Ubiquitäres Gezwitscher

Die Tatsache, dass die Geschichte mit dem Amoklauf und Twitter jetzt auch in den Klauen von Bernd Graff (O-Ton: „Ubiquitäre Echtzeittexte“) gelandet ist, sollte Anlass genug sein, nochmal ein paar Sätze zum Thema zu sagen.

Die Sache ist viel einfacher, als wie sie Graff heute gewohnt verschwurbelt im SZ-Feuilleton verwurstelt. Ob Twittertexte sich „mit dem Kontinuum der erlebten Zeit winden“ spielt dabei keine richtig große Rolle. Es spricht nichts dagegen auf 140 Zeichen zu texten, wenn man das möchte, es spricht auch nichts dagegen, einen kurzen Sachverhalt kurz darzustellen.

Wohingegen sehr viel dagegen spricht ist, einen Amoklauf mit etlichen Toten dazu zu nutzen, seine Schlagzeilen derart lauthals anzupreisen, dass jedes Bordsteinschwälbchen auf dem Straßenstrch dagegen als züchtig durchgeht. Es spricht einiges dagegen, sich selbst in den Mittelpunkt der Berichterstattung zu stellen („Wir drehen jetzt ab!“) und es ist abgrundtief peinlich, das Ganze auch noch mit vermeintlichem Witz auflockern zu wollen („Chef hat Budget für zwei Zahnbürsten freigegeben, wir bleiben über Nacht“).

Mit dem Medium Twitter, ob man es mag oder nicht, hat das nicht so rasend viel zu tun. Sondern lediglich mit ein paar Kleinigkeiten, von denen ich bisher immer dachte, dass man sie zum einen schon in der Ausbildung lernt und dass man sie zum anderen schon alleine beim Gebrauch des halbwegs gesunden Menschenverstands unterlässt. Spekulation ist kein wirklich legitimes journalistisches Mittel; schlechte Witzchen im Zusammenhang mit einem Amoklauf sind geschmacklos. Welche Rolle soll es dabei spielen, ob der Mist getwittert oder gedruckt wird? Mist bleibt Mist.

Verfürt das rasend schnelle und unmittelbare Medium Twitter zu rasend schnellem und unreflektiertem Publizieren?  Mag sein. Eine Erklärung für die Missgriffe vom Mittwoch ist das dennoch nicht.

Was mich in dem Zusammenhang viel eher, nun ja, gewundert hat: Es waren ziemlich bekannte und etablierte Medien, die sich da entblößt haben. Medien und Journalisten, von denen man doch irgendwie hoffen durfte, dass man einigermaßen fundiert informiert werde. Dass sie im Twitterrausch ziemlich viele Anstands – und auch einige journalistische Grundregeln glatt vergessen haben, macht die Lektüre der angestammten Plattformen der Herrschaften nicht eben angenehmer.

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2 Kommentare

  1. Mich wundert, dass Du Dich wunderst. Neuen Themen wie Twitter nehmen sich sicher in allen Medienhäusern die neuen, ganz neuen Leute an.

    Die arrivierten Journalisten nehmen sich bestenfalls gerade mal der Homepage an.

    Die neuen Spielwiese sind weitgehend unbeaufsichtigt und gleichzeitig öffentlich. Bei stark zunehmendem Interesse wird dann offensichtlich, was dort passiert.

    Auch bei den „guten“ Medien lagen die Journalisten, die sich Twitter angenommen haben, deshalb natürlich daneben: Die Leute dort sind nicht deshalb besser, weil sie bei den „guten“ Medien gelandet sind, sondern weil ihnen in der Regel dort altgediente und bestenfalls gute Journalisten auf die Finger schauen, bevor publiziert wird. Aber eben nicht bei Twitter & Co. Noch nicht.

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