Die Nischenreporter

Man kann aus der erstem Jahr der „Krautreporter“ eine ganze Menge lernen. Vor allem eines: Die (Medien)Welt tickt womöglich doch nicht ganz so, wie wir sie uns in unserer digitalen Filterblase gerne mal vorstellen…

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Ich habe in den letzten Woche ein paar interessante Experimente unternommen – was deshalb relativ leicht möglich war, weil ich tatsächlich auch im Besitz von ein paar Freunden und Bekannten bin, die nicht zu diesem Zirkel gehören, in dem wir uns immer wieder selbst begegnen. Ich habe dann ein bisschen Namedropping gespielt. Sowohl mit Namen von Personen als auch von Medien, Blogs oder ähnlichem Kram, von dem wir gerne mal denken, sie seien der Nabel der Welt. Und ich habe sie wirklich alle durchgespielt. Häufigstes Ergebnis: Nie gehört. Das erdet, nebenbei bemerkt, ganz ungemein. Ich empfehle das sehr zur Nachahmung, vor allem dann, wenn man sich gerade auf einen potentiellen Höhenflug begibt.

Ein Name schaffte eine ganz besonders bemerkenswerte Quote: Krautreporter. Außerhalb meiner digitalen Filterbubble kam das Projekt auf einen Bekanntheitsgrad von Null. Genau null. Man mag einwenden, dass die Krautreporter ja nun auch ein vorwiegend digitales Projekt sind, die es nicht so sehr auf das „analoge“ Publikum abgesehen haben. Aber man sollte sich da im digitalen Hochmut nicht täuschen: Auch „analoge“ Menschen gehen inzwischen ganz passabel mit digitalen Techniken um. Meine Mutter beispielsweise hat sich letztes Weihnachten ein Tablet geleistet und freut sich mittlerweile wie Bolle über das gute Stück.

Und nun also kommen die Krautreporter mit ein paar neuen Zahlen daher, die den Schluss zulassen, dass sie es nicht nur außerhalb der Filterblase nicht geschafft haben zu begeistern. Auch das avisierte Stammpublikum wendet sich ab: Rund 5000 Abonnenten habe man noch, räumte Sebastian Esser jetzt ein. Was bedeutet: Rund zwei Drittel derer, die letztes Jahr das Projekt mitfinanziert haben, sind nach gerade mal einem Jahr wieder weg. Dass das keine zwangsläufige Entwicklung sein muss, zeigt ausgerechnet das niederländische Vorbild: Dort sind es inzwischen 33.000 Abonnenten, bei einer naturgemäß viel kleineren Zielgruppe.

Über die möglichen Ursachen dieses Scheiterns (das muss man wohl so nennen) ist viel geschrieben worden. Was im Einzelnen richtig oder falsch ist, mag ich hier nicht nochmal wiederkäuen. Aber zumindest eines sollten wir alle, die wir in dieser digitalen Filterblase leben, uns hinter die Löffel schreiben: Es kommt immer noch drauf an, Menschen gute Geschichten zu erzählen. Ob das dann was kostet, ob die Webseite gut oder schlecht programmiert ist, ob die Macher etwas großmäulig sind oder eher bescheiden – alles unwichtig, wenn man es schaffen würde, auf die Mindmap des Users zu kommen. Oder anders gesagt: relevant zu sein.

All das ist den Krautreportern nicht gelungen. Bevor ich mir den Vorwurf der Besserwisserei gefallen lassen muss: Ich weiß auch nicht, wie man das geschafft hätte. Nicht bei dieser Zielgruppe, nicht mit einem General-Interest-Angebot. Das Problem des Journalismus im Netz ist doch eben gerade nicht, dass zu wenige Geschichten erzählt werden. Es sind viel zu viele. Meine Leseliste ist so lang, dass ich vermutlich bis zu meinem Lebensende an dem Versuch scheitern werde, sie jemals abzuarbeiten. Auf meiner Liste stehe etliche ungelesene Bücher, mittlerweile leider auch schon nach gerade mal ein paar Wochen ein knappes Dutzend Geschichten bei Blendle, dazu ungesehene Filme, Serien und Dokus in erschreckender Zahl sowie rund 25 ungehörte Podcasts. Wenn mir also jemand sagt, er könne mir gerne ein paar Geschichten erzählen, winke ich mittlerweile eher ab als das ich freudig zustimme. Es müssten schon außergewöhnliche Geschichten sein, wenn man wirklich noch zu etwas Neuem bewegen will. Ob die etwas kosten oder nicht, spielt keine Rolle.

Genau das aber haben die Krautreporter im ersten Jahr nicht geschafft. Bei mir nicht, aber vermutlich auch im digitalen kollektiven Gedächtnis nicht. Eine wirklich herausragende Geschichte ist mir nicht in Erinnerung. Und irgendetwas, wofür die Krautreporter stehen, auch nicht. Außer vielleicht für gute Vorsätze.

Die Debatte darüber, ob Menschen für Inhalte zu zahlen bereit sind, führt speziell in diesem Fall zu nichts. Natürlich sind sie es. Bei den Krautreportern waren es nach deren eigener Aussage rund 18.000, die nicht einfach nur abonniert, sondern einen gewaltigen Vertrauensvorschuss gegeben haben. Wenn von denen dann zwei Drittel wieder abspringen, dann heißt das ja nicht, dass die alle plötzlich geizig der zahlungsunwillig geworden wären. Sondern das bedeutet in erster Linie, dass sie von den Geschichten, die sie für ihr Geld bekommen haben, nicht überzeugt waren. Anders lässt sich das kaum interpretieren. Ein Leserverlust von zwei Dritteln ist schlichtweg desaströs.

Man lernt aber auch noch anderes. Gerade wir in unserer Filterblase bilden uns ja tatsächlich gerne ein, dass der Journalismus in einem derart schlechten Zustand ist, wie es gerade die Krautreporter ja auch lauthals herausposaunt haben. Aber nur mal angenommen, dass das ein beträchtlicher Teil der Menschheit außerhalb der Blase gar nicht so empfindet? Dass möglicherweise diese ganzen alten Tanker ihren Job doch nicht so übel machen, wie wir es uns gerne mal einbilden? Dass eine Mehrheit der Leute mit dem, was sie jeden Tag zu sehen, hören und lesen bekommen, gar nicht mal so unzufrieden ist? Das wäre immerhin eine mögliche Erklärung dafür, warum sie das Projekt Krautreporter trotz eines verblüffend großen Airplay im vergangenen Jahr nicht wahrgenommen haben und dass ihnen unsere ganzen digitalen Helden eher unbekannt sind.

Aber nochmal, ein letztes Mal, zurück zu den Krautreportern. Spannend zu beobachten wird es jetzt nur noch sein, ob man als kleines Nischenangebot in der digitalen Filterbubble überleben kann. Mit 5000 Abonnenten, einer kleinen Genossenschaft, ein paar wenigen Autoren und einem vergleichsweise bescheidenen Etat. Dass es das Projekt doch noch in eine breite öffentliche Wahrnehmung schafft, glauben sie vermutlich nicht mal mehr selbst.

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7 Kommentare

  1. Ich war kein Abonnent, ich gehöre zu denen, die erst einmal sehen wollen, was da so kommt. Nicht zuletzt, weil es diverse Quellen für Aktuelles und Reportagen gibt [für Unterhaltung sowieso]. Am Anfang habe ich einige Male auf deren Website vorbeigeschaut, was sich sehr schnell sehr wörtlich entwickelte: Aufmachen, feststellen, die Geschichte da ist nichts für mich, verwirrt kucken, wo ich mehr finde. Weg.

    Nun, möglicherweise wurde die Benutzerschnittstelle in den Monaten seit Beginn verbessert, ich weiss es nicht, ich war nämlich schnell nicht mehr da, sondern verliess mich darauf, von anderen über diverse Wege auf gute Reportagen und Analysen aufmerksam gemacht zu werden.

    Yo, das passierte über den Daumen gepeilt 3x im Jahr. Nur einmal war der Text interessant/unterhaltsam genug, um mich über mehr als einen Absatz zu halten. Das war, meine ich mich zu erinnern, ein etwas langatmig geratener Artikel von Stefan Niggemeier.

    Selbstverständlich sagt uns das nur, dass ich nicht ins Beuteschema [vulgo: target group] der Krautreporter passe – oder die nicht in meins. Über Qualität sagt das nichts aus, über Inhalte auch nicht. Allerdings über Marketing. Immerhin traten sie als breit aufgestelltes Online-Magazin an, da sollte auch was für mich dabei sein.

    Überhaupt habe ich den Eindruck, dass Krautreporter gerade dort gestolpert und lang hingeschlagen ist. Die initiale Kampagne lief zwar gut, aber danach konnten sie nicht einmal jene halten, die gutmeinend Geld in das Projekt gesteckt hatten. Sie konnten auch keine neuen Abonennten gewinnen, nicht zuletzt vermutlich, weil ihre Bestandskunden die Artikel wenig rum reichten [s.o.], somit keine Werbung machten.

    Das wäre alles nicht so schlimm, wenn ein ‚OK, *das* klappt so also nicht‘ dabei raus gekommen wäre. Es kann halt nicht jedes Start-up, jedes Projekt klappen. Da hängt auch viel vom Zeitpunkt ab. Wir zucken die Schultern und sehen, was in ein par Monaten/Jahren passiert.

    Krautreporter hat den Mund zu Beginn aber sehr voll genommen, auf Kritik nicht immer souverän reagiert – weniger PR formuliert: Kritiker teils fies abgebügelt – und dann schlicht nicht geliefert. In einer Branche, die nun mal eher zu den heisseren, stark umkämpften gehört.

    Der Fall war tief, der Aufschlag hart.

    Zum Glück sagt das aber noch nichts darüber aus, ob ein solches Modell nicht funktionieren kann. Mit weniger Technikorientierung, mehr auf Kunden/Leser gerichtet, mit einer echten Redaktion samt Linie.

  2. Es war halt wieder einmal so ein Projekt, bei dem der Koeder dem Angler geschmeckt hat, nicht aber dem Fisch. Im Oekonomensprech: Der product market fit hat nicht gestimmt. Keinerlei Analyste wer den die Kunden sein sollen und wie man ein passendes Produkt entwickeln koennte. Stattdessen: Wir machen mal was, was uns gefaellt, da gibt es dann bestimmt auch jemanden, der das auch toll findet. Schade um das Spielgeld.

  3. Was mich am meisten an der Webseite stört ist die Unübersichtlichkeit. Für mich fehlt es an einer Struktur, ich finde mich einfach nicht zurecht und das hat mir immer wieder den Spaß an der Seite verleidet.

  4. Auch ich lese und las anderes als den Krautreporter. Vielleicht ist es doch notwendig, dass ein VERLEGER solch‘ Unternehmen startet, also jemand, der auch die nicht so „journalistische“ Seite dieses Geschäfts kennt (und kann). Als Musikproduzent kenn‘ ich das: Wenn Musiker glauben, sie können ein Label gründen und leiten; das geht ohne Profis immer schief.

  5. Mir hat auch eher die Technik den Spass an der Seite verleidet. Mobil drauf zu gehen ist bis heute ein Graus. Das Scrollen auch am Client eine Zumutung. Das mit Niggemeier und Gutjahr zwei weggegangen sind weswegen ich überhaupt dort an Bord ging, hat es für mich an Reiz verloren.

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