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Wunschzettel für ein (digitales) Deutschland 2024

Es kommt die Zeit, in der das Wünschen wieder hilft. Stammt nicht von mir, sondern von den Toten Hosen (das war, bevor sie an Gefallsucht erkrankten und deswegen “Tage wie dieser” aufnahmen). Jedenfalls habe ich eine Schwäche für diesen Song (also, für “Wünsch dir was”). Immer so kurz vor Weihnachten und Neujahr läuft er hier rauf und runter.

Weil also dieses Wünschen wirklich etwas helfen soll, habe ich mir gedacht: Ich schreib mal meinen Wunschzettel für 2024. Als ich dann zu schreiben begann, hatte ich schnell die Ahnung, dass das etwas länger werden könnte. Aber irgendwie lässt mich das Gefühl nicht los, dass es eine Menge gibt, was sich in den vergangenen Jahren aufgestaut hat und jetzt dringend gelöst werden müsste.

Ich gehöre zu der Generation, die jetzt allmählich ihren Führerschein umtauschen muss. Man nimmt ihn mir gottseidank noch nicht weg, aber: Das alte Ding muss weg und gegen irgendein normiertes Teil umgetauscht werden.

Das wäre mir an sich weitgehend egal, ich habe kein nostalgisches Verhältnis zu Führerscheinen. Beim Prozedere als solches allerdings kam die Nostalgie aber mal so richtig hoch. So viel Papier hatte ich schon lange nicht mehr in der Hand. Ein paar Seiten, alles zum Handbeschreiben. Dann noch ein Foto dazu, das alles dann flugs in die Post oder persönlich abgeben und schon nimmt das Verfahren seinen Lauf. Schon lange nicht mehr so viel nach 80ern gefühlt…

Immerhin ist man in Deutschland jetzt aber so weit, dass man nicht mehr “persönlich vorsprechen” muss, wie es auf der Webseite meines zuständigen Landratsamtes heißt:

“Für den Umtausch der Führerscheine ist beim Landratsamt keine persönliche Vorsprache erforderlich. Vielmehr ist die Antragstellung ausschließlich auf dem Postweg vorgesehen.”

Isses nicht doll? Um ein Formular einzureichen muss man im Deutschland Mitte des 21. Jahrhunderts nicht mehr aufs Amt gehen, sondern kann das auf dem Postweg erledigen. Vor lauter Begeisterung hätte ich beinahe einen Freudentanz um mein Faxgerät aufgeführt.

Ich erzähle diese kleine Episode, weil sie so bezeichnend ist. Wenn es um die Digitalisierung des eigenen Landes, der eigenen Verwaltung geht, dann ist Deutschland so temporeich wie ein VW Käfer. Das lässt sich sogar in Zahlen nachweisen, ziemlich mühelos und mit eindeutigem Ergebnis.

Digimeter Digital 2024

Soll also heißen: Von 575 Verwaltungsdienstleistungen, die man theoretisch online durchführen könnte, bekommt man in Deutschland im besten Fall knapp die Hälfte. Wenn es dumm läuft, dann nicht mal ein Drittel.

Das ist – leider – so richtig schön bezeichnend für den Zustand des (digitalen) Landes. Man hat es sich in seiner ganzen Bräsigkeit gemütlich gemacht. Wenn Experten davon sprechen, dass Deutschland mit der Digitalisierung seiner Verwaltung ungefähr 20 Jahre zu spät angefangen hat, dann ist das bezeichnend. Digitalisierung ist in Deutschland über viele Jahre als eine Art Luxus angesehen worden, den man machen kann, aber nicht unbedingt muss. Läuft doch alles prima hier, warum der Stress?

Musterbeispiel KI: Deutschland wartet mal lieber ab

Vor allem an großen Tech-Themen erkennt man ganz gut, wie es um die Verfasstheit von so einem Land bestellt ist. Und wer wollte bestreiten, dass das größte Thema aktuell die Sache mit der Künstlichen Intelligenz ist? Also, schauen wir mal: Wie halten wir es in diesem Land mit der KI?

Dass wir kein Silicon Valley haben, geschenkt. Trotzdem, die Sache mit der Haltung: Cisco hat jetzt in einer Studie die “AI-Readiness” von Unternehmen auf der ganzen Welt untersucht. Dabei wurden verschiedene Kriterien festgelegt und dann eingeordnet: Wer ist vorne dran (“Pacesetters”), wer nimmt die Verfolgung auf (“Chasers”), wer ist Mitläufer und wer mehr oder minder abgehängt?

Das Ergebnis im internationalen Vergleich wirkt, nunja, sehr deutsch: Hauptsächlich Mitläufer, der Anteil der “Pacesetter” ist im weltweiten Vergleich doppelt so hoch.

AI Deutschland Digital
Natürlich kann man bei der Betrachtung des Themas KI zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Aber diese “Das haben wir noch nie gemacht”-Haltung, dieses Abwartende: Das steht symbolisch für alles, was im digitalen Deutschland der letzten 25 Jahre daneben gegangen ist.

Egal, zu welchen Schlüssen man nach Betrachten dieser simplen Grafik sonst noch kommt, zumindest eines ist sicher: Man könnte jetzt nicht behaupten, dass deutsche Unternehmen das Thema KI wirklich umarmen.

Politik: Digital als Anhängsel für irgendwas

Vielleicht wäre es ja auch einfach ein bisschen zu viel verlangt, würde man von Wirtschaft und Gesellschaft, von Medien und Verwaltung Begeisterung für das Neue verlangen – wenn die Politik selbst mit einem miserablen Beispiel vorangeht. Wenn irgendwo von Doppel-Wumms, Bazooka und anderem knalligen Zeug gesprochen wird, kann man sich sicher sein: Es ist jetzt gerade nicht von irgendwelchen Digitalthemen die Rede.

In Bayern beispielsweise war eine vergleichsweise junge Frau namens Judith Gerlach die erste Digitalministerin auf Länderebene. Unabhängig von irgendwelchen Parteipräferenzen bescheinigten ihr die allermeisten, einen zumindest sehr ordentlichen Job gemacht zu haben. Nach den Landtagswahlen, bei denen der Aiwanger-Fanclub (offiziell nennen sie sich Freie Wähler) ordentlich zugelegt hatte, ging es auch um die, wie sich dieser Zuwachs im Kabinett widerspiegeln könnte. Die wichtigen Ministerien müssten bei der CSU bleiben, machte Bayern-Monarch Markus Söder schnell klar.

Das Ende vom Lied: Frau Gerlach landete im Gesundheitsministerium, während sich im Digital-Ministerium ein gewisser Fabian Mehring jetzt um Bayerns Digital-Belange kümmern soll. Der hat auf seiner Homepage sogar eine Rubrik “Mehrings Meinung” und zudem zu ziemlich allem eine Meinung.

Nur zum Thema Digitalisierung findet man nicht allzu viel, lediglich, dass der frischgebackene Minister den Digitalgipfel des Bundes gleich mal markig als Showveranstaltung bezeichnet hat. Kann man schon machen, auf der anderen Seite: Lieber ne Showveranstaltung als gar keine, gell (ganz davon abgesehen, dass man noch von wirklich gar niemandem jemals gehört hätte, dass der Herr Mehring der Show grundsätzlich abgeneigt sei).

Wie auch immer, inzwischen gibt es jetzt auch in anderen Bundesländern Digital-Minister, dafür in der selbsternannten “Fortschrittskoalition” auf Bundesebene nicht mehr. Die originelle Begründung: Digitalisierung sei ja eher so ein Querschnittsthema und müsse deshalb nicht eigens in ein Ministerium gepackt werden (fairerweise muss man dazu sagen, dass es in der Vorgängerregierung zwar eine Digitalministerin gab, aber die war mehr mit Twitter beschäftigt als mit echten Initiativen).

Dass jedenfalls die Digitalisierung in der deutschen Politik einen echten Stellenwert hat, das würde wirklich niemand ernsthaft behaupten.

Die Verwaltung steht stellvertretend für fast alles andere

Ja, wenn es denn nur um Führerschein-Antragsformulare oder ein paar Funklöcher weniger ginge, es wäre weitgehend wurscht. Tatsächlich aber lässt sich das Phänomen fast überall beobachten, da machen auch Medien und Kommunikation keinen sehr großen Unterschied.

Auf dem Status Quo beharren, da sind sich viele trotz ihrer Unterschiede dann doch sehr einig. Fangen wir mal ausnahmsweise nicht mit den Zeitungsverlagen an, sondern mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Der verharrt seit vielen Jahren in seinen altbekannten Argumenten. Die lauten so, dass man erstens absolut unersetzlich sei und dass Qualität und Vielfalt eben was kosten. Weswegen seit vielen Jahren das gleiche Prinzip gilt: Irgendwann werden die Gebühren erhöht, weil alles andere nicht zuzumuten ist.

Dabei sind es nicht die 50 Cent mehr im Monat, die nerven. Sondern die dahinter liegende strikte Weigerung, den ganzen Krempel mal neu zu denken. Hinter der Behauptung, das sei leider alles nicht zu ändern, steckt ja meistens nur die Bequemlichkeit, der Unwille, Dinge anzupacken oder sie wenigstens mal in Frage zu stellen. Natürlich war die ganze unschöne Sache beim RBB und seiner gewesenen Raffzahn-Intendantin ein ganz besonders unschöner Auswuchs. Aber es war eben nur in diesem System möglich. Oder sagen wir es so: Das System der Öffentlich-Rechtlichen begünstigt solche Auswüchse. Man müsste also ans System ran, nicht so sehr ans Programm.

Eine Woche mit ARD und ZDF: Krimis, Talk-Shows und ein bissel Sport

Man sieht diese Erstarrung aber auch im Programm: Ich mache mir ja inzwischen schon einen Spaß daraus zu raten, welchen Krimi ARD und/oder ZDF an einem Abend zeigen (nur um dann gelangweilt umzuschalten zu einem Streaming-Dienst meiner Wahl). Dazu gibt es jeden Abend eine Talkshow, wobei natürlich jede einzelne von denen komplett unersetzlich ist. Das sind nur zwei Dinge, die zeigen, woran es hakt.

Man macht halt so weiter wie bisher, weil es einen Veränderungsdruck so lange nicht gibt, so lange man weiß, dass der Gebührenzahler weiter nachschießt. Deutschland leistet sich den teuersten öffentlich-rechtlichen Rundfunk weltweit. Nix dagegen, dass man für gutes Programm und guten Journalismus auch gutes Geld ausgibt. Aber wenn ein System dann in Erstarrung versinkt, wäre es vielleicht eine gute Idee, das System zu ändern und es nicht schon wieder zu mästen.

Bei vielen Verlagshäusern herrscht leider eine ähnliche Mentalität. Genährt von der Gewissheit, dass man mit dem Ausdruck des Bedauerns ja jederzeit an der Preisschraube drehen kann, hat sich in den letzten Jahren nicht viel geändert. Zumindest nicht so viel, dass man Tageszeitungen überlebensfähig machen würde. Dabei müsste man das ganze Produkt mal neu denken, wenn man überleben will. Und nee, neu denken heißt nicht E-Paper und Paywall (aber darüber habe ich mich ja schon in der letzten Ausgabe ein bisschen ausgelassen).

Überhaupt, neu denken: Das müsste und könnte so viel mehr sein als ein bisschen New-Work-Gequatsche und ermüdende Gender-Debatten. Ich fände es großartig, wenn wir über neue Ideen statt über Vier-Tage-Wochen sprechen. Wenn jemand bei LinkedIn Likes und Kommentare für ein paar abgefahrene neue Konzepte bekäme, als für das immerwährende Rosa-Wölkchen-Getue.

Das LinkedIn-Problem: Alles ist rosarot

Überhaupt, diese Sache mit LinkedIn: Wenn man das alles, was da jeden Tag so gepostet und erzählt wird, auch nur halbwegs ernst nimmt und für repräsentativ hält, dann haben wir ein echtes Problem. Weil wir uns demnach in einer rosaroten Wolke bewegen, in der alle nett sind zueinander und in der man für Selbstverständlichkeiten abgefeiert wird. Ja, ich weiß, natürlich gibt es auch mal anderes und relevantes dort zu lesen. Aber alles in allem denke ich mir nach einer Runde LinkedIn gerne mal: Mann, etwas Wettkampfhärte täte uns schon ganz gut. Dummerweise werde ich den Eindruck nicht los, dass LinkedIn verdammt repräsentativ dafür, was in unserer Arbeitswelt so abgeht.

Mir fehlt ein bisschen die Vorstellungskraft, wie in einer Atmosphäre, in der sich alle lieb haben, wirklich kreative Dinge entstehen sollen. Das, was viele der dortigen “Top-Voices” absondern, ist an Langeweile und Durchschnittlichkeit kaum zu überbieten (wie immer bestätigen die Ausnahmen die Regel). Manchmal werde ich den Eindruck nicht los, dass man meint, man mixt ein bisschen Diversity mit einer Runde New Work und den anderen Zutaten für eine Wohlfühlwelt – und schon steht die (Medien-)Welt von morgen.

Also, noch so ein Wunsch für 2024: Von mir aus dürfen sich dort alle auch weiterhin gegenseitig versichern, dass die Beförderung zum Head of Irgendwas sowas von verdient ist. Aber vielleicht wird daraus ja doch noch mal auch ein Platz, in dem ich andere Inspirationen bekomme und in dem ich nicht darüber definiert werde, ob ich in meinem Profil hinter meinem Namen auch noch sicherheitshalber ein Personalpronomen angebe.

Nur mit Haltung alleine werden wir nicht in diese neue digitale Welt kommen, soviel steht mal fest. Und wenn es noch so gut gemeint ist.

Die Subventions-Mentalität

Ich habe noch nie davon gehört, dass man ein strukturelles Grundsatz-Problem mit Subventionen lösen könnte. In Deutschland hängt allerdings nicht nur dieses Ampel genannte Regierungskonstrukt nach. Sondern leider auch eine ganze Menge Menschen unserer Branche. Sascha Laber-Lobo verstieg sich in seiner letzten Kolumne beim Spiegel in die Idee, Deutschland spare sich halb kaputt und müsse viel mehr investieren (klar, dafür gehen dann auch mal ein paar billige Buchungstricksereien völlig in Ordnung).

Und auch die Verlage und ihre diversen Lobbyverbände lamentieren lauthals darüber, dass es wohl auch 2024 keine Presseförderung geben wird. Ich würde zu gerne mal die Kommentare aus den gesammelten Mitgliedsverlagen lesen, die schon mal die Subventionswut in Grund und Boden kommentiert haben. Aber hey, wenn es um die eigene Subvention geht, wer wird denn da kleinlich sein?

Natürlich müssen wir investieren, vor allem natürlich in alles, was digital ist (und in ein paar Straßen und natürlich auch in die Bahn). Aber Investitionen sind das eine. Handaufhalten bei Subventionen ist etwas ganz anderes. Da sind leider auch beispielsweise Zeitungsverlage nicht viel anders. Wenn es um die sogenannte “Presseförderung” geht, sind sie sich einig: Subventionen sind blöd, aber diese eine Förderung sollte es eben dann doch sein. So ist das nun mal mit Subventionen, jeder findet einen Grund, warum ausgerechnet seine eigene unverzichtbar ist.

Diese Sache mit der Presseförderung zeigt das ganze Elend. Nicht nur das mit den Subventionen. Sondern auch das ganze Haltungs-Elend. Wir alle, einschließlich der Verlage, wissen: Die Sache mit dem gedruckten Papier geht dem Ende entgegen. Eine Presseförderung für die Zustellung löst also nicht das generelle Problem, geschweige denn sorgt sie für irgendwas Innovatives. Der einzige Aspekt: Man zögert etwas Unvermeidliches hinaus. Wer davon profitieren soll? Keine Ahnung.

Ich würde mir also als allererstes wünschen, dass wir einen Haltungswechsel erleben. Einen, der weg geht von dieser Saturiertheit. Hin zu einer, die vor allem die Eigenverantwortlichkeit in den Mittelpunkt stellt. Und hin zu der Erkenntnis, dass es eine ganze Menge zu tun gibt hier, weil wir uns die letzten 15 Jahre entspannt zurückgelehnt haben und dachten, das Erfolgsmodell Deutschland gehe immer so weiter.

Klar weiß ich: Das alles wird so nicht und schon gleich nicht so schnell passieren. Aber man wird sich doch wohl noch was wünschen dürfen.

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