Willkommen, Destroyer!

Ja, ganz ehrlich und in aller Deutlichkeit: Der iPad-Rummel nervt mich ungemein.  Mir sind solche Massenveranstaltungen generell immer suspekt und ich weiß auch nicht, wie dumm wir alle sind, wenn wir uns von einem überaus gelungenen Marketing-Gag von Apple zu willigen Helfershelfern machen lassen. Ich habe ja keine Zweifel, dass das Ding ein hübsches Gerät sein wird. Und vermutlich wird irgendwann im Laufe des Jahres, wenn dann alle mal wieder normal sind und die Götzenanbetung beendet ist, ein solches Teil auch bei mir rumliegen. Bis dahin wäre ich aber schon ziemlich dankbar, wenn man mal allmählich damit aufhören könnte so zu tun, als habe Steve Jobs mal eben die Menschheit erlöst. Und dass beispielsweise bild.de einen eigenen Live-Ticker einrichtete, nur um zu dokumentieren, dass es jetzt einen neuen Computer gibt — ich glaube, ich habe noch nie in dieser Form erlebt, dass sich Journalisten als freudige Marketinghelfer eines Konzerns generieren. Erzähl mir bitte keiner mehr was über Reise- oder Autojournalisten: Was die allermeisten – auch durchaus seriöse Redaktionen – in den vergangenen Wochen und Monaten angerichtet haben, hat nichts mehr mit Journalismus zu tun, das ist nicht einmal schlecht verbrämte PR. Apple kann´s freuen; wieso allerdings Journalisten bei diesem Thema alle Hemmungen fallen lassen, bleibt mir unerklärlich.

Unerklärlich ist mir übrigens auch die Euphorie vieler Verlage, die meinen, endlich das Geschäftsmodell der Zukunft gefunden zu haben: Es gibt die Zeitung jetzt einfach auf dem iPad statt auf dem Papier und alles wird wieder gut. Das „Wall Street Journal“ ist sogar so euphorisch, dass es die iPad-Ausgabe gleich mal teurer als die gedruckte Zeitung anbietet. Das allerdings dürfte von den vielen Irrtümern, die Verlage in den letzten Jahren begangen haben, der größte sein: Das iPad wird sie nicht konsolidieren, sondern noch weiter in die Tiefe reißen. Mit dem iPad wird der neue große Player auf dem Medienmarkt (Apple) seine monopolartige Position im Bereich digitaler Inhalte noch weiter festigen — und der Markt für die bisherigen Inhalteanbieter wird noch stärker fragmentieren als bisher. Umgekehrt heißt das: Der Nutzer bekommt noch mehr Auswahl, der Zugriff auf Inhalte aus allen nur denkbaren Quellen wird noch einfacher, umgekehrt wird die Position insbesondere der Verlage und Sender tendenziell  schwächer. Die Probleme, die vor allem Zeitungen inzwischen haben, rühren ja nicht daher, dass die Menschheit plötzlich kein Papier mehr mag, generell aber natürlich am allerliebsten die Inhalte der Verlage lesen würde, solange es bloß nicht auf Papier ist. Exemplarisch dafür habe ich mit Staunen vernommen, dass der Springer-Verlag jetzt als erster mit einer eigenen App auf dem hysterisch bejubelten Brett vertreten sein wird — mit einer PDF-Ausgabe seiner Zeitungen. Man denkt also ernsthaft, dem Publikumsschwund der Blätter mit einer identischen PDF-Version begegnen zu können? Ganz so, als sei es nicht der Inhalt, der zählt, sondern der Vertriebsweg.

Dieses Denken zeigt, woran es den meisten Medienhäusern immer noch mangelt: einem gewachsenen Verständnis dafür, was momentan überhaupt passiert. Das sind im Wesentlichen zwei Entwicklungen, die auf  den ersten Blick widersinnig erscheinen, tatsächlich aber wesentlich sind (und beide, trotz ihrer Widersinnigkeit, an den bisherigen Medienhäusern vorbeiführen).

Zum einen: Der Hersteller dessen, was sie jetzt als ihre große Hoffnung bejubeln, ist ein Medienkonzern geworden. Ein Gigant, der die Spielregeln vorgeben wird. Wen Apple nicht will, wird Apple nicht nehmen. Wer auf Apples Plattformen will, muss eine Menge Geld dafür ausgeben. Das Kassenhäuschen vor den Inhalten stellt Apple auf, niemand anderer. Jeder „Süddeutscher Verlag“, jede FAZ ist ein Zwerg gegen Apple. Merkwürdig übrigens, dass man das bei Google und Microsoft so überaus kritisch sieht, bei allem aber, was Apple tut, in beglückten Applaus ausbricht. Bestes Beispiel: Apps, die es bereits für das iPhone gibt, werden für das iPad teilweise doppelt so teuer verkauft. Man würde gerne die entrüsteten Journalistenkommentare lesen, wäre dies nicht die Politik von Apple, sondern, sagen wir — Microsoft.

Zum anderen: Neben den (nunmehr nur noch mittelgroßen) Medienhäusern wachsen unendlich viele andere heran, für die es ein leichtes geworden ist, selbst zum Publizisten oder ggf. auch zum Programmierer zu werden. Das iPad und alle anderen Tablets machen es ausgerechnet den größten Konkurenten der etablierten Medien noch leichter, an die Aufmerksamkeit der geneigten Kundschaft zu kommen. Früher war der Platz im Briefasten weitgehend konkurrenzlos der Zeitung vorbehalten, die Aufmerksamkeit am Bilschirm dem Fernsehen und am Lautsprecher dem Radio. Wenn sich wirklich, wie nun so viele prophezeien, das Mediennutzungsverhalten der Menschen durch die Superflunder ändern wird — was bringt einen eigentlich dann auf den Gedanken, dies müsse ausgerechnet zugunsten der bisherigen Medien geschehen?  Die Karten werden auf dem iPad völlig neu gemischt, mit eindeutigen Startvorteilen für diejenigen, die bereits etabliert sind in der neuen digitalen Welt. Ich bezweifle sehr, dass ein PDF-Abo eine adäquate Antwort ist. Die konventionellen Medien sind also vermutlich wieder gerade dabei, eine neue Chance (von Revolution mag ich ja gar nicht mehr reden) zu verpassen.

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11 Kommentare

  1. Mit allem Respekt: ein Verlag hat sich immer über Inhalt u n d Vertrieb zu definieren. Schliesslich muss der Inhalt zum Leser (Nutzer etc.) kommen. Die Technik revolutioniert die Möglichkeiten nun einmal.

    Ich war an der Etablierung der kostenlosen Tageszteitung „Metro“ in den Niederlanden beteiligt. Auch hier fällt doch auf, dass es bei Metro eine revolutionäre Vertriebsidee gibt.

    Die Frage, die sich nun stellt, ist doch diese: welche Verlage werden in Zukunft noch gebraucht?

    Oder: brauchen Journalisten und Schriftsteller noch Verlage?

    Bzw.: welche Zwischenrolle kann oder muss ein Verlag erfüllen?

    Die physischen Kosten eines Vertriebs (Papier, Druck, Druckmaschinen, Läden, Vertrieb etc.) stehen mit iPads & Co eben nicht mehr zu Debatte. Das sind klare Fakten, auf die sich jeder seinen Reim machen kann.

  2. Dass es natürlich auch auf den Vertrieb ankommt, wollte ich keineswegs zur Debatte stellen. Ich glaube nur fest daran, dass ich für ein neues Medieum auch eine neue Darstellungsform benötigen werde. Und das scheint mir bei vielen noch nicht angekommen zu sein. Das PDF-Abo nutzt die Möglichkeiten und die Spezifika eines iPad jedenfalls nicht. Und hatten wir das Thema e-Paper nicht schon vor etlichen Jahren mal?

  3. Mich wundert die fehlende Kritik am geschlossenen System Apple eben nicht. Denn dies wird als Chance durch die Verlage gesehen. Mal davon abgesehen, dass sie einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer Gewinne bei Apple abzuliefern haben. Dieses ganze Buhei, mit dem hier darauf eingestimmt wird, kann aber von diesem Mangel gar nicht ablenken. Und vielleicht wird Google auch so bedrohlich wahrgenommen, weil der Konzern alles gratis (und größtenteils offen) auf den Markt wirft und damit einem Sektor nach dem anderen die Geschäftsgrundlage entzieht. Fragen Sie mal die Hersteller von Navigationssystemen oder bei Nokia.

    Die Sache mit dem PDF-Abo kann ich mir vorstellen. Der Haken dürfte der sein, dass deutsche Zeitungen wie die Bild und andere eine Vorliebe für Flash haben. Das wird aber weder vom Iphone noch vom Ipad unterstützt. Zurecht oder zu Unrecht ist sicherlich eine andere Debatte. Aber die Darstellung von Texten online ist wirklich überraschend schlimm. Selten jemand, der seine Quellen offenlegt oder mal auf Seiten außerhalb der eigenen Zeitung verlinkt. Ganz so als befände man sich noch in der AOL-Zeit. Schade auch, dass eine der ambitioniertesten Zeitungssites größtenteils hinter einer Paid Wall verschwunden ist (Berliner Morgenpost). Die hatte einen etwas anderen Ansatz.

  4. Weil mein Kommentar beim letzten Mal so schön war, hier noch einmal in der Wiederholung um 11:33:

    Das iPad wird die Situation auch nicht verändern. Zumindest nicht die der Medienbranche. Mag sein, dass Apple nun ein iTunes-Pedant für Content launcht. Aber was soll das schon für ein Content sein? Soll Apple nun Multimediainhalte liefern, Slideshows und all die wunderbaren Sachen, für die das Onlinemedium jetzt bereits Möglichkeiten bietet. Das glaubt doch keiner! Eine solche Infrastruktur braucht ihre Zeit. Und Visionäre + Kreative Brains + Geldgeber, die was wagen. Folglich ist das iPad seiner Zeit voraus – und wird nur für eine bestimmte kleine Mini-Elite relevant sein. Wie das iPhone. Davon gibt es 800.000 unter 8 Millionen Deutschen – aber der Popanz, der darum gemacht wird, klingt nach 80.000.000 iPhones. Dank der Propaganderos, die sich für Apple so lieb ins Zeug werfen und geistig prostituieren… Helden, die ihr Goldenes Zeitalter hoffentlich nie erleben werden.

  5. @sebietter: Zum einen habe ich große Zweifel daran, ob Journalisten einfach nur schreiben sollten, was die Leute lesen wollen. Zum anderen bin ich mir da gar nicht so sicher, ob es nicht genau umgekehrt ist; dass also Leute deswegen so scharf auf Apple sind, weil die Journalisten so viel schöne Sachen darüber schreiben.

  6. Also so wie icvh es von diversen Journalisten gehört habe, probieren diese schon das zu schreiben, was die Leser sehen wollen. Aber veillecht haben die Leser schon ein grösseres Interesse an den Apple Produketen durch die Journalisten. Eines ist aber kalr: Die Journalisten wollen, das die Zeitung von möglichst vielen gelesen wird. Und da sind diese Texte wie im Moment warscheinlich förderlicher als immer nur die negativen Seiten zu zeigen.

  7. Mit Erstaunen habe ich über Ostern verfolgt, wie Apple den hype um den ipad zelebrierte. Aus psychologischem Gesichtspunkt sehr interessant, wie erst der Hype aufgebaut wurde und dann medienwirksam in Dollars umgesetzt wird. Wir werden sehen, wie dies im Mai in Deutschland ankommt. Meiner Erfahrung nach sind die Deutschen nicht so leicht auf einen Hype zu setzen. Aber wer weiss, mich würde es nicht wundern, wenn nach ein paar Tagen die Schlagzeilen lauten: ipad in Deutschland ausverkauft. Nachfrageerzeugung durch geringes Angebot. Wir werden sehen.

  8. Aber trotz allem muss man Apple eines lassen: Sie machen die ganze PR-Strategie einfach ausgezeichnet. Es gibt wohl kein anderes Unternehmen auf dieser Welt, das bessere PR hat als Apple.

  9. Anstatt es mit innovativen eigenständigen Webangeboten zu versuchen, manifestieren die Inhalteproduzenten ihre Rolle als bereitwilliger Content-Zulieferer für eine Fremdplattform, machen sich mit auf allen Kanälen verbreiteter kostenloser Promotion zum Steigbügelhalter der Marke Apple und manövrieren sich sowohl betriebswirtschaftlich als auch redaktionell über kurz oder lang in eine totale Abhängigkeit und Fremdbestimmung. Wer sich freiwillig in eine solche Rolle begibt und dieses Spiel nicht durchschaut, der wirkt eher an der Abschaffung des offenen Informationssystems Internet mit, als dass er den Journalismus retten würde. Der ganze Bohei spielt letztendlich nur einem Unternehmen massiv in die Hände, und das ist Apple.

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