Das Sein und der Schein: Alles bleibt anders

Besonders schön findet man Studien ja immer dann, wenn sie etwas belegen, was man irgendwie schon vorher geahnt hat.

Liest man die neueste ARD-ZDF-Onlinestudie, dann zeigt sich insbesondere, wie scheinbar widersprüchlich unsere (im Sinne von: „uns“ Onlinern) Wahrnehmung und die Realität sind. Wie tief schon jetzt sich ein digitaler Graben zeigt. Und wie sehr auch im Netz die Macht von nur sehr wenigen Meinungsmachern eine stillschweigende und hinterhertrottende Herde beeinflusst (und insofern die Zustände gar nicht so sehr anders als in den klassisch-analogen Medien sind).

Beispiel der sehr allgegenwärtige Sascha Lobo. Wenn ich es richtig im Kopf habe (und ohne Anspruch auf Vollständigkeit), war Sascha Lobo in den letzten Monaten u.a. im „Spiegel“, im ZDF, in der ARD und auf Arte verhältnismäßig prominent vertreten. Man begründet das gerne damit, dass Sascha Lobo quasi der Inbegriff dieser neuen digitalen Welt sei und insofern auch als ihr Sprachrohr gelten darf. Das wiederum wird gerne mit Zahlen begründet, u.a. mit der, dass Lobo auf Twitter deutlich über 30.000 Follower hat. Das ist angesichts von 80 Millionen Deutschen ja nicht so rasend viel, für Twitter-Verhältnisse aber exorbitant.

Nur, was heißt schon Twitter-Verhältnisse:

Von den rund 75 Prozent aller Deutschen, die inzwischen online sind, sagt also gerade mal ein albernes Prozent, dass es Twitter wöchentlich nutzt. Die Zahl der täglichen Nutzer ist sogar unter der Wahrnehmungsgrenze. Umgekehrt nutzen 97 Prozent der Onliner Twitter nie. Rechnet man dann noch die rund 25 Prozent der Offliner zu diesen Zahlen hinzu, reduziert sich Twitter gemessen am Gesamtpublikum stark in Richtung völlige Irrelevanz (was übrigens auch ein sehr schönes Beispiel für die verzerrte Wahrnehmung von Journalisten und Kommunikatoren ist, nach deren Meinung ein Leben ohne Social Media zwar möglich, aber irgendwie sinnlos ist).

Man muss sich das also mal vorstellen: Da wird jemand auch in analogen Massenmedien zum Meinungsführer gemacht, u.a. mit der Begründung, dass er sich in einer Community, die unter normalen Menschen de facto niemand wahrnimmt, einen großen Fankreis erworben hat. Ebenso auch gerne mit der Begründung, dass er Deutschlands bekanntester Blogger sei, was insofern interessant ist, weil auch bei Blogs 93 Prozent der Online-User von sich sagen, sie nie zu nutzen.

Das ist ein Vorgang, der an sich nicht verblüffend ist. In der Bloggosphäre und auch in Diensten wie Twitter versammelt sich nicht die Masse. Dafür umso mehr: Multiplikatoren, Meinungsmacher, First Mover. Eine extrem meinungsfreudige und meinungsstarke Klientel, deren Wort irgendwann mal Gewicht hat. Was nicht zu kritisieren ist, weil es normal ist. Und was dann gerade im Netz doch wieder erstaunt, weil man in diesem Zusammenhang viel davon spricht, dass es eines der größten Verdienste des Netzes sei, Medien basisdemokratischer zu machen und auch solchen eine Stimme zu geben, die vorher keine hatten. Da ist es dann doch irgendwie eigenartig, wenn letztendlich die alten Mechanismen greifen und ein paar wenige wieder das Wort führen. (Daran sind natürlich konventionelle Journalisten nicht ganz unbeteiligt, man könnte sich ja mit der Szene  beschäftigen und auch mal jemand anderen als Herrn Lobo oder die anderen üblichen Verdächtigen fragen).

Auf der anderen Seite: Es ist ja nicht so, dass hier nur die journalistischen Reflexe greifen. Eigentlich ist es ja nur allzu menschlich, was man momentan im Web erlebt, was vielleicht auch daran liegen könnte, dass man bei 75 Prozent Onliner inzwischen mit guten Gewissen von einem echten gesellschaftlichen Querschnitt sprechen könnte. Und dass die Masse des Publikums nun mal lieber konsumiert als aktiv produziert — soll das wirklich eine Überraschung sein? Selbst dann, wenn Web 2.0 drauf steht: Für die allermeisten Leute ist ihr Bedürfnis (und vermutlich auch ihr Potential) zu texten, zu filmen, zu fotografieren, eher eingeschränkt. man sieht das jeden Tag an den eher kläglichen Ergebnissen bei denen, die auf Hobby-, Bürger- oder sonstwas Reporter als wirklich ernstzunehmende Alternative des Journalismus setzen. Aber auch an den anderen Zahlen, die ARD und ZDF herausgefunden haben:

Schnell zusammengefasst: Man chattet, schaut und postet vielleicht noch irgendwas — die eigene Kreativität hingegen ist verschwindend gering. Vor allem da, wo neben Kreativität auch noch handwerkliches Können gefragt ist: Wenn 85 Prozent von sich sagen, nie irgendwo eigene Videos zu veröffentlichen, hat man schnell eine Ahnung, warum das so sein könnte.

Das Netz ist also angekommen in der Mitte der Gesellschaft. Der Umgang mit ihm ist aber gar nicht mal so anders als mit den „alten“ Medien, es schafft nur neue Gesichter.

Sascha Lobo wird´s freuen.

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1 Kommentar

  1. „Seitdem ich blogge, schaue ich viel weniger Fernsehen“. Oder so. So zumindest vor Jahren mal das Resultat einer Blogger-Studie. Vielleicht heißt es ja auch: Seitdem ich twittere, reflektiere ich meine Mediennutzung stärker und überlege mir, ob ich für Telefonumfragen erreichbar bin, bzw. ob ich mich an ihnen beteilige. Kurzum: Ich habe den leisen Verdacht, dass sich in die Studie ein systematischer Fehler eingeschlichen hat. (Aber vielleicht kann man doch davon lernen: Ich plane für Sonntagvormittag auf dem Fußballplatz schon mal eine Umfrage zum Besuch von Gottesdiensten. Ganz repräsentativ versteht sich.)

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