Wetten, dass die Doppelmoral lebt?

Natürlich ist das alles mit dieser „Wetten, dass…“-Sache für eine bestimmte Kategorie von Medien ein wunderbares Geschäft: Bild.de beispielsweise zeigte, was im Fernsehen nicht zu sehen war (wofür es beim ZDF gute Gründe gab). Man zeigte es sogar in „Zeitlupe“, was insofern glatt gelogen war, weil man nicht etwa Slowmotion-Bilder aus dem TV zeigte, sondern Fotos, die man in eine animierte Slideshow packte. Das ist technisch ganz einfach und inhaltlich insofern aus Sicht von Bild.de toll, weil man da noch viel besser reinzoomen kann als bei TV-Bildern und weil man Perspektiven zeigen kann, die das ZDF aus eben erwähnten guten Gründen nicht gezeigt hat. Seit Tagen ist nur noch das Thema Samuel ganz oben bei bild.de und der arme Thomas Gottschalk musste sich sogar von Franz Josef Wagner ansabbern lassen, wie großartig und vor allem menschlich er auf den schweren Unfall am Samstag reagiert hatte. Reicht ja, wenn einer so halbwegs menschlich ist, dafür kann „Bild“ dann umso ungehemmter Perspektiven zeigen, die man nie zuvor gesehen hatte.

Bei „Bild“ mag man sich darüber ja auch nicht so sehr wundern. Wohl aber bei anderen, die den Versuch vorgaukeln, eine Art Generaldebatte über Moral und Anstand im Fernsehen und in den Medien allgemein anzuzetteln. Die „Berliner Morgenpost“ beispielsweise hatte — natürlich — die Frage ganz vorne stehen, ob das nicht alles langsam überhand nehme mit diesem riskanten Showzeugs (dahinter steht momentan bei allen die ausgesprochene und manchmal auch nicht ausgesprochene Frage, ob sich das ZDF nicht von RTL unter eine Art Leistungsdruck setzen haben lasse).

Auf der anderen Seite findet aber auch die „Morgenpost“ (und mit ihr viele andere) nichts dabei, ausführliche Stücke über das „Supertalent“ zu schreiben und somit eine Sendung zu adeln, die im Wesentlichen daraus besteht, dass Frauen mit ihren Brüsten irgendwas zerschlagen oder Männer aus ihrem Allerwertesten ein Feuerwerk zünden. Es ist also eine schiere Form der Doppelmoral, wenn man auf der einen Seite einem Format große Aufmerksamkeit schafft, das nur existieren kann, weil es eine Grenze nach der anderen verschiebt. Um dann, auf der anderen Seite, sich darüber zu echauffieren, dass das ZDF einem vermeintlichen Quotendruck nachgegeben habe, was man im Übrigen aus einer ganzen Reihe von Gründen bezweifeln kann. Aber davon abgesehen müsste man sich vielleicht auch mal die Mühe machen zu recherchieren, wie viele der jetzt den Zeigefinger hebenden Redaktionen in den letzten Jahren öffentlich darüber geklagt haben, dass dieses „Wetten, dass…“ auch immer langweiliger werde.

Vielleicht, aber eben nur vielleicht, hat das ZDF die Risiken der Wette falsch eingeschätzt. Vielleicht, aber eben nur vielleicht hat man den Stunt nicht so abgesichert, wie man es hätte tun müssen. Darüber kann man nachdenken und berichten. Die zunehmende Langeweile von „Wetten, dass…“ zu beklagen, seitenlange nur halbironische Geschichten über das „Supertalent“ schreiben – und dann gleichzeitig spekulieren, unter welchem Druck das ZDF wohl stand, das ist die pure Heuchlerei. Wetten, dass?

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