Es begann mit „Foursquare“. Irgendwann öffnete sich mal wieder ein Fenster auf dem Smartphone, eine Push-Mitteilung erschien. Irgendjemand war irgendwo, und er schob sich damit in der Punktewertung wieder ein Stück nach vorne. In dem Moment beschloss ich, „Foursquare“ vom Handy zu löschen. Weil es mir so unsagbar lächerlich vorkam, was ich und andere da taten. Wir checkten an allen möglichen und unmöglichen Orten ein, ab und an hinterließen wir Tipps, was man wo machen kann. Und dafür bekamen wir Punkte, eine Art Hitparade – wer war am meisten unterwegs? Mehr digitales Posertum bei gleichzeitig kaum vorhandenem Nutzwert geht nicht.

„Foursquare“ war also der Auslöser, den ganzen digitalen Kram, mit dem ich mich in den letzten Jahren zugeschüttet hat, auf den Prüfstand zu stellen. Was war wirklich nutzwertig oder wenigstens unterhaltsam? Und was war neben dem unangenehmen Posertum zudem noch ein reiner Zeitfresser? Die Frage schien mir schon deshalb angemessen, weil ich auch ganz ohne „Foursquare“ irgendwann mal festgestellt habe, dass das Piepsen und Pfeifen, die Push-Mitteilungen, Nachrichten und sonstige gut gemeinte Einrichtungen anfingen, in das glatte Gegenteil umzuschlagen. Mir ging mehr Zeit verloren als ich sie gewann. Das ständige Piepsen und Pfeifen verführte mich dazu, zwar enorm viel an irgendwelchem Inhalt aufzunehmen. Aber dass ich mich danach schlauer, erleichterter oder wenigstens besser unterhalten fühlte, konnte ich nicht behaupten.

Und dieses Posertum, dieser Posertum! In den virtuellen Welten stellt sich immer gerade jemand zur Schau und ich könnte nicht behaupten, dass das immer nur angenehm ist. In Kombination mit Push-Meldungen und anderen hübschen Applikationen ergibt das dann einen kruden Mix: Die Push-Meldung ploppt auf und teilt mir mit, dass irgendjemand gerade bei McDonalds ist oder ein Foto von sich selbst gepostet hat.

Geht es bei solchen Spielzeugen überhaupt noch um irgendeine sinnvolle Info, eine gute Unterhaltung? Oder führt der digitale Overkill nicht letztlich dazu, dass das ganze Leben daraufhin überprüft wird, ob es auch post-fähig ist? Ich habe mir dann ein paar Timelines und Accounts diverser Menschen angeschaut (und mich selbst natürlich nicht davon ausgenommen), nur um dann festzustellen: Es gibt tatsächlich Menschen, die ihr Leben digitalgerecht zur Schau stellen. Bei denen wird man den Eindruck nicht los, dass sie ihren Tagesablauf danach richten, ob er auch ausreichend viele Posts bei Facebook, Check-In´s bei Foursquare und Retweets bei Twitter abwirft.

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Nachdem ich gerade so schön in Fahrt war, „Foursquare“ löschte, die Push-Benachrichtigungen deaktivierte und zudem zu dem Schluss kam, nur noch zweimal am Tag Mails zu checken bzw. zu beantworten und bei Messengern nur noch zu reagieren, wenn meine Töchter am anderen Ende sind (manche Zwänge sind einfach stärker, vor allem wenn sie 14 und 11 sind), kam dann auch mal mein Nachrichtenkomsum unter den Prüfstand. Ganz gezielt. Ich meine, ich habe nie zu denen gehört, die sich als News-Junkie bezeichnen. Alleine der Begriff schon: Ein Junkie zu sein, das ist ja nicht gerade etwas Gesundes. Und süchtig nach News? Och nö.

Trotzdem: So ein Smartphone, ein Tablet, ein dauerhafter Netz-Zugang, der verführt zum News-Konsum ungefähr so wie einen Alkoholiker zum Trinken, wenn immer frischer Nachschub im Kühlschrank steht. Aber weiß man wirklich mehr, wenn man sich mit einer Neuigkeiten-Attrappe beschäftigt? Nach einer Woche bewusstem Entzug (einmal morgens, einmal abends) dämmerte mir das, was mir bei etwas Nachdenken schon vorher klar sein hätte können: An den allermeisten Tagen entgeht einem nichts, sogar auf die daueraufgeregten „Eilmeldungen“ und „Liveticker“ kann man ganz gut verzichten. Was im Übrigen zwei interessante Effekte mit sich bringt. Der eine: Man kann sehr viel klarer denken und sich auf Dinge konzentrieren, wenn die Birne frei ist und nicht ständig irgendwelche Häppchen hingeworfen bekommt, mit denen sie sich beschäftigen soll. Das ist wenig überraschend – im Gegensatz zu der zweiten Erkenntnis: Diese ewige Daueraufgeregtheit im Netz hat auch damit zu tun, dass man nicht nur immer schneller Info-Häppchen zu verarbeiten hat. Sondern auch damit, dass es sich sehr viel schneller und aufgeregter kommentiert, wenn man erst kommentiert und dann denkt. Dieser etwas unschönen Reihenfolge leistet aber ein Medium Vorschub, bei dem immer irgendetwas passiert, weil irgendetwas passieren muss. Und dieses Irgendetwas muss dann sofort kommentiert werden. Wenn man das alles mit auch nur einem kleinen bisschen Distanz liest und auch mit den Kommentaren wartet, bis sich die erste helle Aufregung wieder gelegt hat, dann bleibt für die ganze Aufgeregtheit ein ebenso spöttisches Lächeln übrig wie für die digitalen Dauer-Poser und ihr ständiges Heischen um Aufmerksamkeit. Jeder könne mal für 15 Minuten ein Star sein, meinte Warhol. Im Netz gibt es Menschen, denen reichen auch zwei Minuten und ein paar Likes.

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Ich glaube immer noch, dass das Netz eine großartige Erfindung ist. Dass es gerade für Journalisten wunderbare Optionen bietet. Aber genauso ahne ich inzwischen, dass wir deswegen noch lange nicht bei jedem Auswuchs, bei jedem Nonsens mitmachen müssen.  Es ist wie bei jeder Technologie: Sie ist erst mal weder schlecht noch gut, es kommt immer darauf an, was man daraus macht. In meinem Fall: „Foursquare“ ist weg und kommt nie wieder, bei Mails an mich müssen Sie gegebenenfalls mit etwas längeren Reaktionszeiten rechnen und mein Smartphone ist am Abend und meistens auch am Wochenende ausgeschaltet. Was Sie über mich wissen dürfen, finden Sie irgendwo im Netz, alles andere geht Sie nichts an, sorry for that.

Und für meine Töchter habe ich jetzt auch eine Lösung gefunden: Immer, wenn Sie mich via Messenger anpiepsen, dann antworte ich nicht.

Sondern rufe sie an.

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