Journalistische Selbstdemontage und eine Alice im Kachelwahn

Im Prozess kam heraus, dass Kachelmann eine Art Doppelleben mit zahlreichen Geliebten führte.

Vermutlich hat das Portal „Meedia“ die Quintessenz eines Prozesses mehr oder minder ungewollt hingeschrieben. Wir wissen jetzt, dass Jörg Kachelmann irgendwie in Sachen Frauen ein bisschen abseitig der Norm gelebt hat. Aber: Mussten wir das wissen, wollten wir das wissen, dürfen wir das überhaupt wissen? Ein paar Gedanken darüber, warum Medien und Journalisten in diesem Prozess zu einem großen Teil ziemlich schlecht aussahen und warum man ernsthaft darüber nachdenken sollte,  ob  jeder Prozess öffentlich sein muss und ob Medien wirklich über alles berichten sollen. Wie dem auch sei: Man kann sich an kaum eine Sache erinnern, in der Journalisten und Redaktionen eine derart schlechte Figur abgegeben haben.

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Man weiß jetzt über Jörg Kachelmann tatsächlich einiges. Nichts davon ist von öffentlichem Interesse. Nichts von dem, was über Kachelmann in den letzten Monaten gesendet und geschrieben wurde, ist strafbar. Man kann moralisch darüber urteilen, das vielleicht. Aber ob Kachelmann möglicherweise etwas bizarre Sex-Vorlieben hat, ist in einem Gerichtssaal von Relevanz, aber nicht in Medien. Speziell in der Causa Kachelmann ging es aber doch schon sehr schnell nicht mehr um die Aufklärung einer möglichen Straftat, sondern darum, noch und noch und noch mehr Details über den Mann an die Öffentlichkeit zu zerren, den man bisher als bieder-netten Wetteronkel wahrgenommen hatte. Sehr viel anders ist kaum zu erklären, wieso Illustrierte plötzlich kräftige fünfstellige Beträge bezahlen, damit irgendeine Ex mal ordentlich auspackt. Journalismus ist jedenfalls etwas anderes. Das hier nennt man wohl eher: Voyeurismus.

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Journalismus, speziell wenn er sich um Gerichtsprozesse dreht, ist auch nicht Stellung beziehen. Genau das ist aber ziemlich schnell bei den intensiven Beobachtern passiert, man konnte entweder für oder gegen Kachelmann sein. Einfach nur vom Prozess zu berichten, ohne in den medialen Stellungskrieg zu verfallen, war leider nur wenigen gegönnt. Von Frau Schwarzer reden wir erst gar nicht (oder besser: später), in ihrem Verfolgerwahn muss ihr irgendwie entgangen sein, dass Journalismus nichts mit Kampagnen zu tun haben sollte. Stattdessen führte sie ein Spektakel auf, an dessen Ende man meinen konnte, sie sei auch eine von Kachelmanns enttäuschten Damen gewesen. Vor allem bei den Kachelmann-Gegnern wurde man irgendwann nicht mehr den Eindruck los, dass Medien zu einer Art Pranger verkommen sind: Seht her, der Kachelmann, diese kleine (Schweizer) Ferkel!

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Man muss — leider– noch einen Schritt weiter gehen: Man musste angesichts dessen, wie Staatsanwaltschaft und ein Teil der Medien in diesem Fall vorgingen, Angst bekommen, jemals einem solchen Konglomerat in die Hände zu fallen. Es reicht aus, einfach nur angezeigt zu werden, um am Ende als ziemlich ruinierten Mensch dazustehen. Es wird nicht lange dauern, bis Kachelmann irgendwann wieder in der Öffentlichkeit zu sehen ist — und der Journalistenzusatz, dass er bis kurzem ja wegen eines Vergewaltigungsvorwurfs vor Gericht stand, wird nicht lange auf sich warten lassen. Erinnert sich noch jemand als Andreas Türck, dessen Karriere am Tag seiner Festnahme endete? Und an eine No-Angels-Sängerin, die wegen eines Verdachts spektakulär festgenommen wurde und sich von „Bild“ monatelang durch den Schmutz ziehen lassen musste (wo war Frau Schwarzer eigentlich da)?

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Womit man dann doch nochmal auf die unrühmliche Sonderrolle von „Bild“ und Alice Schwarzer kommen muss. Beide ließen keine Sekunde lang einen Zweifel an ihrer Auffassung, dass Kachelmann in den Knast gehöre. Schwarzer vermutlich aus purer Überzeugung, „Bild“ aus schierem Opportunismus. „Bild“ interessiert sich für Frauenschicksale einen ziemlichen Dreck, wenn man nicht gerade eine triefende Geschichte daraus machen kann. Ansonsten eignen sich Frauen hervorragend für scharfen Lesben-Sex, wenn man nach 22 Uhr nachschaut. Der „Busenblitzer“ und das „popofreie Kleid“ sind bei „Bild“ publizistischer Standard und alles in allem ist die vedruckst-voyeuristische-altherrengeile Doppelmoral des Blattes irgendwie deutlich unangenehmer als ein Wettermoderator, der es im stillen Kämmerlein halt ein bisschen ausgefallener mag. Für „Bild“ war also der Fall Kachelmann keine in irgendeiner Weise konsequente Herzensangelegenheit im Kampf für Frauen(rechte), sondern ein wunderbares Feigenblättchen, das konsequent in die öffentliche Bild-Diekmann-Strategie passt: Diekmann verkauft sich ja auch gerne mal als lustiger selbstironischer Typ und regelmäßig versucht sich „Bild“ in einer Art Pseudo-Selbstkritik („Ihre Meinung zu Bild, Herr…?“) Würde man also Kai Diekmann fragen,  ob das Frauenbild von „Bild“ nicht irgendwie sexistisch, herabsetzend, vorgestrig und klebrig ist, würde er vermutlich darauf verweisen, dass sogar Deutschlands Chef-Emma für „Bild“ berichtet und kommentiert habe. Und dass man mit dem potentiellen Vergewaltiger K. ganz schön hart ins Gericht gegangen sei.  Alice Schwarzer hat „Bild“ ebenjenes Feigenblatt geliefert. Als Preis hat sie lediglich eine Plattform verlangt, auf der sie sich austoben kann. Wäre man so zynisch wie manche „Bild“-Blattmacher, würde man sagen: ein guter Deal für beide Seiten.

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Inmitten der popofreien Kleidchen und der willigen Lesben hat sich Frau Schwarzer also ausgetobt. Hat sich vor keinem noch so absurden Vergleich gescheut. Am Ende sah sie sogar den Rechtsstaat beschädigt, nur weil der offenbar nicht sofort Kachelmann mindestens zehn Jahre in den Knast stecken wollte. Neben ihren kruden Argumenten hat sie nebenher auch noch ein überaus merkwürdiges, diktaturenähnliches Verständnis von Medien und Journalismus gezeigt: Mit den Gästen, mit denen sie heute abend bei Sandra Maischberger über das Urteil diskutieren sollte, wollte sie nicht. Wo kämen wir auch hin, wenn sich eine Alice Schwarzer mal einer offenen Diskussion stellen sollte? Unnötig zu sagen, dass man Frau Schwarzers Wunsch gerne entsprochen und die Gästeliste ganz den Wünschen der Freiheitskämpferin entsprechend abgeändert hat.  Das ist das ironische iTüpfelchen am Ende eines Prozesses, in dem viele Journalisten nicht wirklich gut ausgesehen haben.

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Den vielleicht vernünftigsten Satz haben heute die Richter gesagt. Dieses Urteil hinterlasse bei ihnen keinerlei Befriedigung, weil man zwei Menschen mit einem Verdacht hinterlasse, den beide wohl nie wieder loswerden. Kachelmann als potentieller Vergewaltiger, seine Ex-Freundin als potentielle rachsüchtige Lügnerin. So viel Einsicht würde man vielen Journalisten wünschen und sogar Frau Schwarzer. Selbst, wenn es beim frommen Wunsch bleiben wird.

 

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2 Kommentare

  1. ‚..Inmitten der popofreien Kleidchen und der willigen Lesben hat sich Frau Schwarzer also ausgetobt.‘

    I am laughing so hard. You are killing me.

    Du hast es genau auf den Punkt gebracht. Nach dem FAZ Artikel dachte ich nur an ‚Amerikanischen Verhältnisse.‘
    Jedoch, obwohl die FAZ nicht unrecht hat liegt sie trotzdem falsch, da jemand nur schuldig ist wenn sein Schuld beweisen ist. Und dies ist nicht passiert.

    Ja, hier ging es gar nicht an den Fall, sondern ums Business, ‚the chance to make a killing with a sensational process.‘ Und alle haben mit gemacht.
    Der eigentlich Prozess, der Angeklagter als schuldig zu beweisen, hat statt gefunden, die Staat-Anwaltschaft hat seine schuld nicht beweisen können. Also ist er unschuldig. Sonst regiert die Mob.‘
    Und allen anderen haben sich mit ihr benehmen als schuldig erwiesen. Zweifellos.
    Aber es war eine tolle show, genau wie the USA.

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