Warum Journalisten Metzgergene bräuchten

Die vielleicht netteste, weil irgendwie sehr ehrliche Begründung, die ich mal  für eine nicht bezahlte Rechnung gehört habe, ging in etwa so: Wir bezahlen immer erst, wenn wir wieder Geld reinbekommen. Also, zwei, drei Monate kann das schon mal dauern. Nachgefragt hatte ich, weil eine eher kleine Rechnung von mir seit ungefähr zwei, drei Monaten unbezahlt geblieben war und ich an sich ein zu höflicher Mensch bin, um sofort irgendwelche wilden Mahnungen rauszuschicken. Man kann ja mal fragen und in manchen Fällen klemmt´s ja wirklich nur, weil irgendjemand in der Buchhaltung pennt. Zugegeben: Das ist dann leider doch nur die Ausnahme, in den meisten Fällen ist die Kombination aus Journalismus und Freiberufler eher fatal. Neben der Auskunft, man zahle generell immer eher nach Gusto, habe ich auch noch etliche andere kuriose Begründungen gehört, ab und an habe ich nur noch darauf gewartet, dass irgendjemand mal sagt: Seien Sie froh, dass wir überhaupt was bezahlen (gedacht haben sich das sicher schon etliche).

Das ist insofern interessant, weil ich in solchen Fällen dann meine mir angeborene Nettigkeit schon mal ablege und dezent nachfrage, wie genau man sich das denn jetzt vorzustellen hat. Und immer, wenn ich dann derart bescheuerte Antworten bekomme wie diese, würde ich gerne bei so einem festangestellten Buchhalter (oder whatelse) nachfragen: Was genau würden Sie jetzt eigentlich Ihrem Arbeitgeber erzählen, würde der Ihnen sagen, dass Sie Ihr nächstes Gehalt in etwas zwei bis drei Monaten bekommen, je nach dem, ob die Firma dann wieder Geld hat und auch sonst nichts dagegen spricht, eine Überweisung anzustoßen? Kurz gesagt – und deswegen steht das jetzt hier als etwas mühsame Einleitung:  Mit Freiberuflern geht man gerne etwas eigenartig um. Und im Journalismus sind, leider muss man das so sagen, vielerorts die Sitten vollends verlottert. Leider nicht nur bei uns Freiberuflern, im Gegenteil: Ich bin mir ziemlich sicher, dass der gute alte festangestellte Redakteur ein Berufsbild ist, dass wirklich erstrebenswert nicht mehr ist.

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„Ausbeutungsmaschine Journalismus“ heißt ein ebenso bemerkenswerter wie an sich tief deprimierenden Blogeintrag einer jungen Volontärin in spe, die nachvollziehbar schildert, was vermutlich hunderte andere ihrer Leidensgenossen bestätigen können: Die Zeiten, in denen Journalismus auch finanziell als halbwegs lukrativer Beruf zu gelten hatte, sind weitgehend vorbei. Man liest da sehr konkret von einigen Dingen, von denen man schon vorher irgendwie wusste, dass sie wohl so sind. Und, noch schlimmer: Ich vermute fast mal, dass es weitaus krassere Fälle als diesen gibt. Immerhin hat man ihr ja — wenn auch wenig — Geld angeboten. Fälle, in denen selbstredend unbezahlte Praktika über mehrere Monate hinweg Grundvoraussetzung sind, um überhaupt die Gnade des möglichen Volontariats erleben zu dürfen, sind keineswegs nur die berühmten Einzelfälle.  Ich kenne Fälle, in denen hochqualifizierte junge Journalisten sich für 70 Euro Tagessatz in einer Lokalredaktion verdingen durften. Dass mit diesem „Honorar“ auch etwaige über den Acht-Stunden-Tag hinausgehende Stunden abgegolten sind, muss man nicht eigens erwähnen. In der Praxis läuft es dennoch auf diese Zahl immer wieder hinaus: Nicht wenige Journalisten sind für Tagessätze unterwegs, die einem faktischen Stundenlohn von um die 8 Euro entsprechen. Wer für die häufig lächerlichen Zeilenhonorare mancher Tageszeitungen arbeiten muss, der bleibt faktisch häufig sogar noch deutlich unter dieser Grenze. Man muss es sich also leisten können, wenn man als halbwegs normaler Journalist überleben will (dass es am anderen Ende des Spektrums natürlich ganz andere Honorare gibt, muss man vermutlich nicht extra erwähnen).

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Man sagt also sicher nichts Falsches, wenn man festhält: Es gibt schon lange ein journalistisches Prekariat, sofern man die Definition verwendet, nach der ein solches Prekariat vor allem durch „Unsicherheiten in der Erwerbstätigkeit“ gekennzeichnet ist. Dieses Prekariat wird größer, je näher man sich an der großen journalistischen Herde rumtreibt.  Zynisch gesagt: In nicht ganz wenigen Häusern weiß man inzwischen, dass für einen durchschnittlichen freien Mitarbeiter oder Redakteur (momentan) noch drei andere vor der Tür stehen, man es sich also aus einer sehr kurzsichtigen und betriebswirtschaftlichen Sicht betrachtet erlauben kann, schlecht zu zahlen. Die alte Geschichte von Angebot und Nachfrage, wenn man so will. Aber kann und darf sich Journalismus leisten, von einem Prekariat gemacht zu werden, das bei aller Begeisterung für den Job jeden Monat ernste Existensorgen haben muss? Diogenes hat sich vielleicht in seiner Tonne halbwegs wohlgefühlt und arme Dichter sind bestimmt auch eine wildromantische Vorstellung. Aber mit Wildromantik lässt sich so furchtbar schlecht Journalismus machen.

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Seit ungefähr zwei Jahren (da habe ich unterschiedliche Angaben gelesen) gibt es nunmehr in Deutschland mehr Menschen, die in irgendeiner Weise PR betreiben als Journalismus. Nun ist die PR ein ebenso ehrenwertes wie vermutlich auch notwendiges Handwerk und Zahlenspielereien als solche finde ich tendenziell eher uninteressant.  Befremdlicher (und trotzdem: verständlich) ist eher der Grund dafür: In meinen letzten Veranstaltungen an der Universität Passau, die alle irgendwie unter Journalismus firmierten, fand sich in den letzten vier Semestern immer nur eine Minderheit, die dann auch tatsächlich Journalisten werden wollten. Das muss man sich mal vorstellen: Menschen, die irgendwas mit Journalismus studieren, um dann auf gar keinen Fall Journalisten werden zu wollen, so weit ist es jetzt dann doch schon.

Erkenntnis Nummer 1 dabei: Niemand von denen, die ich nach ihren Gründen gefragt habe, machte einen Hehl aus seinen Gründen. Mehr Geld, bessere Berufsaussichten, mehr Sicherheit.

Erkenntnis Nummer 2: Es waren nicht die schlechtesten Köpfe, die das gesagt haben. Ich hätte sie ja deutlich lieber in einer Redaktion gesehen.

Erkenntnis Nummer 3: Von den wenigen, die sich dann doch in den Journalismus trauen wollen, wollten genau 2 sich vielleicht (!) irgendwie als Freiberufler versuchen. Ich habe ihnen dann sicherheitshalber mal nichts von meinen eingangs erwähnten eigenen Erfahrungen erzählt.

Erkenntnis Nummer 4: Nach einigen anderen Gesprächen lernt man dann schnell, dass Passau überall ist.

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Vermutlich passt das ja leider auch irgendwie alles zusammen. Einem Banker attestiert man Gier und Maßlosigkeit quasi als Grundvoraussetzung für seinen Beruf. Je dümmer, gieriger und maßloser er ist, desto größer sind seine Chancen, Investmentbanker bei der Commerzbank zu werden (ersetze ggf gerne auch durch andere Institute, da sollte man jetzt nicht allzu kleinlich sein). Von Journalisten erwartet man hingegen gerne so ein merkwürdiges Berufsethos, das in etwa lautet: Geld ist ja nicht so wichtig, dafür haben Sie aber die Ehre, in einem schönen Beruf zu arbeiten und manchmal auch schreiben/sagen zu dürfen, was Sie wollen. Und wahr ist ja leider auch, dass wir uns von so etwas immer wieder noch gerne mal einfangen lassen. Dabei wüsste ich wirklich zu gerne, wenn man einem Metzgergesellen sagen würde, er solle jetzt erst mal anfangen, einen Vertrag bekomme er dann irgendwann auch mal und beim Gehalt werde man sich sicher auch einig, man lasse sich da bestimmt nicht lumpen. Bevor Sie mich für allzu fantasiebegabt halten: doch, ich kenne solche Fälle. Der Metzgergeselle jedenfalls würde anders reagieren als wir. Und manchmal frage ich mich, ob uns ein paar solcher Metzgergene nicht irgendwie auch ganz gut täten.

Schließlich ist das ja eine reichlich naive Idee: Natürlich arbeiten wir als Journalisten nicht in einer Kaugummifabrik und unsere Aufgabe ist demnach eine andere. Und ja, es wäre schön, wenn Journalisten in ihrem Job noch so ungewöhnliche Dinge wie Idealismus und Begeisterungsfähigkeit mitbringen. Aber will man jetzt ersthaft erwarten, dass jemand Begabung, Idealismus und Begeisterungsfähigkeit für 5 Euro Stundenlohn und eine etwas ungewisse Zukunft mitbringt?

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Der „Brain Drain“ im Journalismus, er hat schon lange begonnen; allen Sonntagsreden zum Trotz. Die wirklich guten Köpfe gehen wahlweise in die PR oder sie machen ihr sehr eigenes Ding. Als ich vor 25 Jahren bei einer kleinen Tageszeitung volontiert habe, galt das noch als Königsweg in den Journalismus und in eine goldene Zukunft mit beamtenhaften Sicherheiten. Würde mich heute jemand fragen, ob er diesen Weg gehen soll – vermutlich würde ich die Hände über den Kopf zusammenschlagen und ihm irgendwas anderes raten.

Metzgergeselle vielleicht.

 

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4 Kommentare

  1. Ich stimme im Grunde völlig zu. Was sich halt nicht wegdiskutieren lässt, ist, dass es zu viele Journalisten gibt. Angebot und Nachfrage. Und eigentlich hätte man meinen müssen, dass angesichts sinkender Auflagen überall die Verleger mal merken, dass es vielleicht sinnvoller wäre, die Motivation der eigenen Journalisten, gute Geschichten zu machen, mal mit etwas mehr Kohle zu steigern. Ich warte immer noch darauf, dass mal einer gestiegene Verkaufspreise nicht mit Papierkosten rechtfertigt, sondern weil er seinen Lesern sagt: Wir wollen unsere Redakteure anständig bezahlen, damit sie guten Journalismus im Blatt haben. Dass man dann Redakteuren Feuer macht, die diesem Anspruch nicht genügen, hielte ich im Übrigen für legitim.

  2. Ich stimme im Kern durchaus zu. Allerdings sollte erwähnt sein, dass bei genügend Handwerkergesellen das kostenlose Probearbeiten bzw. das Hartz IV finanzierte „Wiedereingliedern“ oder später auch die Bezahlung mit 5 bis 6 Euro die Stunde durchaus gang und gäbe sind. Die Prekarisierung ist ein Problem, das weite Teile der Gesellschaft berührt und viele Berufsgruppen durchaus stärker, als den Journalismus.

    Von daher passt das Bild vom Gesellen, der nichts ohne Bezahlung tut, nicht ganz. Das Geld wandert zu allererst einmal an den Inhaber des Elektrobetriebes (Bauunternehmens etc).

    Es gibt, wie in vielen anderen Bereichen, ein Überangebot an Leuten, die im Bereich Journalismus eine Ausbildung machen bzw. sich um eine solche bemühen. Die wirklich guten lassen sich nicht mit Almosen abspeisen und können es sich leisten, mehr zu verlangen.

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