Der neue Mainstream

Ein Gespenst geht um in Digitalien: der neue Mainstreamer. Gebrauchsanweisung für den Fall, dass sich eine Begegnung so überhaupt nicht vermeiden lässt…

Der neue Mainstream findet per se erstmal alles gut, was digital ist. Und was neu ist. Wenn etwas dann digital und neu ist, kennt die Begeisterung des digitales Mainstreams kein Ende mehr. Der Vorteil dabei ist, dass man sich dann zum einen keine Gedanken machen muss, warum eigentlich etwas so gut und erfolgsversprechend sein soll. Der zweite Vorteil dabei ist, dass man jedem, der den potenziellen Nutzen und Erfolg des neuen großen Dings anzweifelt vorwerfen kann, er habe halt einfach nur die Zukunft nicht verstanden.

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Unerträglich Oldschool! Menschen lesen Zeitung! In gefährlichen Ansammlungen, hier gleich zwei auf einen Schlag. Beachten Sie auch: Niemand besitzt oder benutzt ein Smartphone! Sicherheitshinweis: Das Bild stammt aus dem Jahr 2016 und wurde in München aufgenommen. (Foto: Jakubetz)

 

Der digitale Mainstream denkt in schwarz. Oder weiß. Dass aus Schwarz und Weiß meistens grau wird, ahnt er zwar, findest das aber unsexy, umspannend und irgendwo so 2013.  Bücher liest man jetzt digital, Nachrichten auf dem Smartphone und alles andere eigentlich auch. Bewegtbilder kommen mindestens aus der Mediathek, aus der Box, dem Stick oder von Facebook, aber keinesfalls aus einem linearen Programm. Der Griff zum gedruckten Buch weist den entsprechenden Leser als Kretin und dass es Zeitungen auch aus Papier gibt, wird dem Mainstream immer wieder schmerzhaft bewusst – das sollte es jetzt doch eigentlich wirklich schon lange nicht mehr geben.

Der digitale Mainstream ist dauernd daueraufgeregt. Sein bevorzugtes Instrument ist der #Hashtag, sein Vokabular vom kategorischen Imperativ geprägt und seine Aussagen dennoch eher inhaltsleer. (Wie Sie ihn enttarnen können: www.blablameter.de). Die gefühlte Lautstärke des Mainstreamers beträgt die eines startenden Jumbos.

Der digitale Mainstream folgt dem Mantra seiner Gurus, von denen es eh nicht viele gibt und die dann von Zeit zu Zeit auch noch ausgetauscht werden müssen. Außer Sascha Lobo, den man dafür ja schon wieder bewundern muss, hat es noch niemand zu dauerhaftem Gurutum gebracht, was allerdings auch damit zu tun hat, dass es viele Gurus gibt, die nur eine zeitlich und fachlich beschränkte Expertise haben. Second-Life-Gurus beispielsweise mussten einpacken, als es auch mit Second Life dahinging. Blogs? Ach herrje, was wollen Sie denn  damit? Facebook-Gurus sind langsam auch wieder out. Könnte sein, dass das irgendwann auch mal mit Snapchat-Gurus passiert – ich würde jedenfalls kein Buch über Snapchat schreiben wollen, weil der Mainstream zudem noch eine Eigenschaft aufweist:

Der digitale Mainstream ist gierig nach Neuem. Was, das neue iPhone bringt keine essentiellen, bahnbrechenden Neuerungen mit sich? Muss Apple wohl bald dicht machen. Wie jetzt, ihr seid immer noch bei Facebook, wart nie bei Ello (wer erinnert sich?) und kommuniziert immer noch über Whatsapp? Wie öde. Die Smartwatch als solche ist auch schon wieder durchgehechelt, probieren wir es jetzt als mal mit VR, was den Vorteil hat, dass VR noch so ein Minderheitenprogramm ist, dass man per se schon als cool gilt, wenn man weiß, dass VR nicht die Abkürzung von Volksbanken-Raiffeisenbanken ist.

Der digitale Mainstream ist mit sich selbst im Reinen und außerdem einigermaßen von sich überzeugt. Er kann die Zukunft mühelos für die kommenden Jahre prophezeien und lässt daran auch keine Zweifel zu. Dass ein paar dieser Prognosen früher gescheitert sind, ficht den Mainstream nicht weiter an.

Deswegen glaubt der digitale Mainstream auch an die Segnungen des Selbstmarketings. Des Journalisten, der am besten gleich zur Marke wird in einer Zeit, in der es Marken ohnehin nicht mehr gibt und alle Medien homeless werden.

Begegnen Sie einem digitalen Mainstreamer, müssen Sie sich dennoch keine Sorgen machen, in ein Gespräch, noch dazu ein tiefer gehendes, verwickelt zu werden. Er wird im Regelfall damit beschäftigt sein, sich selbst, sein Essen, beides zusammen, sich selbst im Gespräch mit einem anderen Mainstreamer oder die chice Eintrittskarte der hippen Konferenz zu fotografieren, zu snappen, zu whatsappen oder livezustreamen. Oder alles auf einmal.

Wenn Sie also ein bisschen Glück haben, dann merkt der digitale Mainstream gar nicht, dass Sie und andere Menschen auch noch in der Nähe sind.

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