Wir waren Heimat

Vermutlich gibt es kaum eine Gattung des Journalismus (vielleicht nicht mal irgendwo sonst in der Arbeitswelt), in der Schein und Sein derart weit auseinanderliegen wie im Lokaljournalismus. Auf der einen Seite könnte man meinen, es könne nichts Edleres geben, als für „das Lokale“ zu schreiben, wenn man die entsprechenden Lehrbücher, die diversen Aufsätze und natürlich die (Sonntags-)Reden zum Thema hört: Das Lokale sei es, was die Menschen wirklich interessiere; Lokalredaktionen seien das unverzichtbare Rückgrat jeder mittelgroßen Tageszeitung – eine These, die vermutlich jeder Chefredakteur unbesehen unterschreibt. Als beispielsweise die „Passauer Neue Presse“ im Frühjahr 2009 einen neuen Chefredakteur installierte, beeilte der sich zu versichern, man werde demnächst noch lokaler als bisher. Wenn Chefredakteure oder Verlagschefs solcherlei bekanntgeben, ist gerne die Rede davon, dass man „näher am Menschen“ sein werde (da ist dann immer ein wenig Misstrauen angebracht, aber dazu später mehr). Der Anspruch ist (oder sollte zumindest sein): Wir sind Heimat.

Zeitungen stehen übrigens mit dem Loblied auf den Lokaljournalismus keineswegs alleine. Auch das Fernsehen und das Radio leisten sich lokale Ableger; in Bayern geht die Liebe zum Lokalen sogar soweit, dass Lokalfunk seit Jahrzehnten mehr oder minder stark staatlich subventioniert wird. Dass lokaler Rundfunk oder Lokal-TV dadurch irgendwie besser geworden wären, hat man zwar nicht beobachten können, dennoch: Ohne Lokalfunk wäre es um den Journalismus in Bayern schlechter bestellt, befindet die staatstragende CSU – und fördert ihn deswegen nach Kräften (selbstverständlich ganz ohne Eigennutz). Lokalsender werden subventioniert, weil man sie haben will, nicht etwa weil sie so unverzichtbar gut wären.

Auf der anderen Seite stehen dem Alltagsrealitäten gegenüber, die so gar nicht in das Bild vom so bedeutsamen und relavten Lokaljournalismus passen wollen. Volontäre stemmen eine Lokalausgabe schon mal mehr oder minder alleine. Im Lokalfunk werden Journalisten so bezahlt, dass man bei genauerer Betrachtung nur noch von Selbstausbeutung sprechen kann. Im Blatt (und auf Sendung) finden sich miserable Beiträge, die in keiner „großen“ Redaktion durchrutschen würden. Wie überhaupt einiges anders als im „richtigen“ Journalismus. Beispielsweise, dass Nicht-Journalisten plötzlich Journalisten spielen dürfen. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Es ist wirklich nicht der Weisheit letzter Schluss, wenn man meint, gute Journalisten müssten als Grundvoraussetzung mindestens eine Promotion und 15 Auslandspraktika mitbringen. Einer der besten Lokalredakteure, die ich kennengelernt habe, war vorher – Gastwirt. Trotzdem werden die begabten Seiteneinsteiger immer eher die Ausnahme bleiben. Die Realität in der Praxis der meisten Lokalredaktionen sind hingegen die pensionierten Oberstudienräte, die Verienschronisten, die gelangweilten Hausfrauen; kurz gesagt: all jene, die entweder aus Vereinsinteresse schreiben oder aber meinen, Deutsch könne jeder, mithin dürfe sich also auch jeder als Journalist versuchen. Und auch hier machen die Privatfunker keine große Ausnahme, wobei die technischen Zugangshürden etwas höher liegen als bei der Zeitung und somit die natürliche Selektion strenger ausfällt als bei der Zeitung. Trotzdem hat man bei kleinen Lokalsendern auch schon mal den Sportreporter gehört, der im Hauptberuf Versicherungsvertreter bei der Allianz oder „Berater“ bei der örtlichen Raiffeisenbank war und demenstprechend kaum einen Satz unfallfrei über den Äther gebracht hat. Die Faustregel: je kleiner die Redaktion, desto bizarrer die Inhalte.

Dazu gehört auch die Unart der „verkauften“ Beiträge, meistens nur kaum sichtbar oder gleich gar nicht als Werbung gekennzeichnet. Insbesondere im Lokalfunk und im TV sind die Grenzen zwischen Werbung und Redaktion fließend oder zumindest sehr kreativ ausgelegt. Was intern häufig als eine unverzichtbare Finanzierungsquelle ausgelegt wird, ist inhaltlich eine Bankrotterklärung. Man kauft sich Programm und keiner draußen soll es merken: Was bei großen Sendern für handfeste Aufregung sorgen würde (oder zumindest sollte), wird im Lokalen häufig mit einem Augenzwinkern hingenommen. Geht halt nicht anders, wer wird´s denn bitte so genau nehmen.

Dabei könnte ja der Lokaljournalismus durchaus mehr sein als das lieblose Aneinanderreihen schlechter Texte. Nicht umsonst werden jährlich echte Perlen der lokalen Berichterstattung aus allen Mediengattungen mit Preisen ausgezeichnet. Nur: Man muss schon sehr genau hinsehen, um sie zu finden. Dann aber, wenn man sie findet, haben sie eines gemein: Sie machen die Themen, die für die Menschen relevant sind. Das klingt erst einmal so furchtbar banal, ist es aber anscheinend nicht. Das Komische an vielen Lokalredaktionen ist ja gerade, dass sie diese simple Maßgabe strikt missachten. Statt also sich die Schlaglöcher der Umgehungsstraße genau anzusehen, statt die Menschen zu Wort kommen zu lassen, statt also kurz gesagt: das alltägliche wahre Leben abzubilden, liest, hört und sieht man in den Lokalmedien häufig ebenso Langweiliges wie Irrelevantes: Haushaltspläne werden in epischer Breite seziert (ganz so, als ob irgendein Normalbürger der Unterschied zwischen einem Vermögens- und einem Verwaltungshaushalt interessieren könte), Bürgermeister, Landräte und Abgeordnete dürfen sich nahezu ungehindert ausbreiten und dazwischen immer und immer wieder dröger Termin- und Verlautbarungsjournalismus. Viele Lokalteile schaffen es einfach nicht, irgendetwas halbwegs Sinn- und Gemeinschaftsstiftendes zu produzieren. Stattdessen sind viele nicht mehr als eine Aneinanderreihung von Partikularinteressen, was sich schnell in einer absurden Spirale nach oben schaukelt: Wenn der Fußballverein 80 Zeilen oder 2 Minuten bekommen hat, muss man das aber auch den Landfrauen zubilligen.

Das wiederum wird gerne in den Redaktionen als Generalabsolution verwendet: Die Leute wollen es ja nicht anders, die Leute üben einen massiven Druck aus. Also gibt man dem Druck nach, man resigniert, man macht irgendwann keinen Journalismus mehr, sondern versucht sich als allumfassender Chronist, der es letztendlich niemandem mehr recht machen kann (was man ein Stück weit auch verstehen kann, wenn man mal in einer kleineren Lokalredaktion gebarbeitet hat: Es ist wirklich kein sehr großes Vergnüngen, wenn man sich täglich am Telefon beschimpfen lassen muss).

Es ist natürlich schrecklich einfach, sich hinzustellen und mit dem Finger auf die Lokaljournalisten zu zeigen und ihnen dabei zu sagen, dass sie so ziemlich alles falsch machen. Wahr ist ja schließlich auch, dass es branchenintern kaum Anreize gibt, sich um einen Job im Lokalen zu bemühen. Wer sich ein oder zwei Jahre in einer Lokalredaktion ausbilden lässt – geht gerade noch. Wer nach fünf oder zehn Jahren immer noch da sitzt, verliert erheblich an Reputation auch unter den Kollegen. Die „da draußen“ sieht, entgegen aller anderslautenden Beteuerungen, auch intern nicht sehr angesehen. Wer Lokalfunk macht, sieht sich unterschwellig immer auch der Frage ausgesetzt, warum er es nicht zu einem richtigen Sender gebracht hat. Afghanistan schlägt Niederwinkling: Dem Leitartikler in der Regionalzeitung schlägt immer noch deutlich mehr Bewunderung entgegen als demjenigen, der sich jeden Tag mit dem journalistischen Schwarzbrot der kommunalpolitischen Berichterstattung beschäftigt. Dabei ist das ja irgendwie unfair: sich auf dem publizistischen Hochsitz zurückzulehnen und zufrieden zu beobachten, wie man Kanzlern, Präsidenten und Kardinälen einen ordentlichen Blattschuss verpasst hat, ist leicht. Die Gefahr, sich mit dem Kardinal oder dem Kanzler persönlich auseinandersetzen zu müssen, ist meistens eher gering. Wohingegen der Mann/die Frau fürs Lokale einen erheblich größeren Anteil an Courage benötigt — das Risiko, dem Bürgermeister, dem man gerade eben via Kommentar noch ordentlich eine mitgegeben hat, beim Bäcker zu begegnen, ist ungleich größer.

Man darf sich das allerdings nicht so einfach vorstellen, dass ein Lokalredakteur durch eine Art Dauerfeuer irgendwann mürbe gemacht wird. Gefährlicher sind die subtilen Methoden. Die, mit denen der Journalist irgendwann zum Teil des Ganzen gemacht wird. Man gibt ihm ein Gefühl der Bedeutung, der Zugehörigkeit, man lässt ihn an der Macht schnuppern. Und man kompromittiert ihn: Die Ehefrau braucht noch einen Job? Da war doch im Landratsamt noch was frei. Sie wollen in unserer Gemeinde bauen? Schaun mer mal, ob wir da nicht noch ein nettes Grundstück finden. Wer irgendwann mal Bestandteil einer Gemeinschaft wird, gilt schnell nicht mehr als kritischer Geist oder scharfer Beobachter, sondern als Nestbeschmutzer. Das übrigens auch beim Publikum: Skandale passieren bekanntermaßen immer nur bei den anderen. Die überaus paradoxe Haltung zum Lokaljournalismus findet also auch bei den Lesern, Hörern, Zuschauern ihre Fortsetzung: Man schimpft über die alltäglichen Belanglosigkeiten, die im Lokalteil zu finden sind, würde aber gleichzeitig schnell auf die Barrikaden gehen, gäbe es einen Skandal — gegen die Journalisten versteht sich, nicht gegen die Auslöser des Skandals. Bleibt also auch hier die Frage, ob man es einem Lokaljournalisten verdenken kann, wenn er sich den Realitäten beugt und irgendwann ein Thema einfach Thema sein lässt.

Sollte man also Lokalredaktionen in einer Art Rotationsverfahren turnusmäßig neu besetzen? Klingt erst einmal naheliegend, ist aber ganz so einfach nicht, weil zu einem guten Lokaljournalismus ja genau das gehört, was so schnell zur Falle werden kann: profunde Kenntnisse der Verhältnisse vor Ort, gute Beziehungen – nirgendwo ist das so wichtig wie im Lokaljournalismus. Wichtige Voraussetzungen, die aber auch schnell zur Falle werden können.

Was müsste man also tun? Die meisten Verlage und Sender wüssten es nur zu gut, werden es aber aus den unterschiedlichsten Gründen nicht tun. Natürlich müsste man, weil es ja immerhin das Kerngeschäft ist, die Leute, die dieses Kerngeschäft betreiben, in jeder Hinsicht stärken. Man müsste ihnen mehr Personal geben und natürlich auch: besseres Personal, bessere Ausbildung. Eigentlich müssten die Besten, die in einem Haus arbeiten, das Lokale machen (man weiß natürlich, dass dies nie passieren wird). Sie bräuchten eine viel, viel bessere technische Infrastruktur, bessere Bezahlung, bessere Perspektiven. Man müsste Lokaljournalismus vom Stigma des Minderwertigen befreien, man müsste begreifen, dass es in einer globalisierten, digitalisierten Welt zu den ganz wenigen Möglichkeiten eines Alleinstellungsmerkmals gehört, kompetent über Lokales zu berichten.

Noch freilich gibt es für Verlage und Sender wenig Gründe umzudenken. Noch lesen die Menschen notgedrungen die Lokalblätter, weil es wenig Alternativen gibt. Noch hören sie Lokalfunk, weil es speziell in Bayern für Betreiber und Politik wenig Anreize gibt, das subventionierte System zu ändern.

Aber was machen die eigentlich alle, wenn irgendjemand mal begreift, dass man auch im Lokalen mit digitalen, umfangreichen, schnellen, nutzerfreundlichen und vor allem deutlich konstengünstigeren Medien Inhalte für alle produzieren kann? Die Struktur des heutigen Lokaljournalismus trägt keine zehn Jahre mehr. Irgendwann kommen solche, die es verstanden haben. Die jetzigen Verlage und Sender dürften dann allerdings Auslaufmodelle sein.

(Dieser Text erscheint demnächst in einem Sammelband, der von Claus Kaelber herausgegen wird. Genauer Titel und Bezugsquellen folgen nach. Über das Thema „Lokaljournalismus“ diskutiere ich übrigens im Januar 2010 in Dortmund bei einer Veranstaltung der Bundeszentrale für politische Bildung.)