Schreiben für Klicks

Ein alter Bekannter hat mir unlängst mal von einem anderen alten Bekannten erzählt. Der wiederum ist gelernter Zeitungsjournalist und seit durchaus nicht wenigen Jahren bei einer honorigen Regionalzeitung beschäftigt. Bei dieser honorigen Regionalzeitung hat man jetzt anscheinend, wie bei vielen anderen honorigen Blättern auch, beschlossen, auf den fahrenden Online-Zug aufzuspringen und künftig auch mal etwas mehr ins Internet reinzuschreiben. Deswegen musste der alte Bekannte bei der honorigen Zeitung jetzt auf ein mehrtägiges Seminar, das den ulkigen Titel „Texten fürs Web“ trug.

Mein anderer alter Bekannter, der nicht in den Genuss eines solchen Seminar kam und auch so mit Online nicht viel zu tun hat, stellt manchmal verblüffend einfache und treffende Fragen. So auch in dem Fall: Was denn jetzt das „Texten fürs Web“ ausmache, wollte er wissen. Der Befragte wiederum antwortete sinngemäß so,  dass man vor allem dafür sorgen müsse, dass die Leute so neugierig sind, dass sie weiterklicken und somit Klicks machen.

Das sieht dann in etwa so aus:

Messi schießt Argentinien zum Sieg, Fidschi hält sich wacker

Zweiter Erfolg im zweiten Spiel: Argentinien hält Kurs auf die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika. In der Ozeanien-Gruppe konnte sich Neuseeland nur mit Mühe bei einem Außenseiter durchsetzen

Gefunden – mal wieder – bei SPON, wo man dieses Klickvieh-Texten perfektioniert hat (andere versuchen gerade, das ein wenig nachzumachen, was tut man nicht alles für ein paar Klicks). Man kann also, ohne einen Leistungskurs logisches Denken belegt zu haben, davon ausgehen, dass Neuseeland sich gegen die Fidschi-Inseln schwer tat. Warum schreibt man es dann nicht auch? Der Hintegrund ist offenkundig. Man opfert jegliches journalistisches Prinzip für einen einzigen, windigen Klick, den man vielleicht bekommt. Vielleicht aber auch nur – ich weiß ja in dem Fall, wer der Gegner der Neuseeländer war und auf Ringelpietz habe ich keine Lust. Entweder ihr macht Nachrichten und sagt mir, was Sache ist. Oder ihr lasst es und ich hole mir sie woanders. Aber dieses „Und nach dem dritten Klick bekommen Sie die Auflösung“-Schema nervt einfach nur. Es macht auf Dauer den Journalismus zu einer Klamauk-Veranstaltung, die aufmerksamkeitsheischend um die Welt zieht und „Ich sehe was, was du nicht siehst“ ruft.

Wenn mich also irgendwann mal jemand fragen sollte, wie man für das Web zu texten habe, würde ich ihm sagen: So, wie wir für jedes andere gute Lesemedium auch. So einfach ist das. Alles andere ist Schaumschlägerei.  

 

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1 Kommentar

  1. Ganz so einfach ist es nicht: Das Texten fürs Web 2.0 ist z.B. ‚personenzentriert‘, so wie du es hier in deinem Blog ja auch betreibst. Und damit meilenweit vom Objektivitätsideal entfernt. Wer dagegen im Journalismus-Studium ‚ich‘ schreibt, der wird auf der Stelle standrechtlich erschossen. So gäbe es noch viele Stileigentümlichkeiten, die dem Wäpp Tuh Oh eigen sind. Die Linkkoberei gehört allerdings nicht dazu. So etwas machen nur die Redakteure von den Bloghausener Sankt-Pauli-Nachrichten, denn es ist im Grunde Leser-Verhöhnung …

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