Südafrika, 2010 (20): Ö, wie ist das schön!

Die wichtigste Information vorab: Vuvuzelas sind nicht giftig, tun nicht weh — und sind nicht mal im Ansatz so, wie der blasshäutige mitteleuropäische Fußballfan sich das vielleicht vorstellen mag. Man trägt keinen bleibenden Hörschaden davon und irgendwie bleibt nach dem gestrigen Stadionbesuch der Eindruck, dass sich das alles für deutsche Fernsehzuschauerohren wesentlich schlimmer anhört, als es dann in Wirklichkeit ist. Inwieweit das Bild von den irrsinnigen Afrikanern, die sich und die halbe Welt um den Verstand tröten, auch von Medien (falsch) gezeichnet wird, darf sich jeder selber überlegen, der mal in einem südafrikanischen Stadion war. In der Allianz Arena ist es jedenfalls auch nicht wesentlich leiser (gut, höchstens dann, wenn Bayern spielt, bei den Löwen ist das ja bekanntlich ganz anders). Ich bin mir jedenfalls ziemlich sicher, dass wir die Vuvuzela spätestens zu Beginn der neuen Bundesliga-Saison auch in Deutschland jedes Wochenende erleben werden und etwas Schlimmes kann ich daran weiß Gott nicht finden. Im Gegenteil, irgendwie fand ich den Gedanken unverschämt, dass wir hier von Deutschland aus den Südafrikanern den Einsatz ihrer Vuvuzelas verbieten wollten. Man stelle sich vor, südafrikanische Zeitungen würden den Verbot des Bierausschanks in deutschen Stadien fordern. Die „Bild“-Schlagzeile dazu möchte ich lieber nicht lesen.

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Es war ja wie inszeniert gestern abend: Jogis Jungs kamen weiter, die deutsche Kolonie im Stadion feierte — da kam die Nachricht, dass auch Ghana weitergekommen ist. Also feierten beide Fanlager friedlich zusammen und man hatte ein Erlebnis, das man bei Fußballspielen eher selten hat: 83.000 Menschen verließen ziemlich zufrieden das Stadion. Und die Einschränkung „ziemlich“ hat nur damit zu tun, dass man realistischerweise nicht von einem guten Spiel reden konnte, dass wir da gestern abend gesehen haben. Aber egal, wann sieht man schon mal ein WM-Spiel in Südafrika? Die Stimmung im Stadion war demenstprechend gut, entspannt, sehr angenehm, es war sogar von den Temperaturen her absolut erträglich. Was mir auffiel: Jeder, wirklich jeder, der uns danach gesehen hat (auch wildfremde Menschen) sagten „congratulations“ — und es kam mir so vor, als sei das jedesmal wirklich aufrichtig gemeint gewesen. Dabei habe ich gar nicht mitgespielt.

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Zugegeben, mein Sitznachbar Jochen und ich, wir forderten bis zur 59. Minuten vehement die sofortige Auswechslung von Mesut Özil, skandierten dann aber ab der 61. Minute lautstark „Mesut Özil Fußballgott“ sowie „Ö, wie ist das schön!“ und fanden  die Wahl Özils zum „Man of the match“ nur folgerichtig. Man muss ja flexibel sein.

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