Der Daimler und die WAZ

Beim Daimler, wie die Schwaben ihren Autobauer nenne, stehen demnächst die Bänder etwas still; ziemlich lange sogar. Wenn also in Bälde fünf Wochen lang deutlich weniger Autos als sonst die Werke verlassen, dann hat das erst einmal damit zu tun, dass es die Nachfrage dafür nicht gibt. Also passt man seine Produktion an, baut weniger Fahrzeuge und irgendwann steht man dann, falls sich die Lange nicht erheblich wieder bessert, vor dem Problem seine gesamten Kapazitäten samt Personal deutlich zu reduzieren.

Das nennt man dann meistens Krisenmanagement. Von einer tragfähigen und zukunftsorientierten Strategie würde in diesem Zusammenhang vermutlich niemand reden.

Die WAZ spielt gerade ein wenig Daimler. Etliche Millionen müssen eingespart werden und um den zweiten Schritt (Personal) nicht vor dem ersten machen zu müssen, entscheidet man sich zu einer Verringerung der Produktion. Statt 48 Seiten sollen die Blätter künftig nur noch 32 haben, was viel Geld spart, wie jeder weiß, der weiß, was Papier und Druck so alles kostet. Allerdings, so einfach ist das leider nicht: Auch ein der Betriebswirtschaftslehre eher weniger zugeneigte WAZ-Leser wird schnell merken, was da mit ihm passiert – nämlich, dass er fürs gleiche Geld erheblich weniger Leistung bekommt. Und glauben Sie, ich weiß es aus meiner eigenen Printzeit bei Regionalzeitungen: Die Leser definieren die Zahl der Seiten durchaus als Leistung; obwohl wir als Journalisten ja gerne zu der Meinung neigen, es komme doch in erster Linie darauf an, was in der Zeitung steht und nicht, wieviel. Irrtum. Und bei einer Reduzierung des Inhalts um rund 25 Prozent wird der Leser schnell merken, dass er deutlich weniger für sein Geld bekommt bzw. dass man ihm durch die Hintertür eine satte Preiserhöhung hingelegt hat (falls die Preiserhöhung nicht ohnedies bald auch auf regulärem Weg kommt; das hat sich bei Zeitungen ja ritualhaft eingeschlichen, mit einem kurzen Bedauern über die schlechte Welt die Preise einmal im Jahr hochzusetzen).

Dabei ist die WAZ vermutlich kein Einzelfall bzw.  wird zumindest keiner bleiben. Die Indikatoren, aus denen sich die neue Zeitungskrise zusammensetzt, sind inzwischen hinlänglich bekannt, man hat das Unheil ja heraufziehen sehen. Wenn die Finanzkrise jetzt auch auf die reale Wirtschaft und damit auf den Werbemarkt und damit wiederum auf die Zeitungen durchschlägt, werden wir sehr schnell eine Erosion auf dem Zeitungsmarkt sehen, die man sich derart heftig bisher gar nicht mal vorgestellt hat. Seiten kürzen ist kurzfristig eine Idee, mittelfristig aber der Bankrott. Wenigstens ist die WAZ mit dem „Westen“ zumindest soweit, dass man sich eine digitale Exitstrategie ausdenken kann. Wenn man sich andere anschaut, fragt man sich ernsthaft, ob man die Idee von dotcomtod nicht wieder aufleben lässt und auf Regionalzeitungen umwandelt.

Die nächsten Jahre überleben? Das werden die, denen mehr einfällt als Seiten zu kürzen.

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4 Kommentare

  1. Ich glaube, dieses und etliche andere Blogs bestehen nahezu ausschließlich aus Beiträgen, die sich damit befassen, was die Alternative zum Seitenkürzen sein könnte.

  2. Unter anderem wegen der Zahl der eingesparten Seitenzahlen gibt es in der heutigen „Frankfurter Rundschau“ eine Richtigstellung der WAZ-Gruppe, darin heißt es etwa: „Die WAZ weist auch den Eindruck zurück, die vier NRW-Titel der WAZ Mediengruppe würden ihre Umfänge „empfindlich verkleinern“. Richtig sei, dass die Umfänge bislang zwischen 38 und 32 Seiten pendelten und nun beschlossen wurde, den Regelumfang auf 32 Seiten festzusetzen. 48 Seiten habe es nur in extremen Ausnahmenfällen gegeben. Bei hohen Anzeigenvolumen würden auch künftig Ausgaben von bis zu 48 Seiten produziert.“

  3. Ok, danke für den Hinweis. An der Tatsache, dass sich die Umfänge ändern und man Geld spart, indem man das Produkt reduziert, ändert sich allerdings nix, finde ich.

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