Die PNP-Bankrotterklärung

Gelegentliche Wechsel in der Führung einer Redaktion seien ganz normal, hieß es im Dezember. Man organisiere sich mit Hilfe eines externen Beraters neu, hieß es danach; man entwickle ein neues redaktionelles Konzept und richte sich auch inhaltlich neu aus: mehr Lokales, weniger Bundespolitik. Das alles wurde in den letzten Monaten zur Begründung der Erschütterungen bei der Passauer Neue Presse genannt – und wer (dazu zählt sich diese kleine Seite hier auch) dies nicht nur hinterfragte, sondern anderes behauptete, wurde kurzerhand in die Ecke derer gestellt, die Unwahrheiten formulieren (in dem Zusammenhang, manche leiden da echt am Stockholm-Syndrom). Nicht reagieren, nicht antworten; stattdessen: beschwichtigen. Seit spätestens Freitag nachmittag dürften allerdings auch die Letzten in Passau begriffen haben, was mit Ihnen gespielt wurde. Denn das neue Redaktionskonzept Marke Diekmann/Kollböck heißt: Leute rausschmeißen. Sicher ist, dass die PNP Leute vor die Tür setzen wird; streiten kann man sich ganz prima und mithilfe mathematischer Kniffe auch sehr ausdauernd, wie viele es sein werden. Um die sechs Prozent, so sagt die Geschäftsführung. Über alle Redaktionsteile hinweg gerechnet 20 Prozent, haben andere ausgerechnet. Am Montag werden die Kollegen in den Redaktionen erfahren, ob sie dabei sind oder eben nicht. Ausrechnen können sie es sich bereits relativ leicht. Nachdem es zu betriebsbedingten Kündigungen kommen wird, greift die Sozialauswahl – was kurz gefasst bedeutet: Wer jung ist und noch nicht so lange dabei und möglicherweise ledig und kinderlos, hat verdammt schlechte Karten.

Kurz gesagt: Man hat euch belogen, Freunde.

Eine erste Ahnung konnte man bekommen, als Verlegerin Simone Tucci-Diekmann am Mittwoch in der SZ zwei bemerkenswerte Sätze sagte; zwei Sätze, die, wenn man den Zustand der PNP kennt, verräterisch waren: Man versuche, die Leute zu halten und den Betrieb aufrechtzuerhalten, solange es gehe, sagte sie dort. Und: „Ich mache nichts Unüberlegtes.“ Was richtig ist; denn dieser Kahlschlag, der jetzt kommt, ist nicht das Resultat einer Entwicklung der letzten Wochen. Die „Überlegung“, den Laden einzudampfen, gab es schon länger. Hallo, wer glaubt eigentlich im Ernst, dass die Gründung von lauter Klein-GmbHs und die Auslagerung der Lokalredaktionen dorthin wirklich nur der Stärkung von irgendwelcher Schlagkraft geschuldet war, wie damals im schönsten Beraterdeutsch dahingeblubbert wurde? Solche Konstrukte erleichtern in erster Linie solche Dinge, wie man sie jetzt vorhat, mehr nicht. Wenn ihr es nicht glaubt, spätestens am Montag werdet ihr sehen, wie grauenvoll schlecht eure Karten sind, leider.

„Stehen wir wirklich am Rande der Insolvenz?“ Der Betriebsrat machte sich in einem Brandbrief an die Verlegerin (Sonderpunkt übrigens für den originellsten Satz der Woche: „Sicher ist manches nicht perfekt gelaufen“) ziemlich Sorgen. Und in der Tat: Die Strategie der PNP deutet auf ziemliche Schwierigkeiten hin, wie ja auch die Kollegen der SZ in dieser Woche schrieben. Wer betriebsbedingte Kündigungen ausspricht, wer als Zukunftskonzept lediglich radikale Sparmaßnahmen und keine einzige strategische und inhaltliche Idee hat, steht meistens mit dem Rücken an der Wand.

Konkret sieht das so aus: Die Lokalredaktionen werden einen erheblichen personellen Aderlass hinnehmen müssen, der Mantel wird ebenfalls deutlich reduziert (von 15 auf 9, so heißt es bisher). Getarnt wird diese ziemlich radikale Kahlschlag mit einem „Newsdesk“ (das sind diese Dinger, von denen man neuerdings so viel hört). In der Praxis wird das Kollböck-Konzept nichts anderes bedeuten, das weniger Leute mehr machen müssen. Fotografen beispielsweise, das passt dazu, sollen fortan ein gewisses Quantum Videos (von denen hört man ebenfalls viel neuerdings, weswegen sie Herr Kollböck gleich mal ins Konzept gepackt hat) in der Woche mitbringen; Redakteure nach dem Oldenburger Modell bemessen werden, wonach sie ein bestimmtes Maß an Textmenge zu erbringen haben, was umgekehrt auch erlaubt, eine Formel für die personelle Besetzung einer Redaktion zu entwickeln: Textseiten geteilt durch X ist gleich Zahl der benötigten Redakteure. Man durfte ja vermutlich nicht allzuviel Phantasie im Konzept von Kollböck und Tucci erwarten, aber das ist so billig, dass es schon wieder erstaunlich ist. Ehrlich, wenn ich den Eindruck hätte, es würde auch nur im Ansatz etwas bringen, würde ich dem Herrn Kollböck noch heute eine DVD in die Post stecken mit ein paar Beispielen was rauskommt, wenn man Fotografen oder Redakteure so ganz nebenher und natürlich ohne jegliche Ausbildung oder Erfahrung Videos drehen lässt. Meine Seminarteilnehmer haben danach immer ein sehr entspanntes Grinsen im Gesicht. Und Redakteure nach der Zahl ihrer potenziellen Artikel oder Zeilen zu bewerten; Herr im Himmel, ich kenne keinen einzigen Fall, in dem das ansatzweise funktioniert hätte. Wenn man allen Ernstes in Kauf nimmt, das man jemanden, der am Tag 50 exquisite Zeilen schreibt, gegen jemanden austauscht, der 100 Zeilen irgendwas  schreibt – ja, dann steht man vermutlich wirklich mit dem Rücken zur Wand. Denn das ist die Logik hinter diesem Zahlenspiel: Es zählt nicht, was jemand schreibt/produziert, sondern wie viel (mich hat mal vor ein paar Jahren ein Controller mit solchen Spielchen gequält, bis ich mit einem tätlichen Angriff gedroht habe. Das half erstaunlicherweise ganz gut.)

Und, ach ja, weil das hier in den Kommentaren anklang: Ich halte die jetzige Chefredaktions-Lösung für ein ziemlich perfides Konstrukt. Der eigentliche Drahtzieher – Kollböck – wird für die Betroffenen nicht zu greifen sein; klar, er ist ja nur externer Berater. Die (gar nicht mal so) neue Chefredaktion wird sich dahinter verstecken, letztendlich nur das auszuführen, was der externe und leider nicht greifbare Berater sich so ausgedacht hat. Und Frau Tucci-Diekmann? Schickt am Montag irgendeinen armen GmbH-Geschäftsführer als Vollstrecker vor. Ansonsten zeigt sich die Verlegersfamilie lieber bei schöneren Anlässen wie beispielsweise dem Besuch von Königinnen. Würden sie den Leuten wenigstens in die Augen dabei schauen, hätte man vielleicht noch so ein bisschen Respekt (Ich habe eine Ahnung, wovon ich rede. Ich durfte mal an einem Tag einem Dutzend Leuten ihre Entlassung offenbaren. Danach war mir – ernsthaft – schlecht. Trotzdem war ich hinterher halbwegs froh, es selbst gemacht und nicht irgendjemanden vorgeschickt zu haben. Sowas nennt man auch Selbstachtung). Insofern bin ich mir sicher, dass der Schregelmann-Rauswurf und das neue Konstrukt ganz banale Gründe haben: Schregelmann war teuer, die neue Chefredaktion ist billiger, altgedient,loyal – und wird gerne das Vollzugsorgan geben. Hat sich was mit Rückbesinnung auf lokale Wurzeln.

Das „Konzept“, mit dem die PNP in die Zukunft gehen will, ist ihre endgültige Bankrotterklärung. Man wird in Zukunft noch mal erheblich weniger zu bieten haben; weniger und wohl auch schlechteren Inhalt. Das Wegbrechen der Anzeigemärkte wird weiter gehen, die Auflage wird weiter sinken – und dann wird man bald feststellen, dass es nichts mehr zu sparen und zu streichen gibt.

Und irgendwann mal kommt jemand und gibt dem Laden den Fangschuss.

EPILOG für Insider:

Manchmal sehe ich vor meinem geistigen Auge Franz Xaver Hirtreiter, den guten alten FXH, dessen Können und Cleverness mir erst heute so richtig klar sind, sitzend; irgendwo in einem seiner Autohäuser, Sägewerke oder Verlage, breit aber dennoch charmant grinsend; vielleicht, weil er sich denkt, damals alles richtig gemacht zu haben, ehe die Verlegersfamilie den Laden dann so rasant wie einer von Hirtreiters Porsches an die Wand gefahren zu haben. Oder er überlegt sich kurz einmal, wie es wäre, wenn er…

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4 Kommentare

  1. Ja ja, genau das ist es, eine Bankrotterklärung!
    Kann es sein, dass sich der Schuldenberg des „Konzerns“ in einem sehr hohen Mio-Bereich bewegt? Ich hielt es immer für unmöglich, dass man ein Unternehmen mit einer im Grunde hochmotivierten Mannschaft, so hemmungslos an die Wand fährt.
    Wie soll der ehrenwerte FXH doch mal gesagt haben, als man auch seinen Beratervertrag vorzeitig auflöste: „Also ich weiß nicht, ich könnte kein Blut sehen.“
    Soll heißen: Schuster bleib bei deine Leisten!
    Ein (Zahn-) Arzt als Verleger? Nun eine Juristin…?
    Aber das passt so richtig ins Konzept: Jeder ist ersetzbar, jeder kann von heute auf morgen alles! So der Tenor der Verleger!
    Oder eben nicht….!! Die Diekmanns beweisen es gerade!

  2. Das Problem ist aber auch ein politisches: weil die Redakteure in den GmbHs nur noch darauf gedrillt werden, ja keinen Anzeigenkunden zu verprellen, gibt es keine kritische Berichterstattung mehr gegenüber der mit der werbetreibenden Wirtschaft gerade in den kleinen Städten wie Eggenfelden oder Pfarrkirchen verquickten Politik. So kann jeder Bürgermeister, der ein Einrichtungshaus oder einem mittleren Arbeitgeber hinter sich weiß, machen was er will: die Redakteure trauen sich eh nicht, etwas negatives zu berichten.

  3. Ich habe gestern das Abo der PNP gekündigt. Mit Begründung, die auf Nachfrage auch weitergeleitet wurde. Dieser neue boulvardesque Stil ist nicht auszuhalten. Ich will keine Skandale, die keine sind, sondern hübsche Nachrichtenberichterstattung. Breitgefächert, wie sich das für ein Lokalzeitung gehört. Weniger Redakteure, mehr Druck, mehr Leistung – wo bleibt die Qualität.
    Es gibt auch noch Menschen, die die Zeitung mit halbwegs Verstand lesen und die werden nach und nach der PNP kündigen. Leider. Denn die Redakteure sind die unschuldigen Looser in diesem ungerechten Spiel.

  4. Früher oder später macht Frau Simone Tucci Diekmann den Betrieb kaputt. Schade wenn es immer nur um Geld und Ansehen geht.

    Herr Dr. Kapfinger dreht sich im Grab um wenn er sieht was hier passiert.

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