Schöner klicken mit Edathy

Das Thema Edathy zeigt, woran es im digitalen Journalismus gerne krankt:  Til Schweiger und „stern.de“ haben gerade mal wieder bewiesen, dass komplexe Zusammenhänge nur stören, wenn es schnell gehen soll…

Natürlich habe ich nichts für Pädophile übrig. An Kinderpornographie ist nichts zu relativieren. Sebastian Edathy ist kein Mensch, der mir sonderlich sympathisch wäre. Sein von einem erstaunlichen Maß von Selbstgerechtigkeit geprägtes Verhalten vor, während und nach der juristischen Aufarbeitung seines vermutlich bis in alle Ewigkeit unklaren Besitzes von Material, das zumindest in die Nähe der Kinderpornographie gerückt werden kann, halte ich nur für schwer auszuhalten.

Das muss man mittlerweile schon vorwegschicken, will man nicht sofort in die Ecke eines Pädophilen-Sympathisanten gerückt werden, wenn man auch das, was in deutschen Medien in den letzten Tagen passiert ist, für unsauber hält. Bei „stern.de“ beispielsweise durfte sich Til Schweiger über das Edathy-Verfahren auslassen. Schweigers Qualifikation besteht in erster Linie darin, Vater von vier Kindern zu sein. Nach dieser Logik hat er natürlich mehr Recht dazu sich zu äußern, doppelt so viel wie ich beispielsweise. Ich habe nur zwei Kinder. Der Rechtsexperte Schweiger gibt mit markigen Worten die vox populi und nimmt damit der Redaktion ein bisschen die Drecksarbeit ab. Schweiger wechselt munter zwischen völliger Ahnungslosigkeit,  wüsten Spekulationen und erstaunlichen Unlogiken hin und her, die letztlich nur auf eines rauslaufen: Sie bedienen dieses unsägliche „Man wird doch wohl noch sagen dürfen“-Gefühl, das in den letzten Jahren zunehmend zu einem argumentativen Platzhalter für all die geworden ist, die sich weigern, sich mit manchmal komplexen Sachverhalten auseinanderzusetzen.

“ Warum kann ein Mann, bei dem erwiesenermaßen strafbares Material gefunden und diese Tatsache in einem amtlichen Bericht dokumentiert worden ist, warum kann dieser Mensch das Gericht als freier Mann verlassen?“, schreibt Schweiger als Quintessenz  – und bringt mit diesem einem Satz das ganze Elend seines (und vieler anderer) Texte auf den Punkt. Man würde Schweiger am liebsten fragen, welche Antwort er denn auf diese rhetorische Frage hat. Wenn man Schweiger von einem Juristen antworten lassen würde, er würde ihm sagen: Genau das ist das Problem, Herr Schweiger. Man hat eben nicht „erwiesenermaßen strafbares Material“ gefunden. Wäre das so gewesen, kein Jurist dieses Landes hätte Edathy mal eben so laufen lassen. Dabei hat Schweiger die ganze Problematik dieser Geschichte selbst schon erkannt – und schreibt: „Ich kann nicht beurteilen, welche Beweise vorlagen; immerhin hat die Staatsanwaltschaft den Mann vor Gericht gebracht.“ Genau das ist das Problem. Dass übrigens jemand von einer Staatsanwaltschaft vor Gericht bringt, sagt noch nicht sehr viel aus über die tatsächliche Schuld eines Angeklagten. Wenn jeder als schuldig zu gelten hätte, der nur vor Gericht steht, unser Rechtssystem stünde völlig auf dem Kopf. Aber Hauptsache, man bedient ein inzwischen weit verbreitetes Lebensgefühl: Die da oben sind alle bekloppt, haben jegliche Maßstäbe verloren, lassen Pädophile einfach laufen und nehmen dafür arme Fußballer, die ein paar Jahre ohne Führerschein fahren, so richtig heftig ran.

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Fakt in diesem Fall ist: Edathy wurde nicht mit 5000 Euro „bestraft“, das Verfahren wurde gegen diese Geldauflage eingestellt. Edathy ist auch nicht wegen des Besitzes von kinderpornographischem Material verurteilt, er ist auch nicht vorbestraft. Man kann also bestenfalls über moralische Aspekte seines Verhaltens debattieren, aus juristischer Sicht ist der Fall abgeschlossen und die Einstellung (ebenfalls aus juristischer Sicht) korrekt. Das ist nicht ganz einfach zu erklären und vielleicht auch nicht ganz einfach auszuhalten. Zumindest wenn man sich den Schweiger-Text und die knapp 3000 überwiegend positiven Bewertungen seines Textes bei „stern.de“ ansieht und wenn man sich vor Augen führt, dass bald 200.000 Menschen in einer Petition den Bundestag auffordern, die Einstellung zu kassieren. Das zeugt von verblüffender Ahnungslosigkeit, wenn man ernsthaft den Bundestag zu so etwas aufforden will; wer das nicht kapiert, kann mal den schönen Begriff „Gewaltenteilung“ googlen. Das hindert aber Medien wie beispielsweise die „Abendzeitung“ nicht, nicht nur über die sinnbefreite Petition zu berichten, sondern auch noch direkt dorthin zu linken. Ganz so, als würde das irgendwas an diesem juristischen Ausgang des Verfahrens ändern.

Das alles kann man natürlich abtun als kleine, lässliche Sünden. Und als ein bisschen Perfidie seitens „stern.de“, wo man sich und den eigenen Populismus versteckt: Waren ja nicht wir, war der Schweiger! Tatsächlich aber müsste man von Journalisten gerade jetzt in Zeiten der weit verbreiteten „Man wird ja noch sagen dürfen“ und der „Wir werden zur Bananenrepublik“-Haltungen verlangen können, dass sie komplexe Sachverhalte erklären. Dazu würde beispielsweise gehören, dass man ausgiebig aufschreibt, warum die Einstellung des Edathy-Verfahrens juristisch korrekt war.  Und man müsste dazu noch erläutern, dass es mindestens schwierig ist, angesichts des in dubio pro reo-Grundsatzes öffentlich über einen Sachverhalt zu urteilen, bei dem außer der Justiz und dem Betroffenen niemand das eigentliche corpus delicti gesehen hat. Man müsste seinen Usern, und seien sie noch so aufgebracht, sanft erläutern, dass der Bundestag und dessen Petitionsausschuss das Edathy-Verfahren gar nicht anfechten können, selbst wenn noch 37 Millionen weitere Unterschriften dazu kämen. So wie man ihnen auch erklären müsste, dass der Steuersatz in Deutschland und die Milliarden-Hilfen für Griechenland nicht in einem direkten Zusammenhang stehen.

Aber für so viel Feingeisterei ist anscheinend nicht Platz und Zeit genug. Petitionen und Likes und kommentierende Schauspieler lassen sich sehr viel schöner und schneller an den Mann bringen. Reicht ja, wenn man sich dann bei der nächsten Pegida-Demo wieder ein bisschen echauffiert.

Medien 2014: Die Mutlosen

Wie sollen Print und Online künftig „zusammenwachsen“? Solche Debatten prägen ernsthaft immer noch das Jahr 2014. Bei soviel Mutlosigkeit ist es kein Wunder, dass es aus der Branche momentan mal wieder eher schlechte Nachrichten gibt.

Manchmal lohnt es sich ja doch, buchstäblich über Grenzen zu schauen. In diesem Fall: in die kleine und zumindest in Sachen Medien gar nicht so beschauliche Schweiz. Dort sitzt in Zürich die „Neue Zürcher Zeitung“. Ein Blatt, bei dem Medienjournalisten ungern auf ein Attribut wie „altehrwürdig“ verzichten. Und tatsächlich ist die NZZ ein Blatt, wie es vermutlich nur in der Schweiz möglich ist. Gegen die staubtrockene NZZ ist die FAZ knallbunter Boulevard.

Ausgerechnet bei diesem Blatt, bei dem schon ein Farbfoto ins Auge sticht, Ironie grundsätzlich verboten ist und bei dem man unmittelbar an grauhaarige Herren in Tweed-Sakkos denken muss, ausgerechnet dort also tut sich seit geraumer Zeit einiges. Die NZZ arbeitet gerade an einem Relaunch des Blattes, der es nicht bei ein paar optischen Retuschen belassen wird. Genau genommen dürfte bei der NZZ der Zukunft kein Stein auf dem anderen bleiben. Das Blatt wird dünner werden, was aber – im Gegensatz zu vielen deutschen Strategien – nicht als reine Sparmaßnahme zu verstehen ist. Stattdessen gibt es mehr Inhalte auf digitalen Kanälen. Die NZZ streicht nicht einfach Seiten, sondern richtet ihre komplette inhaltliche Strategie neu aus.

Neuausrichtung heißt in diesem Fall auch Neuausrichtung. Es geht nicht nur um eine Verlagerung ins Web. Sondern um die Frage, wie man welche Geschichte wo erzählt. Mit NZZ Stream hat sich ein hauseigenes Lab auch Gedanken darüber gemacht, ob die Art und Weise, wie Newsangebote im Netz aussehen, überhaupt noch die Richtige ist. Oder ob man nicht langsam weg müsste von der Idee, dass ein Online-Angebot eine Art Zeitung im Netz ist.

Und gleichzeitig – ja, Sie lesen richtig – investiert die NZZ. In Inhalte, in Redaktion, in eine Expansion. Demnächst geht in Wien nzz.at an den Start. Selbst eine mittelfristige Expansion nach Deutschland schließen sie in Zürich nicht aus. Das liest sich zunächst einmal bizarr, angesichts dessen, dass in Deutschland alleine in den letzten beiden Wochen in Frankfurt und in Darmstadt der Wegfall von rund 500 Jobs bekannt gegeben wurde.

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Und damit nach Deutschland. Man muss diese Geschichte aus Zürich wohl erst einmal voranschicken, wenn man sich bewusst machen will, was im Medien-Lande D.  gerade so passiert. Man muss es deswegen erzählen, weil man bei den ganzen aktuellen Debatten immer wieder den Eindruck vorgegaukelt bekommt, es sei quasi alternativlos, Stellen zu streichen, Redaktionen zu schließen und strikte Sparmaßnahmen zu verkünden. Und man muss das Beispiel NZZ erwähnen, um zu zeigen, wie sehr manche Debatten und Strategien in Deutschland aus der Zeit gefallen sind.

Beim „Spiegel“ beispielsweise debattieren sie immer noch nicht nur über ihren Chefredakteur, sondern über die Frage, ob und wie Online und Print verzahnt werden dürfen. Beim „Focus“ hat der neue Chefredakteur verkündet, es sei ihm mehr oder weniger egal, was „Focus Online“ so treibt. Beim „Stern“ ist ihnen die Frau, von der man vermutete, dass sie durchaus wissen könnte, wie man eine Digitalstrategie aufbaut, mal eben abhanden gekommen. Die FAZ streicht 200 Stellen, das „Darmstädter Echo“ löst sich beinahe komplett selbst auf. Fünf Beispiele aus Deutschland, vom großen Nachrichtenmagazin bis hin zur durchschnittlichen Regionalzeitung – und kein einziger hat eine echte Antwort auf die Frage parat, wie es denn künftig eigentlich weitergehen soll. Der „Focus“ will konservativ sein, der „Stern“ will eine anspruchsvolle „Gala“ sein und der „Spiegel“ am liebsten so bleiben, wie er ist. Zukunftsfähig ist das alles mittelfristig nicht.

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Die Kollegen der „Stuttgarter Zeitung“ haben jetzt ein interessantes Projekt gemacht: Mit „S-Vibe“ haben sie eine App rausgebracht, die so ganz anders ist als das was man bisher von Zeitungsredaktionen an Apps geliefert bekommen hat. Tobias Köhler hat drüben beim „Universalcode“ die Entstehung geschildert – auf auf einen besonders interessanten Aspekt hingewiesen: Maßgeblich inspiriert wurde die App von einem App-Entwickler. Das klingt erst einmal so furchtbar banal. Ist es aber nicht. Weil in den meisten deutschen Medienhäusern immer noch Zeitungs-, Radio- oder Fernsehmenschen plötzlich auch dieses „Online“ mitmachen sollen. Dabei ist alleine schon der Sammelbegriff „Online“ nicht mehr treffend. Nicht mehr in Zeiten, in denen Online so viel Unterschiedliches sein kann. Online, das ist heute das klassische Webangebot ebenso wie soziale Netzwerke. Wie Videoplattformen, Fotonetzwerke, mobile Applikationen. Ja, das ist alles irgendwie noch digital und irgendwie Internet. Aber in seiner Pauschalisierung genauso falsch wie die Behauptung des neuen Digitalkommissars Oettinger, Promis hätten ihre Nacktbilder ins Internet gestellt. Klar ist so eine Cloud auch irgendwie Internet. Aber eben nur irgendwie. Und so ist es eigentlich auch verkehrt, von Online-Journalismus zu reden. Man müsste eher von digitalem Journalismus reden, der auf den diversen Plattformen auch unterschiedliche Ausprägungen hat. Und deswegen von Menschen gemacht werden sollte, die diese Ausprägungen kennen. Wer sieht, wie viele Redaktionen soziale Netzwerke immer noch in erster Linie als Linkschleudern verstehen, der weiß, was gemeint ist. (Einen ausgezeichneten Text hat dazu unlängst Wolfgang Blau geschrieben. Übrigens nicht im Guardian, sondern bei Facebook). Oder diese ganzen unsäglichen Webvideos, die ungeschulte Redakteure nebenbei noch machen sollen.

Und wir debattieren ernsthaft noch über das „Zusammenwachsen“ von Print und Online?

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Es ist diese Mutlosigkeit, die mich aufregt. Die sich quer durch viele Reihen zieht. Auch da hilft ein Blick über die Grenze in die Schweiz. Dort haben die Kollegen des Schweizer Fernsehens am vergangenen Wochenende erstmals versucht, „WhatsApp“ als eine neue Art News-Kanal zu nutzen (eine Beschreibung des Projekts durch Konrad Weber findet sich hier). Ich habe keine Ahnung, ob „WhatsApp“ jemals ein Newskanal wird oder nicht doch ein eher privates Medium bleiben wird. Aber es ist zumindest einen Versuch wert, genau das herauszufinden (so wie vieles andere auch). Wenn ich dann umgekehrt sehe, dass es in der einen oder anderen öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt schon als Fortschritt gesehen wird, wenn irgendjemand on air ein paar Tweets vorliest, dann bekomme ich Zweifel an der Zukunftsfähigkeit solcher Sender. Mich stört die Tatsache enorm, dass schon alleine die Möglichkeit, ein Versuch könne scheitern, dazu führt, dass man den Versuch erst gar nicht unternimmt.

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Und ganz zum Schluss noch eine Episode, die mir ernsthaft vor ein paar Jahren passiert ist. Auf irgendeiner dieser berüchtigten Medien-Panels sollte ich über die Bedeutung sozialer Netzwerke für den Journalismus sprechen. Nach meinem Vortrag unterhielt ich mich mit jemandem, der mir mit einiger Herablassung in der Stimme sagte, man habe jetzt erst etliche Millionen für ein neues Druckzentrum ausgegeben. Da habe man weder das Geld (sic!) für Twitter, noch brauche man das.

Der Herr kam aus der Chefredaktion des „Darmstädter Echos“.

Bestandsaufnahme: Wo ist die Magie hin?

Heute versuchen wir mal, drei Dinge in einen Text zu packen, die nichts miteinander zu tun haben. Apple. Die Wiesn. Und: Medien.

Fangen wir mit Apple an. Es gab mal Zeiten, da war das Magie. Nicht nur wegen der Auftritte von Steve Jobs. Sondern weil das meistens bescheiden als „one more thing“ angekündigte Teil irgendwas Atemberaubendes war. Dinge, von denen man ahnte, dass sie die (Technik-)Welt verändern werden. Dinge, die man so noch nie irgendwo gesehen hatte. Kein Wunder, dass da alle dabei sein wollten. Und kein Wunder, dass es irgendwie Event-Charakter bekam, wenn die neuen Zauberteile  dann endlich zu kaufen waren.

Aus dem Event ist inzwischen ein Ritual geworden. Apple lädt ein, präsentiert die soundsovielte Weiterentwicklung eines bekannten Gerätes, das natürlich noch noch schneller, toller und großartiger ist. Danach stehen dann alle vor den Stores Schlange. Diese Woche ist es sogar zu einer Nachricht geworden, dass der erste iPhone6-Käufer in Australien sein Handy sofort nach Verlassen des Stores fallen gelassen hat. Handy und Käufer sind aber angeblich beide wohlauf.

Magisch ist das alles nicht mehr. Rituale sind selten Magie.

Aber wie das bei Ritualen eben so ist: Da wollen alle dabei sein, weil sonst auch immer alle dabei sind. Zumal Medien dabei ja auch noch eine Rolle spielen. Wenn man wochenlang damit bombardiert wird, dass man das Ereignis XY unbedingt sehen müsse, dann glaubt man das Ende womöglich noch sogar. Wer das wiederum nicht glaubt, der muss nur mal die kommenden zweieinhalb Wochen nach München schauen. Da stehen jetzt jeden Tag schon morgens um 9 Uhr zigtausende Menschen Schlange an stinknormalen Bierzelten, um dort einen Platz zu bekommen und dann für einen Liter Bier 10 Euro zu bezahlen. Das hat sicher eine Menge Gründe; einer davon dürfte es sein, dass es mindestens der Himmel der Bayern ist, der einen da erwartet – zumindest dann, wenn man das Bohei betrachtet, das in Medien um das größte Volksfest der Welt gemacht wird. Schon interessant jedenfalls, was Menschen so alles machen, weil sie glauben, dass sie es machen müssen. Mit Magie hat allerdings auch das Oktoberfest ungefähr gar nichts zu tun.

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Kommen wir damit endlich zu Medien und Journalismus. Es gab Zeiten, da fand ich es magisch, was in den letzten Jahren passiert ist. Veränderung und Aufbruch, vielleicht nicht überall, aber an vielen Stellen. Es waren ziemlich großartige Zeiten für alle, die etwas bewegen wollten. Für diejenigen, die es überhaupt nicht schlimm finden, wenn etwas nach dem trial-and-error-Prinzip passiert. Und für alle, die eine Ahnung davon hatten, dass Medien nicht einfach so weitermachen können wie bisher; selbst wenn man selber keine wirkliche Ahnung davon hatte, wie eine Alternative aussehen müsste.

Man konnte das auch sehen. An ganz konkreten Projekten. Vor Jahresfrist beispielsweise dachte ich mir, wow, Dominik Wichmann und Anita Zielina beim „Stern“, das kann spannend werden. Der „Spiegel“ hatte mit Wolfgang Büchner einen geholt, von dem man sich sicher sein durfte, dass er den Laden mal eben umkrempeln wollen würde. Sogar beim nicht gerade für seine Experimentierfreude berühmten BR experimentierte man mit der „Rundshow“ rum. Der neue Intendant Ulrich Wilhelm kündigte den großen trimedialen Umbruch an, weswegen es seither für Intendanten als mindestens angesagt gilt, irgendwas von trimedialen Umbrüchen anzukündigen. Bei CondeNast gab es „Wired“, in der FAZ traute sich Frank Schirrmacher Dinge, die sich außer ihm vermutlich kaum jemand getraut hätte.

Herbst 2014 – und alles ist anders. Keine Spur mehr von Magie. Unsere Branche ist dem ritualisierten Apple und der langweiligen Wiesn immer ähnlicher geworden, nur in schlechter. Wichmann wurde beim „Stern“ unsanft gefeuert, Zielina ist ebenfalls weg. Es übernimmt: eine Gang aus ehemaligen Gala-Bravo-Bild-Stern-Leuten. Beim „Spiegel“ ist es mittlerweile völlig Wurscht, was bei dem Machtkampf rauskommt; es sind beide Seiten so beschädigt, dass niemand mehr ohne Gesichtsverlust aus der Nummer rauskommt. Die „Rundshow“ ist tot – und es ist keine gewagte Prognose, wenn man behauptet, dass bei den Öffentlich-rechtlichen auch weiter der Apparat stärker ist als jede Einzelperson. Vom Reformschwung des Herrn Wilhelm jedenfalls hat man jedenfalls schon länger nichts mehr gehört. Gut möglich, dass auch er den Kampf gegen das System schon verloren hat. „Wired“ startet demnächst mal wieder einen Neustart, diesmal in Berlin. Und bei der FAZ bauen sie gerade im großen Stil Stellen ab.

Täuscht der Eindruck – oder sind die guten Zeiten für digital und innovativ denkende Köpfe gerade wieder etwas schlechter geworden? Beim „Stern“ beispielsweise ist die Entscheidung für das neue Chefredaktionsteam auch eine Systementscheidung. Pro alte Stern-DNA, gegen sanfte und manchmal auch gar nicht mal so sanfte Erneuerung. Beim „Focus“ haben sie mit Ulrich Reitz jemanden geholt, der für alles mögliche steht, aber nicht für (digitale) Erneuerung. Und dass der Machtkampf beim „Spiegel“ sich nicht nur um die Person Büchner dreht, ist inzwischen auch überdeutlich. Und auch bei Sendern wie dem BR geht es ja bei Projekten wie der „Rundshow“ nicht einfach nur um ein paar Experimente. Sondern auch um die Grundsatzfrage: Wie viel lineares Fernsehen dürfen wir noch sein? Zumindest im BR ist die Frage fürs Erste beantwortet. Momentan sieht man aber auch bei den anderen Sendern keine aufregenden. Das Programm ist immer noch 80-er-Jahre-TV, es sieht nur vermeintlich besser und neuer aus.

Es hat in den letzten Jahren immer einen place to be gegeben. Und jetzt? 2014 startet Buzzfeed in Deutschland, wo man dann vielleicht lieber doch nicht arbeiten will.  Seit einem Jahr gibt es die „Huffington Post“, der man das Verdienst zubilligen muss, belegt zu haben, dass es immer noch ein bisschen schlimmer geht als „Focus online“. Vergangene Woche verblüffte die HuffPo mit 17 krassen Fakten über München, die man (Eigenwerbung) beinahe alle nicht kenne. Nach dem Lesen war ich geneigt, die Geschichte umzutiteln: Fakten über München, die man deswegen nicht kennt, weil sie kein Mensch braucht. Das schwer gehypte Ding HuffPo hat sich nach einem Jahr als die überflüssigste Neueinführung auf dem Markt erwiesen. Das ganze Wortgeklingel vorher von den neuen Formen des Journalismus, der Partizipation, des Dialogs – alles Unsinn. Belangloser und langweiliger geht es nicht.

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Gestatten Sie mir deshalb an dieser Stelle eine ganz persönliche und laute Wehklage: Ich würde so gerne mal wieder etwas Spannendes sehen und dabei mitmachen. Gerne etwas, was nicht als der große Bingbang angekündigt wird, um dann als Knallfröschlein zu enden. Wo sind eigentlich die ganzen Rundshows, die Wireds hin? Warum ist die Branche gerade so öde wie das neue iPhone 6? Warum traut sich keiner mehr was und warum sind die meisten Anfragen, die ich in diesem Jahr auf dem Schreibtisch habe, eher so, dass sie mich wenig mitreißen? Und warum besteht diese Branche aktuell eigentlich nur noch aus streichen, kürzen, sparen, schließen?

Hat das alte System vielleicht doch gewonnen?

Vergesst den Penis!

Journalismus 2014: Aus einer Penis-Galerie und einem ziemlich missratenem Roman kann man einiges lernen. Auch wenn das auf den ersten Blick etwas widersinnig erscheint…

Vielleicht muss man erstmal in die Schweiz schauen, ehe man über den Journalismus der Gegenwart und vor allem den der Zukunft spricht. Bei unseren Nachbarn hat das Gratisblatt „Blick am Abend“ in seiner Online-Ausgabe eine Fotogalerie veröffentlicht.  Sieht man den für Schweizer Verhältnisse verblüffend offenherzigen Titel „Hier gibt´s die größten Pimmel“ ab, hält die Bilderstrecke nicht ganz, was sie verspricht. Zu sehen ist nicht etwa eine Galerie primärer Geschlechtsorgane, sondern ein Repräsentant der jeweiligen Nation mit einer Geste, die irgendwie, hihi, schlüpfrig sein könnte. Der deutschen Kanzlerin jubelt man im Bildtext unter, sie sei froh, dass die Deutschen etwas größere Penisse haben als die Schweizer. Das sagt ein bisschen was aus über das komplexe Verhältnis der Schweizer zu Deutschland, noch mehr über den „Blick am Abend“ und eine ganze Menge darüber, wie das inzwischen funktioniert mit dem Journalismus im Allgemeinen und im Netz im Besonderen. Falls man das denn überhaupt Journalismus nennen will.

Die Kollegen der NZZ in Zürich jedenfalls, bei denen man garantiert in deren gefühlt 500jährigen Bestehen ein Wort wie „Pimmel“ nie gelesen hat, beklagten jedenfalls in ihrem Medienblog „Das Ende des Journalismus“. Darin kann man den Kollegen schwerlich widersprechen, wobei es, wie gesagt, Voraussetzung ist, dass man Pimmel-Bildergalerien als Journalismus bezeichnen will. Nebenbei fällt mir übrigens gerade auf, dass dieser Beitrag hier eigentlich abgehen müsste wie Schmidts Katze, so oft, wie hier von männlichen Geschlechtsorganen die Rede ist. Vielleicht sollte ich zur besseren Auffindbarkeit auch noch irgendwie das Wort Titten unterbringen (ok, check!).

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Es ist inzwischen ziemlich angesagt, das Ende des Online-Journalismus zu beklagen. Oder zumindest, dass er kaputt ist, weswegen die „Krautreporter“ ab September antreten, ihn wieder zu reparieren. Tatsächlich könnte man, wenn man das denn wollte, den ganzen Tag sein eigenes Medienblog mit Beispielen aus missratenen, klickgeilen und belanglosen Stücken füllen und das dementsprechend anprangern. Man könnte sich echauffieren über die „Huffington Post“, die von ihren selbstformulierten Ansprüchen aus dem vergangenen Jahr ungefähr keinen erfüllt hat. Man könnte sich aufregen über „Heftig“ und all seine Epigonen und über den bevorstehenden Start von „Buzzfeed“.

Es reicht aber auch aus, die ganze Geschichte nüchterner zu betrachten. Ein kruder Mix aus irgendwelchen Listen, Pseudo-Ratgebern, etwas angeschmuddeltem Sex und sonstigem Kram, den man irgendwo im Vorbeigehen mitnimmt, existiert schon seit ziemlich langer Zeit. Nachzulesen jeden Tag an einem Bahnhof-Kiosk Ihrer Wahl und zu betrachten jeden Tag im TV. Es ist ja nicht so, dass es gedruckt nur die „Süddeutsche“ und die „Zeit“ gibt und im Fernsehen ausschließlich  „Arte“ läuft. Merkwürdigerweise kommt aber kaum jemand auf die Idee, angesichts der Auflagenmillionäre der yellow press das Ende des Journalismus vorherzusagen. Vielleicht auch deswegen, weil es common sense ist, die „Frau im Spiegel“ nicht als Journalismus zu bezeichnen. Man muss deswegen ja nicht gleich jeden Auswuchs rechtfertigen. Nur hilft es bei der Debatte, wenn man feststellt, es nicht gerade mit einem neuen Phänomen zu tun zu haben. Der Müll ist nur schneller und mehr geworden.

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In Hamburg und in München haben sie unterdessen in den vergangenen beiden Wochen bei „Spiegel“, „Stern“ und „Focus“ ihre Chefredakteure demontiert, mehr oder weniger konsequent. Das hat nicht sehr viel mit Schweizer Pimmel-Bilderstrecken zu tun, wohl aber mit diesem „schneller und mehr“, für das das Netz ja auch im Fach des ernstzunehmenden Journalismus steht. Natürlich wäre es eine absurde Idee, würde ein großes Printmagazin mit ersthaftem Anspruch plötzlich versuchen, den „Blick am Abend“ beim Niveau-Limbo noch zu tippen. Wohl aber müsste man allmählich Antworten darauf finden, wie man mit der völlig neuen Art des Medienkonsums umgeht, der durch das Netz bewirkt wird. Das nämlich ist der entscheidende Punkt: Es geht nicht darum, 13 Pimmel durch 25 Pimmel zu überbieten. Das ist die falsche Diskussion, wenn es denn überhaupt eine ist. Vielmehr geht es um eine völlig neue Art des journalistischen Storytellings. Und ja, das würde für „Spiegel“ et al bedeuten, Geschichten tatsächlich transmedial zu erzählen. Sich die Kanäle, von denen es inzwischen etliche gibt, konsequent zu eigen zu machen. Und Geschichten so aufzubereiten, dass sie auch von denen inzwischen nicht ganz wenigen Menschen genutzt werden, die sich vom Lesen auf Papier  und in linearen Abläufen schon lange verabschiedet haben.

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In den letzten Wochen gab es eine ganze Reihe von Debatten über ein Buch namens „Circle“. Das Buch ist inzwischen an der Spitze der Bestseller-Charts gelandet und schildert meistens etwas ermüdend die Geschichte eines Konzerns, der mehr oder weniger die digitale Weltherrschaft anstrebt. Das Buch ist die Aufregung nicht wert, immerhin aber kann man eine Erkenntnis daraus mitnehmen: Wer in der digitalen Welt überleben will, braucht Präsenz und Konstanz. Man muss deswegen ja nicht gleich zum Weltenbeherrscher werden, aber auch Redaktionen und Journalisten müssen konstant präsent sein. Das ist nicht zu verwechseln mit atemlos ausgestossenem Nonsens auf möglichst vielen Plattformen. Aber auch Journalismus ist – oder besser: müsste es sein – eine Form von Community. Guter Journalismus wäre heute ein Begleiter durch den Tag. Mit einer Kommunikation, die in beide Richtungen geht. Und nicht nur einer, der Geschichten erzählt und sich dann wieder bis zum nächsten Erscheinungstermin verabschiedet.

Das klingt erst einmal so fürchterlich banal, ist aber entscheidend. Weil man damit endlich mal die Debatten bleiben lassen könnte, ob (Online-)Journalismus nun zunehmend verflacht oder nicht. Oder ob Papier oder vielleicht nicht doch das Netz als solches die Publikations-Plattform schlechthin ist. Und bei den Magazinen könnte man dann endlich mal Chefredakteure oder sonstiges Personal einstellen, das sich nicht nur über eine Spiegel/Stern/Focus-DNA definiert.

Die Idee eines „Circle“ wäre ja auch für Medien gar keine so schlechte.

Die Sache mit der DNA

Stellenabbau und die Suche nach bewährten Männern: Die Branche will neue Probleme mit alten Methoden lösen. Was fehlt: die Bereitschaft zu radikalem Umdenken.

Beim „Stern“ haben sie für die Nachfolge von Dominik Wichmann offensichtlich ein wichtiges Kriterium gehabt: die DNA. Genauer gesagt: die „Stern“-DNA.  Beim „Focus“ wird der designierte Chef Ulrich Reitz gepriesen als einer, der die „Focus-DNA“ in sich trägt. Ob sie beim „Spiegel“ Wolfgang Büchner jetzt auch zum Vorwurf machen, dass er die DNA des Blatts zu wenig in sich trägt, weiß ich nicht, aber möglich wär´s zumindest.

Man könnte also glauben, dass insbesondere „Stern“ und „Focus“ in den letzten beiden Jahren nur einen gravierenden Fehler gemacht haben. Nämlich Chefredakteure mit fehlender DNA zu berufen. Nachdem man diese Fehler jetzt spektakulär korrigiert haben, kann es ja dann nur noch aufwärts gehen.

Und mittendrin in diese Sache mit der DNA kommt dann eine solche Meldung: Gruner&Jahr will in den kommenden Jahren 400 Stellen abbauen. Nicht mal betriebsbedingte Kündigungen sollen ausgeschlossen sein. Bei den Tochterunternehmen soll das nicht zutreffen, dort hat man stattdessen – im schönsten PR-Sprech – „Effizienprogramme initiiert“. Wäre man ein bisschen böse, man könnte sagen:  Es gehört wohl zur Medienmanagements-DNA, dass man in Zeiten wie diesen sein Heil im Stellenabbau und der, ähm, Effizienz sucht.

Nachdem ich kein Betriebswirt bin und auch die internen Strukturen in einem Haus wie Gruner&Jahr nicht kenne, kann ich über die Notwendigkeit von solchen Sparprogrammen nicht urteilen; vermutlich ist sie sogar vorhanden, diese Notwendigkeit. Aber ein bisschen wundern darf man sich schon. Da steht die ganze Medienwelt vor völlig neuen Herausforderungen – und alles, was zur Problemlösung da ist, sind die alten Mittel? Die DNA und ein paar Sparprogramme?

Tatsächlich steht vor allem beim Thema Digitalisierung ein großes Defizit in den Büchern der meisten Häuser. Auch in Hamburg hatte die G&J-Chefin Julia Jäkel ja schon vor Jahresfrist eine Art Digitaloffensive angekündigt, die in communities of interest münden sollten. Das klingt ziemlich chic und modern, viel zu sehen ist am Markt bisher aber nicht davon. Die G&J-Maschine läuft immer noch wie ein behäbiger Tanker. Beim publizistischen Schlachtschiff „Stern“ beispielsweise ist der Umgang mit digitalen Erzählformen so konventionell und eingefahren, dass man an der Frage, wie man sich dort eine journalistische Zukunft in einer digitalen Welt vorstellt, kaum vorbeikommt. Mit ein bisschen alter Stern-DNA? Und einer Facebook-Seite, die als Linkschleuder und Social-Media-Attrappe dient? Das wäre vielleicht 2009 state of the art gewesen. Im Jahr 2014 und im Zeitalter des transmedialen Storytellings wirkt das wie ein Relikt aus alter journalistischer Zeit.

Nebenbei bemerkt: Ich frage mich ja immer, wie es geht, dass man sein „Digital-Geschäft deutlich ausbaut“, massig neue Titel lanciert und gleichzeitig 400 Jobs abbaut, aber das liegt wohl daran, dass ich kein Betriebswirt bin.

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Bei „Arte“ lief übrigens am Dienstag die ziemlich großartige Reportage „Journalismus von morgen – Die virtuelle Feder“. Dort wird viel Wahres erzählt und nebenbei muss man beim Anschauen des Films konzedieren, ob man sie mag oder nicht, dass sie bei Springer in Berlin strategisch am meisten kapiert haben. Man muss Kai Diekmann und die „Bild“ nicht mögen, aber man wird vermutlich aus Diekmanns Mund nie hören, man könne das Boulevard-Blatt nur retten, wenn man jede Menge „Bild“-DNA in sich trage. Im Gegenteil: Kaum jemand hat sich so radikal neu erfunden wie Diekmann, kaum jemand ist strategisch so weit gegangen wie „Bild“.

Den Film habe ich übrigens hauptsächlich via Mail und Social Media wahrgenommen. Angeschaut habe ich ihn dann auf dem iPad. Irgendwann mittags, als ich Zeit und Lust hatte. Sie können, wenn Sie mögen, sich ihn hier auf dieser kleinen Seite anschauen. So funktionieren Medien heute.

Mit alter DNA hat das nicht mehr sehr viel zu tun. Man würde den Dickschiffen der Branche eher wünschen, sie würden sich mal nach ein bisschen neuer DNA umschauen.

 

Focus & Co: Die Lösung ist das Problem

Drei Magazine, zweieinhalb gefeuerte Chefredakteure: Der Blick auf die drei wichtigsten Magazine Deutschlands zeigt, wie sehr das Thema „Digitalisierung“ inzwischen auch bei den Wochentiteln angekommen ist. Und wie wenig selbst den Großverlagen dazu einfällt.

In einer seiner letzten Ausgaben hatte der „Focus“ einen Titel darüber, wie man irgendwie sein Hirn wieder in Schwung bringen kann. Ich hatte die Ausgabe am Flughafen-Gate mitgenommen. Als dann im Flieger die Durchsage kam, dass man neuerdings sein iPad auch bei Start und Landung nutzen kann, habe ich die Ausgabe ungelesen wieder weggelegt. Ertappt hatte ich mich dabei, dass ich ein Magazin wie den „Focus“ nur noch in die Hand nehme, wenn ich für 5 Minuten beim Starten oder Landen mal eben Lektüre zum Durchblättern brauche. Aber irgendwelche Gehirntrainings? Himmel, nein, solche Geschichten gibt es wie Sand am Meer und wenn ich das denn unbedingt machen wollte, könnte ich solche Spiele im Netz dann auch gleich in die Praxis umsetzen.

Dominik Wichmanns letzte „Stern“-Ausgabe wartete unterdessen mit einem Titel darüber auf, dass es sich auf Deutschlands Autobahnen öfter mal staut, vor allem jetzt zur Ferienzeit. Und dass das Stress bedeute. Weil solche Magazine sich gerne über den wie auch immer gearteten „Nutzwert“ definieren, schrieb der „Stern“ auch noch brav auf seine Titelseite, dass es im Heftinneren Tipps gebe, wie man dem Stress entgehe.

Der „Spiegel“ hat in dieser Woche eine Nazi-Geschichte auf dem Titel. Das ist nicht gerade nutzwertig, beim „Spiegel“ jetzt aber auch nicht gerade eine Überraschung. Immerhin hatte der „Spiegel“ zu Mascolo-Zeiten auch mal eine Titelgeschichte über „Hitlers Uhr“ und damit den Beweis angetreten, dass man aus nahezu allem eine Geschichte machen kann, wenn „Hitler“ draufsteht.

Drei Magazine, drei Titelgeschichten. Und drei Chefredakteure, von denen zwei mit vielen warmen Worten gefeuert sind und einer öffentlich angezählt worden ist. Innerhalb von gerade mal drei Wochen. Das mag man für Zufall halten. Ist es aber nicht. Vielmehr zeigt der langsame Verfall der deutschen Magazine, wie sehr sich der Journalismus gerade verändert. Und wie sehr auch den Dickschiffen der Branchen plausible Antworten fehlen. Das beginnt bei der Personalauswahl und hört bei inhaltlichen Fragen noch lange nicht auf.

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Vielleicht muss man, um das eigentliche Problem zu begreifen, erst mal in die nahe Zukunft schauen. Denn zumindest „Stern“ und „Focus“ haben bereits Nachfolger für ihre Chefposten gefunden, ehe der bisherige Chefredakteur offiziell vor die Tür gesetzt worden ist. Es ist bezeichnend, dass sie sich für die homöopathische Lösung entschieden haben – nach dem Grundsatz: Gleiches mit gleichem behandeln. Beim „Stern“ kommt jetzt der bisherige „Gala“-Chef an die Spitze, beim „Focus“ der Ex-Chefredakteur der WAZ. Beides gestandene Printmänner. Kein einziger davon mit dem Ansatz einer Digital-Expertise. Was zeigt, wie sehr die Macher in den Verlagen immer noch ihren Fokus auf das Heft legen und dabei keinen einzigen Gedanken an die Möglichkeit verschwenden, dass ein Magazintitel mittelfristig nur noch eine Chance hat, wenn er sich als digitale Marke auf allen Kanälen positioniert. Es ist ebenso bezeichnend, dass Wolfgang Büchner mit seinem „Spiegel 3.0“ als einziger konkret in diese Richtung denkt und es nicht nur bei lauwarmen Willensbekundungen belässt, dass dieses Internet schon irgendwie auch ein bisschen wichtig ist. Was Büchner davon hat, sieht man ja jetzt. Dass die neuen Männer an der Spitze von „Stern“ und „Focus“ auch nur ansatzweise in diese Richtung denken, kann man sich derzeit kaum vorstellen.

Was sie aber wiederum anders essentiell anders machen wollen als ihre Vorgänger, erschließt sich nicht so ganz. Natürlich, man wird das übliche Branchengerede hören. Aber speziell der „Focus“ hat ja am eigenen Leib zu spüren bekommen, dass es mit ein paar besseren und „härteren“ Geschichten alleine in der digitalen Welt nicht mehr getan ist. Der „Focus“ hatte u.a. den Gurlitt-Skandal und die Hoeneß-Geschichte als erster. Gebracht hat es ihm ungefähr gar nichts. Davon hätte man in analogen Zeiten lange zehren können, nicht aber in einer „always-on-Zeit“. Möglicherweise – halt, nein: ganz sicher – werden die neuen Männer an den Spitzen beider Magazine ein paar Dinge neu justieren. Aber nur mit dem Heft alleine wird sich das Überleben auf dem Markt dauerhaft nicht sichern lassen.

Es wäre also keine ganz schlechte Idee, würde man sich konzeptionell Gedanken machen, wie man das Blatt und das Online-Angebot enger miteinander verzahnen könnte. Das ist weniger eine organisatorische Frage als eine inhaltliche. Denn tatsächlich haben sich Print und Online bei „Spiegel“, „Stern“ und „Focus“ in den letzten Jahren inhaltlich eher voneinander entfernt, als dass man das als eine konsequente Strategie auf allen Kanälen wahrnehmen könnte.

Beispiel „Spiegel“: Das Heft kommt immer noch daher mit dem Anspruch, ein kerniges Nachrichtenmagazin zu sein (trotz aller Rückenschmerzen-Titel). „Spiegel Online“ hingegen hat sich schon lange zu einem eher bunten Sammelsurium des Tages entwickelt. Erfolgreich in der Breite, auch und vor allem deswegen, weil man sich dort nicht scheut,  bunte Geschichten an exponierter Stelle zu fahren und sich möglichst massenkompatibel zu geben. Eine Klickstrecke über eine Pandabärin, die eine Schwangerschaft vortäuscht – das ist eben „Spiegel Online“. Wie weit das zu einem Nachrichtenmagazin mit dem Anspruch des „Spiegel“ passt, lässt sich diskutieren…

Beispiel „Focus“: Ulrich Reitz wird vermutlich den politischen Anspruch des „Focus“ und dessen Seriosität und sein Gewicht herausstellen. Könnte allerdings ein Problem mit der Glaubwürdigkeit geben, wenn sein Online-Chefredakteur Daniel Steil weiterhin darauf setzt, Geschichten über das „heiße Nacktbaden“ bei „Promi Big Brother“ zu bringen. Wenn das Blatt gerne der konservative „Spiegel“ wäre und die Online-Ausgabe nur eine mühevoll gezähmte und etwas weniger hechelnde Variante der „Bild“ ist, verzweifelt jeder Marketingstratege. Und ja, Seriosität im Journalismus hat schon auch was mit dem Umfeld zu tun, in dem sie sich bewegen soll. Leitartikel zur Lage der Nation und heißes Nacktbaden, das beißt sich.

Bei „Focus Online“ findet sich heute auch diese hübsche Passage: „Paul und Alexandra und Mia und Aaron. Da knistert es heftig im „Promi Big Brother“-Container. Alexandra sagt über die Flirterei: „Paul und ich haben einen sehr, sehr engen Draht. Ich habe schon eine starke Verbindung zu ihm. Paul ist auf jeden Fall ne Schnitte, hübscher Kerl.“ Heißt: Sie findet ihn heiß, er hat sich noch nicht geäußert. Solo sind sie beide.“

Da darf man gespannt sein, ob sich der neue Chefredakteur auch mal Gedanken darüber macht, inwieweit „Focus“ und „Focus Online“ überhaupt noch zusammenpassen…

Und der „Stern“? Hat „stern.de“. Das einzige, was mir von „stern.de“ in Ernennung ist, ist die Ankündigung des damaligen Chefredakteurs Frank Thomsen, demnächst „Spiegel Online“ überholen und die Nummer 1 der deutschen Webseiten werden zu wollen. Das war vor etlichen Jahren. Thomsen ist inzwischen wieder zum Blatt zurückgekehrt und der Online-Ableger ist…nun ja, vorhanden.

Umgekehrt lohnt sich der Blick auf die „Zeit“ und „Zeit Online“. Ob man das Blatt nun mag oder nicht, unbestritten ist: Kein Wochentitel in Deutschland führt online so konsequent fort, was es gedruckt ist. Wo „Zeit“ draufsteht, ist „Zeit“ drin. Ohne Wenn und Aber. Wer die Online-Ableger von „Spiegel“ und „Focus“ anschaut, landet hingegen in einer sehr eigenen Welt. Das mag kurzfristig beim Blick auf Klicks und Quote vielversprechend sein. Die eigentliche Marke stärkt man damit ganz sicher nicht. Nach allem, was man hört, geht es der „Zeit“ erstaunlich gut. Vielleicht denken die Kollegen in Hamburg und München ja mal darüber nach, ob das auch andere Gründe als den Chefredakteur haben könnte.

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Problem Chefredakteur? Speziell der „Focus“ hat in den letzten Jahren ungefähr alle Varianten mal probiert. Den konservativen Haudrauf, den politischen Feingeist, den Nutzwert-Handarbeiter. Jetzt kommt wieder jemand, der das konservative Blattmachen als Lebenselixier hat. Ebenso beim „Stern“. Und auch bei den Kandidaten, die beim „Spiegel“ als potentielle Nachfolger für Wolfgang Büchner genannt wurden, war kein einziger dabei, den man mit dem Digital-Thema in Verbindung gebracht hätte. Dabei haben die Wochenblätter mit dem Netz ebenso zu kämpfen wie die Tageszeitungen – man hat nur bisher weniger darüber gesprochen. Tatsächlich ist aber gerade das Manko einer wöchentlichen Erscheinungsweise nur dann wettzumachen, wenn die Marke ihre Geschichte auch durch die Woche hindurch erzählen kann. Wenn sie für den Nutzer als gegenwärtig wahrzunehmen ist. Und als relevant. Wer seinen Lesern montags von Weltpolitik und dienstags von heißem Nacktbaden erzählt, hat ein Problem. Das wird sich nicht ändern, solange weiter an den Spitzen der Blätter Blattmacher stehen, die sich zwar mit viel Liebe zum Detail einem Softrelaunch im Blatt widmen, alle anderen Kanäle ihrer Marke außer acht lassen. Aktuell würde es mich reizen, den designierten „Fcous“-Chef mal zu fragen, ob er weiß, wie Instagram tickt. Oder YouTube. Vine, Storify, Popcorn, Pageflow. Und ob er dafür irgendeine Idee hat, die darüber hinausgeht, Werbung für die kommende Print-Ausgabe zu machen.

Eine Zeitlang hatte ich ja auch mal gedacht, dass die Grabenkämpfe zwischen Print und Digital vorbei seien. Zumal sich ja nicht nur die „Süddeutsche“ den Herrn Plöchinger, sondern auch der „Stern“ mit Anita Zielina eine ausgesprochene Könnerin in die Chefredaktion geholt hatte. Inzwischen ahne ich, dass ich mich getäuscht habe. Weil in 98 Prozent aller Fälle zwar inzwischen die Online-Redaktionen wenigstens nicht mehr das Schicksal publizistischer Kellerasseln zu tragen haben. Aber direkt Einfluss auf die Unternehmensstrategie, auf das gedruckte Blatt bekommen sie nur selten.

Womit wir wieder beim „Spiegel“ wären. Mehr Einfluss der Onliner auch aufs Blatt, nicht weniger als das steht hinter der Idee von „Spiegel 3.0“. Anders wird sich im digitalen Zeitalter kein journalistisches Produkt machen lassen. Genau hier beginnt aber der neue Grabenkampf.

Die letzten beiden Wochen bei „Spiegel“, „Stern“ und „Focus“ haben genau eines gezeigt: Daran wird sich auch in nächster Zukunft nichts ändern. Die aktuellen Personalentscheidungen sind der beste Beleg dafür.

Die Wundertüten kommen ans Ende

Vor drei Wochen hat der „Spiegel“ eine Titelgeschichte von Cordt Schnibben und die Nazi-Vergangenheit seines Vaters gemacht. Vor zwei Wochen befasste sich der Titel damit, dass es angeblich immer mehr Menschen gibt, die mit über 40 Eltern werden. In dieser Woche fragt sich der „Spiegel“ auf dem Titel, ob es womöglich bald wieder Krieg in Europa gibt (Antwort: vermutlich eher nicht).

Die Kollegen vom „Stern“ haben zwischenzeitlich eine Titelgeschichte über veganes Leben gemacht. Davor gab es Titel über alles Mögliche, ich weiß nur nicht mehr genau, was es war. Was der „Focus“ getitelt hat, weiß ich beim besten Willen nicht mehr, im Zweifelsfall könnten es ein paar Listen gewesen sein oder auch Gesundheitstipps.

Das steht hier, weil es vergangene Woche eine interessante Meldung zum Thema Auflagen gegeben hat. Demnach geht es den Zeitschriften in Deutschland auch nicht mehr unbedingt gut – auch den zweieinhalb publizistischen Flaggschiffen „Spiegel“, „Stern“ und „Focus“ nicht mehr. Zusammen mit dem seit Jahren anhaltenden Abwärtstrend der Tageszeitungen könnte man jetzt wieder in das übliche Lamento über den Niedergang von Printmedien anstimmen. Aber das wäre nur die halbe Wahrheit. Denn am Trägermedium alleine liegt es nicht, dass der Journalismus auf gedrucktem Papier zunehmend schwierigeren Zeiten entgegen geht.

Bleiben wir deshalb nochmal kurz beim „Spiegel“ – der „Stern“ hatte sich ja schließlich schon immer als eine gedruckte inhaltliche Wundertüte definiert. Natürlich kann man das schon machen: eine Woche mit Nazis aufmachen und dann wieder mit alten Eltern. Das ist schließlich über Jahrzehnte das Prinzip von Wochentiteln gewesen: Man bildet ungefähr alles ab, was in Deutschland und der Welt passiert, so ein wöchentlicher Welterklärer kann ja auch mal ganz nett sein. Nur: Braucht es den noch, wenn es alle diese Themen sehr viel umfangreicher auch im Netz gibt? Schafft man es wirklich, so unterschiedliche Interessen und Themen und damit auch Zielgruppen hinter einem einzigen Titel zu versammeln? Das ist ja auch die Frage, der sich die Tageszeitungen stellen müssen: Ist es ein Konzept, alles ein bisschen gut zu können, alles ein klein wenig anzureißen, nirgends aber in die Tiefe zu gehen?

Das Prinzip „Wundertüte“ kommt langsam an sein Ende. Das ist kein Problem, das Printmedien exklusiv für sich haben, auch das analoge TV beispielsweise steht zunehmend vor dem Problem, dass sich Nutzer die Inhalte, die sie wirklich sehen wollen, irgendwo rauspicken – und nicht warten, ob zwischen Nachrichten, Spielfilmen, Ratgebersendungen und Sportübertragungen möglicherweise auch mal eine Serie kommt, die sie interessiert. Man könnte auch sagen: Das Nutzerverhalten wird durch die unfassbaren Mengen, die es in der digitalen Welt gibt, zunehmend selektiver. Weil es gar nicht mehr anders geht.

Was können, was müssen Redaktionen tun? Sich eindeutig positionieren. Klare Haltungen einnehmen. Zur Community werden. Nein, nicht durch eine Facebook-Seite, sondern durch Kompetenz und Zugehörigkeit zu einem Thema, zu einem Lebensgefühl. Zugehörigkeit zu einer Community, das ist es, für was Nutzer im Zweifelsfall auch zu zahlen bereit sind.