Die fabelhafte Welt der Alice

Ausgerechnet Frankreich, mon dieu. Die Menschen dort haben ein wenig zufriedenstellendes Liebesleben, lässt uns „Bild“ heute wissen. Demnach haben drei Viertel der Franzosen „schlechten Sex“. Dabei, so staunt das Blatt weiter, hätten doch ausgerechnet die Franzosen nicht nur einen Ruf zu verteidigen, sondern zudem auch noch die „besten Anlagen“. Diese Anlagen bemisst „Bild“ (nahezu logischerweise) in Zentimetern. Der durchschnittliche Franzose bringt es nämlich auf eine Penislänge von 15,48 Zentimetern, beim Umfang schafft er immerhin noch 13,63 Zentimeter. Die Rechnung liegt also quasi in der Hose und zeigt die fabelhafte „Bild“-Welt des Liebesglücks: Länge mal Umfang=Glück. Dass im Übrigen demnach Schweden und Estland die besten Lover nach den Franzosen stellen, ist eine echte Neuigkeit — und dass „wir“ im direkten Vergleich sogar hinter Österreich liegen, sollte uns zumindest anspornen, den lieben Nachbarn beim nächsten Fußballspiel zu zeigen, wo der Hammer hängt (ok, der war jetzt wirklich schlecht).

Auf Spekulationen über die Penislänge von Jörg Kachelammn hat das Blatt bisher dankenswerterweise verzichtet. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass Alice Schwarzer eine ziemlich eigenartige Haltung vetritt, wenn es um die Berichterstattung großer Zeitungen zum Kachelmann-Prozess geht. Während nämlich „Spiegel“ und „Zeit“ befangen und einseitig seien (Frau Schwarzer meint vermutlich: das männliche Schwein Kachelmann noch nicht ordentlich genug runtergebrüstet zu haben), sei „Bild“ eine gute Plattform, um eine ausgewogene Sicht der Dinge darzustellen. Sie finde, so Frau Schwarzer, es „wahnsinnig wichtig“, dass es eine Stimme gebe, die sage: „Halt, wir kennen die Wahrheit doch noch gar nicht“. Das ist eine ulkige Idee angesichts dessen, dass „Bild“ beispielsweise Frauensport gerne auf die Frage reduziert, wie eine Frau mit einer BH-Größe jenseits von (sagen wir) 85 C überhaupt vernünftig Tennis spielen kann. Ausgewogen und überaus frauenfreundlich sind auch Bildergalerien, in denen in allen erdenklichen Sichtweisen und Bildausschnitten die bedeutsame Tatsache dokumentiert wird, wie einer deutschen Wasserballspielerin im Zweikampf der Badeanzug verrutsch und dabei für Bruchteile von Sekunden Bruchteile eines Busens sichtbar werden. Und wie lange ist es eigentlich her, dass „Bild“ mal länger als eine Woche ohne einen „Busenblitzer“ irgendeiner Semiprominenten auskam?

Alice Schwarzer und ihre neu ernannten Frauenrechtler-Freunde von „Bild“ jedenfalls zeigen sich im Gegensatz zu „Spiegel“ und „Zeit“ vollständig objektiv und berücksichtigen die Tatsache, dass hier „natürlich“ noch Aussage gegen Aussage stehe. Man wird doch aber wohl noch sagen dürfen (um im neuentdeckten „Bild“-Jargon) zu bleiben, dass man hoffe, der Prozess gehe „ohne Verzögerungstaktiken“ der Verteidigung weiter. Und man fragt sich, was Alice Schwarzer wohl geschrieben hätte, wäre der Richter (ein Mann!) nicht aus einem Nachbarort der Klägerin, sondern aus der Nachbarschaft von Jörg Kachelmann. Man darf zumindest vermuten, dass Schwarzer einen Befangenheitsantrag kaum als „Verzögerungstaktik“ bewertet hätte.

Und nicht nur, dass aus Gründen der Neutralität der Befangenheitsantrag von Kachelmanns Verteidigung natürlich nichts anderes als „Verzögerungstaktik“ sein kann. Natürlich ist es auch eine echte Unverschämtheit Kachelmanns, sich von Anwälten verteidigen zu lassen. In einer „Verhandlungspause“ raunt Schwarzer den „Bild“-Kollegen deshalb zu:

„Auf der einen Seite das mutmaßliche Opfer, ihr gegenüber Kachelmann mit seinem Tross. Da wird das Ungleichgewicht der Kräfte richtig sichtbar. Hoffentlich wirkt sich das nicht auch auf den Prozess aus.“

Doch, ja: Die Spekulation darüber, ob sich die Zahl von Kachelmanns Anwälten (der „Tross“ vor Gericht besteht heute übrigens aus sensationellen zwei Anwälten) nicht auf den Prozess auswirken wird, ist ein echter Beleg dafür, wie unvoreingenommen Alice Schwarzer an die sache herangeht. Verzögerungstaktiken der Verteidigung, Versuche, das Gericht mit zwei Anwälten zu beeindrucken: Schwarzer wirkt gerade so, als würde sie sich schon mal die Argumente zurechtlegen, falls das Urteil nicht in der von ihr vermutlich gewünschten Verurteilung Kachelmanns endet.  Dass es im Übrigen keineswegs nur in Details Zweifel an den Aussagen der Klägerin gibt, wird in der fabelhaften Welt der Alice mal eben unter den Tisch gekehrt. Konsequenterweise spricht die unvoreingenommene und keineswegs parteiische Frau Schwarzer konsequent vom „Opfer“ oder wenigsten vom „mutmaßlichen Opfer“; dass sie aus juristischer Sicht allenfalls eine Klägerin ist und die Bezeichnung als Opfer sowohl juristisch als auch journalistisch hochgradig zweifelhaft ist, scheint die Herausgeberin einer Zeitschrift nicht sonderlich zu stören.

Es gab Zeiten, in denen ich wirklich Sympathien für Alice Schwarzer und „Emma“ hatte. Heute ist Schwarzer auf dem Weg in die Lächerlichkeit. Sie lässt sich von „Bild“ als Feigenblättchen für eine Berichterstattung missbrauchen, in der Kachelmann für den gesamten Verlauf des Prozesses als latenter Vergewaltiger dastehen wird. Das Weltbild der fabelhaften Alice lässt den Gedanken, dass ein Mann nicht zwingend immer ein Schwein ist, anscheinend nicht zu. Dafür kämpft man sogar auf der Seite derjenigen, die täglich Busenblitzer, Penisgrößen und verrückte Orgasmen in Achterbahnen im Blatt haben.

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22 Kommentare

  1. U = 2Pi x r

    => U/Pi = d

    Wobei U der Umfang, r der Radius und d der Durchmesser sind.

    13,63 cm / Pi = 4,34 [Näherungswert]

    Das wäre etwas über Durchschnitt, aber durchaus normal.

    Was mich dabei viel mehr interessiert: Was hat das – und einiges mehr, das offenbar dem Gericht vorgetragen werden soll, mit der möglichen Erzwingung des GV unter Androhung und mit Hilfe körperlicher Gewalt zu tun? Eine Frau, mit der JK über Jahre Sex hatte, soll erst bei der angeblichen Tat darauf geachtet haben, wie der Pimmel des Beischläfers aussieht?

  2. D x ? = 13 cm (/?)
    D = 13 cm/?
    Bisschen mehr als vier cm. Passt doch.

    Trotzdem war der Befangenheitsantrag nicht das pfiffigste. Wenn es geklappt hätte, wären noch ein paar Monate Bild-„Berichte“ drin gewesen, jetzt liebt ihn das Gericht.

    Frau Schwarzer recherchiert. Der war gut.

  3. Das Problem bei Frau Schwarzer ist, daß Sie eine gute und sinnvolle Sache – die Gleichberechtigung von Mann und Frau – in völlig absurde übertreibt und so den Leuten, die vernünftiges und sinnvolles Engagement betreiben, mit Ihrer Presse- und Aufmerksamkeitsgeilheit eher schadet und den Gegnern immer wieder Bälle zuspielt, um alles ins lächerliche zu ziehen. Als ich die ersten Bilder von Frau Schwarzer bei einer Bild-Werbekampagne sah dachte ich erst das sei ein Scherz und Bild könnte sich auf eine saftige Klage einstellen. Aber spätestens jetzt wird klar, das man auch als Frau Schwarzer im Leitmedium des Proletariats zwischen Seite 1-Mädchen und Pensigrößen-Diskussionen etwas zu sagen hat, wenn man nur Aufmerksamkeit braucht. Na klar sind wir Bürgerinnen und Bürger, Leserinnen und Leser – aber spricht irgendjemand von Mörderinnen und Mördern, Attentäterinnen und Attentätern? Ausserdem sollte man auch nicht vergessen, das Frauen und Männer zwei völlig verschiedene Wesen der Gattung Mensch sind und auch hormonell völlig anders funktionieren. Und um mal im Bild-Zeitungs-Jargon zu bleiben: Wenn Frauen so aussehen wie Frau Schwarzer belibt Ihnen ja nur noch das Mundwerk um auf sich aufmerksam zu machen! Für mich sieht sie aus, als wenn Sie gleich Hensel und Gretel in den Ofen schieben würde (vor allem Hensel)

  4. Dachte Klaeger waere die Staatsanwaltschaft oder ist das mutmaßliche Opfer den Weg der Privatklage gegangen? Wuerde mich sehr ueberraschen.

  5. @ kopflast und cjakubetz

    13 cm Umfang hören sich mächtiger an als der daraus folgende Durchmesser von ca 4cm. Mein Daumen hat schon 8cm Umfang

    Ansonsten finde ich es traurig das Fr. Schwarzer vollkommen berechtigte Anliegen so ins unseriöse zieht

  6. Nebenbei ist die ganze Debatte widerlich. Alice Schwarzer hat Recht, wenn sie behauptet, dass die Medien voreingenommen sind. Das war so, als Kachelmann noch ueberall als Vergewaltiger galt, aber auch jetzt, als seine Unschuld fuer viele ‚Leitmedien‘ schon bewiesen scheint.
    Dass viele Menschen ein Problem mit Alice Schwarzer haben, kann ich nachvollziehen, denn diese Frau ist nicht emanzipatorisch sondern an einem Matriachart interessiert. Auch die BILD taugt als Sittenwaechter wenig. Jedoch projezieren viele AutorInnen und KommentatorInnen einfach ihren persoenlichen Sexismus in diese Debatte hinein, was einfach nur widerlich ist.

  7. @DJ Doena: Sehr schön auch gestern bei bild.de: Neben dem Kachelmann/Schwarzer-Teaser war ein Teaser für eine Geschichte über „Wetterschnecken“, die (halb-)nackt das Wetter bei YouTube moderieren.

  8. Äh, der gesamte Artikel ist übrigens sehr schön
    (wollt‘ doch noch angemerkt haben, wo die Kommentare bisher ja tatsächlich vermehrt um den logischerweise interessantesten Aspekts des Themas kreisen ;))

  9. Ach, Alice, die moralische Trümmerfrau…
    Das ist ja nicht das erste Mal, dass sie sich an der BILD an den Hals wirft. Erinnert sich noch jemand an die BILD-Werbekampagne, bei der allerorten Plakate mit den Bildern bekannter (meist bereits verstorbener, daher wehrloser) Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kunst, Gesellschaft und Politik zu bestaunen waren (z.B. Galilei)? Von denen wurden dann Zitate (oft auch nur solche, die ihnen untergeschoben worden waren) herausgepickt, die irgendwie auch die vermeintliche Wahrheitsliebe der BILD mittransportieren sollten. Und irgendwann war auch die verwitterte Visage von Alice drauf zu sehen! Selbst ihre eigene Anhängerschaft rieb sich verdattert die Augen, aber auf ihrer Homepage klärte sie darüber auf, dass dies tatsächlich nicht gegen ihren Willen geschehen war – wie viele wohl angenommen hatten. Ihre Begründung war die folgende: Weil auf den Plakaten vornehmlich männliche historische Persönlichkeiten zu sehen waren, fand sie, dass auch eine Frau in diese Reihe von honorigen Menschen mit aufgenommen werden sollte. Halten wir also fest: Solange Alice den Frauenanteil unterrepräsentiert sieht, ist es ihr scheiß egal, für welche Weltanschauung sie sich zur Verfügung stellt! Ihre neue Aufgabe als Klatschreporterin für die BILD ist da nur konsequent. Diese Frau hat wirklich abgewirtschaftet – wer soll die nun noch ernst nehmen?

  10. Noch erwähnenswert scheint mir, dass Kachelmann die Bild gerade auf 2 Mio Euro Schmerzensgeld verklagt hat, weil sie in seinen Augen unrechtmäßig und reißerisch über sein Privatleben etc. berichtet hat.
    Das ist natürlich kein Grund der Bild Parteilichkeit vorzuwerfen… 🙂

  11. einfach nur noch peinlich und langsam schon abdriftent ins widerliche die Alice.
    ich als ´72er Jahrgang (und Mann) fand sie immer wichtig,aber seit der werbekampagne für die BLIND halte ich rein gar nix mehr von dieser (un)person.
    das alter sollte weise machen,sie scheint es nur noch eitler zu machen.
    Only the good die young….sie wird wohl verdammt alt.

  12. Die Franzosen müssten also guten Sex haben, weil sie einen langen Penis haben?
    Da muss der kleine Kai jetzt aber ganz tapfer sein!

    Ups, hier gings ja um Alice Schwarzer.

  13. Öhm, ich lese grade einen Stern-Text, in dem es auch ein „mutmaßliches Vergewaltigungsopfer“ gibt. Geschrieben von dem DAPD unter Mitwirkung von „ben“:
    http://www.stern.de/panorama/prozess-gegen-kachelmann-der-notruf-der-geliebten-1603757.html#utm_source=standard&utm_medium=rss-feed&utm_campaign=alle

    Also entweder ist Frau Schwarzer in bester Gesellschaft, oder man darf eine Frau, die vergewaltigt wurde, Opfer eines Verbrechens nennen. Bzw. ein mutmaßliches, wenn das noch nicht bewiesen ist. Wieso eigentlich nicht?

    Der Rest des Textes ist Hammer!!!!

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