Der “Spiegel”: Das Sturmgeschütz des Shitstorms

Erst heute hatte ich die kurze Diskussion darüber, weshalb ich eigentlich den “Spiegel” noch abonniert habe. Ich hatte das auch für mich selbst mit einem irgendwie verhuschten “berufliche Gründe” begründet, habe dann aber nach der heutigen Ausgabe und insbesondere einer speziellen Geschichte diese Frage noch viel weniger für mich beantworten können.

Am “Spiegel” habe ich immer die durchaus konfrontative Art gemocht. Am “Spiegel” konnte man sich wunderbar reiben und man konnte auch mal völlig gegenteiliger Ansicht sein, meistens aber hatte man nach Lesen eines Hefts das Gefühl, dass hier Journalismus im besten Sinne gemacht wurde. Sehr fakten- und eben durchaus auch meinungsstark. Inzwischen ist in vielen Fällen leider nur noch meinungsstark als Attribut übrig geblieben.

Irgendjemand beim “Spiegel” mag anscheinend Dagmar Wöhrl nicht. Dagmar Wöhrl ist eine CSU-Politikerin, die vor ewigen Zeiten mal Miss Germany war, weswegen viele Autoren und natürlich auch der “Spiegel” nicht müde werden, darauf hinzuweisen, es handle sich bei Frau Wöhrl um eine ehemalige Schönheitskönigin. Unlängst war Dagmar Wöhrl in einer Reisegruppe mit dem Entwicklungsminister Niebel nach Myanmar und Laos unterwegs und leistete sich dabei lt. “Spiegel” vom 18. Februar eine Ungeheuerlichkeit: In Myanmar wollte die Abgeordnete bei einer einheimischen Händlerin etwas kaufen. Da sie (ganz die reiche Unternehmergattin eben) nur einen 100-Dollar-Schein mit sich trug, so der “Spiegel”, habe sie publikumswirksam gefragt, ob den jemand wechseln könne. Schließlich hatte sie dort eine 2-Dollar-Tasche im Stile einer imperialistischen Machtpolitikerin gönnerhaft bezahlt und so für (Spiegel) “Fremdschämen in Myanmar” gesorgt.

Unbeschadet ihres Wahrheitsgehalts könnte man sich fragen: Was hat eine solche Geschichte im “Sturmgeschütz der Demokratie” verloren? Für die Nachrichtenmagaziner aus Hamburg stellte sich die Frage anscheinend nicht, im Gegenteil. Im Sinne der Pflege des Investigativjournalismus berichtet das Blatt in seiner morgigen Ausgabe gleich nochmal über die Ungeheuerlichkeiten der Frau Wöhrl. Dabei stellten sich angeblich weitere unfassbare Verfehlungen heraus: Frau Wöhrl war angeblich schon bei der Ankunft verärgert, dass im Reiseprogramm keine Shoppingtour vorgesehen war (die sie später dann angeblich auf eigene Faust nachholte). Sie wollte angeblich partout neben dem Minister sitzen, obwohl da doch eigentlich der Botschafter sitzen sollte. Als ihr der Wunsch nicht gewährt wurde, “fummelte die Ausschussvorsitzende (Wöhrl) den Rest des Abends meist an ihrem Handy rum, statt sich mit ihrem laotischen Tischnachbarn zu unterhalten”. Natürlich darf in der länglichen Schilderung von Ralf Neukirch auch die schon eine Woche zuvor gebrachte Geschichte von dem 100-Dollar-Schein, mit dem sie angeblich “vor den Einheimischen  herumwedelte”, nicht fehlen.

Klar, dass ein solcher Elefant im Porzellanladen es nicht dabei einfach belässt. Angesprochen auf das “strahlende Äußere” der Friedensnobelpreisträgerin San Suu Kyi sagte Wöhrl laut “Spiegel” nur, die Frau habe “schließlich jahrelang keinen Stress gehabt”. Eine ziemlich unpassende Bemerkung, wenn man bedenkt, dass Suu Kyi 15 Jahre im Hausarrest verbracht hat.

Das wäre tatsächlich erstaunlich. Ich kenne Dagmar Wöhrl zwar nicht — aber kann es wirklich sein, dass eine Politikerin auf einer sensiblen Reise vorgeht wie der hinterletzte Trampel aus dem Bayerischen Wald?  Frau Wöhrl dementiert das heftig. Dem “Spiegel” antwortete sie auf dessen Anfrage:

Ich habe im Laufe der Reise zahlreiche Gespräche mit Journalisten, Kollegen und Mitarbeitern der Botschaft geführt, sodass ich mich an den genauen Wortlaut dieses Gespräches nicht mehr erinnern kann. Was ich in mehreren Gesprächen über Aung San Suu Kyi zum Ausdruck bringen wollte, war, dass die Friedensnobelpreisträgerin eine sehr starke Frau ist, der man die 20 Jahre Hausarrest und die auch damit verbundenen physischen und psychischen Qualen nicht ansieht. Dies war durchweg positiv und als besondere Wertschätzung gemeint. Falls meine Wortwahl dies aber nicht so zum Ausdruck gebracht haben sollte, tut mir dies von Herzen leid. Nichts liegt mir ferner, als die durch ihre Standhaftigkeit gebrachten Opfer und Entbehrungen, schmälern zu wollen.

Der “Spiegel” gibt diese Antwort in seinem Text allerdings nicht wieder. Stattdessen schreibt man dort nur:

“Und an Ihre Aussagen zu Aung San Suu Kyi erinnere sie sich nicht mehr im Einzelnen. Sie seien aber “durchweg positiv und als besondere Wertschätzung gemeint” gewesen.

Ist das nicht interessant? Frau Wöhrl dementiert explizit, sich abschätzig geäußert zu haben — und der “Spiegel” macht daraus, sie wisse nicht mehr so genau, was sie gesagt habe? Man sollte sich übrigens überhaupt mal die Mühe machen, die Antworten, die Frau Wöhrl dem “Spiegel” gegeben hat, genau durchzulesen. Man kann das glauben, muss es aber nicht. Sicher ist nur: Es ist journalistisch ziemlich fragwürdig, wenn man jemanden auf drei Seiten mit Vorwürfen überzieht und ihn dann mit seinen Erwiderungen erstens nur ausgesprochen kurz und zweitens auch noch sinnentstellend wiedergibt. Noch ein Beispiel gefällig? Der “Spiegel” schreibt als Wöhrl-Stellungnahme lediglich “Für das Einkaufen habe sie nur 25 Minuten Zeit gehabt” (und verstärkt damit auch noch den Eindruck der lamentierenden Zicke). Die vollständige Antwort der Abgeordneten lautete aber so:

Es stimmt, dass ich mich darüber hinaus für ca. 25 Minuten in der nächsten Umgebung des Hotels nach kleinen Mitbringsel umgeschaut habe, wie ich dies üblicherweise u.a. für meine Mitarbeiter, die meine Reisen inhaltlich und organisatorisch vorbereiten, tue. Da die Zeit extrem kurz war, war ich froh, dass mich der Lebenspartner des deutschen Botschafters kurz begleitet hat. Ein weiterer Grund für meine Besorgungen war, dass ich meinem Bundestagskollegen Koppelin meine gesamten Erkältungsmedikamente gegeben hatte. Da ich nun selbst erkrankt war, habe ich in einer Apotheke Medikamente gegen meine Halsschmerzen erworben.

***

Warum diese kleine Geschichte so ausführlich hier erzählen? Ein Skandal wird daraus nicht mehr werden, nicht mal der strengste Wöhrl-Gegner könnte aus diesen Bagatellen irgendetwas von Relevanz ableiten. Es gibt mehreres, was so bezeichnend ist.

Es ist noch gar nicht so lange her, da wunderten wir uns über die Diskrepanz in der Wahrnehmung der ganz normalen Leser/User über die Wulff-Berichterstattung. Hetzjagd? Von uns Journalisten? Nicht, dass wir uns falsch verstehen, in der Konsequenz war Wulff untragbar geworden. Unbestritten ist dennoch, dass in der Causa Wulff Bobbycar- und andere Geschichten aufgetischt wurden, die zu einer wirklichen Klärung der Sache nichts mehr beitrugen (ob man, wie heute im “Spiegel” geschehen, den Kontostand Wulffs aus dem Jahr 2008 veröffentlichen muss, würde ich auch noch bezweifeln). Natürlich würde man seine eigene Zunft gerne verteidigen, aber wie soll das gehen, wenn Geschichten wie diese Wöhrl-Sache erscheinen, wo man den Eindruck nicht los wird, da könnte noch irgendjemand eine alte Rechnung offen haben? Und wieso zur Hölle muss man eigentlich bei einer solchen Geschichte noch erwähnen, dass Dagmar Wöhrl in den frühen 70er-Jahren mal in einer Sex-Klamotte namens “Die Stoßburg” mitgespielt hat? Gibt es dafür einen anderen Grund, als sie als irgendwie ein bisschen doof darzustellen?

Es geht aber auch um Journalismus, der sich auch und gerade nach der Wulff-Sache ganz besonderen Ansprüchen stellen müsste. Es ist kontraproduktiv und leider bezeichnend, was der “Spiegel” da gemacht hat. Man haut irgendjemanden in die Pfanne, um ihn in die Pfanne zu hauen. Man lässt die wesentlichen Aussagen der Gegenseite kurzerhand mal weg oder redigiert sie sich so hin, wie man es gerade gerne hätte. Und ja, auch das: Man stolpert geradewegs in die inhaltliche Irrelevanz. Selbst wenn Frau Wöhrl all das gemacht hätte, was der “Spiegel” schreibt: Ist das jetzt schon zwei Erwähnungen in zwei Wochen wert? (Und brauche ich jetzt mein Spiegel-Abo wirklich noch?)

Ja, man fördert damit auch Politikverdrossenheit. Was aber noch viel schlimmer ist, zumindest aus unserer Sicht: Der Spiegel als Sturmgeschütz des Mini-Shitstorms, das fördert auch Journalismusverdrossenheit.

  • Die Anfrage des “Spiegel findet sich hier, Frau Wöhrls Antwort hier.