Ein Buch – das Update (53): Ein bisschen Feiertagslektüre

Gerade im Moment ist es passiert: Euryclia, unser wunderbarer Verlag, ist im Besitz aller Texte. Was fehlt, sind nur noch Kleinigkeiten, aber mit der Produktion von „Universalcode“ kann begonnen werden. Wir müssen nur noch die unvermeidlichen Stolpertsteine überstehen, die sicher kommen werden, von denen wir nur noch nicht wissen, wie sie aussehen werden. Aber sie werden kommen, da habe ich keinerlei Zweifel. Egal, alleine die Tatsache, dass aus einem eher so dahin geschriebenen Blogeintrag ein solches Projekt wurde, finde ich eben im Moment ziemlich großartig. Es hat nicht mal ein Jahr gedauert, das umzusetzen.

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Und weil morgen Feiertag ist und Sie vielleicht ein bisschen Zeit für längere Lektüre haben: Hier kommt ein etwas längeres Stück vom Chefredakteur der Rhein-Zeitung in Koblenz, Christian Lindner. Er hat für „Universalcode“ den Wandel vom analogen Blattmachen hin zum multimedialen Kommunizieren auf vielen Kanälen beschrieben. Aus einer sehr persönlichen Sicht, ohne mahnend erhobenen Zeigefinger, ein Stück, das man gerne lesen soll, ohne danach mit tiefen Sorgenfalten in Depression zu verfallen. Hier ist es – wegen des Feiertags und der guten Laune in voller Länge.

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Macht Content, kein Layout

Eine große, flache Holzkiste mit metallenen Ecken war unser Garant für guten Lokaljournalismus. Damals, Ende der 70-er Jahre im Hunsrück. Und auch der dunkelrote Bahnbus von Simmern nach Koblenz, der direkt vor unserer Redaktion hielt. Und natürlich die museumsreife Setzerei der Druckerei Böhmer im Untergeschoss des verwinkelten Gebäudes, in dem damals auch drei Redakteure der Hunsrücker Zeitung und ein Volontär (der Autor dieses Textes) arbeiteten. Und die weißgrau lackierten Schreibmaschinen auf unseren spackigen Resopaltischen, sie waren gleichsam die klappernden Schutzengel unseres medialen Schaffens.

Wir wussten das damals nur noch nicht. Wir haben die abgeschabte Holzkiste, den quietschenden Bahnbus, die rasselnden Setzmaschinen der Marke Linotype und unsere ruhestörenden Schreibmaschinen namens „Monika“ oder „Gabriele“ stattdessen bestenfalls als berufsbegleitende Normalität, je nach Jahrgang auch als altmodische Einengung verstanden.

Dank der Weitsicht ihres Altverlegers wurde die lokalen Seiten der Hunsrücker Zeitung damals nämlich noch so realisiert, wie dies bei der Presse viele Jahrzehnte üblich gewesen war: Als Böhmer senior sein Lokalblatt 1954 an den Koblenzer Mittelrhein-Verlag verkaufte, hatte er sich vertraglich ausbedungen, dass die Lokalseiten des Traditionstitels noch Jahrzehnte in seiner Setzerei zu fertigen waren.

Anderenorts hatten schon klobige „Lichtsatzgeräte“ mit schwarz-grün schimmernden Bildschirmen den technisch antiquierten Bleisatz aus den Sälen der Druckvorstufen verdrängt, wurden Texte, Bilder und Anzeigen schon per „Klebeumbruch“ von Metteuren mittels Schiebemesser und gewachstem Spezialpapier auf Leuchttischen zu Zeitungsseiten montiert. In Simmern hingegen waren die Technik, aber auch die Arbeitsteilung zwischen Redaktion und Technik noch traditionell: Alles, was in der Zeitung stehen sollte, schrieb die Redaktion auf Manuskriptpapier. Das war gelbliches Papier mit roten Markierungen – die einem zeigten, wann 40 Anschläge in einer Zeile erreicht, wann 25 Zeilen auf einer Seite gefüllt waren. An der Seite neben dem Textfeld konnten Satzauszeichnungen wie „halbfett“ notiert werden, oben war Platz für Überschrift und Unterzeile.

Dieses Papier wirkte geradezu verstaubt altmodisch. Und doch hatte es unschlagbare Vorteile gegenüber allem, was danach in den Redaktionen Einzug hielt: Wenn die Redakteure ihren Text mit einem Zwei-, Drei- oder – damals eher selten zu beobachtenden – Zehn-Finger-System und mittels „Monika“ oder „Gabriele“ in meist perlendem Schreibfluss zu Papier gehämmert hatten, war ihre Arbeit daran und damit im Kern beendet. Zwar stand zwischen dem oft leicht theatralischen Herausreißen der letzten Seite eines Artikels aus der Schreibmaschine und seinem Publizieren noch viel Arbeit. Redakteure hatten aber damals damit kaum etwas zu tun.

Natürlich kam nach dem Schreiben – und was haben wir damals viel geschrieben! – noch einiges an Routinen dazu. Aber sie waren rasch zu erledigen. Noch einmal durchlesen: Ehrensache. Korrekturen: handschriftlich. Immer ratsam: Das beschriebene Manuskriptpapier ja in der richtigen Reihenfolge zusammentackern. Wenn es ausnahmsweise ein Foto zu einem Text gab: Mit einer Büroklammer dranheften. Und dann: Ab damit in die Setzerei. Ein Lehrling holte stoßweise den Stoff für die Respekt einflößenden Setzer, das Futter für die bleiköchelnden Setzmaschinen.

Gerade mal zwei Stunden Arbeitszeit eines Redakteurs bedurfte es, damit im Reich der Meister des graphischen Gewerbes aus langen Kolonnen von in Blei gegossenen Zeilen, klischierten Bildern und Handsatz-Überschriften die Mutter der drei, vier Zeitungsseiten des nächsten Tages entstand. Einer von uns ging am frühen Nachmittag runter in die museal wirkende, aber perfekt eingespielt funktionierende Setzerei. Einer, nur einer von uns, sagte einem Metteur, welche soeben oder schon vor ein paar Tagen gesetzten Texte möglichst erscheinen sollten. Unser Kollege aus der Technik baute anhand dieser Winke die Seiten zusammen. Passte ein Text nicht, wurde ein Absatz ausgetrieben – oder durch das beherzte Wegwerfen einiger Zeilen gekürzt. Waren die Seiten fertig umbrochen, wurden Pappabdrucke von dem kiloschweren Satzmaterial gemacht.

Was wir am Vormittag oder Vortag geschrieben hatten, konnten unsere Fingerkuppen jetzt fühlen – auf dicken, hellblauen Pappen. Für jede Seite eine Mater. Und die wurden vorsichtig in die flache Holzkiste gepackt und pünktlich zum Bahnbus gebracht. Der schaukelte die Seiten, die den Hunsrück am nächsten Tag informieren und unterrichten, nicht selten auch erregen oder empören sollten, am Nachmittag nach Koblenz. Zum Herstellen von Druckzylindern mittels der Matern, zum Drucken der Zeitung.

Nach diesem Rhythmus, nach dieser Arbeitsteilung funktionierte die Hunsrücker Zeitung redaktionell viele Jahrzehnte. So funktionierten lange Zeit fast alle Lokalredaktionen in Deutschland. Alle Redakteure schrieben oder redigierten. Was auch sonst. Technik machte kaum einer, abgesehen von ein paar Stunden im Bleisatz oder ganz wenigen Redaktionsstatthaltern im Umbruch. Layout: wozu? Artikellängen? Ein Kommentar besser nicht mehr als zwei Blatt, das wichtigste Thema einer Ratssitzung drei bis vier Blatt, eine Reportage gerne auch mal sechs Blatt lang. Korrekturlesen: dafür gab es Korrektoren. Bilder: Fotografiert wurde nur das, was besonders war – und nicht der, der in die Zeitung wollte.

Was nach der Abgabe der Holzkiste im Bahnbus mit unserem Material geschah, hat uns nie beschäftigt, nie wirklich interessiert. Das lief. Wir wussten: Unsere Texte sind in guten Händen. Und es war Verlass darauf: Am nächsten Tag lag unsere Zeitung auf Tausenden Tischen im Hunsrück – sauber realisiert, mit unseren Inhalten. Die dann wirkten.

Die deutschen Lokalredaktionen waren damals, von den abenteuerlich riechenden Dunkelkammer abgesehen, technikfreie Zonen. Gab es mehrere Lokalredakteure, hatte sich auf dieser Basis fast immer eine Rollenverteilung entwickelt, von der jeder profitierte. Fast immer gab es einen Redakteur, der gerne oder zumindest viel redigierte, der mit routinierter Fleißarbeit für beruhigend viel Stehsatz sorgte. Und oft war der Lokalchef der zeilenreichste, der beste, der erste, der prägendste Schreiber seiner Ausgabe. Diese Redaktionsleiter waren meist kantige Typen, und selten hielt es sie den ganzen Tag in der Redaktion. Sie waren oft weg, sie kamen nicht immer wie vorhergesagt zurück, sie waren garantiert nicht immer nur beruflich unterwegs. Aber sie brachten immer das mit, was ihre Zeitung brauchte. Was ihr Blatt schmückte: Tipps, Themen und Geschichten. Vertrauliches, Ungehörtes und Unerhörtes. Ihre Redaktion konnten und wollten sie nicht immer wirklich organisieren – aber Stories hatten sie immer parat und immer im Griff. Sie waren die Könige des Contents. Ihre Redaktionen waren Schreibparadiese. Gärende Komposthaufen für üppigen Content.

Wer damals volontierte, lernte sein journalistisches Handwerk in den goldenen Zeiten des Lokaljournalismus. Und er sog, einfach durch Miterleben und Mitmachen, die wichtigste Erkenntnis des Publizierens auf: Leser wollen Inhalt. Alles andere ist Verpackung, Garnierung, wenn man nicht aufpasst sogar Blendwerk, ja Ballast. Nicht die Mater in der Kiste auf dem Weg nach Koblenz war maßgeblich, nicht die aus heutiger Sicht irreal frühen Abgabezeiten, nicht der Name unserer Schreibmaschine, nicht das verstaubte Layout. Entscheidend war einzig und allein das, was wir wussten, erfuhren, erjagten. Was wir auf das Manuskriptpapier hämmerten.

Ist es neu? Interessant? Relevant? Gut geschrieben? Mutig? Kritisch? Unabhängig? Für oder gegen die Mächtigen? Das waren die Fragen, die wir und – so unser fester Glaube – auch die meisten unserer Leser uns stellten. Die Experten-Frage „Arbeitet Ihr noch im Bleisatz oder schon im Lichtsatz?“ haben wir nie gehört. Die interessierte am Lesermarkt niemanden.

Bald aber endeten, wie irgendwann in allen westdeutschen Lokalredaktionen und nach der Einheit ebenso im Osten Deutschlands, auch im Hunsrück die Zeiten von „Monika“ und „Gabriele“, Holzkiste und Bahnbus. Zug um Zug machte sich die Datenverbeitung in den Verlagen breit, Stück für Stück träufelte das Gift der Technik in die Redaktionen ein. Layoutbögen waren die harmlosen Vorboten der Bits und Bytes, die später so viele unserer journalistischen Passionen fressen sollten: Wir sagten nun nicht mehr einem Kollegen der Technik in der Gasse, womit wir aufmachen wollten – wir malten das selbst auf zeitungsseitengroße Papiere. Wir rechneten nicht mehr in Manuskriptpapierseiten, sondern in Zeilen.

Oft schnappten wir jungen Redakteure uns diese Arbeit. Wir hatten gewittert, das wir damit Einfluss auf die Abläufe in der Redaktion gewinnen konnten: „Sie haben 20 Zeilen zu viel geschrieben“, konnten die Frechen unter uns plötzlich ihrem Lokalchef entgegenschleudern. Und auch die Redaktionsleiter, die uns dann ungehalten aus ihrem Zimmerchen komplimentierten, konnten den Prozess nicht aufhalten, der immer mehr Regeln, immer mehr scheinbare Notwendigkeit zur Genauigkeit und immer mehr äußere Zwänge in die Redaktionen spülte.

Unsere ersten Faxgeräte erschienen uns noch als Segen der Technik und Vorzeichen einer neuen Zeit: Mächtige Kisten mit langsam rotierenden Walzen, auf die wir unser Manuskriptpapier nach Abendterminen einspannten – ein Blatt nach dem anderen, pro Seite drei Minuten Übertragungszeit. Das klingt lang, ersparte bei Actualitas aber 60 Minuten rasender Fahrt in den Verlag. Das Wort „gestern Abend“ schmückte nun immer öfters unsere Texte. Was wir dabei verloren, merkten unsere Altmeister eher als wir jungen Kollegen: Hatten sie noch die Zeit gehabt, genossen und genutzt, beim berühmten Bier nach der Ratssitzung von den Kommunalpolitikern die wirklich spannenden Informationen gesteckt zu bekommen, so hetzten wir nun direkt nach Ende des Termin zum Schreiben in die Redaktion. Wir informierten nun schneller – und verloren genau dadurch Informationen.

Und das Unheil namens Technikfixierung, das Tausende von deutschen Lokalredaktionen inhaltlich schwächte, nahm weiter seinen Lauf. Die ersten Datensichtgeräte zum Schreiben von Texten wurden in Redaktionen aufgebaut. Grünäugige Kästen, die mit den Großrechnern im Verlag verbunden waren. Die immer wieder Texte auf Nimmerwiedersehen verschluckten. Die vielen gestandenen Lokalchefs den Schneid abkauften: Kommentarschlachten, Katastrophen und Skandale hatten sie gemeistert – die neue Technik machte ihnen Angst. Oder sie raubte ihnen zumindest Zeit oder Energie, die zu Lasten der Inhalte gingen. Das aber war schwer zu berechnen, ganz im Gegensatz zum eindeutig quantifizierbaren Vorteil der „rechnergesteuerten Textsysteme: Wenn wir unsere Texte nun an einem Siemens-Würfel statt an der „Monika“ schrieben, mussten sie nicht mehr gesetzt werden.

Und die grünäugigen Kameraden bekamen Kinder: Erste tragbare Computer wurden ausprobiert, aus denen Texte mit Hilfe von piependen analogen Modems an die Verlagstechnik übertragen werden konnten. Bald wurden auch erste Artikel nicht mehr in der Technik, sondern in der Redaktion gestaltet: Hier eine exakt berechnete Freifläche für das Bild, da und dort zwei Zwischenzeilen, natürlich ansprechend verteilt, und jetzt noch das „Hurenkind“ durch Längen oder Kürzen eliminieren. Diese Fummelarbeit machte meist kein Techniker, sondern fast immer ein Redakteur. Also jemand, der vorher König Content treu ergeben war.

All das muss in den 80er-Jahren Technikhändler ermuntert haben, Verlagsmanager auf Messen vorzurechnen, Zeitungen könnten viel Zeit und Geld sparen, indem sie mit Hilfe der neuen Technik das Bauen der Seiten in die Redaktionen verlagern. Die Verlage glaubten und taten das tatsächlich: Schritt für Schritt schwappte nun alles, was zum Realisieren von Zeitungsseiten nötig war, dorthin, wo vorher allein der Inhalt im Fokus stand.

Zwei Welten prallten nun aufeinander: Vor dieser Entwicklung war das System Lokalredaktion fast komplett auf das freie, oft leicht chaotische, im Ergebnis aber hoch wirksame Generieren von Content ausgerichtet. Nun wurde es, anfangs schleichend, dann massiv mit den wenig Spielraum zulassenden Zwängen des Seitenproduzierens befrachtet. Im Kern haben fast alle regionalen Zeitungsverlage damals faktisch den Redaktionspart ihrer Druckvorstufen in ihre Lokalredaktionen ausgelagert. Schleichend bauten damit fast alle Lokalredaktionen kleine Druckvorstufen auf. Viele Verlage hatten dann nicht mehr nur eine große Vorstufe für Anzeigen und Mantel, sondern Dutzende weiterer kleiner Druckvorstufen. Besetzt mit Redakteuren.

Wir jungen Journalisten fanden das einfach nur gut – weil wir davon profitierten. Die moderne Technik gab uns das Gefühl, hip zu sein. Mehr noch: Sie gab uns die Chance, sehr rasch Kompetenzen zu entwickeln, die unsere Chefs nicht hatten und wohl auch nicht haben wollten. Erst ergab sich eine Zweiteilung: Die meisten Lokalchefs schrieben weiter, junge Kollegen übernahmen faktisch Seitenproduktion, damit aber auch zunehmend die Redaktionsorganisation. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die früheren ersten Schreiber der Ausgabe zwar im Impressum noch oben, in der Redaktion aber nicht mehr im Zentrum standen.

Ein neuer Redakteurs-Typus war in Lokalredaktionen plötzlich gefragter: Jemand, der eher die Kniffe des Redaktionssytems als die Kontaktdaten von Informanten kannte, der lieber Körbchen voller Material überblickte als einer Region den Puls fühlte, der eher fünf Seiten netto produzieren als eine Reportage mit Rhythmus schreiben konnte. Und irgendwann sahen die nur schreibenden Redaktionsleiter, die großen Kommentatoren, die Edelfedern, die genialen Glossenschreiber alt aus. Oder sie waren tatsächlich so alt, dass sie – meist vorzeitig und, im Nachhinein betrachtet, auch vorschnell – in Ruhestand gingen.

Ihnen folgte eine neue Redaktion von Lokalchefs: Journalisten, die meist gezwungen sind, alles zu verkörpern oder zumindest alles organisieren zu können: Die Leitung ihrer Druckvorstufe namens Lokalredaktion – denn an der sauberen Produktion und pünktlichen Abgabe ihrer x Seiten werden sie von der Zentrale gemessen. Von der gewissenhaften Umsetzung der Layoutregeln bis zu den Dateigrößen der verarbeiteten Fotos. Hinzu kommt die journalistische Leitung ihrer Redaktion – was noch nie leicht war, heute aber so anspruchsvoll wie nie ist.

Das hat auch damit zu tun, dass mittlerweile die Mehrzahl der Lokalredakteure in Druckvorstufen-Redaktionen ausgebildet und groß geworden ist. Die Generation der Redakteure von 25 bis 50 Jahre wurde vor allem durch technische und organisatorische Prozesse in den Redaktionen wie Disposition, Seitenbauen, Arbeit am Bildschirm, Qualitätskontrolle, Spätdienst und Redaktionssystem geprägt – zumindest aber durch die Belastungen, die daraus für das journalistische Arbeiten resultieren.

Die Folgen waren schleichend, aber tief greifend – und sie halten an. Verkörperten früher Lokalchefs oder andere prägende Redakteure einer Lokalzeitung draußen ihre Zeitung, so sind heute Fotografen oder Freie Mitarbeiter oft dichter bei den Lesern. Redakteure, die Seiten bauen und für ihre Zentrale erreichbar sein müssen, können schlicht nicht mehr so viel draußen sein wie ihre einstigen Vor- und Ausbilder.

Hinzu kommt, dass viele Zeitungen die Zahl ihrer Lokalseiten massiv gesteigert und die Schwelle für ihre Berichterstattung ungut gesenkt haben. Früher war es auch im Lokalteil noch etwas Besonderes, in der Zeitung zu stehen – heute reicht vielfach gemeinsames Essen und Trinken, ein nettes Fest im Kindergarten oder eine Spende von 200 Euro, um mit einem seitenprägendem Bild im Lokalblatt zu erscheinen. Viele Redaktionen ertrinken in ihren selbst ausgelösten Termin- und Materialfluten, die Spirale eines nur mit viel Innendienst und vielen Freien Mitarbeitern noch leistbaren Terminjournalismus, der immer mehr Seiten benötigt, dreht sich immer schneller.

Nicht minder fatal: Viele Lokaljournalisten haben – oft ohne es zu wollen – verinnerlicht, dass die Prozesse der Redaktionsorganisation und der mittlerweile hoch komplexen Arbeitsabläufe einer Redaktion Priorität genießen. Sie haben sich daran gewöhnt, dass interne Abläufe und Anforderungen wie „viele Seiten“ und „viele Termine“ das Generieren von Inhalten einschränken. Zu oft regieren die Prozesse, nicht der Content.

Wo die Redaktionen diese folgenreiche Druckvorstufenarbeit unverändert zu stemmen haben, kommen Redakteure erkennbar zu selten zum Schreiben. Die meisten Redaktionen sind zwar besser besetzt als in den 70-er Jahren. Die technischen Aufgaben und die neuen Kanäle wie Online Classic und Social Media aber zehren diese Ressourcen wieder auf.

Vielerorts haben zumindest Chefredaktionen, teils auch Verlage erkannt, dass dieser Konstruktionsfehler behoben werden muss, wenn Lokalausgaben wieder thematisch fliegen können sollen. Verlage aber, die das Druckvorstufen-Dilemma etwa durch die Zentralisierung der Produktion an Regio-Desks beheben wollen, stoßen auf neue Probleme: Journalisten, die das technisch einwandfreie Realisieren einer bestimmten Zahl von Seiten und nicht das Generieren von relevantem Content als Kern und Maßstab ihres Wirkens kennen gelernt haben, werden nicht von heute auf morgen und einfach so zu Reportern, die eine starke Story nach der anderen liefern.

Der Themen-Windhund, den es in den Zeiten von Holzkiste und Bahnbus in jeder guten Redaktion gab, kommt nicht automatisch per Regio-Desk zurück. Auch Redakteure, die von der Fron des Seitenbauens befreit worden sind, verbringen noch immer zu viel Zeit in ihren Redaktionen. Telefonate statt Gespräche, Mails statt Kontakte, PR statt Stories. Statt der Zahl der qualifizierten Eigenbeiträge mutieren Honoraretats im Bewusstsein von Redaktionen zum Maß für das journalistisch Leistbare. Die alten Prozesse sind zu sehr antrainiert, die neuen Maßstäbe für den Wert der veränderten Arbeit sind zu diffus. Fünf sauber produzierte und pünktlich abgelieferte Seiten – diese Leistung ist klar zu bewerten. Was aber ist ein guter Text, ein guter Aufmacher? Und welche Chefredaktion sieht und würdigt solche Leistungen im Lokalen wirklich nachhaltig?

Viele Jahre war all das gleichwohl eher ein Thema für Branchentagungen als etwas, was auch auf dem Markt der regionalen Medienhäuser wahrgenommen wurde. Nun aber zeigt das Internet, wie sehr die Verlagerung der Druckvorstufen in die Redaktionen die Regionalzeitungen belastet. Seitdem man keine Rotationsmaschine mehr, sondern nur noch einen PC zum Publizieren braucht, geraten Lokalteile in ganz Deutschland von zwei Seiten aus unter Druck: bei den ganz einfachen Themen ebenso wie da, wo es journalistisch spannend ist.

Die Standardberichterstattung über Vereins-, Dorf und Stadtteilleben kann digital auch von Laien im Sinne der meist überschaubaren Zielgruppe schon längst schneller, besser und umfassender als von einer Zeitung geleistet werden. Ob Vogelschießen, Karnevalsumzug, Dorffest oder Vereinsausflug – wer will, kann seinem Verein, seinem Ort oder seinem Sprengel mit wenig Aufwand jetzt schon mehr Umfang und Tiefe als die örtliche Zeitung bieten. Die Profis drucken Tage später ein Bild, der Amateur veröffentlicht digital auf seiner Vereins-Site oder in seinem Dorfblog tagesaktuell eine ganze Strecke. So viele journalistische Bratwürste ein Lokalblatt auch grillt – es kann und wird dieses Kräftemessen auf Sicht nicht gewinnen.

Noch problematischer wird es für regionale Medienhäuser, wenn sie so viel Energie in den Standard oder in die Prozesse lenken, dass für wirklichen Journalismus nicht genug Zeit, Personal und Platz bleibt. Einige Jahre mag das daraus resultierende Vakuum verborgen bleiben, irgendwann aber füllt jemand anderes die Leere. Wenn eine Lokalzeitung ihrer Rolle nicht gerecht wird, übernimmt irgendwann ein Wochen- oder Anzeigenblatt die Führung bei heiklen Themen. Oder, und das ist immer öfter zu beobachten, Lokalblogs leisten das, was Lokalteilen zu oft fehlt: Hilfreicher Abstand zu den Mächtigen, Recherche, Dialog, Meinungsfreudigkeit, Dranbleiben, ja auch profiliertes Agieren von Autoren.

Natürlich: Oft geschieht das in Placeblogs (noch) unausgegoren oder unverhältnismäßig ruppig, bisweilen auch erkennbar laienhaft. Oft scheint auch nicht distanzhaltende Profession, sondern eher eine persönliche Leidenschaft, bisweilen gar eine egozentrische Mission Treibstoff eines örtlichen Blogs zu sein. Das aber wird sich ändern: Die Lokalblogs vernetzen sich bereits, gut ausgebildete junge Printjournalisten werden in dieses Metier wechseln, Naturbegabungen werden sich verstetigen – auch die Szene der regional berichtenden Blogs wird sich professionalisieren.

Lokal- und Regionalzeitungen, Lokalchefs und Lokalredakteure, die das unverstellt sehen, werden darauf reagieren – nicht mit Kleinmut, sondern mit den richtigen Entscheidungen:

Sie werden nicht noch mehr, sondern eher weniger Lokalseiten drucken – mit mehr Relevanz und weniger „Bratwurst-Journalismus“ (Hardy Prothmann).

Sie werden sich wieder darauf besinnen, für welche Themen es sich wirklich lohnt, „20 Tonnen Papier durch 100 Tonnen Stahl rasen“ zu lassen (Sascha Lobo).

Sie werden wieder Tipps, Stories und Geschichten, Vertrauliches, Ungehörtes und Unerhörtes in den Mittelpunkt ihres Wirkens rücken.

Sie werden es nicht mehr affig, sondern wichtig finden, möglichst viele ihrer Autoren zu Marken entwickeln.

Sie werden es als wunderbare Chance begreifen, dass es für den von ihnen generierten unikablen Content dank des Internets so viele und so spannende Verteilwege wie noch nie gibt.

Sie werden Spaß daran gewinnen, via Netz Leser weit außerhalb ihres angestammten Verbreitungsgebietes zu bekommen.

Sie werden wieder mehr mit Lesern und Usern sprechen als mit Landrat & Co.

Sie werden der Versuchung widerstehen, dem technischen Meistern des jeweiligen Verteilweges und der jeweiligen optischen Verpackung zu viel Zeit zu widmen.

Und sie werden mit Freude und Gewinn lernen und erfahren, dass Arbeit in Redaktionen wieder arbeitsteiliger organisiert wird, dass es Profis für das Generieren wie für das Verarbeiten und Publizieren von Inhalten gibt: Reporter und Blattmacher, Rechercheure und Optiker, Innendienstler und Vielschreiber, Schreiber und Redaktionstechniker. Statt universell ausgebildeter Redakteure, die alles machen müssen oder alles machen wollen. Und damit nichts wirklich richtig machen können.

Sie werden also den Content wieder zum König machen. Im wohl verstandenen Geist von Holzkiste und Bahnbus.

 

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Christian Lindner

 

Chefredakteur der Rhein-Zeitung (Koblenz/Mainz)

51 Jahre alt