei DRadio Wissen rausgehauen haben und mir freundlicherweise erlaubt haben, geschlagene 90 Minuten meinen Senf dazu zu geben, was man übrigens hier nachhören kann.

***

Aber natürlich sind auch 90 Minuten Sendezeit etwas kurz, man bringt nicht alles rein, was man gerne hätte und man hat natürlich auch noch den einen oder anderen weiterführenden Gedanken. Einen, der im Jahresrückblick gar keinen Platz gefunden hat — ist einer, für den ich wahrscheinlich wenigstens verwunderte Blicke bekomme. Weil — Kollegen schelten und gleichzeitig Politiker wenigstens vorsichtig verteidigen, das geht gar nicht, will man nicht dem Verdacht ausgesetzt sein, man  sei wahlweise Parteigänger, Lobbyist oder schlichtweg nicht ganz bei Trost. Trotzdem oder gerade deswegen: Ich bin gerade 2013 den Eindruck nicht losgeworden, dass nicht nur unsere Außenwirkung ein wenig gelitten hat, sondern dass Journalisten immer häufiger den Versuchung erliegen, in einer für aufgeheizten Stimmungen sehr empfänglichen Öffentlichkeit immer öfter mal jegliches Maß und Ziel verlieren.  Wenn man beispielsweise in diesen Tagen erlebt, wie an strafrechtlich relevanten Vorwürfen gegen Christian Wulff ein beschämend lächerliches Maß übrig bleibt und wenn man sich gleichzeitig vor Augen führt, wie Wulff wie ein Verbrecher niedergeschrieben wurde — dann kann man sich zwar fragen, ob nicht die Justiz gerade maßlos übertreibt. Aber man muss sich dann eben auch die Frage stellen, ob nicht die mediale Berichterstattung auch dazu geführt hat, dass eine Staatsanwaltschaft sich möglicherweise erst so richtig ermutigt oder vielleicht auch unter Druck gesetzt gefühlt hat, Wulff ordentlich auseinander zu nehmen.

Damit wir uns nicht missverstehen: dass Wulff sich in seinen Ämtern unmöglich gemacht hatte, steht außer Zweifel. Aber unter dem Strich wird folgende Bilanz bleiben: Ein Mann verliert sein komplettes Ansehen, seine Ehe und seine Ehre, er wird einmal komplett öffentlich durchleuchtet einschließlich aller Kontoauszüge, Freundschaften und seiner Hauseinrichtung. Das alles wegen eines Vorwurfs, der sich irgendwo im dreistelligen Eurobereich bewegt. Und der, so viel lässt sich prophezeien, demnächst wegen Geringfügigkeit nicht mehr weiter verfolgt wird.

***

Natürlich ist der Fall Wulff der extremste seiner Gattung. Aber auch andere Geschichten haben gezeigt, dass wir mal wieder über unser Selbstverständnis nachdenken sollten. Beispielsweise dieses ominöse Slomka-Gabriel-Interview. Da war eine Journalistin nicht nur schlecht vorbereitet, sondern beharrte auch quengelig wie ein Kleinkind auf einem Randaspekt des Themas. Ein Aspekt, von dem man heute weiß, dass er tatsächlich irrelevant war. Und einer, zu dem Gabriel eine klare Antwort gegeben hatte; es war ja nicht so, dass er sich vor einer Antwort gedrückt hätte. Ganz ehrlich: Wäre ich an Gabriels Stelle gewesen, hätte ich Frau Slomka auch irgendwann mal gefragt, was der Unsinn soll.

Was daran besonders nervt: Zunehmend öfter erlebt man Totschlagargumente, ist sofort die Pressefreiheit bedroht und am besten gleich noch der ganze Staat, wenn die Menschen auf der anderen Seite des Schreibtisches irgendwann mal sagen, dass es so nicht geht. Spätestens dann, wenn sich Michael Konken und der DJV melden, ahnt man, dass die Debatte zu Tode geritten ist. Es ist nur einfach nicht so, dass an einem missratenen Interview grundsätzlich der Interviewte schuld ist und dass jede Berichterstattung auch durch ihren Hintergrund gerechtfertigt ist. Im Fall Wulff und auch bei der Debatte um Gabriel und Slomka habe ich mich jedenfalls dabei ertappt, dass mein inneres Zustimmungspendel ungewollt gegen die Journalisten-Seite ausschlug. Dass das ZDF in der „heute-show“ noch eine dünne Satire brachte und eine „Horst-Seehofer-Journalistenschule“ parodierte, machte die Sache auch nicht wirklich besser. Natürlich sind Politikeranrufe bei Sendern immer so eine Sache, aber trotzdem: Sowohl im Fall Wulff als auch bei Gabriel gäbe es schon ein paar Gründe, die dafür sprächen, dass Journalisten mal ein bisschen in sich gehen und über den Unterschied zwischen hartnäckiger Recherche bzw. hartnäckigem Nachfragen und Maßlosigkeit und Oberflächlichkeit nachdenken.

***

Wenn man denn unbedingt das Medienjahr 2013 bilanzieren will, dann ist das ungleich schwieriger als 2012. 2012 schien die Sache eindeutig: Die FTD machte dicht, die FR stand kurz davor. Man redete vom Zeitungssterben und davon, dass es wohl doch schneller gehen könnte mit dem Siechtum analoger Medien. In diesem Jahr ist das Bild ambivalenter. Das hat kein Deal klarer gezeigt als der zwischen Springer und Funke. Da gibt es auf der einen Seite den Verkäufer, der offenbar dauerhaft nicht mehr an dieses Kerngeschäft der gedruckten Regionalzeitung glaubt und sich stattdessen radikal an einer digitalen Neuausrichtung des Hauses versucht. Dass er dieses Kerngeschäft nicht verramschen musste, sondern stattdessen einen sehr anständigen Preis erzielte, lag daran, dass auf der anderen Seite jemand stand mit genau gegenteiliger Auffassung: Bei Funkes glauben sie anscheinend noch sehr an die gedruckte (Regional-)Zeitung. Obwohl, sogar innerhalb der Funke-Handlungen kann man jede Menge Widersprüche entdecken. Man hat auf der einen Seite fast eine Milliarde für die Springer-Blätter ausgegeben, auf der anderen Seite aber weiter Personal abgebaut, Redaktionen geschlossen und ab 2014 als Sparmaßnahme auch noch alle Agenturen außer dpa gekündigt. Wie das alles zusammen gehen soll, wissen sie vermutlich nur bei Funke selber.

***

Es war ansonsten übrigens ein Super-Super-Wahljahr (frei nach Pep Guardiola) in Deutschland. Das wäre eine gute Gelegenheit zu bilanzieren, wie sehr sich neue Formen des Journalismus etabliert haben und was sich seit 2009 geändert haben könnte. Leider muss man, durchaus überrascht, feststellen, dass das so rasend viel gar nicht wahr. Die üblichen Verdächtigen bei süddeutsche.de und bei „Zeit Online“ haben sich wohltuend abgehoben von der Routine der anderen. Bei den meisten muss man allerdings feststellen: alles wie gehabt. Die ganz großen, aufregenden Neuerungen sind 2013 ausgeblieben, auch bei denen, die sie eigentlich angekündigt hatten und von denen man sie vielleicht sich hätte erwarten dürfen. Die „Huffington Post“ jedenfalls — als wohl größte und spektakulärste Neugründung des Jahres — ist nicht unbedingt das, was man in Deutschland noch unbedingt zu seinem Medienglück gebraucht hätte.

Aber vielleicht ist das ja auch die Quintessenz des Medienjahres: Dass es irgendwann nicht mehr so weitergehen kann wie jetzt, das ahnen wir alle ja schon etwas länger. Die richtigen Antworten auf die vielen Fragen werden wir aber womöglich noch einige weitere Jahre suchen müssen.

Die HuffPo, das journalistische Soufflee

Jetzt muss ich, entgegen meines eisernen Vorsatzes, doch noch mal zwei Sätze zur „Huffington Post“ loswerden: Inzwischen sind die ersten Jubelmeldungen aus dem Hause Burda rausgegangen (was nicht anders zu erwarten war). Demnach bringt es die HuffPo auf hochgerechnet rund 6 Millionen Visits, was für ein neues Angebot ein ziemlich gutes Ergebnis wäre.

Wenn man sich die Zahlen dann aber genauer ansieht, dann kommt man schnell zu der Erkenntnis, dass die Zahlen in etwa so sind wie das Angebot: etwas aufgeblasen und bei genauerem Hinsehen eher ernüchternd. Besucher über Suchmaschinen-Traffic: gut 4 Prozent. Aus sozialen Netzwerken: rund 6 Prozent. Direktes Ansteuern der Webseite über den Browser: rund 15 Prozent.

Und jetzt kommt´s: Fast zwei Drittel des Verkehrs der HuffPo generieren sich die beiden glücklichen Eltern selber – rund 66 Prozent des Traffics kommen nämlich von „Focus Online“ oder „AOL“. Das kann man natürlich machen, zeigt aber auch, wie schwachbrüstig das Angebot außerhalb des eigenen Mikrokosmos ist. Und wenn man dann noch angesichts des enormen Anfangs-Ballyhoos die Zahlen auf rund 2 Millionen Besucher runterrechnet, die nicht von Focus oder AOL kommen, dann ist man auf dem Level einer kleinen Regionalzeitung.

Oder anders, böser gesagt: Es besteht noch Hoffnung, dass man nur mit heißer Luft dann doch nicht zwingend erfolgreich ist.

Lebt eigentlich die HuffPo noch – und wenn ja, warum?

Das Beste, was einem Projekt passieren kann, ist Aufmerksamkeit. Im umgekehrten Fall bedeutet das: Wenn keiner mehr darüber redet, dann ist das der GAU. Im Fall der Huffington Post Deutschland nähert sich dieser GAU allmählich, weil kaum mehr einer darüber redet, außer dieses kleine Blog und ein paar andere noch.

Tatsächlich liefert die HuffPo nur noch sehr, sehr wenig Anlass, sich über sie ernsthaft zu unterhalten. Die Substanzlosigkeit, das Fehlen jeglichen Esprits und einer Haltung, die etwas anderes ist als ein bemühtes „Wir sind neu und anders“, das alles, was man zu Beginn bemängeln konnte, hat sich nicht wirklich geändert. Weswegen sich ein alter Verdacht neu aufdrängt: Irgendwie wollten sie bei Burda mit wenig finanziellem Aufwand eine Menge Geld verdienen, dafür spricht u.a. der hehre Anspruch, in den kommenden Jahren zu den Top 5 der deutschen Webseiten zu gehören. Das schafft man normalerweise nicht mit einer 15-Mann-Redaktion und auch nicht mit einem ziemlich dahingeschlamperten Nicht-Konzept.

Bis heute hat es die HuffPo nicht geschafft, einen ihrer grundlegenden Irrtümer zu korrigieren: Nur, weil die Pressesprecher von halbwegs bekannten Menschen mediokre Allerweltstexte zur Verfügung stellen und man das dann halbwegs marktschreierisch als „Blogger“ firmieren lässt, entsteht noch keine Relevanz. Dass es sich bei diesen vermeintlichen „Bloggern“ sehr häufig um eine PR-geleitete Mogelpackung handelt, bemerkt man selbst dann sehr schnell, wenn man sich nicht beruflich mit Medien und Journalismus auseinander setzt. Dass sich von den Größen der deutschen Bloggosphäre kaum jemand fand, der für die HuffPo schreibt, sagt einiges über das Projekt aus. Dass sich die Klagen derjenigen, die sich breitschlagen ließen, allmählich häufen, übrigens auch.

In den USA gründete sich ein beträchtlicher Teil des HuffPo-Erfolgs darauf, dass sie sich als linksliberale Gegenstimme zum erzkonservativen Fox-Imperium etablierte. In Deutschland will die HuffPo zwar auch irgendwie anders sein, ist aber bisher nur laut und seelenlos. Und will wirklich irgendjemand Cherno Jobatey abnehmen, dass er sich plötzlich zum Gesicht einer digitalen Mediengesellschaft fernab der großen Konzerne aufschwingt? Und selbst wenn er es täte – nähme irgendjemand Burda bzw. Tomorrow Focus ab, dass man das dort wirklich wollte?

So bleibt die HuffPo der merkwürdige Versuch eines medialen Establishments, sich einen irgendwie innovativen und revolutionären Anstrich zu geben. Herausgekommen ist ein Angebot, das niemand so wirklich braucht – und über das deshalb niemand so richtig mehr redet.

Einen heißen Kandidaten für die Rubrik „Flop des Jahres“ im Jahr 2013 gibt es damit jetzt jedenfalls. Ist ja auch schon mal was wert.

Der Blick in den“Spiegel“

Ab und an soll man ja auch mal was Positives sagen. Um allerdings das Positive, dass ich gleich loswerden möchte, sagen zu können, muss ich erstmal was Negatives vorausschicken: Ich fand den „Spiegel“ in der dann doch eher kurzen Mascolo-Ägide gruselig. Voraussehbar, bräsig, langweilig, stereotyp, manchmal hart am Rand der Lächerlichkeit („Hitlers Uhr“). Manchmal wusste ich auch nicht, ob sich nicht Helmut Markwort als Georg Mascolo getarnt hatte und lauter abgelehnte „Focus“-Geschichten zu „Spiegel“-Titeln umwandelte. Die Häufung von Geschichten jedenfalls, die irgendwas mit Volkskrankheiten zu tun hatten, verleidete mir die „Spiegel“-Lektüre einigermaßen nachhaltig.

Dass Wolfgang Büchner Chefredakteur wurde, hielt ich für eine ausgesprochen gute Idee, auch wenn ich nach der Causa Nikolaus Blome zunächst dachte: Ok, du kannst weiter darauf verzichten, den „Spiegel“ zu lesen. Dann kamen die ersten neuen Hefte – und das erkennbare Bemühen, den „Spiegel“ wieder zu dem zu machen, was er früher mal war. Im Heft dieser Woche ist das ziemlich gut gelungen: mit dem NSA-Thema ein relevantes Titelthema, eine klare Haltung, gut recherchierte Geschichten.

Natürlich, es gibt immer noch die spiegeligen Marotten, die in keinem Heft fehlen dürfen. Sätze wie „Jetzt rächt sich, dass…schon gibt es erste Kritik aus den eigenen Reihen“ gehören offensichtlich zur „Spiegel“-DNA. Und natürlich gibt es immer noch die merkwürdigen Bildtexte, die manchmal mit Brachialgewalt erzeugten szenischen Einstiege und alles andere, was man als wenigstens merkwürdig abtun kann. Aber in Zeiten, in denen einen ansonsten die „Huffington Post“ anquäkt und Lautstärke mit Substanz verwechselt, findet man das fast schon wieder heimelig.