WIRED und die ideenlosen Zückerchen

(Vorab-Bemerkung: Dieser Beitrag ist meine ganz persönliche Meinung, mit niemandem abgesprochen und deswegen logischerweise auch keine Wiedergabe der WIRED-Redaktionsmeinung. Was u.a. damit zu tun hat, dass es eine WIRED-Redaktionsmeinung nicht gibt, das hat die letzten Wochen ja so interessant gemacht).

Ich bin immer noch ziemlich unentschlossen, wie ich das, was ich den letzten Wochen in der Karlstraße in München erlebt habe, bewerten soll. Ist das nun nicht sehr viel mehr als eine Selbstverständlichkeit – oder waren die Arbeitsbedingungen, die es bei WIRED gab/gibt angesichts der täglichen Realitäten nicht doch ein Privileg? Nein, ich meine damit nicht eine ungewöhnlich gute Kantine und den chicen iMac auf dem Schreibtisch; auch nicht die Tatsache, dass ich es mit einer Ansammlung ungewöhnlich guter und netter Kollegen zu tun hatte. Sondern anderes: Ich weiß nicht, wie lange es her ist, dass ich mit so viel Zeit Geschichten recherchieren und planen konnte. Keine Ahnung, wann ich es mir das letzte Mal erlauben konnte, ungefähr die Hälfte meiner Gesprächsnotizen schlichtweg wieder wegzuwerfen, weil ich genügend anderes Material hatte, das deutlich besser war. Ich weiß, dass es so sein sollte, aber ich kam mir regelmäßig merkwürdig vor, wenn ich Gespräche mit Kollegen im Ohr hatte, die mir erzählten, wie sehr sie sich jeden Tag Geschichten ergooglen und zusammentelefonieren müssen, wie sie aus purem Zeitdruck und aus Personalmangel Sachen ins Blatt heben, von denen sie selbst genau wissen, dass sie einem wirklichen Factchecking kaum standhalten würden. Nicht mal, weil sie sich mit bösem Willen etwas zusammenfantasieren, sondern weil ihnen die Zeit zu allem fehlt, was eine Geschichte letztendlich wasserdicht macht. Vieles davon ist später nicht unmittelbar zu sehen und für Nichtjournalisten (geschweige denn Controller) zu verstehen. Ich habe während meiner WIRED-Zeit für eine einzige Frage ca. 10 Telefonate und einen halben Tag außer Haus verbracht, nur um danach festzustellen: Die Geschichte, so wie wir sie gerne gemacht hätten, wird bei diesem Ansatz nicht funktionieren, wir sind auf dem Holzweg. Das ist der Alptraum jedes Verlegers und Controllers, schon klar: Da kommt einer nach langer Recherche und sagt, dass die Geschichte so nix wird. Vielleicht hätten wir die Geschichte irgendwie erzwingen können und vielleicht hätten wir sie unter anderen, schlechteren Umstände auch machen müssen. Mussten wir aber nicht.

Auch anderes habe ich als wirklich angenehmen Luxus empfunden. Beispielsweise, dass die Geschichten dann eben nicht nur einfach mal schnell gegengelesen und mit ein paar Retuschen versehen ins Blatt gehoben worden sind. Sondern wirklich diskutiert, redigiert, verändert wurden. Von einer Geschichte habe ich drei oder vier Versionen geschrieben, bis wir am Ende der Meinung waren: So könnte das passen. Jetzt sitzt gerade im Moment noch eine Schlussredaktion drüber, die nochmals Fakten- und Plausibilitätscheck macht und mir hoffentlich meinen Hang zu Schusseligkeitsfehlern verzeiht. Kurzum, ich hatte das Gefühl, dass Journalismus eigentlich immer so stattfinden müsste, mit den Möglichkeiten zu einer ausführlichen Recherche, mit gegenseitigem Feedback und gründlicher Kontrolle. Dass dies immer noch nicht ausschließt, dass irgendwas vielleicht nicht korrekt ist und dass wir natürlich danach kritisiert werden können, ist dann wieder was anderes. Umgekehrt habe ich in den letzten Wochen aber auch eine Ahnung bekommen, warum so viele Redaktionen eher ernüchternde Ergebnisse abliefern: Mir ist schon bewusst, dass die Rahmenbedingungen bei WIRED nicht die sind, die die meisten Redaktionen vorfinden. Weitere kleine Erkenntnis: Es ist immer sehr leicht, andere zu kritisieren, wenn man selbst nicht drinsteckt. Den einen oder anderen bösen Satz, den ich in diesem Blog über andere geschrieben habe, habe ich während der WIRED-Wochen im Stillen bedauert.

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Weil wir gerade von Kritik reden: Ich bin ja bekanntermaßen ein kleiner Naivling und denke mir, dass grundsätzlich niemand einem anderen was Böses will (das ist natürlich Naivität nahe an der Vetrotteltheit). Insofern war mir zwar klar, dass ein Projekt wie WIRED Deutschland unter einer etwas schärferen Beobachtung als andere Projekte stehen wird. Aber dass man uns schon zerlegt, ehe wir auch nur eine einzige Zeile geschrieben haben, das überraschte mich dann doch. Mich hat beispielsweise erstaunt, dass Stefan Niggemeier (den ich an sich schätze) aus Thomas Knüwers Blognachfrage bei den Lesern, welche Themen sie möglicherweise gerne lesen würde, einen Blogeintrag machte, in dem es mehr oder minder hieß, Knüwer sei ein Blattmacher ohne Ideen. Erstaunlich, wenn man doch auf der anderen Seite gerne über die Teilhabe von Lesern bzw. die Interaktion mit Lesern spricht. Und mindestens ebenso erstaunlich eingedenk der Tatsache, dass zum Zeitpunkt dieses Eintrags im WIRED-Blog intern bei uns schon klar war, dass wir weitaus mehr Themen als Platz im Heft haben. Mindestens genauso verblüfft hat mich, wie Felix Schwenzel (den ich wirklich für einen der originellsten Köpfe im Netz halte) einen anderen Blogeintrag bei WIRED zum Anlass nehmen konnte, sich mit der flachen Hand vor den Kopf zu schlagen. In unserem Blog stand, dass es zum Heft auch eine App geben werde. Und dass diese App auch ein paar „Zückerchen“ wie Videos enthalten werde. Man kann jetzt prima darüber streiten, ob die Formulierung „Zückerchen“ eine eher missglückte Form der Ironie ist oder nicht, aber zumindest bei uns war jedem klar, dass wir keineswegs der Meinung sind, dass ein Video eine Weltsensation ist. Wäge jedes Wort, wenn es um WIRED geht, so viel hatte ich schnell kapiert. Richtig machen kann man nämlich bei diesem Projekt nämlich nicht sehr viel; wenn ich mir überlege, wie viele uns schon vorab bescheinigten, eine Totgeburt zu sein (selbstverständlich, ohne überhaupt zu wissen, was wir da machen) und wenn ich mich dann noch an einen lieben Kollegen erinnere, der mir sagte, er kenne einige, die den Verriss für WIRED schon geschrieben haben und der Korrektheit halber nur darauf warten, dass wir im September erscheinen, dann habe ich jetzt schon eine Ahnung, was wir zu lesen bekommen werden. Natürlich ist Kritik völlig ok und mit Verrissen werden wir ebenso leben können wie müssen, aber schön wäre es ja irgendwie schon gewesen, wenn das erst nach Erscheinen des Heftes passiert. Ist doch gar nicht mehr lange hin und bis dahin sich ein bisschen den Schaum vom Mund zu wischen, dürfte doch so schwer nicht sein. Immerhin habe ich jetzt einen Begriff mehr im Alltagsrepertoire. Immer wenn mich jemand fragt, wie ich gerne meinen Kaffee hätte, sage ich jetzt: Mit Zückerchen bitte.

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Moet

Es war also kein langer Weg zu der Erkenntnis, dass es vielleicht tatsächlich naiv ist zu glauben, im Leben im Allgemeinen und in Mediendingen als solchen gehe es immer fair und ganz ohne persönliche Animositäten zu. Ich habe jedenfalls noch nie ein Projekt gemacht, bei dem so viele Leute mit missionarischem Eifer den Daumen gesenkt haben – vorher. Auf der anderen Seite hat genau das den Reiz ausgemacht. Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, wie ich die letzten sechs Wochen besser hätte verbringen können (dafür danke an euch, ihr wisst, dass ihr gemeint seid!) Und im September sollte ich vielleicht mal ein paar Tage wegfahren. Bis sich alle wieder beruhigt haben.

 

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4 Kommentare

  1. Ich habe gar nicht geschrieben, dass jemand, der in einem Blog oder Forum um Themenanregungen bittet, ein Journalist ohne Themenideen ist. Thomas Knüwer hat das geschrieben. Ist es irgendwie unanständig, jemanden an seinen eigenen Worten zu messen?

    (Und die harmlosen Blogeinträge von Felix und mir sollen ernsthaft Ausdruck persönlicher Animositäten und eines missionarisch eifernden Daumensenkens sein?)

  2. Stefans Beitrag hast Du IMHO falsch wiedergegeben. Er schrieb nicht, dass Thomas Knüwer ideenlos sei, weil er Leser um Meinung frage. Er hat Thomas Knüwer zitiert, der eben dies über einen anderen Kollegen sagte.

    Wie Du am Anfang schreibst: „Den einen oder anderen bösen Satz, den ich in diesem Blog über andere geschrieben habe, habe ich während der WIRED-Wochen im Stillen bedauert.“ Das oben waren keine Kritiken an „Wired“, es waren Retourkutschen auf die früheren bösen Sätze von Thomas Knüwer.

  3. Also ich habe ein paar sehr dumme Kritiken gelesen, aber die beiden, die Du hier erwähnst gehören nicht dazu. Ist es nicht wichtig, Leuten auf die Finger zu schauen? Gerade Knüwer, der in jedem zweiten Blogbeitrag erläutert, was die Verlage nicht kapiert haben, wird natürlich an seinen eigenen Worten gemessen und daran ist wirklich überhaupt nichts verkehrt. Übrigens sind das alles ja nur Kommentare, insofern schlicht Meinungen von Menschen. Ihr wollt doch Reaktionen, wenn ihr davon sprecht, dass ihr in eurer Applikation dies und das einführen werdet, schlicht aufgerundet heißt das häufig: entweder es kommt keine, oder sie ist positiv oder sie ist negativ.

    Ich bin gespannt auf das Magazin. Es freut mich, dass ihr so viel Zeit habt, das Ganze zu kreieren.

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