Von Zeitdruck, Klickmaschinen und der Ökonomie im Netz

* Sperriger Titel, ich weiß. Der folgende Text erscheint (in einer etwas längeren Fassung) in einer Sammlung des Mediencampus Bayern zum Thema „Qualität im Journalismus“ zu den Medientagen in München.

Zeitdruck vs. Gründlichkeit:

Online-Journalismus ist potentiell die schnellste Form des Publizierens. Der Weg vom Ereignis hin zur Nachricht kann beinahe in Echtzeit erfolgen. Drahtlose Netze und immer kleinere, kompakte Hardware erlauben eine ungeahnte Rasanz und eine völlig neue Darstellungsform des Journalismus. Wer will, kann sich mit geringem Aufwand rund um die Uhr laufend mit der Agenda dieser Welt abgleichen. Inhaltliche Veränderungen sind bereits seit mehreren Jahren zu spüren, der Kampf um den User kann sich möglicherweise in Sekunden entscheiden. Dieser – obschon gerne negierte – Aktualitätsdruck verführt zum Vernachlässigen journalistischer Qualitätsstandards: Gründlichkeit, Genauigkeit, Gegenrecherche, Quellenprüfung, kein Warten auf Bestätigung einer Meldung durch mindestens eine zweite unabhängige Quelle. Das, was eigentlich selbstverständlich sein sollte, wird schon mal vernachlässigt, wenn man im Hinterkopf hat, dass möglicherweise eines der inzwischen unzähligen Konkurrenzangebote einen (entscheidenden) Tick schneller sein könnte. Zumal inzwischen auch von hierarchisch durchaus höherer Stelle inzwischen Relativierungen vorgenommen werden, die kaum tragbar sind. So hieß es beispielsweise aus der Onlineredaktion einer großen süddeutschen Tageszeitung zur Begründung, dass man eine (fehlerhafte) Meldung der Bild-Zeitung ungeprüft übernommen hatte, dass am Wochenende die Redaktion nur schwach besetzt und die Kollegen aus dem zuständigen Ressort nicht anwesend gewesen seien. Personalmangel und Aktualitätsdruck dürfen auch im Zeitalter der Neuen Medien nicht dazu führen, dass journalistische Glaubwürdigkeit auf der Strecke bleibt.

 Ökonomie vs. Inhalt:

Zumindest theoretisch ist es inzwischen möglich geworden, die Rentabilität eines einzelnen Textes zu messen. Die Zahl der erreichten Klicks ist punktgenau messbar, die Höhe der auf einer Seite bzw. in einem bestimmten Umfeld platzierten Werbung auch. Erstmals also sind – vor allem durch die Echtzeitmessung von Besucherzahlen – Inhalt und Umsatz zumindest in eine theoretische Relation zueinander zu setzen. Auf dem Vormarsch ist in Online-Medien zudem immer mehr auch leistungsbezogene Werbung, konkret also eine solche, die daran gekoppelt ist, dass ein quantitativer, gelegentlich sogar ein qualitativer, werthaltiger Leistungsnachweis zu erbringen ist. Das kann dazu verführen, Gefälligkeit vor Gründlichkeit zu setzen. Qualitativer Journalismus kann indes nicht ein Füllmaterial oder ein Appetizer für das Füllen von Werbeflächen sein. Im Gegenteil: Wenn wir die Relevanz von Journalismus bewahren wollen, dürfen wir keine einseitig auf Klickzahlen oder Quoten ausgelegte Auftragsarbeiten abliefern.

Usergeschmack vs. Inhaltliche Relevanz:

 Jeder Journalist wird früher oder später damit konfrontiert, ob er mit seiner Arbeit das Interesse seines Publikums gefunden hat. Ob mit Auflagezahlen oder mit Quoten: Die Reaktion der Leser, Zuschauer und Hörer macht sich irgendwann bemerkbar. Früher oder später, wobei früher galt, dass es zumeist eher später ist. Inzwischen ist das Interesse des Users wie ein Realtime-Ticker abrufbar. Niemand kann sich wirklich davon freisprechen, völlig unbeeindruckt von diesen technischen Optionen zu sein. Und generell ist auch nichts Schlechtes daran zu finden, wenn man den Publikumsgeschmack in eine Entscheidung über zu publizierendes Material mit einbezieht. Indes, eine zu starke Orientierung an der Quote wird im Online-Journalismus zu ähnlichen Phänomen führen, wie sie im Privatfernsehen regelmäßig zu beobachten sind. Man wird inhaltlich verflachen, man wird vermeintliches Interesse einer inhaltlichen Relevanz vorziehen, nur um dann festzustellen, dass das Medienvolk lauthals darüber jammert, dass es das bekommt, was es doch vermeintlich wollte. Journalistische Arbeit, inhaltliche Relevanz, stringente Selektion sind in einem Zeitalter, in der Informationsfluten ungebremst auf uns einstürzen, von größerer Bedeutung denn je zuvor.

 
Multimedialität vs. Gründlichkeit:

 Crossmedia heißt das aktuelle Zauberwort. Unter dem fast jeder etwas anderes versteht. Aus ökonomischer Sicht – dieser Eindruck drängt sich leider auf – bedeutet Crossmedia vor allem Kostenreduzierung. Cross- und multimedialer Journalismus ist allerdings nicht mit einer Wertschöpfungskette betriebswirtschaftlicher Lesart zu verwechseln. Zu einer Qualitätsdebatte im neuen Journalismus gehört deswegen auch eine klare Definition der Begrifflichkeiten „Crossmedia“ und „Multimedia“. Es sollte genau definiert sein, was von crossmedial arbeitenden Journalisten zu erwarten und zu leisten ist. Keinesfalls darf crossmedialer Journalismus ein Synonym dafür sein, dass einer das leisten muss, was vorher von dreien zu machen war. Die Grenzen hierfür sind – leider – fließend: Wo ist crossmedialer Journalismus wirklich sinnvoll und Mehrwert schaffend, wo ist er einfach nur Ausbeutung? Klar zu machen wird während einer Qualitätsdebatte über Neue Medien auch sein, dass der begabte Generalist den ausgebildeten Spezialisten nicht ersetzen kann und nicht ersetzen darf. Beispiel Videojournalismus: Selbstverständlich kann es gerade im Zeitalter der zunehmend ins Web abwandernden Bewegtbilder sehr sinnvoll sein, wenn jemand mit einem VJ-Equipment umgehen und Material drehen und schneiden kann, dass auf der Stelle sendefähig ist. Dennoch sollte klar sein, dass selbst der begabteste VJ einen ausgebildeten Cutter, einen ausgebildeten Kameramann nicht ersetzen kann – ebenso wenig, wie eine noch so gute VJ-Ausrüstung an das hochwertige Equipment eines EB-Teams heranreicht. Zur Qualität im neuen Journalismus gehört deshalb ebenso, dass es klare Grenzen dafür gibt, was machbar und was eben nicht machbar ist.

 
Ausbildung vs. Autodidaktik

 Zugegeben: Wenn man sich als Journalist im Umfeld neuer Medien bewegen will, ist eine gewisse Neigung zur Autodidaktik nicht von Schaden. Man muss bereits sein, sich auf neue Inhalte und neue Darstellungsformen und letztlich auch neue Technologien einzulassen, sie auszuprobieren, zu entdecken und gegebenenfalls auch wieder zu verwerfen. Oder, um es neudeutsch zu sagen: trial and error.
 

Doch selbst für den größten Autodidakten wird irgendwann der Punkt kommen, an dem er eine solide und fundierte Ausbildung benötigt. Journalismus ist zu wichtig, ist ein zu grundlegender Bestandteil einer funktionierenden demokratischen Gesellschaft, als dass man  ihn einem groß angelegten Selbstversuch überlassen könnte. Abenteuerlich ist auch die Vorstellung, dass man heute zumindest schon weiß, dass IP die Schlüsseltechnologie der Zukunft ist und dass kommende Generationen Online-Medien sowohl qualitativ als auch quantitativ in einem ganz anderen Umfang konsumieren werden als wie das heute der Fall ist – und man gleichzeitig sich bis heute auf keine wirklich existenten Standards der Ausbildung für Onlinejournalisten geeinigt hat. Während Printredakteure an den diversen Akademien und Ausbildungsstätten Kurse bis hinein in die letzte Nische hinein belegen können, fristet Online immer noch ein Schattendasein. Auch große und renommierte Ausbildungsstätten entdecken erst jetzt allmählich den Stellenwert einer fundierten Multimedia-Ausbildung. In der breiten Masse dagegen ist davon noch fast nichts zu sehen. Wer fundierte, qualitativ ansprechende Online-Journalisten haben will, muss vor allem eines tun: sie ausbilden.

 

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1 Kommentar

  1. Beispiel Videojournalismus: Dadurch, dass Kameramann und Cutter wegfallen, ergeben sich allerdings auch Vorteile. Es kam einmal vor, dass ich ein externes Mikrophon nicht getestet hatte, das Mic war kaputt. Sämtliches Material, für das dieses Mic vonnöten war, war unbrauchbar. Ich musste im Schnitt den Beitrag völlig neu konzipieren, was anhand des verbliebenen guten Ton-Materials auch möglich war. Allerdings musste ich dazu ständig im Schnitt gucken, was geht und was nicht. Mit einem Cutter und seiner 8-Stunden-Schicht wäre das nicht möglich gewesen. Ich musste mich zwar auch 8 Stunden hinsetzen, konnte jedoch flexibel reagieren und der Beitrag war am Ende ziemlich gut. Zwar wäre der Fehler mit dem Mic einem Kameramann wohl nicht passiert, doch wäre es dann wiederum ein anderer Beitrag geworden.
    Es kommt hinzu, dass man sich mit EB-Team in einem technischen Umfeld bewegt, das nur träge auf technische Neuerungen reagieren kann. Als VJ kann man viel flexibler neue Schnittsoftware und ähnliches ausprobieren.
    Zusammengefasst: Als VJ ist man positiv gesehen auch unabhängig von Cutter und Kameramann, hat sehr viel mehr Kontrolle über das Endergebnis und größere kreative Freiheit.

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