Wolf Heveling und Ansgar Schneider: Tiraden der Brüder im Geiste

Soviel wissen wir jetzt also: Zwischen Bloggern und Journalisten herrscht „Krieg“. Wer sich exponiert im Netz bewegt, ist eine „Knallcharge“.  Das Netz bzw. die dort herrschende Netzgemeinde steht kurz vor der finalen Niederlage. Es wird viel Blut geflossen sein, aber am Ende wird das Gute, das Edle, das Hochwertige siegen. Dass ich mal eine derart flache Bilanz einer Diskussion aufschreiben müsste, hätte ich mir auch nicht gedacht. Dass diese flache Bilanz im Jahr 2012 zum Thema Digitalisierung/Neue Medien so ausfallen würde, noch sehr viel weniger.  Im Jahr 15 der digitalen Revolution tobt auf einmal wieder Schlachtenlärm, wabern Rauchschwaden über das virtuelle Kampfgebiet – und kommen auf einmal wieder all jene aus ihren Löchern, von denen man gedacht hatte, sie hätten es aufgegeben. Der Ton ist also eindeutig rückwärtsgewendet, die Fronten sind wieder die, die wir schon 1998 hatten. Ist es Zufall, dass Heveling, Schneider und Hanfeld auf einmal wieder mit einer durch nichts begründeten Selbstgewissheit hinstellen und der digitalen Welt erzählen, wie plump und dumm sie ist? Und versteht nebenher eigentlich irgendjemand, wieso die Dinos immer so tun, als stünde der Untergang des Abendlands unmittelbar bevor?

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Die Unterschiede zwischen Heveling, Schneider und Hanfeld sind nicht sehr groß, weswegen man vermutlich von einem Kulturkampf sprechen muss. Die Argumente ähneln sich, die Geisteshaltung auch, ganz gleich, ob wir von Journalismus, Büchern oder Musik sprechen. Die Lordsiegelbewawhrer, die Gegner des Umbruchs, die Erzkonservativen wollen letztendlich nur eines: Es soll alles bleiben wie es ist. Sie übersehen geflissentlich, dass schon lange nichts mehr so ist wie es war. Sie verweigern sich jeglicher Debatte, erklären sich selbst für überlegen und drangsalieren die andere Seite nicht mit Argumenten, sondern mit Tiraden. Weil ihnen das Neue Angst macht, weil sie es nicht begreifen, weil sie zu bequem und  nicht  in der Lage sind, sich zu ändern bzw. die Veränderungen konstruktiv zu begleiten. Deswegen werden sie destruktiv, pathetisch, formulieren krude Kampfansagen oder Verschwörungstheorien nahe der Peinlichkeitsschwelle.

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Wolf Schneider und Ansgar Heveling kennen sich vielleicht nicht persönlich, müssten sich aber sympathisch sein. Es ist verblüffend, wie ähnlich sie sich in ihren nicht vorhandenen Argumentationen sind. Der eine schwadroniert über eine Netzgemeinde, deren Niederlage unausweichlich und am Horizont deutlich sichtbar ist. Schneider hält Blogger generell für geschwätzig und das Netz als solches für einen Ort, an dem ohne Sinn und Verstand gefaselt wird. Beide argumentieren deswegen nicht, weil sie es nicht können. Es gibt keine Zahlen, keine Belege, man sagt einfach mal so etwas dahin und glaubt, das müsse reichen. Sie machen genau das, was sie in ihren Untergangsvisionen der digitalen Welt vorwerfen: plappern und provozieren ohne nachzudenken. Hevelings krudes Gestammel entlarvt sich schon alleine dadurch, weil man jemandem, der offenbar die Kombination aus Vor- und Nachnamen als Zugangsdaten für seine Accounts verwendet, nicht sehr viel Kompetenz zum Thema Netz zubilligen sollte. Dementsprechend liest sich sein Text wie etwas, was jemand mit seinem Vornamen als Passwort so schreibt. Schneider wiederum weiß sehr genau, was im Netz vor sich geht obwohl er nach eigener Aussage nicht mal einen Computer benutzt. Was also soll man jemandem abnehmen, der das, worüber er schwadroniert, nicht mal kennt?

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Aber es herrscht ja jetzt eh Krieg, eine Art Kulturkampf. Ich hatte eigentlich gedacht, dass wir diese Zeit hinter uns gelassen hätten und dass wir vielleicht unterschiedliche Auffassungen vertreten. Nicht erwarten musste man dagegen diese radikalaggressive Form, in der die Dinos jetzt noch mal zurückbeißen (es dürfte aber, um es mit Ansgar Dinsgenskirchen zu halten, das letzte Mal sein). Bei Heveling fließt Blut, Schneider erklärt gewohnt selbstverliebt alle anderen für dumm und sich für einzigartig. Und dann gibt es ja noch den FAZ-Hanfeld, der immer dann rot sieht, wenn es um neue Medien geht und auch dann rot sieht, wenn es um öffentlich-rechtliches Fernsehen geht (in der FAZ vertrat er mal die abenteuerliche These, ARD und ZDF bedrohten durch ihre Online-Aktivitäten die freie Presse in Deutschland). Wenn also dann die Schlagworte „öffentlich-rechtlich“ und „Web 2.0“ gemeinsam auftauchen, sieht Hanfeld zwangsweise dunkelrot. Deswegen mokiert er sich über Mario Sixtus als jemanden, der sich seine Sichtweise durch seinen öffentlich-rechtlichen Sold finanzieren lässt. Sixtus und Knüwer und all die anderen, die wir uns im Web tummeln und mit den Hevelings-Hanfelds-Schneiders einer untergehenden analogen Welt nicht ganz konform gehen, nennt Hanfeld „Knallchargen“, was man schon machen kann, wenn man es lustig findet. Abgesehen davon, dass das aber nur so mittellustig ist, erstaunt auch hier die Aggressivität und der latent feindselige Unterton. Ansonsten ist Hanfelds Argumentation ähnlich dürftig wie die seiner Brüder im Geiste: Die „Netzgemeinde“ habe so reagiert, wie es zu erwarten gewesen sei. Was beweise, so Hanfeld, dass Hevelings kleines Pamplet seine Berechtigung gehabt habe. Ach, Hanfeld, was soll ich Ihnen sagen? Sie haben so geschrieben, wie ich es von Ihnen und der FAZ erwartet habe. Merken Sie was?

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Es läuft ja dann im Endeffekt doch immer auf das gleiche raus: Angst vor etwas Neuem. Das Neue nicht wirklich begreifen. Der feste Glaube daran, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Störrisches Festhalten an vermeintlich Bewährtem. Wären Schneider und Hanfeld Politiker (Heveling ist ja angeblich schon einer), sie würden beide zu diesen in letzter Zeit so ungeheuer populären „Es-gibt-keine-Alternative“-Argumenten greifen. Es gibt keine Alternative zum tradierten Mediensystem, zum Leitmedium FAZ, zum Steinzeit-Journalismus aus den Zeiten des schwarzweiß-Fernsehens. Und es gibt natürlich keine Alternative zu Wolf Schneider, Blogger haben demnächst ohnehin keine Relevanz mehr (reden sich Heveling und Schneider gemeinsam ein). Es ist ein Pfeifen im Wald, das ihnen ihre größte Angst nehmen soll: Plötzlich an der Bedeutung zu verlieren, an der sie sich über mehr oder minder viele Jahre hinweg berauscht haben. Schneider glaubt immer noch, niemand sei so präsent und großartig wie er selbst, Hanfeld glaubt, nur die FAZ betreibe den echten Journalismus und Heveling glaubt, er sei Kermit (in Wirklichkeit weiß ich nicht, was Eveling glaubt).

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Krieg, Kulturkampf? Wenn ja: Die analoge Welt hat ihren verloren und sie weiß es auch. Die Tatsache, dass sie auf keinen einzigen Kritik- oder Diskussionspunkt wirklich eingeht, beweist das nur zu gut. Heveling sagt: Ha,und ich hatte doch recht. Hanfeld sekundiert ihm. Und Schneider fällt nicht mehr ein als eine krude Verschwörungstheorie aufzustellen, wonach ihm lediglich „Altlinke“ und irgendwelche an der Nannen-Schule durchgefallene gescheiterte Existenzen Böses wollten. Wäre Schneider nicht immer selbstverliebt bis an die Schmerzgrenze, man müsste es tragisch nennen, dass ein verdienter Journalist in seiner Wagenburg sitzt, sich umzingelt sieht von Feinden und Neidern und nichts besseres mehr weiß als darauf hinzuweisen, dass er immer noch der einzigartige Erfahrene und Populäre sei. Allerdings: Mit Menschen wie Schneider, Heveling und Hanfeld muss man nun wirklich kein Mitleid haben. In ihrer Liebe zu sich selbst und in ihren festen Überzeugungen sind sie sich selbst genug. Uns Knallchargen und geschwätzige Blogger sollte das im Angesicht unserer drohenden Niederlage nicht weiter berühren.

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2 Kommentare

  1. Eveling heißt übrigens Heveling – oder ist die falsche Schreibweise eine besondere Form der Ironie? Aber dann bitte auch Anfeld und Chneider… 😉

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