Der Skandal, über den keiner staunen kann

Regelmäßig, wenn ich (Tages-)Zeitung lese, ertappe ich mich bei einem Ritual, das bei Außenstehenden evtl. für leichtes Erstaunen sorgen könnte: Bevor ich zu lesen beginne, schmeiße ich erst mal eine ganze Menge Zeitung weg. Dabei handelt es sich meistens um das Zeug, auf dem mehr oder minder (meistens minder) groß etwas von „Sonderveröffentlichung“ steht.  Und innerlich muss ich ja immer lachen über die Dummheit von irgendwelchen Agenturen, die ein Schweinegeld dafür bezahlen, dass sie in irgendeinem erkennbar lieblos bis gar nicht betreuten Umfeld völlig schwachsinnige Texte reingedrückt bekommen. Und darüber, dass vermutlich in irgendeiner Commerzbank irgendein unfähiger Marketingleiter seinem nächsthöheren Chef erzählt hat, wie man für einen sensationell günstigen Preis wieder der XY-Zeitung ein paar Seiten abgeluchst hat. Das kommt dann in eine hübsche Mappe, die sich Pressespiegel nennt — und der oberste Marketingleiter der Commerzbank legt das dann wieder seinem Vorstand vor, der auch irgendwie froh ist, dass seine Bank so hübsch in der Zeitung ist. Würde ich die Commerzbanken dieser Welten beraten, würde ich ihnen als allererstes sagen, dass sie das Geld ebenso gut in den Gully stopfen könnten (oder wenigstens ihre fälligen Zinsen an den Staat zurückzahlen). Gottseidank berate ich keine Commerzbanken.

Vermutlich – man soll Leute ja nicht für dümmer halten als sie sind – werfen eine ganze Reihe Leute den gedruckten Quatsch, den man in diesen „Sonderveröffentlichungen“ so drinsteht, auf der Stelle weg. Man weiß ja, wie das ist. Merkwürdig nur, dass es immer noch viele Blätter (und Kunden) gibt, die ein Spiel mitspielen, das so durchschaubar blöde ist. Natürlich, vordergründig bringt es viel Geld, ist sogar leicht verdientes Geld. Trotzdem, gerade weil es so erkennbarer Müll ist: Ich glaube zwar nicht, dass ein normaler Leser das komplette Spiel von „Sonderveröffentlichungen“ durchschaut. Aber dass er da ein Stück nicht wirklich ernstzunehmender Zeitung bekommt, hingeschludert, unsinnig, nutzlos, das bemerkt er.

Und deswegen – nein, für einen wirklichen Skandal halte ich es nicht, was die „taz“ da aufgedeckt hat. Nur für einen Beleg von ganz, ganz viel Dummheit auf beiden Seiten. Vermutlich sind Commerzbanken und Zeitungen halt nicht mehr so richtig zukunftsfähig.

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6 Kommentare

  1. Ich finde es richtig enttäuschend von Seiten der TAZ. Festzustellen, dass Sonderveröffentlichungen bezahlte Inhalte sind, hätte keiner „verdeckten Recherche“ bedarft.

  2. Jetzt bin ich schon zum zweiten Mal in einer Woche anderer Ansicht. Aber ist vermutlich der Empirie geschuldet. Ich beobachte in letzter Zeit immer häufiger, dass bestimmte Tageszeitungen (z. B. die Augsburger Allgemeine oder die Rheinische Post) in den vergangenen Jahren im Bereich Sonderveröffentlichungen ziemlich an Qualität zugelegt hat – auch journalistisch. Sicher nicht alle, aber einige Auto-, Bauen-und-Wohnen- und Gesundheitsbeilagen, also Sonderveröffentlichungen, sind journalistisch anspruchsvoller gebaut, als die Themenseiten der Zeitungsredaktion. Hier sorgfältig ausgewählt mit Qualitätsanspruch – dort lieblos zusammen geklatscht aus Agenturmaterial. Verkehrte Welt, oder?

  3. Ich habe meine Zeitungen längst abbestellt. Meine tägliche Ration Altpapier bekomme ich auch so zusammen. Und Fisch verkaufe ich nicht. Dafür bin ich vom Internet abhängig – und seit Fukushima hängt dieses schlechte Gewissen in meinem Hinterkopf, weil das Internet doch ein unglaublicher Stromfresser ist. Aber ohne könnte ich gar nicht mehr …

  4. @Marian Semm: Ich will ja auch gar nicht bestreiten, dass es auch ordentliche und gute und nutzwertige Sonderveröffentlichungen gibt. Ebenso wenig, wie ich bestreiten würde, dass es natürlich auch Zeitungen gibt, die in der Handhabung dieser Dinge sehr korrekt vorgehen (das hat die taz-Recherche ja auch gezeigt). Aber diejenigen, die einfach nur Platz für PR-Texte verhökern, sind m.E auch diejenigen, die dann einfach nur Seiten zuklatschen. (Und btw: Wie langweilig wäre die Welt, wenn wir immer einer Meinung wären :-))

  5. Stimme mit Herrn Jakubetz in seiner Einschätzung überein. Aus eigener Erfahrung, aus meiner Zeit als Lokaljournalist, kenne ich diese Sonderveröffentlichungen zur Genüge.

    Es gab zwar eine übergeordnete Stelle, die für die Sonderthemen zuständig war. Viel zu oft kamen aber von dort zusammengeschusterte PR-Texte, also kaum Eigenleistungen.

    Selber stand ich oft vor der Herausforderung, wenn der Verkauf optimal lief und der Seitenumfang für meine Lokalmutation erhöht wurde, mir sprichwörtlich etwas aus den Fingern zu saugen. Beschämend ich weiß, aber sonst nicht praktikabel, denn ich hatte „nebenbei“ noch die Themen für eine interessante, aktuelle und lesenswerte Lokalzeitung zu erstellen. Da entschied ich mich dann zumeist zugunsten der aktuellen Stories und finalisierte die „Sonderveröffentlichung“ mittels Copy & Paste.

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