Kopflos in Digitalien

Bei „sueddeutsche.de“ haben sie sich jetzt etwas sehr hübsches einfallen lassen: eine Presseschau, die ausschließlich auf den Auswertungen von Leseempfehlungen von Twitter und Facebook basiert. Das System ist denkbar einfach: Man wertet mal eben aus, was von einigen vorgegebenen Quellen wie „Spiegel Online“ oder auch dem britischen „Guardian“ am meisten geliked und sonstwie empfohlen wird und stellt das dann auf einer Seite zusammen. Man könnte das Kuration nennen oder noch eher Aggregation (wobei es lustig ist, dass sich ja ausgerechnet nicht wenige Verlage momentan furchtbar über Aggregatoren aufregen, die „ganze Seiten“ scannen. Den würde ich übrigens gerne mal sehen, die seitenscannenden Aggregator, bin dankbar für jeden Hinweis). Dafür haben sie bei der SZ eine Menge Lob bekommen, durchaus zurecht übrigens. Hübsche Idee, das.

Eine, die allerdings ein paar Fragen aufwirft. Nicht in Richtung SZ, sondern in die anderer Verlage: Eine Seite wie „Rivva“, die seit einigen Jahren nichts anderes macht – warum wird die eigentlich von einem bayerischen Autobauer gesponsert und nicht von einem Medienunternehmen? Und warum macht man sowas nicht schon lange selber? Die Antwort liegt angesichts der Tatsache, dass man momentan jetzt auch die Aggregatoren (die ganze Seiten scannen) als neuen Feind entdeckt hat, auf der Hand. Das Wesen des Netzes, das eben zu einem beträchtlichen Teil aus Teilen und Vernetzen besteht, ist bei vielen immer noch nicht angekommen, da helfen auch viele hübsche Relaunches von irgendwelchen Webseiten und mediokre Appversuche nicht allzu viel.

Was letztlich auch noch zu einer anderen Grundsatzfrage führt: Warum gibt es in vielen Medienhäusern immer noch so wenige ausgewiesene Netzköpfe in den Chefredaktionen (oder sonstwo, wo sie mehr sind als Besenkammerbewohner)? Bei der SZ haben sie ihren Plöchinger, bei der Zeit ihren Blau, überall da, wo man die plöchingerblaus findet, bewegt sich etwas. Anderswo – und das ist erstaunlicherweise immer noch eine Mehrheit – sird fröhlich dilettiert, viel geredet und noch mehr in Grund und Boden geklagt. Dass es viel Applaus für eine simple Aggregatoren-Idee gab, spricht für die SZ — und leider gegen sehr viele andere.

 

 

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3 Kommentare

  1. Lieber Christian, so kopflos sind wir anderen gemeinsam mit vielen anderen doch gar nicht. Persönlich freue ich mich Woche für Woche an steigenden Nutzungszahlen unserer simplen Fotozusammenstellmaschine rheinstagram.de, und fürs Aggregieren noch viel weiterreichender Themen aus unserer Region und darüber hinaus sorgt unser täglicher Überraschungsservice namens @rheinzeitung bei Twitter, mit Lars Wienand als führendem Kopf dahinter. Ähnliche Qualitäten entfalten mit teilweise eigenen Diensten andere Zeitungen wie die Ruhr-Nachrichten oder Der Westen.

  2. Na, so war´s ja auch nicht gemeint, dass es nur zwei gute Onliner in Deutschland gibt – nimm sie einfach exemplarisch für die anderen. Aber würdest du mir widersprechen, wenn ich behaupte, dass das immer noch eine Minderheit ist?

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