Sie kapieren es einfach nicht…

Die „Dialog“-Seite der AZ, inzwischen auch durch Radiowerbung ins Bewusstein der Leute gebracht, hatte ich mir vor zwei Wochen nochmal auf Wiedervorlage gelegt, nachdem die ersten Ausgaben mit einem „Dialog“ nichts zu tun hatten.

Deswegen heute mal wieder intensiver angesehen – und siehe da: Die erste Ahnung bestätigt sich. Der vollmundig angekündigte Dialog ist nach wie vor eine etwas aufgehübschte Leserbriefseite, auf der exakt neun Leserzuschriften abgedruckt sind. Genauer gesagt: Auszüge aus Leserzuschriften, denn nach wie vor „behält sich die Redaktion Kürzungen“ vor. Die Kürzungen gehen dann schon mal so weit, dass vom ehemaligen Leser-Brief ein Leser-Zweizeiler übrig bleibt.

Weil man dem Dialog mit dem lieben Leser dann doch nicht so viel Stellenwert zubilligen will, packt man auch noch anderes auf die Seite; das Gerümpel quasi, das sonst keiner gebrauchen kann: einen ausgesprochen mediokren Comicstrip namens „Zits“, einen Fernsehtipp (warum man sich für eine Sendung des WDR um 18.20 Uhr entschied, wer weiß es…). Und eine Meldungspalte, die per definition ins Absurde geht: „Kompakt – hier lesen Sie täglich das Wichtigste in 100 Sekunden“. Davon abgesehen, dass ich nicht weiß, wie die AZ auf 100 Sekunden kommt: Ich dachte immer, ich würde das Wichtigste in einem linearen Medium wie einer Tageszeitung auf Seite 1 lesen, aber was weiß man schon. In der AZ lese ich „das Wichtigste“ jedenfalls jetzt auf Seite 6. Unter dem Seitenkopf „Dialog“. Dialog ist also demnach, wenn mir ein AZ-Redakteur in 100 Sekunden erzählt, was seiner Meinung nach heute wichtig ist.

Die Dialog-Seite der AZ finde ich aber nicht nur missraten, weil sie kein Dialog ist. Sie ist für mich auch ein unfreiwilliger Beleg für die Geisteshaltung, die aus welchen Gründen auch immer nicht aus Journalisten-Köpfen rauszubekommen ist. Und diese Geisteshaltung sieht den Konsumenten als irgendein komisches Zwitterding zwischen Bittsteller und Schulbuben (resp. Mädel) an, das man nicht allzu sehr an sich ranlassen und schon gleich gar nicht auf Augenhöhe kommen lassen darf.

Was wirklich zählt im Hirn des etablierten, gesetzten (Abend-)Zeitungsredakteurs, ist anderes: Entweder wir Journalisten sagen, wo es lang geht. Und wenn es ein anderer ist als wir, dann muss eine Autorität sein. Und deswegen bekomm den mit enormen Absatnd größten Platz auf der Dialog-Seite nicht ein Leser – sondern ein Politiker. Im heutigen Fall durfte sich irgendein Referent aus dem Büro von Sepp Dürr am Thema „Innere Sicherheit“ abarbeiten. Das ist Dialog, wie ihn die AZ versteht und ihn dieserhalb auch gleich heftig im Radio bewirbt.

Man verweist übrigens auch auf die Online-Seiten der AZ, wo angeblich die Leser im Forum diskutieren. Ein Euphemismus.

AZ-Bashing? Nein, keineswegs. Man muss der AZ zugute halten, zumindest über das Thema „Kommunikation mit dem Leser“ mal nachgedacht, es wenigstens versucht zu haben.

Die meisten anderen tun nicht mal das.

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