Südafrika, 2010 (13): Globalisierung in der Menschheitswiege

Wo fange ich denn jetzt nur an?

Vielleicht erst einmal mit einer simplen Erklärung, wie es zusammengeht, wenn man auf der einen Seite über das fehlende Internet jammert und auf der anderen Seite dann doch wenigstens so halbwegs regelmäßig bloggt. Dafür habe ich extra meine Arbeitsweise etwas umstellen müssen; eine Arbeitsweise übrigens, die Ihnen vermutlich ziemlich normal vorkommt. Doch so funktioniert das hier einfach nicht: Man kann sich nicht einfach an einen Rechner setzen, sich ins Netz einloggen und dann direkt online produzieren. Das liegt nicht einmal an den Kosten (24 Stunden WLAN, allerdings tatsächlich Netto-Zeit, die man innerhalb eines Monats aufbrauchen kann, kosten 100 Rand, das sind ca. 13 Euro.) Es liegt vielmehr daran, dass man schlichtweg viel zu selten online kommt. Der Lernprozess schreitet hier allerdings zügig voran: Nach  einer Woche weiß man, dass man entweder am frühen Morgen oder am späten Abend ganz passable Chancen hat, ein halbwegs stabiles Netz zu bekommen. Von Schnelligkeit reden wir ohnedies nicht. Man erlebt allerdings auch andere Dinge, die man sich schlichtweg nicht erklären kann. Mir ist zum Beispiel völlig schleierhaft, warum ich in meinem Hotel-Netzwerk zwar ganz normal arbeiten, aber keinerlei Uploads von Daten vornehmen kann, die eine Größe von 500 kb überschreiten. Oder warum mein Netzwerk auftaucht und plötzlich wieder wie von Geisterhand im Nirwana verschwindet. Oder warum es da ist, sich aber partout nicht anwählen lässt.

Das führt dann dazu, dass man tatsächlich so arbeitet: Man bereitet alles soweit vor, dass man Texte in Word vorschreibt und Fotos und Videos in einem Ordner ablegt. Dann wartet man auf Schlupflöcher. Wenn man ein solches findet, heißt es, schnell zu sein. Hochladen, was irgendwie geht. Die Texte im Hotel, das ja keine Uploads mag. Die größeren Dateien dann in der Deutschen Schule in Johannesburg, wo unser Seminar eigentlich stattfindet. Allerdings läuft das Netz in der Schule wiederum deutlich instabiler als im Hotel. Beides also zusammenzubringen ist also aus mitteleuropäischer Sicht bereits die hohe Kunst der Improvisation. Für die Menschen hier allerdings nur schnöder Alltag, bei genauerer Betrachtung sogar ein Luxusproblem: Wer schert sich schon um das Internet, wenn er in der Woche das Geld verdient, dass ich in dieser Woche für meinen WLAN-Zugang hier ausgegeben habe? Das sind dann die kurzen Momente, in denen man sich ziemlich verwöhnt und verhätschelt vorkommt. Jedenfalls erklärt diese etwas langatmige Erklärung hier auch, warum in diesem Blog momentan Zeitangaben, Bilder und Texte zeitlich etwas verschoben sind. Man gewöhnt sich übrigens auch an, alle mitgenommenen Geräte und Akkus sofort anzudocken und zu laden und erst gar nicht leer werden zu lassen. Was weiß man schon, wie das morgen wieder mit dem Strom sein wird? Die Hoffnung, dass sich das noch bis zum Ende unseres Aufenthalts ändern könnte, habe ich inzwischen aufgegeben. Typisch deutsch, dieses Perfektionsdenken.

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Eher untypisch dagegen, was hier in den letzten Tagen wettermäßig so los war. Die Zeitungen begannen gerade zu hyperventilieren, weil in dieser Woche die kälteste jemals gemessene Juni-Nacht seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in Südafrika registriert wurde (minus 10 Grad). Für einen Tag verdrängte das Wetter sogar die Weltmeisterschaft von den Titelseiten, was ein ziemliches Kunststück ist, weil die WM das alles beherrschende Thema ist. Dagegen war das, was wir in Deutschland vor vier Jahren erlebt haben, eine müde Geschichte. Inzwischen gibt es hier sogar einen „Vuvu-Friday“, eine Anlehnung an den „Casual Friday“ (die Älteren unter Ihnen, die die New Economy überlebt haben, werden sich mit angenehmen Gruseln erinnern). „Vuvu Friday“ heißt allerdings nicht, dass man im Büro die Vuvuzela mitnehmen darf, sondern nur dass die Kleiderordnung etwas lässiger gehandhabt wird. Und dass Fußball geschaut werden kann. Aber auch sonst bestimmt der Fußball das Straßenbild: Wer länger als zehn Sekunden mit dem Auto stehen bleiben muss, hat sofort fliegende Fahnen- und Trikothändler um sich, der Verkauf wird innerhalb von Sekunden an einer roten Ampel oder im Stau abgewickelt. Außerhalb der FIFA-Zonen ist das auch gar kein Problem. Und für viele Menschen hier ist das ein Geschäft, auf das sie vier Jahre gewartet haben.

Nicht immer aber laufen die Geschäfte so, wie man sie sich vorgestellt hat. Romeo beispielsweise, unser Fahrer, der uns jeden Tag aus dem Hotel abholt und uns abends wieder hinbringt (die Sicherheitsdebatte über Johannesburg lässt grüßen, wir gehen hier de facto keinen Schritt alleine). Romeo hatte ursprünglich vor, mit Zimmervermietungen in seinem Haus während der WM ein gutes Geschäft zu machen. Geklappt hat das allerdings nicht. Nicht, weil er irgendwas falsch gemacht hätte, sondern weil sich die Erwartungen der Südafrikaner in diesen Weltcup nicht erfüllt haben, zumindest nicht, was die Besucherzahl aus Europa angeht. Statt 500.000, die man sich eigentlich erhofft hatte, werden es bis zum Ende des Turniers vermutlich nur 250.000 sein. Weswegen Romeo die Sache mit dem Vermieten mangels Andrang wieder bleiben ließ und stattdessen nun Besucher durch die Stadt fährt, u.a. uns. Wenn Sie jemals nach Joburg kommen, empfehle ich Ihnen Romeo sehr. Dank seiner bin ich zwischenzeitlich Besitzer eines südafrikanischen Trikots, eines Schals und einer Mütze geworden. Romeo freut sich jedesmal ganz toll, wenn ich es anhabe. Den Gefallen tue ich ihm gerne, auch wenn das kanarienvogelgelb dem blasshäutigen Mitteleuropäer nur so mittelgut steht.

Das mit dem fehlenden Besucherandrang wirkt sich übrigens auch auf den Kartenabsatz aus. Tickets sind für nahezu alle Spiele noch erhältlich und davon, dass von ausverkauften Spielen in vielen Vorrunden-Fällen (außer natürlich bei Südafrika-Spielen) nicht die Rede sein kann, davon kann man sich jeden Tag am Fernseher selber ein Bild machen. Einer unserer Busfahrer beispielsweise hat mir heute ganz stolz erzählt, bisher jedes Spiel in Johannesburg live im Stadion gesehen zu haben. (Übrigens, verzeihen Sie den neuerlichen Schlenker, rauchen die Jungs hier komische Sachen in so hohen Dosen, dass mir jedesmal ganz schummerig ist, wenn ich aus einem Bus aussteige. Ausnahme: Romeo. Der raucht gar nicht.)

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Erstaunlich viele übrigens haben sich (neben der Bafana natürlich) Deutschland als Team ihres Herzens auserwählt und waren dann ziemlich erstaunt, wie man denn nur gegen Serbien verlieren kann. Trotzdem glauben die Südafrikaner viel stärker an Jogis Jungs als wir das selber tun. Uns hingegen war die Niederlage gar nicht mal so unrecht, weil wir Karten für das Ghana-Spiel am Mittwoch haben und folglich jetzt ein echtes Endspiel sehen. Zwischenzeitlich machen sich mein überaus lustiger und sangesbegabter Kollege Jochen Markett und ich einen kleinen Spaß daraus, unseren Gastgebern beizubringen, dass das nicht Germany, sondern “Schland“ heißt. Ich könnte mich jedenfalls immer wegkugeln, wenn die zunächst etwas, nunja, irritiert schauen und dann aber begeistert „Schland!“ rufen. Einer hat sogar bei „Schland, oh Schland“ mitgesungen.

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Als ich 1986 (liebe Seminarkollegen, ja ich weiß: die meisten von euch waren da noch gar nicht geboren, ihr müsst das nicht dauernd erwähnen) Paul Simons unfassbares, wunderbar melancholisches Album „Graceland“ zum ersten Mal gehört habe, hatte ich eine ziemlich genaue Vorstellung, wie Südafrika aussehen müsste. Es waren Bilder von unglaublicher Weite, von wunderbarem Licht („These are the days of lasers in the jungle somewhere“, wie Paul Simon so wunderbar singt), komischerweise auch:von Menschen, die am Straßenrand entlangschlendern durch den Staub und dabei für unsere hektischen Maßstäbe enorm viel Zeit zu haben scheinen. Johannesburg hat bisher all diese Bilder erwartungsgemäß nicht geliefert, weil es in Millionenstädten eher selten weite Steppe gibt und dort sogar die Südafrikaner deutlich hektischer und angestrengter wirken als auf dem Land). Umso glücklich war ich, als es heute rausging aus der Stadt. Raus in die „Cradle of humankind“, rund eine Autostunde von Johannesburg entfernt. Eine Stunde Autofahrt mit den schönsten und beeindruckendsten Bildern, die ich jemals gesehen habe. Vermutlich deswegen, weil sie genauso waren, wie ich sie mir immer vorgestellt habe. Bilder von unendlicher Weite, einem traumhaften afrikanischen Himmel. Und als auch noch Menschen am Straßenrand durch den Staub schlenderten, hätte ich am liebsten laut jubiliert. Allerdings war ich mit meinem Fahrer Earl alleine im Auto unterwegs. Earl war Südafrika-Meister im Boxen und zudem früher der Sparringspartner, der Henry Maske auf seine Kämpfe vorbereitete. Ich wollte nichts riskieren.

(Im Ernst ist Earl übrigens ungefähr der netteste Mensch, den man sich denken kann. Man kann sich kaum vorstellen, dass er dich mit einem Schlag ins Krankenhaus prügeln kann. Earl wollte sogar einen langen Umweg für mich in Kauf nehmen, weil er mich zu einem Wasserfall fahren wollte, den ich fotografieren sollte. Ich habe ihm dann erklärt, dass ich momentan ein selbst auferlegtes Wasserfallfotografierverbot habe. Er war wirklich sehr verständnisvoll).

Aus der „Cradle of Mankind“ wollte und könnte ich stundenlang erzählen, aber im Ernst, sehen Sie selbst:

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Letzte kleine Episode aus der „Cradle“: Der eine oder andere Leser weiß vielleicht, dass ich trotz meiner letztendlich hoffnungslosen Heimatlosigkeit ein kleines Städtchen namens Dingolfing immer noch als meine Heimatstadt in Anspruch nehmen würde. Und während ich gerade meine Fotosafari mache, kommen mir ein paar Menschen in erkennbarer bayerischer Tracht entgegen. Kurzes Gespräch, Frage nach Herkunft: Das werden Sie nicht kennen, sagt mein Gegenüber, ich bin aus Dingolfing. Was soll ich sagen? Er kannte meine Großeltern und kann sich sogar noch an meine Mutter erinnern.

Global village. In the cradle of mankind.

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(Wie jetzt? Sie haben diesen ganzen Schinken bis zum Ende gelesen? Sie müssen ja Zeit haben. Trotzdem danke fürs Durchhalten.)

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