Das Mittelmaß ist am Ende

Nach zwei Monaten als Abonnent einer Allerweltszeitung gebe ich wieder auf. Mit der Erkenntnis, dass weder dieses Internet noch die Umsonst-Kultur der größte Feind dieser Blätter sind.  Viel gefährlicher: gelebtes Mittelmaß und eine erstaunliche Wurstigkeit in einer Branche, in der man so etwas Altmodisches wie Leidenschaft immer noch gut gebrauchen könnte. “Read

Abgesang auf eine alte Idee

Die Tage herrscht gerade etwas Aufregung. Darüber, dass man jetzt schon ganze Zeitungsseiten für 200 Euro kaufen kann. Womöglich sogar noch für weniger. Dabei ist der Preis für eine Mantelseite nur ein Symptom. Dafür, dass das Konzept der regionalen Tageszeitung endgültig dem Ende entgegen geht. Der „Mantel“ in der Zeitung: Abgesang auf eine journalistische Idee aus dem vergangenen Jahrhundert.

Zeitung. (So war das mal: Zeitungsleser in München. (Foto: Jakubetz)

So war das mal: Zeitungsleser in München. (Foto: Jakubetz)

Jetzt also Köln, genauer gesagt: DuMont. Dort machen sie das, was sie derzeit nahezu überall machen. Es wird gerechnet, zusammengelegt, rationalisiert.  Vor allem da, wo sich Dinge zusammenlegen lassen. Man baut Desks, die ungefähr alles beliefern sollen. Sogar solche Sachen, von denen man noch vor nicht allzu langer Zeit gesagt hatte, dass sie nicht zusammenpassen: Abo-Zeitungen und Boulevard-Blätter beispielsweise. Und natürlich schaut man, ob man nicht zukaufen kann. Vor allem von diesen Einheiten, die sich als Zulieferer verstehen: Redaktionsnetzwerke und andere Zentral- und Gemeinschaftsredaktionen. Die Idee dahinter ist eine betriebswirtschaftliche: Je öfter eine einmal zusammengebaute Seite verkauft wird, desto rentabler. Was völlig legitim ist, auf der anderen Seite aber zu einer paradoxen Situation führt: Für 200 oder weniger Euro kann eine durchschnittliche deutsche Tageszeitung eine Mantelseite nicht herstellen. Ist es da ein Wunder, wenn man sich von solchen Angeboten aus Hannover oder Berlin gerne ködern lässt?

Wer den Mantel macht, spielt kaum eine Rolle

Aber diese 200-Euro-Sache ist nur eine Seite. Der betriebswirtschaftliche Aspekt spiegelt auch etwas anderes wider. Nämlich die schwindende Bedeutung und den damit stetig sinkenden Wert eines Mantelteils. Gemacht wird er nur noch für die, die seit gefühlten 100 Jahren eine Regionalzeitung lesen und deswegen ihre Politik, ihre Wirtschaft, ihren Sport auch haben wollen. Für alle anderen ist er das uninteressanteste, was man sich nur vorstellen kann. Ein leicht uninspirierter Mix aus Agenturgeschichten und Korrespondentenberichten aus der ganzen Welt. Dass man das schon lange digital-elektronisch hat lesen können, geschenkt. Die Regionalblätter sitzen da also in der Falle: Das Netz, das Fernsehen, das Radio sind schneller. Die Qualität von eigenen Geschichten wie in der SZ oder in der FAZ bekommt man naturgemäß nicht hin. Was also läge näher als die Idee, den Mantel zwar noch anzubieten, ihn aber so kostengünstig wie möglich produzieren zu lassen?

Und mal ganz ehrlich: Welchen Unterschied macht es, ob jetzt der Redakteur, der dpa-Geschichten zusammenschraubt, in Hannover, in Berlin oder in Passau oder Bielefeld hockt? Die publizistische Vielfalt, die in diesem Zusammenhang gerne beschworen wird, besteht jedenfalls nicht darin, dass möglichst viele unterschiedliche Menschen Agenturen redigieren.

Wäre es aber angesichts dieser Umbrüche nicht konsequent, man würde den Mantel einfach abschaffen? Die Forderung, Reportagen auf die Eins und möglichst viel Lokales nach vorne zu holen, die gibt es immerhin schon lange. So lange, dass man behaupten darf: Mit dem Netz und der Digitalisierung der Welt hat das nichts zu tun. Tatsächlich aber wird es den Mantel und damit die Tageszeitung bekannter Prägung schon noch eine ganze Zeit geben. Einfacher Grund: Menschen, die heute noch eine regionale (gedruckte) Tageszeitung lesen, die machen das bewusst. Und aus mehr oder weniger guten Gründen. Man würde also den treuen Zeitungsleser reichlich verstören, würde man ihm heute ein radikal anders gemachtes Blatt hinlegen. Zeitungsleser sind eine extrem konservative Klientel: ein paar Änderungen an Spaltenbreite und Schriftgröße ziehen schnell wüste Beschimpfungen und die beliebte Drohung mit der Abo-Kündigung nach sich.

Der Mantel muss bleiben – weil die Zeitung auch noch ein bisschen bleibt

Ist das nicht ein Widerspruch zum Medienwandel? Und zu dem auch auf dieser kleinen Seite immer wieder gepredigten Notwendigkeit zur Veränderung? Nein, nur auf den ersten Blick. Stattdessen müsste die Idee einer intelligenten Strategie erst einmal die Erkenntnis sein, dass man mit dem Produkt einer gedruckten Tageszeitung eine immer kleiner werdende Kundschaft erreicht (an dieser Stelle dürfen Sie sich jetzt gerne darüber streiten, ob das gedruckte Blatt ganz, halb oder nur ein bisschen untergehen wird). Klar aber ist: Das Produkt, mit dem man eine strategisch-journalistische Ernährung betreibt, wird keineswegs die Zeitung sein.

Anders gesagt: Noch ist die Zeitung ein Umsatzbringer. Sie hat als solcher aber keine große Zukunft mehr. Wenn man also in diesem Markt übereben will: Entwickeln Sie ein tolles Produkt! Eines mit viel Journalismus! Und packen Sie es dann sonstwohin – aber drucken Sie es nicht mehr auf Zeitungspapier! In der Autoindustrie wissen sie schließlich auch, dass der gute, alte Diesel ein Auslaufmodell ist…

Nicht aufregen also, wenn Verlage sich dafür entschieden, ihre Zeitung weitgehend so zu lassen, wie sie ist (einschließlich eines Mantels, den man aus Sonstwo zukauft). Das muss nicht mal eine schlechte Idee sein. Der Kampf um die Zukunft wird ganz woanders entschieden.

Xtra exit

Eigentlich müsste man den Kollegen von MDS in Köln dankbar sein. Dafür, dass sie eine lange schwelende Debatte mit einem einzigen Experiment beendet haben: Interessieren sich junge Medienkonsumenten noch für (gedruckte) Tageszeitungen?

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Klare Antwort: Nein. Zu einer anderen Antwort kann man nicht kommen, nachdem die Kölner ihr ambitioniert gestartetes Projekt „Xtra“ nach gerade mal einem halben Jahr de facto beerdigen.

Natürlich gibt es für dieses Scheitern auch Gründe konzeptioneller Art. Die Idee, eine Zeitung zu machen, die irgendwie ist wie das Internet, die ist uralt – und wird durch ständiges Wiederholen nicht besser. Auch in Köln hat das Publikum sich vermutlich nicht nur diese eine Frage gestellt: Wieso soll ich eine Zeitung lesen, die aussieht wie das Internet – wenn ich das Internet die ganze Zeit ohnehin in  der Hosentasche habe? Noch dazu, wo „Xtra“ so stylish und zielgruppenorientiert daherkam wie eine niederbayerische Sparkasse, die Lehrlinge sucht: irgendwie anbiedernd, unglaubwürdig, langweilig. Und noch dazu eine Zeitung ist, mit all den Begrenzungen, die man einem Publikum, das mit der Unendlichkeit des Netzes groß geworden ist, kaum plausibel machen kann.

Womit man vermutlich schnell bei der eigentlichen Problematik ist: Gedruckte Tageszeitungen sind für digital natives schlicht und ergreifend das falsche Produkt. Weil man sie von de Vorzügen des gedruckten Papiers ebenso wenig überzeugen wird können wie von der Ästhetik des Schwarzweiß-Fernsehens. Oder von Autos ohne Klimaanlage und Viergang-Schaltung.

Davon abgesehen, dass es grundsätzlich eine restlos unsinnige Idee ist, ein Medium so machen zu wollen, damit es aussieht wie ein anderes: Fernsehen ist nicht Kino, Zeitung ist nicht Radio und das Netz ist alles mögliche, aber nicht ausdruckbar auf 36 Seiten.

Dass man „Xtra“ nunmehr als web- und applaniertes Dings für Irgendwas weiterführen, zeugt wenigstens von einer gewissen Lernfähigkeit, entbehrt aber auf der anderen Seite nicht einer gewissen Ironie.

Das also war´s mit der Debatte um Tageszeitungen für junges Publikum. Vielleicht können wir und dann in Zukunft des Themen zuwenden, die wirklich irgendwas mit Zukunft zu tun haben.

Aus dem Leben einer Zeitung

Print lebt? Wenn man sich mal ungeschönte Einblicke in das Innenleben gibt, dann könnte man auch zu anderen Rückschlüssen kommen. Willkommen bei der Geschichte einer deutschen Musterzeitung…

Vor kurzem habe ich mich mit jemandem unterhalten. Einem Redakteur einer Tageszeitung. Um welche Zeitung es geht, ist völlig unerheblich. Ich erzähle einfach mal nur die Geschichten aus dieser Zeitung. Wer sich nicht angesprochen fühlt, prima. Wer sich angesprochen fühlt, darf gerne hier mit diskutieren. Oder wenigstens sich ein paar Gedanken machen. Schon alleine deshalb, weil ich die Geschichten nicht kommentiere, sondern nur wiedergebe. Welche Schlüsse daraus zu ziehen sind, bleibt jedem selbst überlassen…

Die Zeitung

Nennen wir sie einfach: die Musterzeitung. Sie ist nicht riesengroß, aber auch nicht ganz klein. Sie erscheint irgendwo in Deutschland. Nicht in einer Großstadt, sondern in der Struktur einer klassischen Regionalzeitung. Das bedeutet: Eine größere Mantelredaktion am Erscheinungsort, diverse mittelgroße und kleine Lokalredaktionen draußen auf dem Land. Die Region, in der sie erscheint, ist weder besonders arm noch übermäßig reich. Es gibt keine Auffälligkeiten, außer denen, die man aus dem Deutschland des Jahres 2014 kennt: Tendenziell ist auch hier der demographische Wandel spürbar. Von einer Landflucht zu sprechen, wäre übertrieben, aber die Tendenz, dass vor allem jüngere und gut ausgebildete Menschen eher der nächsten Großstadt zuneigen, ist unverkennbar. Von wenigen kleinen Randgebieten abgesehen ist das Blatt ein klassischer Monopolist. Natürlich gibt es auch hier die großen überregionalen Blätter, aber wer lokale und regionale Informationen haben will, kommt an unserer Musterzeitung nicht vorbei. Ihren höchsten Auflagenstand erreichte sie Ende der 80er-Jahre. Seitdem geht es sehr langsam, aber eben auch sehr kontinuierlich bergab. Nicht dramatisch, das. Und auch nicht über dem Durchschnitt liegend, irgendwo zwischen 1 und 2 Prozent pro Jahr. Die Rubrikenmärkte haben sich allerdings in den letzten Jahren beinahe in Luft aufgelöst. Seither verringert die Musterzeitung beständig ihre Umfänge und erhöht ihre Abopreise. Das Verhältnis zwischen Anzeigen- und Vertriebserlösen hat sich speziell in den vergangenen Jahren deutlich zu Lasten der Anzeigenerlöse gewandelt. Soll heißen: Der Anteil der Vertriebserlöse ist deutlich gestiegen. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht.

Natürlich betreibt unsere Musterzeitung ein Onlineangebot. Sogar schon vergleichsweise lange. Und nicht mal ganz schlecht. Es ist sicher nicht gerade state of the art, aber umgekehrt hat man auch schon sehr viel schlechtere Angebote gesehen. Das Angebot steht auch deshalb bisher ganz stabil da, weil es, im Gegensatz zu anderen Regionen, noch keine hyperlokalen Angebote gibt, mit denen es konkurrieren müsste. Zudem gibt es auch eine Smartphone-App. Über eine App für Tablets wird nachgedacht, bislang aber gibt es noch keine. Immerhin aber kann man die Musterzeitung auch digital als PDF kaufen.

Die Chefredaktion

Unsere Musterzeitung hat eine mehrköpfige Chefredaktion, die auch als Musterchefredaktion einer Regionalzeitung durchgehen könnte. Mehrheitlich stammen ihre Mitglieder aus der Region und sind großteils auch Eigengewächse des Hauses, die Land, Leute und ihr eigenes Haus aus dem Effeff kennen. Oder wenigstens: kennen sollten. Sie alle sind klassische Zeitungsmacher. Erfahrungen in anderen Medien oder auch anderen Häusern besitzen sie überwiegend nicht. Der Chefredakteur würde keinesfalls bestreiten, dass das Internet wichtig ist, hat aber keinerlei Expertise in diesem Bereich. Böse Zungen in der Redaktion behaupten, sein digitales Können ende beim Schreiben einer Mail. De facto also kümmert er sich um die Zeitung. Für das Onlineangebot gibt es einen eigenen Verantwortlichen, der aber weder in die Chefredaktion noch in andere relevante Entscheidungsstrukturen des Hauses eingebunden ist.

Die inhaltliche Vorgabe der Chefredaktion ist ebenfalls deutlich. Klassisch-konservativ. Der Mantel steht vorne. Die Lokalteile sind im Regelfall im letzten Buch. Es gibt im Mantel Seiten für das Bundesland und die dortige Region. Dort können immer wieder Themen aus den jeweiligen Lokalredaktionen untergebracht werden. Zudem hat die Chefredaktion in den vergangenen Jahren auch immer wieder versucht, Themen mit regionalem Bezug zu kommentieren. Dennoch dominiert in den Kommentaren die große Politik.

Die Redaktion

Man tut der Redaktion gewiss nicht unrecht, wenn man sie als eine Art Zweiklassen-Gesellschaft bezeichnet. Es gibt die Minderheit der Mantelredakteure, die sich selbst statusmäßig eindeutig über den Lokalredakteuren ansiedelt, obschon letztere nicht nur die Mehrheit stellen, sondern auch jeden Tag das Kerngeschäft stemmen. Das allerdings ist das journalistische Schwarzbrot, wirkliche Meriten verdient man sich im Haus damit allen gegensätzlichen Beteuerungen zum Trotz aber nicht. Wer was werden will, sieht zu, dass er in den Mantel kommt. Wer länger als zehn Jahre im Lokalen sitzt, kann sich fast sicher darauf verlassen: Da bleibt er dann auch.

Der Kern der Redaktion ist schon lange dabei. 20, 25 oder 30 Jahre Betriebszugehörigkeit sind keine Seltenheit. Daneben gibt es Volontäre und jüngere Redakteure, wobei in den letzten Jahren aber zwei Trends auffällig geworden sind. Zum einen: Volontariate bei der Musterzeitung sind bei weitem nicht mehr so begehrt, wie sie es einmal waren. Es ist auch schon vorgekommen, dass Volo-Planstellen mangels geeigneter Kandidaten nicht besetzt werden konnten. Hinter vorgehaltener Hand beklagt sich die Redaktion auch schon mal darüber, dass die Volontäre, die in den letzten Jahren im Haus waren bzw. sind, bei weitem nicht mehr die Qualität haben, die sie früher hatten. Als Ursache sieht auch die Redaktion vor allem, dass ein Regionalzeitungs-Volontariat für eine digital aufgewachsene Generation nicht mehr so richtig sexy ist. Daraus resultiert auch ein zweiter Trend: Im Gegensatz zu früher verabschieden sich Volontäre gerne nach ihrer Ausbildung oder nach kurzem Aufenthalt als Jungredakteur. Die Gewissheit, während der Volontariate auch die Belegschaft der Zukunft auszubilden, existiert nicht mehr.

Ob die Redaktion überaltert ist, ist sicher Auslegungssache. Fakt aber ist: Das Durchschnittsalter in der Redaktion unserer Musterzeitung liegt bei deutlich über 40. Im Kern arbeitet sie schon viele Jahre zusammen und hat auch nur in den seltensten Fällen Zuwachs von außen. Den meisten in der Redaktion ist auch anderes klar: Zum einen haben sie sehr häufig feste Wurzeln in der Region geschlagen und wollen von dort auch gar nicht mehr weg. Zum anderen ist ihnen – auch dadurch bedingt – durchaus klar, dass ihre beruflichen Perspektiven eingeschränkt sind. Wer 15 oder 20 Jahre im selben Laden und zudem aus privaten Gründen weitgehend ortsgebunden ist, kann sich leicht ausrechnen, welche berufliche Möglichkeiten er hat – noch dazu in einer Region, in der es zumindest für den Journalisten-Job so gut wie keine Alternativen gibt. Dazu sind in den vergangenen Jahren diverse interne Dinge passiert, die das Verhältnis der Redaktion zu ihrem Arbeitgeber nicht unbedingt gefördert haben.  Wenn man also von einer mäßig motivierten Redaktion spricht, tut man niemandem Unrecht.

Diese mäßige Motivation führt auch dazu, dass das Interesse an digitalen Themen wenig ausgeprägt ist. Und selbst dann, wenn die Motivation besser wäre, ist die viel geforderte Crossmedialität in der Praxis kaum umzusetzen. In vielen Redaktionen ist das Personal so ausgedünnt, dass zusätzliche Beiträge für digitale Kanäle in der Praxis nicht machbar sind. Oder aber: nur unter erheblichem zeitlichen Mehraufwand. Den will der Verlag zum einen aber nicht vergüten, zum anderen – siehe Motivation…

Dazu kommt, dass auch die Expertise von Chefredaktion und Geschäftsführung in Sachen Online kaum vorhanden ist. Weder existiert digitaltaugliches Equipment, noch gibt es inhaltliches Know-how. Einige wenige Versuche beispielsweise mit eigenen Videos führten nicht gerade zu Begeisterungsstürmen. Weder in der Redaktion noch bei den Lesern. In den sozialen Netzwerken ist die Redaktion zwar vertreten, das aber eher pflichtschuldig. Wirkliche Interaktion findet kaum statt. Beiträge auf der Facebook-Seite bringen es angesichts dessen nur selten auf mehr als zwei oder drei Kommentare. Der Twitter-Account schafft es auf einen Bruchteil dessen, was in Deutschland echte Netzgrößen haben; von einer fünfstelligen Followerzahl ist man weit entfernt.

In den meisten Lokalredaktion regiert der Terminjournalismus. Nicht etwa, weil die Redakteure dort nicht wüssten, dass und wie es auch anders ginge. Es ist die schlichte Personalnot, die die meisten Eigeninitiativen verhindert. Häufig müssen nominell drei oder vier Leute sowohl ihre Stadt als auch die umliegenden Gemeinden betreuen. Nominell drei oder vier bedeutet in der Praxis: Manchmal ist man wochenlang zu zweit. Urlaub, Krankheit, Weiterbildungen (doch, das gibt es manchmal noch), Abbau freier Tage von den Wochenenddiensten. Bei zwei Leuten kann man sich schnell ausrechnen, welche Möglichkeiten man noch hat, einen Lokalteil zu gestalten: die wichtigsten Termine wahrnehmen, Fremdtexte redigieren, Blatt machen – das war´s. Nicht sehr viel anders ist die personelle Lage auch in den größeren Lokalredaktionen. Und auch im Mantel nicht. Was dort wiederum bedeutet: Die dpa dominiert das Blatt, alles andere ist eine nette Zugabe, aber nur an guten Tagen oder zu besonderen Anlässen machbar.

Die Geschäftsführung

Besteht aus klassischen Verlagsleuten. Die ihr Kerngeschäft vermutlich sogar einigermaßen gut beherrschen, aber auf die Herausforderungen der Digitalisierung keine echten Antworten haben. Die Strategie der letzten Jahre bestand deshalb in den vergangenen Jahren vornehmlich aus Kostensenkungen. Eine eigene Stabsstelle für digitale Strategien und/oder Innovationen existiert nicht; darüber wird aktuell auch nicht nachgedacht.

Die Anzeigenabteilung

Ein beträchtlicher Teil der Menschen, die inzwischen „Mediaberater“ genannt werden, wird auf Provisionsbasis bezahlt, zumindest teilweise. Nachdem sich diese Provisionen an den Verkaufspreisen bemessen und diese immer noch bei Printanzeigen ungleich viel höher sind als bei Onlinewerbung, kann man sich leicht ausrechnen, wie groß das Interesse der Mediaberater ist, auch weiterhin in erster Linie die gute alte Anzeige zu verkaufen. Davon abgesehen hat der Verlag bisher online auch kaum wirklich lukrative Angebote in petto. Zumal auch bei der Anzeigenabteilung gilt: Die allermeisten von ihnen sind klassische Printmenschen, für die online bestenfalls noch ein Zusatzgeschäft ist.

Das Publikum

Drastisch gesagt: Vorne stirbt es aus, hinten kommt fast nichts mehr nach. Die klassischen Leserverluste sind nicht die, bei denen jemand empört oder wenigstens unzufrieden das Blatt abbestellt. Die meisten Leserrückgänge passieren inzwischen viel unspektakulärer: Jemand stirbt oder kann aus anderen altersbedingten Gründen die Zeitung nicht mehr lesen.  Doch wo früher schon wie selbstverständlich die nächste Lesergeneration parat stand, die von Oma und Opa das Abo quasi übernahm, ist heute – nichts mehr. Gerade das jüngere Publikum erachtet die Lokalzeitung zunehmend als verzichtbar; nicht nur, aber auch aus Kostengründen. Dazu kommt, dass es zunehmend mehr junge Leser gibt, die schlichtweg mit dem Datenträger Papier nichts mehr anfangen können. Zumal auch jüngere Themen angesichts der Altersstruktur in der Redaktion kaum gemacht werden und sich jüngere Leser somit zunehmend weniger im Blatt wiederfinden.

Das Fazit

Wie gesagt, seine Schlussfolgerungen darf aus dieser Bestandsaufnahme jeder selbst ziehen.  Ich habe mich intensiv bemüht, auch auf der Haben-Seite unserer Musterzeitung einiges zu entdecken. Ich habe aber beinahe nichts gefunden. Aber vielleicht sehe ich das ja auch nur zu düster. Wer mehr als ich auf der Haben-Seite sieht: In den Kommentaren ist noch reichlich Platz dafür.

Zeitung lebt – da, wo sich nichts ändert

Die Regionalzeitung lebt. An manchen Stellen sogar richtig gut. Dumm nur: Sie lebt nur noch überall da richtig gut, wo die Menschen kaum andere Alternativen haben. Mit Eigenleistung und Zukunftsfähigkeit hat das leider nichts zu tun.

Wir Niederbayern halten es ein bisschen so wie der gute alte Bernd Stromberg: Wir haben kein Problem mit Autoritäten, wir mögen es nur nicht, wenn uns jemand sagt, was wir zu tun und zu lassen haben. Deswegen machen wir manchmal Dinge, die einer gewissen Bockigkeit entspringen. Beispielsweise Menschen in Ämter zu wählen, obwohl dies erstens nicht den Konventionen entspricht und zweitens von „Autoritäten“ und anderen vermeintlichen Obrigkeiten nicht sehr gerne gesehen wird. Deswegen hat der Landkreis Regen im Bayerischen Wald vor nicht allzu langer Zeit jemanden ins Amt des Landrats gewählt, der so gar nicht den handelsüblichen Vorstellungen eines Landrats entspricht: Sozialdemokrat, bekennend schwul und noch nicht mal 30 Jahre alt. Das besondere an den Niederbayern ist, dass dies noch lange nicht bedeutet, dass sie nicht doch im Tiefsten ihres Herzens stockkonservativ sind. Der Landkreis Regen ist ansonsten immer noch eine sichere Bank für den Dreiklang CSU, Kirche – und Presse.

Das muss man wissen, bevor man sich die folgende Meldung zu Gemüte führt: Die Passauer Neue Presse gehört zu den erfolgreichsten Regionalzeitungen Deutschlands. Zumindest mit ihrer Lokalausgabe in Regen. Dort lesen ungewöhnlich viele Menschen immer noch die Heimatzeitung. Mehr als in den allermeisten anderen Regionen Deutschlands. Vermutlich wird sich der eine oder andere in Passau stolz auf die eigenen Schultern geklopft haben. Und der eine oder andere Blattmacher im Land auch: alles Unkenrufe, diese digitalen Untergangspropheten, oder?

Zumal eine Analyse im Branchendienst „Meedia“ auch noch etliche andere Regionen zutage gefördert hat, in denen die Regionalzeitungen immer noch sehr gut dastehen. Wenn man sich zudem vor Augen führt, dass vor allem die größeren unter den Regionalzeitungs-Verlagen immer noch sehr anständige Umsatzrenditen erwirtschaften, über die sich viele andere Branchen freuen würden, kann man es sich also leicht machen und den Veränderungsaposteln ein elegantes „Was wollt ihr eigentlich“ entgegen schleudern.

Eher ungewollt zeigt die Meedia-Analyse aber genau das Kernproblem auf: die mangelnde Zukunftsfähigkeit. Denn egal, ob es der Landkreis Regen ist oder irgendeine Region im Norden, über die ich nicht sehr viel weiß, das Grundmuster ist immer verblüffend ähnlich. Stark sind die Lokalblätter vor allem da, wo es zum einen einen gewissen Strukturkonservatismus gibt und wo zum anderen die Menschen auch gar keine großartigen anderen Alternativen haben. Der Landkreis Regen war schon immer eine PNP-Bastion, auch bedingt durch die Tatsache, dass es dort keine andere Tageszeitung gibt. Auch im Landkreis Straubing-Bogen, in dem der Neu-AZ-Verleger Martin Balle residiert und der ebenfalls zu den Hochburgen der Regionalzeitungen gehört, ist das nicht anders. Das „Straubinger Tagblatt“ gehört seit jeher zum CSU-Kirche-Presse-Dreiklang, der Landkreis ist ein sicherer Garant für CSU-Ergebnisse jenseits der 60-Prozent-Marke und die Kirche muss man dort nicht im Dorf lassen, weil sie nie weg war. Das ist im Übrigen nicht spöttisch gemeint und auch nicht böse: Ich bin in Straubing geboren und würde mich nur ungern selbst in die Pfanne hauen.

Aber die vermeintliche Jubelmeldung hat eben auch ihre eindeutige Kehrseite. Weil sie zeigt, dass überall da, wo die mediale Zukunft schon ein bisschen weiter fortgeschritten ist, das Modell Tageszeitung auf dem Rückzug ist. Und dass es im umgekehrten Fall zum einen die Trägheit der Massen ist, die sie vor einer größeren Kross vorerst noch bewahrt. Und zum anderen die Monopolstruktur, die in vielen Regionen Deutschlands noch herrscht, wenn es um lokale Medien geht. In rund 80 Prozent des Landes gibt es eben nur die eine lokale Tageszeitung – da existiert dann auch nur die Wahl zwischen einer oder keiner Zeitung, was keine so richtig gute Wahl ist. Strukturwandel geht an manchen Stellen schneller und in Regen und in Straubing und irgendwo im flachen Norden etwas langsamer.

Was die Verlage an dieser Entwicklung erschrecken müsste: Bei all diesen Gründen, die ihren Niedergang an manchen Stellen verlangsamen, ist nicht ein einziger dabei, der irgendwas mit ihren verlegerisch-publizistischen Leistungen zu tun hat. Auch in Regen oder in Straubing oder irgendwo in Norddeutschland macht man nur ein etwas aufgehübschtes business as usual. Die Regener Ausgabe der PNP verkauft sich ja nicht deswegen so gut, weil sie eine Lokalzeitung ganz neuer und moderner Prägung ist. Sondern weil sie so ist wie sie immer gewesen ist. So ist das nun mal auf dem Land. Wenn ein Trend in Regen oder Straubing ankommt, darf man sicher sein, dass er in München schon lange tot ist.

Ein Trugschluss wäre es allerdings auch, sich einfach darauf zu verlassen, dass die Menschen auf dem Land einfach so weitermachen wollen und es schon alleine deswegen auch die nächsten Jahrzehnte genug Potenzial für das Blatt alter Prägung geben wird. Die Landflucht und der Bevölkerungsrückgang sind in vollem Gange, auch im seligen Bayern.

Mit am stärksten betroffen übrigens: der Landkreis Regen.

Selbstenthauptung im Lokalen

Es gibt mal wieder eine neue Studie aus Dortmund. Eine, die sich mit der aktuellen Lage der Regionalzeitungen beschäftigt. Und das, was aus dieser Studie hervorgeht, müsste eigentlich alle Verlagsmanager tief beunruhigen. Nein, nicht wegen Auflagen und Umsätzen. Sondern wegen dem, was sich am Ende aus dieser Studie über ihre Zukunftsfähigkeit herauslesen lässt…

Es ist schon ziemlich lange her, genauer gesagt fast 30 Jahre, dass mir mein erster Chef immer und immer wieder eingetrichtert hat: Die Lokalzeitung wird wegen des Lokalteils gelesen. Schluss, aus. Das leuchtete mir durchaus ein. Und das, obwohl es damals sehr viel weniger Möglichkeiten für die Leser gab, an journalistischen Stoff außerhalb des Lokalen zu kommen. Ein paar Zeitungen, eine Handvoll Fernseh- und Radiosender und abends die „Tagesschau“, das war´s dann auch schon wieder. Trotzdem: Es konnte in der weiten Welt passieren was wollte, wirklich heftig und intensiv waren Leserreaktionen immer nur dann, wenn es irgendwas Aufregendes im Lokalteil gab (oder wenn wir mal wieder Fotos vertauschten oder irgendjemanden aus der Ehrengästeliste vergaßen zu erwähnen).

Ich erzähle solche Geschichten übrigens heute noch gerne Studenten oder Volontären. Und sie hören sie deutlich lieber als meine anderen Geschichten, glaube ich. Weil man mit solchen kleinen Episoden ganz einfach den Stellenwert des Lokalen aufzeigen kann. Sehr viel besser jedenfalls als mit irgendwelchen Zahlen, Studien oder, noch schlimmer, kommunikationswissenschaftlichen Theorien. Menschen wollen wissen, was daheim los ist, dann erst kommt alles andere. So einfach ist Journalismus manchmal.

Das heißt – so einfach könnte er sein. Man könnte eigentlich denken, dass beispielsweise Lokalzeitungen dieses ganz besondere Prunkstück, ihre eigentliche Daseinsberechtigung nämlich, nicht so einfach aus der Hand geben. Das tun sie aber zunehmend öfter. Kein Bauchgefühl (das natürlich auch), sondern auch in Zahlen nachweisbar. Das Dortmunder FORMATT-Institut hat in seiner zweijährlichen Untersuchung einen eindeutigen Trend festgestellt. Nämlich den, dass die deutschen Tageszeitungen am ehesten im Lokalen sparen (mehr zu den Ergebnissen drüben beim Universalcode). Vor allem in NRW hat sich ja in den letzten Jahren eine merkwürdige Form des Lokaljournalismus entwickelt: Es gibt Lokalausgaben, die nur noch den Mantel selbst herstellen und sich den Lokalteil vom Mitbewerber vor Ort befühlen lassen. Immer noch besser, als wenn die Ausgaben ganz dicht machen, argumentieren Verlage wie die WAZ dann gerne. Was wiederum nicht bedeutet, dass es nicht auch Ausgaben gibt, die ganz dicht gemacht werden.

Das ist mindestens erstaunlich. Weil es einer journalistischen Selbstenthauptung gleichkommt. Abseits von allen Debatten über Digital-Strategien ist das womöglich noch sehr viel gefährlicher als eher lieblos gemachte Online-Präsenzen. Das Lokale ist der große Trumpf der regionalen Zeitungen und es gibt vermutlich auch keinen einzigen Verlagsmanager, der das ernsthaft bestreiten wollte. Aber wenn wir das mal mit der Realität abgleichen: Hat eigentlich schon mal eine Meldung gelesen, dass eine Regionalzeitung ihren Aufwand im Mantel zurückfährt und dafür die Lokalredaktionen erheblich stärkt? Hat jemand mal gelesen, dass die Zeitung XY einen echten Top-Journalisten holt, der sich ausschließlich um die Lokalredaktionen kümmert? Das klingt beim Lesen vermutlich wie ein schlechter Witz, soll aber gar keiner sein. Natürlich wäre es großartig, wenn es in jeder Zeitung einen Stefan Plöchinger gäbe; also einen, der das Digitale nicht einfach nur als einen Internet-Auftritt begreift, sondern neue Formen des digitalen Journalismus zur alltäglichen journalistischen Kultur in einem Verlag einführt. Aber mindestens genauso bräuchte es in jedem Regionalzeitungs-Verlag einen, der den Lokaljournalismus behutsam stärkt und weiterentwickelt. Wenn er das auch noch mit einer Digital-Expertise koppelt, dann wäre dieser Mensch jemand, nach dem sich sämtliche Häuser dieser Republik alle Finger abschlecken müssten.

Ich weiß nicht, ob es so jemanden gibt. Aber selbst, wenn es ihn gäbe: Die Prognose ist nicht sehr gewagt, dass er trotz dieser Fähigkeiten keine allzu guten Jobchancen hätte. Die Investitionsbereitschaft ins Lokale ist immer noch verblüffend gering. Daran hat sich in den fast 30 Jahren, die ich jetzt in diesem Job arbeite, nicht sehr viel geändert. Was es gibt, sind immer noch sehr viele Lippenbekenntnisse und Sonntagsreden. Die Zahlen aus Dortmund sprechen eine andere und eine sehr deutliche Sprache.

Dazu kommt noch anderes: Der Beruf des guten, alten Lokalredakteurs bei einer Tageszeitung wird zunehmend unattraktiver. Es ist nicht nur der Kollege Ralf Heimann, der das sehr deutlich beschrieben hat. Es gibt inzwischen auch Chefredakteure und Geschäftsführer, die unverhohlen einräumen, dass es immer schwieriger wird, den Journalisten-Nachwuchs für einen Job in einer Lokalredaktion, womöglich noch irgendwo auf dem flachen Land zu begeistern.  Wer wirklich was drauf hat, vielleicht sogar noch im Netz fit ist, der wird vieles versuchen, aber nicht, auf Dauer als Lokalredakteur irgendwo zu arbeiten. Weil ihm klar sein dürfte, dass nicht nur der Job etwas fad sein könnte, sondern auch, dass die Zukunftsperspektiven nicht mehr unbedingt für ein ganzes Berufsleben tragen.

Wenn aber auf der einen Seite immer mehr gespart und reduziert wird und es auf der anderen Seite immer problematischer wird, gute junge Leute für diese Form des Journalismus zu begeistern – was soll dann aus den Regionalzeitungen mittelfristig werden? Vielleicht sollten wir darüber mal reden. Und nicht über das Internet, das Leistungsschutzrecht und überhaupt diese böse digitale Welt.