Qualitätsmerkmal:Papier!

Vor 13 Jahren war die Welt zwar auch schon kompliziert, aber zumindest in Sachen Onlinejournalismus schnell auf den Punkt zu bringen. Es gehe darum, aus 150 Zeilen 15 zu machen, es gehe um „eindampfen, kürzen, schnell sein“. Das schrieb 1997 ein Redakteur der „Drehscheibe“ — und ich erinnere mich an die Sätze deswegen so genau, weil ich damals als irrlichternder Redakteur der „Passauer Neuen Presse“ Protagonist seiner Geschichte war (ich hatte zwar meinen Job keineswegs so beschrieben, aber ich glaube, der gute Mann war damals einfach nur froh, wenigstens ein bisschen begriffen zu haben, was da an diesen komischen Rechnern passiert). Damals war mein Job, irgendwie so was ähnliches wie ein Onlineangebot aufzubauen. Zugeben, über das wie hatte ich auch  keine richtige Ahnung, aber schon damals schien mir die Idee des Kollegen der „Drehscheibe“ etwas merkwürdig, dass es online in erster Linie darum gehe, schnell und kurz und präzise zu sein.

Noch merkwürdiger finde ich allerdings, dass diese Grundidee auch heute noch durch viele Köpfe geistert. Zeitungsleute versuchen mit dieser Argumentation gerne zu begründen, warum es weiter Produkte auf gedrucktem Papier geben müsse. Einer der neuesten Versuche war jetzt im Rheinischen Merkur zu lesen. Kernthese:

Denn im Gegensatz zum Netz, das Ad-hoc-Kommunikation und blitzschnelle Aktualisierung ermöglicht, programmieren Printmedien die Entschleunigung, die Verzögerung. Zeitungen und Zeitschriften sind – gewiss nicht immer, aber doch idealerweise – Medien des zweiten Gedankens, die eine Aktualität hinter der Aktualität sichtbar werden lassen. Sie versorgen, wenn es gut läuft, diese Gesellschaft Tag für Tag und Woche für Woche mit neuen Deutungsvorschlägen und Wahrnehmungen.

Das ist der alte Denkfehler, wie er immer noch tausendmal am Tag begangen wird, seit jetzt beinahe 15 Jahren: Zum einen zu glauben, der Inhalt, der Tiefgang, die Qualität einer Publikation hinge von seinem Datenträger ab. Und zum anderen die überkommene Vorstellung, Journalismus im Netz bestünde, um nochmal den Kollegen der „Drehscheibe“ zu zitieren, aus eindampfen und kürzen. Wer so argumeniert, hat das Netz leider nicht begriffen. Das ist in etwa so, als wenn man behaupten würde, ein Video sei besser wenn im ZDF liefe als wenn es auf YouTube steht. Der Inhalt und sein Träger haben nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun.

Im Gegenteil: Gerade diese „Zeitung lebt“-Haltung, die man postuliert und damit begründet wird, dass Zeitung ja auf Papier gedruckt sei, macht die Lage für die Verlage so gefährlich. Weil sie suggeriert, dass man auf seinem eigentlichen Feld, dem Qualitätsjournalismus unbesiegt sei. Lass die anderen mal machen, soll das wohl heißen, in diesem hektischen, flüchtigen Netz. Wer nachdenken, reflektieren will, braucht uns und greift zum Papier. Ganz so, als gäbe es im Netz nicht jeden Tag wunderbare lange Hintergrundstücke, die diesen „zweiten Gedanken“ aufbringen.

Man greift zum Papier, wenn man den „zweiten Gedanken“ haben will? Was für ein blanker Unsinn. Man greift dorthin, wo man ihn bekommt. Den „Spiegel“ der kommenden Woche beispielsweise habe ich diese Woche am iPad gelesen und dort eben mehr bekommen als nur auf Papier. Das Video zur Titelgeschichte, die Animation zur Titelgeschichte, das Hintergrundstück zur Auslandsgeschichte aus den USA. Ich will damit nicht sagen, dass es an der Spiegel-App nicht noch einiges zu verbessern gäbe, das ist nicht der Punkt. Es geht mehr um den Maßstab, der an „Qualitätsjournalismus“ künftig angelegt wird. Einer dieser Maßstäbe ist, dass er mehrdimensional und vernetzt daher kommt. Auf gar keinen Fall ist der Maßstab, dass der Text gedruckt ist.

Und nein, das hier ist keine der „euphorisch-brüllenden Prognosen, wann die letzte Zeitung gedruckt wird“, wie sie Blogger nach Meinung des „Rheinischen Merkur“ so gerne raushauen. Es ist nichts anderes als die Feststellung, dass es um guten Journalismus geht, nicht mehr — aber eben auch nicht weniger.

Noch etwas, am Rande bemekt: Nach der Einführung des iPads kamen aus vielen Häusern die vollmundigen Prognosen, wie sehr man die Menschen jetzt wieder zurück zur Zeitung holen werde. Schaut man sich den App-Store und die Apps so durch, dann stellt man fest, dass die Verlage die Revolution verschoben haben. Mal wieder.

Die euphorisch-brüllenden Prognosen erfüllen sich nur dann, wenn Printverlage nicht endlich aufhören, an die Überlegenheit des Papiers als solches glauben.

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7 Kommentare

  1. Stattdessen glauben Printverlage lieber an die möglichen Segnungen von Paid Content und Leistungsschutzrecht für solchermaßen bis jenseits jeglichen Sinns „Eingedampftes“ – Mahlzeit, wohl bekomm’s dann mal. Dabei gibt es genügend Beispiele für intelligenten Journalismus, der die Möglichkeiten des Web nutzt – und damit weit jenseits der Zeilenumfänge und Abbildungen Information bietet, wo Print scheitert: An eben jenen Vorgaben von „maximal XY Zeilen plus ein Bild“…
    Unter folgendem Link finden sich die gesammelten Links zu einem meiner Lieblingsbeispiele: Der Lens-Blog über ein heftig diskutiertes Foto aus Afghanistan. Diese umfängliche Art der Darstellung wäre in gedruckter Form (Tageszeitung) schlicht nicht möglich.
    http://www.heikerost.com/texte/geschichten/blogbashing/

  2. Guten Tag!

    Ich habe noch genau zwei Abos: Spiegel und c’t.

    Und ich gebe zu, ab und an habe ich gerne Papier in der Hand: in der Badewanne, auf dem Klo oder im Flugzeug.

    Eine Tageszeitung habe ich seit fünfzehn Jahren nicht mehr. Mit einer Unterbrechung: Vor drei Jahren hatte ich den Mannheimer Morgen abonniert, weil meine Frau Lokalnachrichten lesen wollte. Und die Welt, weil ich gute journalistische Stücke lesen wollte.
    Den Mannheimer Morgen haben wir abbestellt, weil wir uns täglich über die schlechten Texte geärgert haben, die Welt haben wir abbestellt, weil wir die meisten Geschichten schon aus dem Internet kannten.

    Papier hat seine Berechtigung – aber Journalismus auf Papier, der begrenzt und kostenpflichtig weniger und später bietet als Journalismus im Internet, wird nicht überleben.

    Gruß
    Hardy Prothmann

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