Die Zeitungen und ihre drei Probleme

Vielleicht ist das mit dem Internet und den Zeitungen ja gar nicht so einfach wie wir alle gerne glauben.

Allzu viele Gemeinsamkeiten haben wir Onliner und die Zeitungsmenschen im Regelfall ja nicht mehr, eines aber eint uns, wenn auch häufig aus unterschiedlicher Perspektive: der Glaube daran, dass das Netz den (Tages-)Zeitungen so massiv schadet, dass es für ihre Existenz allmählich bedrohlich wird. Gründe gibt es demnach ausreichend: die schiere Masse an Inhalten, die das Netz bietet, natürlich diese vermaledeite Gratiskultur des Web, die jungen Leute, die alle angeblich nicht mehr lesen wollen und mit dem Laptop im Arm auf die Welt gekommen sind. Dazu der Gedanke, dass Information ja ohnehin frei sein wolle und jeder, aber auch jeder zu Kommunikation und Information beitragen will/kann/soll.

Was aber, wenn es das gar nicht ist?

Wenn es um die Auflagen und damit zwangsweise auch um den Niedergang der Tageszeitungen geht, dann zeigt man, wenn man so richtig beeindruckend sein will, gerne mal die Kurven von 1995 bis 2010. Und tatsächlich, es geht rapide abwärts, die Zeitungen verlieren Jahr für Jahr an Auflage, ein Trend, der sich anscheinend seit 15 Jahren nicht mehr stoppen lässt. Internet also, ganz eindeutig.
Zwei Sachen bleiben bei dieser kleinen Legende aber außen vor: erstens verlieren die Zeitungen konstant eben schon seit 1995 an Auflage – und niemand kommt allen Ernstes auf die Idee, dass Onlinemedien 1995 angefangen hätten, den Zeitungen das Wasser abzugraben. Und zweitens lohnt es sich bei dieser Debatte, mal einen Blick noch viel weiter zurück zu werfen, nämlich in den Anfang bzw. die Mitte der 80er Jahre (ja, ich weiß, da waren Sie möglicherweise noch nicht mal geboren).

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Man muss sich diese Grafik also vielleicht nur ein wenig anders vorstellen. Man müsste vielleicht die Jahre zwischen 1989 und 1992 rausnehmen, dann würde diese merkwürdige Delle nach oben sofort wieder begradigt und die Linie einheitlicher und vielleicht auch leichter und eindeutiger interpretierbar. Dann würde auch klar, dass wir es schlichtweg mit einer Art Sonderkonjunktur zu tun hatten, die durch Mauerfall und Einheit ausgelöst wurde, die den Zeitungen ungeahnt ein Potential von Millionen neuen Lesern bescherte. Leser, die von der SED-Einheitspresse ziemlich die Nase voll hatten. Rechnet man dieses Potential dann aber wieder weg (und der Knick folgte dann ja auch spätestens 1993 wieder), dann kommt man schnell zu der Feststellung, dass der Niedergang der Tageszeitungen schon Mitte der 80er Jahre begann – zu einer Zeit also, als solche Sachen wie Kostenlos-Kultur, Informationsverbreitung auf den unterschiedlichsten Kanälen, soziale Netzwerke und Konkurrenz durch Blogger und Citizen Media noch nicht einmal in entferntester Sichtweite waren.

Natürlich wäre es unsinnig, jetzt so zu tun, als hätten das Netz und die Digitalisierung nicht sehr viel mit den drängenden Problemen der Tageszeitungen zu tun. Möglicherweise aber sind Netz und digitale Medien viel eher Brandbeschleuniger in einem schon lange schwelenden Feuer. Wenn das aber so sein sollte, wenn tatsächlich die Trendumkehr schon vor 25 Jahren stattgefunden haben sollte – dann müssen Tageszeitungen schon sehr viel länger tiefsitzende Probleme haben, die sie wahlweise nicht erkennen konnten oder vielleicht auch nicht erkennen wollten.

Problem eins: Ignoranz. Vor ein paar Tagen hatte ich das ganztätige Vergnügen mit knapp 30 Tageszeitungsvolontären. Was ich dort zu hören bekam, erstaunte mich nicht nur deswegen, weil dort so pro Zeitung argumentiert wurde, wie ich es seit einigen Jahren nicht mehr gehört hatte, sondern auch, weil die „Argumente“ teilweise von wirklich verblüffender Ignoranz waren. Was antwortet man einem Volontär von vielleicht 25 Jahren, wenn er sich tatsächlich zu der Aussage versteigt, der entscheidende Vorteil der Zeitung sei doch, dass sie es sei, die verlässlich „Allgemeinbildung“ vermittle (und alle anderen demnach also nicht)? Was sagt man jemandem, der die Notwendigkeit, sich massiv mit dem Netz zu beschäftigen und Zeit, Geld und Geist zu investieren, mit dem Hinweis negiert, im Netz sei ja ohnehin kein Geld zu verdienen (gut, der Mensch hat wenigstens den „lousy pennys“-Ausspruch von Herrn Burda als vermeintlichen Kronzeugen). Und was mich daran am meisten erschüttert hat: Ganz offensichtlich ist es doch genau das, was Volontären zumindest in manchen Zeitungsredaktionen immer noch vermittelt wird. Und es deckt sich mit meinen Erfahrungen: Sinngemäß erzählen altgediente Zeitungsredakteure gerne die Geschichten von der Unverzichtbarkeit der Zeitung, von ihrem gesellschaftlichen Auftrag und ihrer Bedeutung. Wenn sie dann noch ganz gut drauf sind, kommen wahlweise noch solche Geschichten wie die, dass nur das gedruckte Wort richtig Bestand habe und das ja außerdem noch nie ein neues Medium ein altes verdrängt habe. Und man muss wirklich befürchten, dass sie das immer noch in nicht wenigen Redaktionen ernsthaft glauben. Komische Geistelhaltung, wenn man seit zwei Jahrzehnten konstant Auflage, Reichweite und Relevanz verliert.

Problem zwei: massive Innovationsfeindlichkeit. Ich bin ja nun wirklich kein glühender Anhänger von Wolf Schneider, aber in einem hatte er (ebenfalls schon vor zwei Jahrzehnten) so was von recht: Tageszeitungen müssten endlich aufhören, sich als eine Art gedruckte Tagesschau vom Vortag zu verstehen. Den Kampf mit Schnelligkeit und Aktualität haben sie  lange verloren und es gehört vermutlich nicht allzuviel Fantasie dazu um sich auszurechnen, wie man sich dann positionieren müsste. Mit Hintergrundgeschichten, mit erklärenden, kommentierenden, glossierenden Stücken, mit all jenem eben, was in der Hektik des täglichen Nachrichtengeschäfts untergeht (das ist wirklich so banal, dass man sich kaum traut, es hier nochmal hinzuschreiben). Trotzdem sehen viele Blätter immer noch so aus, als seien sie soeben den fröhlichen 80er-Jahren entsprungen (auch das ist auf dieser kleinen Seite hier so oft beschrieben worden, dass ich gerne darauf verzichte, es jetzt ein weiteres Mal hinzuschreiben). Und ebenso erstaunlich: Ganz offensichtlich gibt man vielerorts dem Nachwuchs mit, dies sei quasi ohne jegliche Alternative. Sehr viel anders kann ich mir nicht erklären, warum es immer noch eine erstaunliche Zahl von Jung-Journalisten gibt, die nicht mal im Ansatz die Notwendigkeit sehen, das Produkt Tageszeitung komplett in Frage zu stellen. Gut, zugegeben: Wer einer Horde von 50jährigen gegenübersitzt, die gerne mal so argumentieren, dass man das schon immer so gemacht habe, hat als Volontär vermutlich nicht mal die Chance, das Wort „Internet“ bis zum Ende auszusprechen. Was uns direkt zu Problem Nummer drei führt.

Problem drei: Überalterung in den Redaktionen. Ich bin kein glühender Anhänger des Jugendwahns, wie auch: Ich bin selbst in einem Alter, in dem ich es vor Augen habe, nicht mehr zur Zielgruppe von RTL oder SAT 1 zu sein. Trotzdem fehlt es in vielen Tageszeitungsredaktionen an einem vernünftigen Mittelbau, die Generation 30+ gibt es vielerorts schlichtweg nicht mehr. Sieht man also von den Volontären ab, die meistens nach zwei Jahren wieder gehen, wird das Blatt vielfach von Menschen gemacht, die seit 35 oder 30 Jahren im Job sind und sehr häufig auch nicht allzu viele andere Stationen außerhalb ihrer Zeitung gemacht haben. Das würde ich jemandem persönlich nie zum Vorwurf machen, aber ob das die geeignetste Klientel ist, die ein Medium in Zeiten des Totalumbruchs irgendwie steuern soll, kann man getrost bezweifeln. Jedenfalls darf man vielen Redaktionen ein gerüttelt Maß an Innovationsfeindlichkeit attestieren – es sind zu viele, deren Devise ein fröhliches „Weiter so!“ ist.

Bekommt man das wieder hin? Ich habe zunehmend meine Zweifel. Nicht, weil diese Probleme allesamt unlösbar wären. Das sind sie nicht — man müsste sich nur allmählich daran machen, Lösungen zu suchen. Das klingt erst einmal ganz schrecklich banal, aber vermutlich muss man das wirklich erst einmal so hinschreiben. Schließlich reden die Klügeren unter den Medienmachern in der Quintessenz seit zehn Jahren von beinahe nichts anderem. Sie scheitern regelmäßig an Menschen, die immer noch von „Neuen Medien“ sprechen und deren oberste Devise es ist, bloß nichts zu überstürzen. Abwarten als Maxime im Zeitlter des schnellsten vorstellbaren Medienwandels, das klingt nicht so, als könnte man dem Medium Tageszeitung allzu viel Hoffnung machen. Dumm nur: Auch die allerneuesten Zahlen sind dafür ganz und gar nicht geeignet. Wenn ein Konzern wie die WAZ mal eben im Quartal über 40.000 Exemplare verliert und das noch nicht einmal auch nur für eine mittelgroße Schlagzeile sorgt, dann kann man sich vorstellen, wie sehr wir uns an das langsame Sterben der Blätter inzwischen gewöhnt haben.