Lokaljournalismus: Es bleibt, wie es ist

Als ich mein Volontariat bei einer kleinen Tageszeitung in Niederbayern absolviert habe, war allen Beteiligten klar: Lange geht das so nicht mehr weiter mit dem Lokaljournalismus.

Wir, das waren gleichermaßen: Leser und Journalisten. Beide ahnten wir, dass das alles schon sehr speziell ist. Dieses ständige „alles ist gut“, das mantra-artige „Aufsteigerregion Niederbayern“ (eine sehr schöne PR-Leistung der CSU, so einen Begriff in den Sprachgebrauch zu etablieren). Der Terminjournalismus, die Vereinsberichterstattung. Die grässlichen Fotos, das gestelzte Deutsch, das…ach, Sie wissen, was ich meine, wen Sie sich jemals einen durchschnittlichen deutschen Lokalteil zu Gemüte geführt haben.

Das alles ist mittlerweile ziemlich genau 30 Jahre her. Die Vokabeln, mit denen man Lokaljournalisten belegt, sind oft noch dieselben. Bei den einen mehr und bei den anderen weniger verdient hört man immer noch: Terminjournalismus. Heile-Welt-Journalismus. Gar-kein-Journalismus. Vermutlich gibt es nach wie vor nur wenige Lokalredakteure, deren Blatt nicht schon mal als „Käseblättchen“ geschmäht wurde. Und das unfassbar dämliche Argument, unfassbar dämliches Zeug ins Blatt heben zu sollen, existiert auch immer noch: Ihr bringt doch sonst auch jeden Schmarrn!

Kurz gesagt: Es hat sich nicht so viel Grundlegendes geändert seit 1986.

Das Phänomen Lokaljournalismus

Der Lokaljournalismus, zumal der gedruckte in der Tageszeitung, ist ein echtes Phänomen in Deutschland.  Mitten in den größten Umbrüchen  ist er erstaunlich veränderungsresistent. Und, das ist besonders verblüffend: offenbar von den Nutzern nicht anders gewollt. Das widerspricht zwar ungefähr allem, was man in Seminaren und Panels und Blogs so liest und hört, ist aber ähnlich wie beim Teletext: Auch der sieht ja immer noch so aus wie in seinen Gründertagen. Würde man ihn modernisieren wollen, es gäbe vermutlich einen Aufstand bei den Nutzern.

Wenn es um Lokaljournalismus geht, sind die Nutzer in Deutschland ein  konservatives Volk. Nach wie vor stehen Lokaljournalisten nicht gerade an der Spitze der Ansehens-Skala. Und unverändert gilt der Lokaljournalismus vielen als etwas, was zwar irgendwie notwendig, aber kein richtiger Journalismus ist. Lokalzeitung? Hat man halt, findet sie aber so sexy wie ein paar alte Socken.

Dam müsste es doch mit dem Teufel zugehen, würde man im Zeitalter der hemmungslosen Digitalisierung nicht auch diese ganzen verstaubten Käseblättchen vom Markt fegen und durch irgendwas Hippes ersetzen können. Apps beispielsweise. Oder Blogs. Oder irgendwas mit sozialen Netzen.

Lokales im Web? Eher unwichtig.

Und dann wirft man einen Blick auf die neuesten Zahlen von Bitcom – und man staunt: 41 Prozent informieren sich gar nicht über das Lokalgeschehen im Web. Von den verbliebenen 59 Prozent, die es doch tun, entscheiden sich 28 Prozent für die Webseite einer Lokalzeitungen. Die gehypten Lokalblogs hingegen bringen es nur auf 20 Prozent. Und auch alle anderen Anbieter, Stadtmagazine oder Lokalsender, landen mit ihren Webangeboten hinter den Lokalzeitungen.

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Das ist nicht nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. Zu erklären ist er kaum, zumindest dann nicht, wenn man Menschen so reden hört über ihre Lokalredaktionen. Trotzdem gibt es eine Erklärung: Lokalzeitungs-Leser sind enorm geduldige, man könnte auch sagen: träge Kunden. Bis jemand seine Lokalzeitung abbestellt oder zur Konkurrenz wechselt, muss schon viel passieren. Mit der trägen Treue von Lesern der Lokalblätter können bestenfalls noch Banken konkurrieren, die sich ebenfalls enorm anstrengen müssen, bis sie einen Kunden zur Kündigung treiben.

Kein ganz neues Phänomen übrigens: Der Markt der Lokalzeitungen ist in Deutschland schon seit Jahrzehnten kein echter Markt. In vielen Regionen Deutschlands existieren De-facto-Monopole, die nicht mehr aufzubrechen sein werden. Wer seine Claims in einer Region abgesteckt hat, der ist dort meistens medialer Alleinherrscher.

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Tageszeitungen in Deutschland. (Grafik: ZMG)

Umgekehrt: Gerade in den letzten 12 Monaten hat sich die Euphorie um Lokalblogs deutlich abgekühlt (und ich gebe zu: Ich hatte deren Potential auch deutlich größer eingeschätzt). Tatsächlich nehmen viele ein Lokalblog gerne als zusätzliches Informations-Angebot mit, sind aber nur selten dazu bereit, dafür auch Geld auszugeben. Noch gravierender: Anzeigenkunden. Die meisten von ihnen kommen mit ihren Regionalblättern vor Ort leidlich aus, lokale Blogs sind für die meisten eine zu vernachlässigende Größe.

Der Kritiker als Nestbeschmutzer

Zumal es speziell im Lokaljournalismus noch ein weiteres Phänomen gibt, das jeder kennt, das es eigentlich nicht geben dürfte – und über das deshalb öffentlich eher weniger gesprochen wird: Natürlich wollen wir alle kritischen und unabhängigen Journalismus. Aber bitte, wenn es das um das eigene Revier geht, da wird dann aus dem kritischen Journalisten schnell ein Nestbeschmutzer. Und so genau will man es ja auch gar nicht wissen, wenn es um die eigene Haustür geht. Würde man sich also als alternatives Lokalmedium irgendwie gegen die Vorstellung der meistens heilen Welt positionieren, man könnte ebenso gut vorsorglich Insolvenz beantragen.

Es ist deshalb keine gewagte Prognose: Neben dem Teletext wird auch der (gedruckte) Lokaljournalismus von den Veränderungen durch die Digitalisierung weniger spüren als viele andere.

Die Vorstufe zum Zeitungssterben

Drastischer Personalabbau, massive Kosteneinsparungen:  Was wir momentan mal wieder erleben, ist die Vorstufe zum großen Zeitungssterben. Wer die Hälfte seines Personals vor die Tür setzen muss, steht kurz vor der Kapitulation.

Das ist ja mal wirklich lustig: Da sucht man verzweifelt nach einer Lösung für dieses Monstrum namens Zeitungskrise – und dann liegt sie direkt vor der Nase. Man sieht quasi den Wald vor Lösungs-Bäumen nicht. Und wie einfach das geht! Da wäre man echt nicht drauf gekommen…

Die Lösung für die Probleme der Tageszeitungen geht also so: sparen! Einfach mal eben weg mit ungefähr der Hälfte des Personals, die Kosten für Inhalte reduzieren, indem man einfach nicht mehr dieses ganze exklusive Zeugs nimmt – und schon sind die Kosten so gesenkt, dass am Ende ein Gewinn fast zwangsläufig stehen muss. Betriebswirtschaft für Einsteiger, das müsste sogar ein Student im 2. Semester verstehen.

Ja, so einfach ist das, wenn man sich momentan umschaut bei einigen der leicht gebeutelten Tageszeitungen im Lande. Das Dumme ist nur: Würde ein Student im 2. Semester solche Lösungsvorschläge anbieten, man würde sie ihm vermutlich heftig um die Ohren hauen. Vermutlich sogar mit Recht. Trotzdem gibt es momentan allen Ernstes Verlage, die sich nach bekanntem Merkel-Idiom („Alternativlos!“) so aus ihrer Lage zu winden versuchen.

Da ist zum Beispiel die „Abendzeitung“ in München, die noch vor ein paar Monate insolvent war. Und in einer derart schwierigen Lage, dass ihr damaliger Eigentümer Johannes Friedmann die Lage mehr oder weniger als aussichtslos beschrieb. Jetzt, nicht einmal ein halbes Jahr später, gehört das Blatt dem Straubinger Verleger Martin Balle – und der hat die marode AZ innerhalb allerkürzester Zeit wieder in die Gewinnzone gebracht, zumindest nach seinen eigenen Angaben. Das Rezept? Belegschaft erheblich reduzieren, Produktionskosten und Auflage senken, schon rechnet sich die ganze Sache wieder. Was eigentlich nur zwei Schlüsse zulässt. Entweder waren bei der „AZ“ in den letzten 15 Jahren ausschließlich Stümper am Werk, die allesamt die einfache Lösung nicht gesehen haben. Oder man zweifelt Balles Darstellung von der wundersamen Wandlung der AZ ein bisschen an. Zumindest eines kann man festhalten, auch ohne Balle allzu böse gesonnen zu sein: In irgendeiner Weise publizistisch aufgefallen ist das Blatt seither nicht mehr. Balle dürfte das als Kompliment verstehen. Muss man aber nicht.

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In Münster wiederum steht seit gestern fest, dass die dortige „Münsterschen Zeitung“ ebenfalls den Balle-Weg gehen wird. Soll heißen: Belegschaft um mindestens 50 Prozent reduzieren, Kosten senken, wo es nur geht, Inhalte irgendwie zukaufen. Anders werde man nicht mehr überleben können, sagt der dortige Verlag mehr oder weniger unverblümt. Eine Aussage, die es vor kurzem auch schon aus Darmstadt gab, wo das dortige „Darmstädter Echo“ personell so zusammengestutzt wird, dass man bestenfalls noch von einer Notbesetzung sprechen kann. Auch in Münster und in Darmstadt wird man mehr oder weniger versuchen müssen, was die „Abendzeitung“ in München vorexerziert: mit so wenig Personal und so geringen Kosten wie nur möglich noch so etwas Ähnliches wie eine Zeitung zu produzieren. Vermutlich wird man auch von dort bald erste Meldungen hören, dass sich die Lage stabilisiert und es alles in allem wieder aufwärts geht.

Und vielleicht wird das sogar so sein. Als sehr, sehr kurzfristiger Effekt.

Aber am Ende sind diese Sparmodelle leider nur die Vorstufe zum endgültigen Untergang. Weil diese Zeitungen damit auch die letzten Spurenelemente einer eigenen Identität verlieren. Weil sie Journalismus nur noch als Informationsattrappe anbieten können. Keine Redaktion dieser Welt würde es überstehen, wenn man sie mal eben halbiert – und dann von ihr verlangt, mindestens genauso gut wie vorher zu arbeiten.

Und überhaupt, was heißt schon „genau so gut“? Eigentlich müsste das jeweilige Blatt ja besser werden. Es gibt schließlich Gründe dafür, dass diese Zeitungen in der Lage sind, in der sie sich jetzt befinden. Man müsste also das Blatt als solches überarbeiten, anpassen, besser machen, modernisieren. Und man müsste in eine digitale Zukunft investieren. Nicht nur finanziell, sondern auch personell. Was wieder nur schwerlich möglich ist, wenn man gerade eben die halbe Belegschaft vor die Tür gesetzt hat.

Natürlich, wo es kein Geld mehr gibt, das man investieren kann, ist diese Sparpolitik und die Hoffnung darauf, dass es schon irgendwie gut gehen wird, die vermutlich letzte Option. Wahrscheinlicher ist allerdings leider, dass wir momentan bei nicht ganz wenigen Regionalzeitungen die nächste Eskalationsstufe erleben – bei den einen mehr, bei den anderen weniger. Eskalation dahingehend, dass Investitionen nicht mehr möglich sind, dass es keine Innovationen mehr gibt, dass am eigentlichen Kerngeschäft massiv gespart werden muss, während die digitale Konkurrenz wächst und wächst.

Was das wiederum in der Konsequenz bedeutet, kann jeder BWL-Student im 2. Semester erklären.

Aus dem Leben einer Zeitung

Print lebt? Wenn man sich mal ungeschönte Einblicke in das Innenleben gibt, dann könnte man auch zu anderen Rückschlüssen kommen. Willkommen bei der Geschichte einer deutschen Musterzeitung…

Vor kurzem habe ich mich mit jemandem unterhalten. Einem Redakteur einer Tageszeitung. Um welche Zeitung es geht, ist völlig unerheblich. Ich erzähle einfach mal nur die Geschichten aus dieser Zeitung. Wer sich nicht angesprochen fühlt, prima. Wer sich angesprochen fühlt, darf gerne hier mit diskutieren. Oder wenigstens sich ein paar Gedanken machen. Schon alleine deshalb, weil ich die Geschichten nicht kommentiere, sondern nur wiedergebe. Welche Schlüsse daraus zu ziehen sind, bleibt jedem selbst überlassen…

Die Zeitung

Nennen wir sie einfach: die Musterzeitung. Sie ist nicht riesengroß, aber auch nicht ganz klein. Sie erscheint irgendwo in Deutschland. Nicht in einer Großstadt, sondern in der Struktur einer klassischen Regionalzeitung. Das bedeutet: Eine größere Mantelredaktion am Erscheinungsort, diverse mittelgroße und kleine Lokalredaktionen draußen auf dem Land. Die Region, in der sie erscheint, ist weder besonders arm noch übermäßig reich. Es gibt keine Auffälligkeiten, außer denen, die man aus dem Deutschland des Jahres 2014 kennt: Tendenziell ist auch hier der demographische Wandel spürbar. Von einer Landflucht zu sprechen, wäre übertrieben, aber die Tendenz, dass vor allem jüngere und gut ausgebildete Menschen eher der nächsten Großstadt zuneigen, ist unverkennbar. Von wenigen kleinen Randgebieten abgesehen ist das Blatt ein klassischer Monopolist. Natürlich gibt es auch hier die großen überregionalen Blätter, aber wer lokale und regionale Informationen haben will, kommt an unserer Musterzeitung nicht vorbei. Ihren höchsten Auflagenstand erreichte sie Ende der 80er-Jahre. Seitdem geht es sehr langsam, aber eben auch sehr kontinuierlich bergab. Nicht dramatisch, das. Und auch nicht über dem Durchschnitt liegend, irgendwo zwischen 1 und 2 Prozent pro Jahr. Die Rubrikenmärkte haben sich allerdings in den letzten Jahren beinahe in Luft aufgelöst. Seither verringert die Musterzeitung beständig ihre Umfänge und erhöht ihre Abopreise. Das Verhältnis zwischen Anzeigen- und Vertriebserlösen hat sich speziell in den vergangenen Jahren deutlich zu Lasten der Anzeigenerlöse gewandelt. Soll heißen: Der Anteil der Vertriebserlöse ist deutlich gestiegen. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht.

Natürlich betreibt unsere Musterzeitung ein Onlineangebot. Sogar schon vergleichsweise lange. Und nicht mal ganz schlecht. Es ist sicher nicht gerade state of the art, aber umgekehrt hat man auch schon sehr viel schlechtere Angebote gesehen. Das Angebot steht auch deshalb bisher ganz stabil da, weil es, im Gegensatz zu anderen Regionen, noch keine hyperlokalen Angebote gibt, mit denen es konkurrieren müsste. Zudem gibt es auch eine Smartphone-App. Über eine App für Tablets wird nachgedacht, bislang aber gibt es noch keine. Immerhin aber kann man die Musterzeitung auch digital als PDF kaufen.

Die Chefredaktion

Unsere Musterzeitung hat eine mehrköpfige Chefredaktion, die auch als Musterchefredaktion einer Regionalzeitung durchgehen könnte. Mehrheitlich stammen ihre Mitglieder aus der Region und sind großteils auch Eigengewächse des Hauses, die Land, Leute und ihr eigenes Haus aus dem Effeff kennen. Oder wenigstens: kennen sollten. Sie alle sind klassische Zeitungsmacher. Erfahrungen in anderen Medien oder auch anderen Häusern besitzen sie überwiegend nicht. Der Chefredakteur würde keinesfalls bestreiten, dass das Internet wichtig ist, hat aber keinerlei Expertise in diesem Bereich. Böse Zungen in der Redaktion behaupten, sein digitales Können ende beim Schreiben einer Mail. De facto also kümmert er sich um die Zeitung. Für das Onlineangebot gibt es einen eigenen Verantwortlichen, der aber weder in die Chefredaktion noch in andere relevante Entscheidungsstrukturen des Hauses eingebunden ist.

Die inhaltliche Vorgabe der Chefredaktion ist ebenfalls deutlich. Klassisch-konservativ. Der Mantel steht vorne. Die Lokalteile sind im Regelfall im letzten Buch. Es gibt im Mantel Seiten für das Bundesland und die dortige Region. Dort können immer wieder Themen aus den jeweiligen Lokalredaktionen untergebracht werden. Zudem hat die Chefredaktion in den vergangenen Jahren auch immer wieder versucht, Themen mit regionalem Bezug zu kommentieren. Dennoch dominiert in den Kommentaren die große Politik.

Die Redaktion

Man tut der Redaktion gewiss nicht unrecht, wenn man sie als eine Art Zweiklassen-Gesellschaft bezeichnet. Es gibt die Minderheit der Mantelredakteure, die sich selbst statusmäßig eindeutig über den Lokalredakteuren ansiedelt, obschon letztere nicht nur die Mehrheit stellen, sondern auch jeden Tag das Kerngeschäft stemmen. Das allerdings ist das journalistische Schwarzbrot, wirkliche Meriten verdient man sich im Haus damit allen gegensätzlichen Beteuerungen zum Trotz aber nicht. Wer was werden will, sieht zu, dass er in den Mantel kommt. Wer länger als zehn Jahre im Lokalen sitzt, kann sich fast sicher darauf verlassen: Da bleibt er dann auch.

Der Kern der Redaktion ist schon lange dabei. 20, 25 oder 30 Jahre Betriebszugehörigkeit sind keine Seltenheit. Daneben gibt es Volontäre und jüngere Redakteure, wobei in den letzten Jahren aber zwei Trends auffällig geworden sind. Zum einen: Volontariate bei der Musterzeitung sind bei weitem nicht mehr so begehrt, wie sie es einmal waren. Es ist auch schon vorgekommen, dass Volo-Planstellen mangels geeigneter Kandidaten nicht besetzt werden konnten. Hinter vorgehaltener Hand beklagt sich die Redaktion auch schon mal darüber, dass die Volontäre, die in den letzten Jahren im Haus waren bzw. sind, bei weitem nicht mehr die Qualität haben, die sie früher hatten. Als Ursache sieht auch die Redaktion vor allem, dass ein Regionalzeitungs-Volontariat für eine digital aufgewachsene Generation nicht mehr so richtig sexy ist. Daraus resultiert auch ein zweiter Trend: Im Gegensatz zu früher verabschieden sich Volontäre gerne nach ihrer Ausbildung oder nach kurzem Aufenthalt als Jungredakteur. Die Gewissheit, während der Volontariate auch die Belegschaft der Zukunft auszubilden, existiert nicht mehr.

Ob die Redaktion überaltert ist, ist sicher Auslegungssache. Fakt aber ist: Das Durchschnittsalter in der Redaktion unserer Musterzeitung liegt bei deutlich über 40. Im Kern arbeitet sie schon viele Jahre zusammen und hat auch nur in den seltensten Fällen Zuwachs von außen. Den meisten in der Redaktion ist auch anderes klar: Zum einen haben sie sehr häufig feste Wurzeln in der Region geschlagen und wollen von dort auch gar nicht mehr weg. Zum anderen ist ihnen – auch dadurch bedingt – durchaus klar, dass ihre beruflichen Perspektiven eingeschränkt sind. Wer 15 oder 20 Jahre im selben Laden und zudem aus privaten Gründen weitgehend ortsgebunden ist, kann sich leicht ausrechnen, welche berufliche Möglichkeiten er hat – noch dazu in einer Region, in der es zumindest für den Journalisten-Job so gut wie keine Alternativen gibt. Dazu sind in den vergangenen Jahren diverse interne Dinge passiert, die das Verhältnis der Redaktion zu ihrem Arbeitgeber nicht unbedingt gefördert haben.  Wenn man also von einer mäßig motivierten Redaktion spricht, tut man niemandem Unrecht.

Diese mäßige Motivation führt auch dazu, dass das Interesse an digitalen Themen wenig ausgeprägt ist. Und selbst dann, wenn die Motivation besser wäre, ist die viel geforderte Crossmedialität in der Praxis kaum umzusetzen. In vielen Redaktionen ist das Personal so ausgedünnt, dass zusätzliche Beiträge für digitale Kanäle in der Praxis nicht machbar sind. Oder aber: nur unter erheblichem zeitlichen Mehraufwand. Den will der Verlag zum einen aber nicht vergüten, zum anderen – siehe Motivation…

Dazu kommt, dass auch die Expertise von Chefredaktion und Geschäftsführung in Sachen Online kaum vorhanden ist. Weder existiert digitaltaugliches Equipment, noch gibt es inhaltliches Know-how. Einige wenige Versuche beispielsweise mit eigenen Videos führten nicht gerade zu Begeisterungsstürmen. Weder in der Redaktion noch bei den Lesern. In den sozialen Netzwerken ist die Redaktion zwar vertreten, das aber eher pflichtschuldig. Wirkliche Interaktion findet kaum statt. Beiträge auf der Facebook-Seite bringen es angesichts dessen nur selten auf mehr als zwei oder drei Kommentare. Der Twitter-Account schafft es auf einen Bruchteil dessen, was in Deutschland echte Netzgrößen haben; von einer fünfstelligen Followerzahl ist man weit entfernt.

In den meisten Lokalredaktion regiert der Terminjournalismus. Nicht etwa, weil die Redakteure dort nicht wüssten, dass und wie es auch anders ginge. Es ist die schlichte Personalnot, die die meisten Eigeninitiativen verhindert. Häufig müssen nominell drei oder vier Leute sowohl ihre Stadt als auch die umliegenden Gemeinden betreuen. Nominell drei oder vier bedeutet in der Praxis: Manchmal ist man wochenlang zu zweit. Urlaub, Krankheit, Weiterbildungen (doch, das gibt es manchmal noch), Abbau freier Tage von den Wochenenddiensten. Bei zwei Leuten kann man sich schnell ausrechnen, welche Möglichkeiten man noch hat, einen Lokalteil zu gestalten: die wichtigsten Termine wahrnehmen, Fremdtexte redigieren, Blatt machen – das war´s. Nicht sehr viel anders ist die personelle Lage auch in den größeren Lokalredaktionen. Und auch im Mantel nicht. Was dort wiederum bedeutet: Die dpa dominiert das Blatt, alles andere ist eine nette Zugabe, aber nur an guten Tagen oder zu besonderen Anlässen machbar.

Die Geschäftsführung

Besteht aus klassischen Verlagsleuten. Die ihr Kerngeschäft vermutlich sogar einigermaßen gut beherrschen, aber auf die Herausforderungen der Digitalisierung keine echten Antworten haben. Die Strategie der letzten Jahre bestand deshalb in den vergangenen Jahren vornehmlich aus Kostensenkungen. Eine eigene Stabsstelle für digitale Strategien und/oder Innovationen existiert nicht; darüber wird aktuell auch nicht nachgedacht.

Die Anzeigenabteilung

Ein beträchtlicher Teil der Menschen, die inzwischen „Mediaberater“ genannt werden, wird auf Provisionsbasis bezahlt, zumindest teilweise. Nachdem sich diese Provisionen an den Verkaufspreisen bemessen und diese immer noch bei Printanzeigen ungleich viel höher sind als bei Onlinewerbung, kann man sich leicht ausrechnen, wie groß das Interesse der Mediaberater ist, auch weiterhin in erster Linie die gute alte Anzeige zu verkaufen. Davon abgesehen hat der Verlag bisher online auch kaum wirklich lukrative Angebote in petto. Zumal auch bei der Anzeigenabteilung gilt: Die allermeisten von ihnen sind klassische Printmenschen, für die online bestenfalls noch ein Zusatzgeschäft ist.

Das Publikum

Drastisch gesagt: Vorne stirbt es aus, hinten kommt fast nichts mehr nach. Die klassischen Leserverluste sind nicht die, bei denen jemand empört oder wenigstens unzufrieden das Blatt abbestellt. Die meisten Leserrückgänge passieren inzwischen viel unspektakulärer: Jemand stirbt oder kann aus anderen altersbedingten Gründen die Zeitung nicht mehr lesen.  Doch wo früher schon wie selbstverständlich die nächste Lesergeneration parat stand, die von Oma und Opa das Abo quasi übernahm, ist heute – nichts mehr. Gerade das jüngere Publikum erachtet die Lokalzeitung zunehmend als verzichtbar; nicht nur, aber auch aus Kostengründen. Dazu kommt, dass es zunehmend mehr junge Leser gibt, die schlichtweg mit dem Datenträger Papier nichts mehr anfangen können. Zumal auch jüngere Themen angesichts der Altersstruktur in der Redaktion kaum gemacht werden und sich jüngere Leser somit zunehmend weniger im Blatt wiederfinden.

Das Fazit

Wie gesagt, seine Schlussfolgerungen darf aus dieser Bestandsaufnahme jeder selbst ziehen.  Ich habe mich intensiv bemüht, auch auf der Haben-Seite unserer Musterzeitung einiges zu entdecken. Ich habe aber beinahe nichts gefunden. Aber vielleicht sehe ich das ja auch nur zu düster. Wer mehr als ich auf der Haben-Seite sieht: In den Kommentaren ist noch reichlich Platz dafür.

Den Spiegel vorgehalten

Spiegel 3.0 oder doch alles wie gehabt? Der Showdown in Hamburg steht sinnbildlich für eine ganze Branche. Weil sie durch die Debatten dort selbst einen Spiegel vorgehalten bekommt…

Natürlich ist es immer ein ganz besonderes Spektakel, wenn es beim „Spiegel“ um Köpfe geht. Vor allem wenn es der des Chefredakteurs ist. Der „Spiegel“ hat eine ganz besondere Begabung für Drama. Und wenn sie in Hamburg gerade mal wieder Drama-Tage haben, dann schaut nicht nur Mediendeutschland hin. Das ist auch diesmal nicht anders, zumal Wolfgang Büchner der ganzen Sache einen ganz besonderen Thrill gegeben hat: Das ist so ein bisschen wie „High Noon“, was sie da gerade an der Ericusspitze spielen. Für Medien und ihre Journalisten ist das ein ganz besonders gefundenes Fressen, weswegen die Medienressorts momentan von zwei Fragen dominiert sind: Wie lange macht´s der Büchner noch? Und ist das nicht sensationell, wie der „Spiegel“ das Thema digitale Transformation einfach nicht gebacken bekommt?

Dabei ist der „Spiegel“ in dieser Digitalgeschichte gar kein spezieller Einzelfall. Er steht vielmehr stellvertretend dafür, wie ungeheuer schwer sich die ganze Branche immer noch damit tut, die Grundlagen für eine gesicherte digitale Zukunft zu schaffen. Besonders lustig ist es dann, wenn Michael Hanfeld in der FAZ mutmasst, diese ganze Sache in Hamburg könne noch ein böses Ende nehmen. Das eigene Haus hat unterdessen gerade im zweiten Jahr in Folge bemerkenswerte Millionenverluste geschrieben und als Vorreiter einer plausiblen Digital-Strategie haben sie sich in Frankfurt bisher auch noch nicht hervorgetan. Dass dort mittlerweile ein gewesener Spiegel-Chefredakteur die digitalen Geschäfte managt, ist eine hübsche Fußnote. Man müsste den Herrn Müller-Blumencron mal fragen, ob er sich in Frankfurt wirklich wesentlich leichter tut als in Hamburg. Von außen betrachtet müsste man vermutlich sagen: nein.

Beim Verlagsriesen Funke in Essen haben sie zwischenzeitlich nicht nur eine Unit für digitale Projekte gegründet, sondern gleichzeitig auch noch jemanden berufen, der sich um „Innovationsmanagement“ kümmern soll. Das ist als Idee grundsätzlich nicht zu kritisieren. Man würde nur gerne anmerken, dass wir mittlerweile 2014 haben und die Idee einer Stabsstelle für Innovationsmanagement im Jahre 20 der Digitalisierung ganz sicher keine Sekunde zu früh kommt.

Im Gegenteil: Bei Funkes sind sind sie zwar vielleicht ein bisschen spät dran, immerhin aber haben sie jetzt so etwas. Das ist immer noch eher die Ausnahme denn die Regel, was man auch an der Tatsache ermessen kann, wie aufgeregt die Branche hyperventilierte, als die SZ in diesem Jahr ihren Online-Chefredakteur zum Mitglied der Chefredaktion machte. Das war ganz sicher eine kluge Entscheidung, noch dazu, wo man mit Stefan Plöchinger einen der Besten der Branche im Haus hat. Trotzdem ist es verblüffend, dass eine solche Personalie immer noch so diskutiert wird, als wenn sich die SZ entschieden hätte, fortan in kyrillisch zu erscheinen. Weil es eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein müsste, sowohl das Thema Innovationen explizit zu besetzen als auch eine Online-Redaktion und eine Print-Redaktion irgendwie miteinander zu verzahnen. Davon sind die meisten, die sich jetzt gerade genüsslich über den „Spiegel“ hermachen, ziemlich weit entfernt. Wo sind sie denn, die Innovationsmanager, die exponiert positionierten Onliner in den deutschen Verlagshäusern?

Wie die Sache beim „Spiegel“ unterdessen ausgehen wird, weiß ich natürlich nicht. Ob der Chefredakteur nächste Woche noch Büchner oder vielleicht ganz anderes heißen wird, spielt allerdings auch nicht die entscheidende Rolle. Der „Spiegel“ muss über kurz oder lang zu einem digitalen Gesamtpaket werden, das ist alles, was zählt. Bevor jetzt aber jemand von FAZ, Funke und all den anderen auf die Idee kommt „Ja, genau“ zu sagen – das gilt uneingeschränkt auch für alle anderen.

Spannende Tage also. Für den „Spiegel“. Und die ganze Branche.

Zeitung lebt – da, wo sich nichts ändert

Die Regionalzeitung lebt. An manchen Stellen sogar richtig gut. Dumm nur: Sie lebt nur noch überall da richtig gut, wo die Menschen kaum andere Alternativen haben. Mit Eigenleistung und Zukunftsfähigkeit hat das leider nichts zu tun.

Wir Niederbayern halten es ein bisschen so wie der gute alte Bernd Stromberg: Wir haben kein Problem mit Autoritäten, wir mögen es nur nicht, wenn uns jemand sagt, was wir zu tun und zu lassen haben. Deswegen machen wir manchmal Dinge, die einer gewissen Bockigkeit entspringen. Beispielsweise Menschen in Ämter zu wählen, obwohl dies erstens nicht den Konventionen entspricht und zweitens von „Autoritäten“ und anderen vermeintlichen Obrigkeiten nicht sehr gerne gesehen wird. Deswegen hat der Landkreis Regen im Bayerischen Wald vor nicht allzu langer Zeit jemanden ins Amt des Landrats gewählt, der so gar nicht den handelsüblichen Vorstellungen eines Landrats entspricht: Sozialdemokrat, bekennend schwul und noch nicht mal 30 Jahre alt. Das besondere an den Niederbayern ist, dass dies noch lange nicht bedeutet, dass sie nicht doch im Tiefsten ihres Herzens stockkonservativ sind. Der Landkreis Regen ist ansonsten immer noch eine sichere Bank für den Dreiklang CSU, Kirche – und Presse.

Das muss man wissen, bevor man sich die folgende Meldung zu Gemüte führt: Die Passauer Neue Presse gehört zu den erfolgreichsten Regionalzeitungen Deutschlands. Zumindest mit ihrer Lokalausgabe in Regen. Dort lesen ungewöhnlich viele Menschen immer noch die Heimatzeitung. Mehr als in den allermeisten anderen Regionen Deutschlands. Vermutlich wird sich der eine oder andere in Passau stolz auf die eigenen Schultern geklopft haben. Und der eine oder andere Blattmacher im Land auch: alles Unkenrufe, diese digitalen Untergangspropheten, oder?

Zumal eine Analyse im Branchendienst „Meedia“ auch noch etliche andere Regionen zutage gefördert hat, in denen die Regionalzeitungen immer noch sehr gut dastehen. Wenn man sich zudem vor Augen führt, dass vor allem die größeren unter den Regionalzeitungs-Verlagen immer noch sehr anständige Umsatzrenditen erwirtschaften, über die sich viele andere Branchen freuen würden, kann man es sich also leicht machen und den Veränderungsaposteln ein elegantes „Was wollt ihr eigentlich“ entgegen schleudern.

Eher ungewollt zeigt die Meedia-Analyse aber genau das Kernproblem auf: die mangelnde Zukunftsfähigkeit. Denn egal, ob es der Landkreis Regen ist oder irgendeine Region im Norden, über die ich nicht sehr viel weiß, das Grundmuster ist immer verblüffend ähnlich. Stark sind die Lokalblätter vor allem da, wo es zum einen einen gewissen Strukturkonservatismus gibt und wo zum anderen die Menschen auch gar keine großartigen anderen Alternativen haben. Der Landkreis Regen war schon immer eine PNP-Bastion, auch bedingt durch die Tatsache, dass es dort keine andere Tageszeitung gibt. Auch im Landkreis Straubing-Bogen, in dem der Neu-AZ-Verleger Martin Balle residiert und der ebenfalls zu den Hochburgen der Regionalzeitungen gehört, ist das nicht anders. Das „Straubinger Tagblatt“ gehört seit jeher zum CSU-Kirche-Presse-Dreiklang, der Landkreis ist ein sicherer Garant für CSU-Ergebnisse jenseits der 60-Prozent-Marke und die Kirche muss man dort nicht im Dorf lassen, weil sie nie weg war. Das ist im Übrigen nicht spöttisch gemeint und auch nicht böse: Ich bin in Straubing geboren und würde mich nur ungern selbst in die Pfanne hauen.

Aber die vermeintliche Jubelmeldung hat eben auch ihre eindeutige Kehrseite. Weil sie zeigt, dass überall da, wo die mediale Zukunft schon ein bisschen weiter fortgeschritten ist, das Modell Tageszeitung auf dem Rückzug ist. Und dass es im umgekehrten Fall zum einen die Trägheit der Massen ist, die sie vor einer größeren Kross vorerst noch bewahrt. Und zum anderen die Monopolstruktur, die in vielen Regionen Deutschlands noch herrscht, wenn es um lokale Medien geht. In rund 80 Prozent des Landes gibt es eben nur die eine lokale Tageszeitung – da existiert dann auch nur die Wahl zwischen einer oder keiner Zeitung, was keine so richtig gute Wahl ist. Strukturwandel geht an manchen Stellen schneller und in Regen und in Straubing und irgendwo im flachen Norden etwas langsamer.

Was die Verlage an dieser Entwicklung erschrecken müsste: Bei all diesen Gründen, die ihren Niedergang an manchen Stellen verlangsamen, ist nicht ein einziger dabei, der irgendwas mit ihren verlegerisch-publizistischen Leistungen zu tun hat. Auch in Regen oder in Straubing oder irgendwo in Norddeutschland macht man nur ein etwas aufgehübschtes business as usual. Die Regener Ausgabe der PNP verkauft sich ja nicht deswegen so gut, weil sie eine Lokalzeitung ganz neuer und moderner Prägung ist. Sondern weil sie so ist wie sie immer gewesen ist. So ist das nun mal auf dem Land. Wenn ein Trend in Regen oder Straubing ankommt, darf man sicher sein, dass er in München schon lange tot ist.

Ein Trugschluss wäre es allerdings auch, sich einfach darauf zu verlassen, dass die Menschen auf dem Land einfach so weitermachen wollen und es schon alleine deswegen auch die nächsten Jahrzehnte genug Potenzial für das Blatt alter Prägung geben wird. Die Landflucht und der Bevölkerungsrückgang sind in vollem Gange, auch im seligen Bayern.

Mit am stärksten betroffen übrigens: der Landkreis Regen.

Digitale Dolchstoßlegende

Jetzt also der „Mannheimer Morgen“: 40 Arbeitsplätze sollen dort im Lauf der nächsten Zeit wegfallen, 20 davon in der Redaktion. Die Branche nimmt solche Nachrichten inzwischen schulterzuckend zur Kenntnis. „Nur“ 40 Jobs sind immer noch besser als die nächste Insolvenz. Und ist diese Sache mit der Zeitungskrise nicht ohnehin unvermeidbar in Zeiten des Internets, das alles kaputt macht? Dabei zeigt genau dieser fatalistische Gedanke, dass in vielen Häusern noch immer eine essentielle Sache nicht verstanden wurde: Das Netz ist nur Teil des Problems. Ein kleiner Teil zudem. Der viel größere ist in vielen Fällen: das eigentliche Produkt. Das Blatt. Ein Überbleibsel aus den 80er Jahren, das man jetzt irgendwie noch in die Neuzeit hinüber retten will.

Was denn? Nicht das Netz als Ursache, als digitaler Borkenkäfer für Zeitungen, der langsam aber beständig alles auffrisst, was zuvor in jahrzehntelanger Arbeit aufgebaut worden ist? Wenn man eine solche These vertritt, wird man gerne angeschaut als würde man behaupten, der einzig verdiente Weltmeister 2014 wäre eigentlich England gewesen. Selbst bei denen, die es betrifft: Natürlich ist das Netz schuld an der Misere, wer denn sonst? Als vor kurzem der Kölner Zeitungsforscher Andreas Vogel die These vertrat, die Online-Medien seien nur ein nachrangiger Grund für den Niedergang, erntete er neben dem Erstaunen naturgemäß auch einiges an Widerspruch. Dabei hatte man es sich doch gerade so bequem gemacht in der Kuschelecke der einfachen Erklärungen.

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Als wir zum letzten Weltmeister waren, hatten Zeitungen so viel Auflage wie noch nie in Deutschland. Die Zahlen näherten sich  der 30-Millionen-Grenze. Es gab noch keine Liveticker und kein Twitter und diesen ganzen anderen Kram, der in Beinahe-Echtzeit alles vorweg nahm, was eigentlich doch erst am nächsten Tag in der Zeitung stehen sollte. Davon abgesehen prophezeite ein gewesener Bundes-Kaiser damals gerade, die deutsche Mannschaft werde auf Jahre hinweg unschlagbar sei, weil zu dieser Weltmeister-Truppe jetzt auch noch der ganze Osten dazu komme. Damals wusste man allerdings auch nicht, dass neben dem Osten auch erst Berti Vogts und dann Erich Ribbeck kommen würden. Hätte man das eher gewusst, hätte vermutlich nicht mal der Kaiser einen solchen Firlefranz erzählt. Aber so ist das eben: Wie soll man schon wissen, was in der Zukunft wirklich passiert? Manchmal liegen sogar Beckenbauers hoffnungslos daneben.

Bei den deutschen Zeitungsverlagen hat damals zwar niemand behauptet, dass ihre Produkte über Jahre hinweg unschlagbar sein würden. Aber dass man in ernsthafte Probleme kommen könnte, das hatte man sich auch nicht gedacht. Wie auch, wenn man gerade auf dem Auflagengipfel steht?

Dabei – und damit kommen wir endlich zu dem Punkt, um den es eigentlich geht – hatte es schon viel früher die ersten Anzeichen gegeben, dass das mit der Unbesiegbarkeit ein Trugschluss sein könnte. Genau genommen: Schon Mitte der 80er-Jahrem also vor rund 30 Jahren, begannen die Auflagen zu stagnieren und leicht zu sinken. Es ist also einer der größten Denkfehler überhaupt, wenn man glaubt, dass erst ab den 90ern, irgendwann mit Beginn der Regentschaft von Berti Vogts, die Abwärtsspirale einsetzte. Tatsächlich begann die Bedeutung der Tageszeitung schon mit dem Beginn der privaten elektronischen Medien in Deutschland langsam zu sinken. Eine im Übrigen völlig nachvollziehbare Entwicklung: Je größer die Zahl der Angebote, desto geringer ist der Marktanteil der einzelnen Anbieter. Dass es in den 90er-Jahren noch einmal zu einem Auflagen-Höchststand mit über 27 Millionen kam, ist ebenso einfach und plausibel zu erklären: ein Sondereffekt der deutschen Einheit.

Seit 1991 aber kennen die Auflagenzahlen nur noch eine Richtung: nach unten. Nie dramatisch, ohne größere Veränderungen zudem. Aber eben auch: konstant und ohne jede Verlangsamung (einzige Ausnahme war das Jahr 2005, in dem die Auflagen stagnierten)

Statistik: Entwicklung der verkauften Auflage der Tageszeitungen in Deutschland von 1991 bis 2013 (in Millionen Exemplaren) | Statista
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1991? War da was (außer dass auch der deutsche Fußball sich in die Abwärtsbewegung verabschiedete)? Es gab kein www, keine Handys, keine Tablets. Keine sozialen Netzwerke, keine TV-Sender, die plötzlich ebenfalls um die Gunst der Zeitungsleser buhlten. Kurzum: Nichts hatte sich geändert, von Medienwandel keine Spur. Und trotzdem begannen die Zeitungen wieder, an Auflage und an Bedeutung zu verlieren. Da fällt es ein bisschen schwer, an die Geschichte vom bösen Netz zu glauben, das eine blühende Zeitungslandschaft ohne Voranmeldung gnadenlos zerstört. Das klingt ein bisschen nach der Geschichte einer digitalen Dolchstoßlegende.

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Am vergangenen Wochenende war ich mal wieder in Passau, was übrigens immer einen Besuch wert ist, wenn ich diese Empfehlung mal unaufgefordert aussprechen darf. Sieht man davon ab, dass Passaus Altstadt wirklich sensationell schön ist,  handelt es sich dabei um eine stinknormale Stadt mit knapp 50.000 Einwohnern, in der es seit gefühlt 200 Jahren eine einzige Tageszeitung gibt. Und weil ich gerade in der entsprechenden Laune war und noch etwas Zeit bis zu meinem Zug hatte, habe ich mir am Bahnhof eine Ausgabe gekauft (gerne geschehen, liebe Ex-Kollegen). Man muss die „Passauer Neue Presse“ einfach mögen. Zumindest dann, wenn man es mit Veränderungen nicht so sehr hat und an es zu schätzen weiß, wenn manche Dinge immer noch so sind wie früher. Die gute alte PNP jedenfalls sieht im Wesentlichen nicht sehr viel anders aus als 1991 und das journalistische Prinzip dahinter ist auch immer noch das selbe. Verändert hat sich allerdings,  dass es Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre immer wieder neue Jubelmeldungen auf der Titelseite gab: Heute mit neuer Rekordauflage! Unter Hinzurechnung aller erlaubten und halb erlaubten Mittel landete man kurzzeitig sogar über der Marke von 200.000 Exemplaren. Heute liegt man bei knapp 160.000 – und dass auch diese Zahl demnächst unterschritten wird, ist so sicher wie das Amen in den Passauer Kirchen.

Alleine diese Zahl müsste zu denken geben: ein Auflageverlust von rund 40.000 Stück in gerade mal zwei Jahrzehnten. In einer Region, in der es ansonsten keine ernstzunehmenden Mitbewerber gibt, zumindest nicht im eigentlichen Kerngeschäft. Und auch hier fällt auf: Der Auflagenrückgang begann schon zu einer Zeit, in der man vom Netz noch nicht mal träumte.

Aber ist das wirklich ein Wunder? Das Produkt (regionale) Tageszeitung hat sich in sehr vielen Fällen bestenfalls etwas weiter entwickelt. Aber im Kern stammt es immer noch aus einer Zeit, die selbst für heute 30-Jährige weit entfernt ist. Das Prinzip ist immer noch: Wir fassen die große weite und die kleine lokale Welt auf 30 oder 40 Seiten zusammen (mit eintägiger Verspätung). Die Seite 1 sieht immer noch aus wie die „Tagesschau“ von gestern, inzwischen im Zuge der Evolution ab und an auch mit ein paar lokalen Einsprengseln versehen. Chefredakteure gefallen sich nach wie vor in der Kommentierung der neuesten Entwicklungen in Syrien. Danach kommt dann ein bisschen Politik, ein bisschen Wirtschaft, etwas mehr Sport und so mittelmäßig viel aus dem Lokalen. Das war noch ok zu einer Zeit, als Beckenbauer mit seinen Deutschen Weltmeister wurde. Aber damals war die Übertragung des Finales auch nach der Siegerehrung sofort vorbei und ein paar hupende Autos auf der Straße wurden schon als eine emotionale Aufwallung nationalen Ranges bewertet. 24 Jahre später jedenfalls kann man so nicht mehr Zeitung machen.

Am lustigsten war übrigens in diesem Zusammenhang die „Abendzeitung“ in München, die das legendäre 7:1-Halbfinale leider nicht mehr mitnehmen konnte und deswegen am nächsten Tag titelte: Immer mehr Senioren trinken. Als ich das gesehen habe, habe ich kurzzeitig überlegt, ob ich nicht auch zu saufen beginnen soll. Man erträgt dann manches eindeutig leichter.

Tatsächlich also ist es nur die eine Hälfte der Wahrheit, wenn jetzt verstärkte Investitionen in den digitalen Journalismus gefordert werden. Das funktioniert aber erst dann vernünftig, wenn man die andere Hälfte der Wahrheit auch kapiert: dass sich nämlich auch das eigentliche Kernprodukt ändern muss. Nicht in Form von ein paar mehr oder weniger hübschen Retuschen. Nicht mit geänderten Fonts oder ein bisschen mehr lokalen Inhalten im Mantel. Es nutzt ja nichts, wenn man ein adäquates Onlineprodukt abliefert und dazu eine Zeitung, die leicht abgestanden riecht.

Aber dazu müsste man eben erst einmal diese Erkenntnis haben. Die, dass es eben nicht das Netz ist, das es den Zeitungen so schwer macht. Sondern dass es die Zeitung selbst ist, die man sich gelegentlich etwas genauer anschauen sollte.

Der „Mannheimer Morgen“ jedenfalls, um wieder an den Anfang zurückzukommen, baut jetzt erst mal Stellen ab. Eine ziemliche beliebte Strategie in diesen Zeiten. Wenn man allerdings danach das gleiche Produkt nur mit ein paar Leute weniger macht, sollte man sich über nichts wundern. Nicht mal darüber, dass Fußball-Deutschland sogar die Jahre mit Erich Ribbeck überstanden hat.

Was allerdings dann auch wieder seinen Grund hat: Nach Ribbeck und Völler kamen radikale Reformer. Seit Sonntag könnte man sogar eine Ahnung haben, warum das eine gute Idee war.

Selbstenthauptung im Lokalen

Es gibt mal wieder eine neue Studie aus Dortmund. Eine, die sich mit der aktuellen Lage der Regionalzeitungen beschäftigt. Und das, was aus dieser Studie hervorgeht, müsste eigentlich alle Verlagsmanager tief beunruhigen. Nein, nicht wegen Auflagen und Umsätzen. Sondern wegen dem, was sich am Ende aus dieser Studie über ihre Zukunftsfähigkeit herauslesen lässt…

Es ist schon ziemlich lange her, genauer gesagt fast 30 Jahre, dass mir mein erster Chef immer und immer wieder eingetrichtert hat: Die Lokalzeitung wird wegen des Lokalteils gelesen. Schluss, aus. Das leuchtete mir durchaus ein. Und das, obwohl es damals sehr viel weniger Möglichkeiten für die Leser gab, an journalistischen Stoff außerhalb des Lokalen zu kommen. Ein paar Zeitungen, eine Handvoll Fernseh- und Radiosender und abends die „Tagesschau“, das war´s dann auch schon wieder. Trotzdem: Es konnte in der weiten Welt passieren was wollte, wirklich heftig und intensiv waren Leserreaktionen immer nur dann, wenn es irgendwas Aufregendes im Lokalteil gab (oder wenn wir mal wieder Fotos vertauschten oder irgendjemanden aus der Ehrengästeliste vergaßen zu erwähnen).

Ich erzähle solche Geschichten übrigens heute noch gerne Studenten oder Volontären. Und sie hören sie deutlich lieber als meine anderen Geschichten, glaube ich. Weil man mit solchen kleinen Episoden ganz einfach den Stellenwert des Lokalen aufzeigen kann. Sehr viel besser jedenfalls als mit irgendwelchen Zahlen, Studien oder, noch schlimmer, kommunikationswissenschaftlichen Theorien. Menschen wollen wissen, was daheim los ist, dann erst kommt alles andere. So einfach ist Journalismus manchmal.

Das heißt – so einfach könnte er sein. Man könnte eigentlich denken, dass beispielsweise Lokalzeitungen dieses ganz besondere Prunkstück, ihre eigentliche Daseinsberechtigung nämlich, nicht so einfach aus der Hand geben. Das tun sie aber zunehmend öfter. Kein Bauchgefühl (das natürlich auch), sondern auch in Zahlen nachweisbar. Das Dortmunder FORMATT-Institut hat in seiner zweijährlichen Untersuchung einen eindeutigen Trend festgestellt. Nämlich den, dass die deutschen Tageszeitungen am ehesten im Lokalen sparen (mehr zu den Ergebnissen drüben beim Universalcode). Vor allem in NRW hat sich ja in den letzten Jahren eine merkwürdige Form des Lokaljournalismus entwickelt: Es gibt Lokalausgaben, die nur noch den Mantel selbst herstellen und sich den Lokalteil vom Mitbewerber vor Ort befühlen lassen. Immer noch besser, als wenn die Ausgaben ganz dicht machen, argumentieren Verlage wie die WAZ dann gerne. Was wiederum nicht bedeutet, dass es nicht auch Ausgaben gibt, die ganz dicht gemacht werden.

Das ist mindestens erstaunlich. Weil es einer journalistischen Selbstenthauptung gleichkommt. Abseits von allen Debatten über Digital-Strategien ist das womöglich noch sehr viel gefährlicher als eher lieblos gemachte Online-Präsenzen. Das Lokale ist der große Trumpf der regionalen Zeitungen und es gibt vermutlich auch keinen einzigen Verlagsmanager, der das ernsthaft bestreiten wollte. Aber wenn wir das mal mit der Realität abgleichen: Hat eigentlich schon mal eine Meldung gelesen, dass eine Regionalzeitung ihren Aufwand im Mantel zurückfährt und dafür die Lokalredaktionen erheblich stärkt? Hat jemand mal gelesen, dass die Zeitung XY einen echten Top-Journalisten holt, der sich ausschließlich um die Lokalredaktionen kümmert? Das klingt beim Lesen vermutlich wie ein schlechter Witz, soll aber gar keiner sein. Natürlich wäre es großartig, wenn es in jeder Zeitung einen Stefan Plöchinger gäbe; also einen, der das Digitale nicht einfach nur als einen Internet-Auftritt begreift, sondern neue Formen des digitalen Journalismus zur alltäglichen journalistischen Kultur in einem Verlag einführt. Aber mindestens genauso bräuchte es in jedem Regionalzeitungs-Verlag einen, der den Lokaljournalismus behutsam stärkt und weiterentwickelt. Wenn er das auch noch mit einer Digital-Expertise koppelt, dann wäre dieser Mensch jemand, nach dem sich sämtliche Häuser dieser Republik alle Finger abschlecken müssten.

Ich weiß nicht, ob es so jemanden gibt. Aber selbst, wenn es ihn gäbe: Die Prognose ist nicht sehr gewagt, dass er trotz dieser Fähigkeiten keine allzu guten Jobchancen hätte. Die Investitionsbereitschaft ins Lokale ist immer noch verblüffend gering. Daran hat sich in den fast 30 Jahren, die ich jetzt in diesem Job arbeite, nicht sehr viel geändert. Was es gibt, sind immer noch sehr viele Lippenbekenntnisse und Sonntagsreden. Die Zahlen aus Dortmund sprechen eine andere und eine sehr deutliche Sprache.

Dazu kommt noch anderes: Der Beruf des guten, alten Lokalredakteurs bei einer Tageszeitung wird zunehmend unattraktiver. Es ist nicht nur der Kollege Ralf Heimann, der das sehr deutlich beschrieben hat. Es gibt inzwischen auch Chefredakteure und Geschäftsführer, die unverhohlen einräumen, dass es immer schwieriger wird, den Journalisten-Nachwuchs für einen Job in einer Lokalredaktion, womöglich noch irgendwo auf dem flachen Land zu begeistern.  Wer wirklich was drauf hat, vielleicht sogar noch im Netz fit ist, der wird vieles versuchen, aber nicht, auf Dauer als Lokalredakteur irgendwo zu arbeiten. Weil ihm klar sein dürfte, dass nicht nur der Job etwas fad sein könnte, sondern auch, dass die Zukunftsperspektiven nicht mehr unbedingt für ein ganzes Berufsleben tragen.

Wenn aber auf der einen Seite immer mehr gespart und reduziert wird und es auf der anderen Seite immer problematischer wird, gute junge Leute für diese Form des Journalismus zu begeistern – was soll dann aus den Regionalzeitungen mittelfristig werden? Vielleicht sollten wir darüber mal reden. Und nicht über das Internet, das Leistungsschutzrecht und überhaupt diese böse digitale Welt.

AZ: Die Rettung, die keine ist

Die Kollegen auf den Medienseiten haben am Dienstag jubiliert: Die ebenso traditionsreiche wie insolvente „Abendzeitung“ in München ist gerettet. Der niederbayerische Verleger Martin Balle („Straubinger Tagblatt“) hat das Blatt übernommen. Allerdings unterliegen die Kollegen einem Trugschluss: Seit Dienstag gibt es keine „Abendzeitung“ mehr. Es gibt nur noch ein Blatt, das so heißt.

Zunächst einmal die Fakten: Balle ist ab sofort Mehrheitseigner, daneben beteiligt sich der Anwalt Dietrich von Boetticher an der Übernahme. Die „Süddeutsche Zeitung“ vermutet, dass Balle nicht mal eine Million Euro für die Traditionszeitung bezahlen musste. Von den knapp 100 Mitarbeitern des Verlags will Balle nach eigener Aussage maximal 25 übernehmen. Nach Tarif werden sie nicht bezahlt werden, auch das hat der Verleger bereits deutlich gemacht. Mit dem zynisch-ehrlichen Hinweis, bei keiner seiner Zeitungen Tarif zu bezahlen. Bei seinen niederbayerischen Blättern begründet er dies gerne damit, dass dort ja auch die Lebenshaltungskosten nicht so hoch seien. Wie man in München mit einem untertariflichen Gehalt überlebt, hat Balle noch nicht erklärt.

Das Blatt soll gedruckt wie online weiterbestehen. Weil das mit 25 Leuten naturgemäß nicht wirklich gut funktionieren kann, will Balle möglichst viel an Material aus seinem „Straubinger Tagblatt“ in der AZ unterbringen. Das „Straubinger Tagblatt“ ist also künftig eine Art „Mantelredaktion“ für die AZ – und da gehen die Schwächen der vermeintlichen Rettung bereits los. Das „Tagblatt“ ist eine extrem konservativ geprägte Heimatzeitung, deren Anspruch alles mögliche ist, nur nicht der, den die AZ mal hatte und den eine Großstadtzeitung generell haben muss. Und man tritt den Kollegen in Straubing auch ganz sicher nicht zu nahe, wenn man sagt: Das“Straubinger Tagblatt“ ist nicht gerade die erste Adresse, die einem einfällt, wenn man von einem journalistischen Profil und dem dazu gehörenden Anspruch spricht.

Davon abgesehen: Es ist ja nicht so, dass die Mantelredaktion in Straubing eine gut geölte Maschine für journalistische Inhalte ist. Politik und Wirtschaft bestehen zum allergrößten Teil aus dpa-Meldungen. Die kann man zwar auch in der AZ weiter verwursteln, aber wie soll ein Boulevard-Blatt aussehen, das aus Agenturmeldungen besteht?  Eigenen journalistischen Output liefern beim Tagblatt (neben den Lokalredaktionen) vor allem die Ressorts Niederbayern/Oberpfalz und der Sport. Für Niederbayern und die Oberpfalz wird sich aber in der Großstadt München ungefähr niemand interessieren, selbst wenn da plötzlich lauter Kisch-Preisträger in der Redaktion versammelt wären.

Der Sport vom „Tagblatt“ ist übrigens gar nicht mal schlecht. Aber seine Kernkompetenz besteht in erster Linie aus Eishockey und den „Straubing Tigers“. Was ja auch naheliegend ist: Der FC Bayern und die Fußball-WM liefern dpa, kein Mensch in Niederbayern kauft auch nur eine Zeitung mehr, weil ein Straubinger Sportredakteur in der Allianz Arena vor Ort ist. Was aber sollen dann die Sport-Kollegen aus Straubing der AZ zuliefern? Gerade der Sport wird in München bei fünf (!) Tageszeitungen vor Ort durch die kleinen Geschichten entschieden, die man nur hat, wenn man täglich präsent ist. Vielleicht sollte sich Verleger Balle mal einen Tag an den Trainingsgeländen vom FC Bayern und dem TSV 1860 gönnen. Und sich dann mal fragen, warum da wohl jeden Tag bei jedem Dreckwetter und selbst bei Nicht-Anlässen Reporter von AZ, tz und Bild München rumlungern. Bei tz und „Bild“ werden sie sich vor Lachen auf die Schenkel klopfen, wenn sie künftig dieses Terrain für sich alleine haben, während in der AZ nette Storys über das Straubinger Eishockey und dpa-Geschichten über den Rest stehen.

Behalten will Balle das Lokale und das Feuilleton. Also, nur das, was man zum Überleben dringend braucht. Was Balle allerdings nicht hat: ein journalistisches Konzept. Eine Idee, was eine AZ der Zukunft ausmachen könnte. Balles Konzept zur Rettung besteht in erster Linie aus: sparen. Die AZ wird aus ihren bisherigen Räumen ausziehen, er druckt das Blatt künftig (in einem kleineren Format) in wesentlich geringerer Auflage selber. Und Arno Makowsky als Chefredakteur wird gehen. Natürlich ist das Reduzieren von Kosten in der jetzigen Situation unabdingbar. Aber wenn es das einzige ist, was Balle zu bieten hat, dann kann man sich das Ende des von Balle vorläufig auf ein Jahr begrenzten Experiments schon jetzt vorstellen. Wer übrigens sehen will, wie eine Zeitung aussieht, deren wesentliches Credo es ist, möglichst billig hergestellt zu werden: Nach einem Probeabo des „Straubinger Tagblatts“ wissen Sie es.

Natürlich hat Balle erzählt, was aus seiner Sicht inhaltlich mit der AZ passieren soll. Eine Art familien- und heimatfreundliches Boulevardblatt soll daraus werden, stellt er sich vor. Da würde man ihm wünschen, sich vorher mit dem Publikum in München auseinandergesetzt zu haben. Natürlich ist familienfreundlich immer toll, aber ob das ausgerechnet in Deutschlands Single-Hauptstadt eine wirklich probate Idee ist? Und heimatfreundlich? Für seine niederbayerischen Blätter hat Balle schon des öfteren postuliert, es sei nicht ihre journalistische Aufgabe, ständig jemandem weh zu tun. Mag sein, dass das in Niederbayern so ist. Aber erstens ist München München und zweitens war die AZ immer dann gut, wenn sie gegen den Strom geschwommen ist. Oder anders, verlegerfreundlicher formuliert:  wenn sie mal jemandem wehgetan hat. Insbesondere denen, denen das tiefschwarze „Tagblatt“ ausgesprochen ungern wehtut und es deshalb auch nie tut.

Dazu kommen Voraussetzungen, für die Balle nichts kann. Aber die er kennen müsste, wenn er sich auf den Münchner Markt traut. In München tummeln sich fünf Tageszeitungen, davon drei Boulevardblätter. Das alleine ist schon ein brutaler Wettkampf. Die AZ wird weiterhin diejenige bleiben, die die wenigsten Synergien mit anderen aufweisen kann. Vor allem auf dem Boulevardmarkt. Die tz profitiert von ihrer Stellung innerhalb des Verbundes der Ippen-Blätter und die Bild ist die Bild. Balle schafft jetzt tatsächlich ein paar Synergien. Aber er hat eben nur das „Straubinger Tagblatt“, die anderen gehören zu Deutschlands Verlagsriesen.

Und schließlich noch das: Die Abendzeitung hatte in den letzten Jahren einen ordentlich funktionierenden Online-Auftritt aufgebaut. Einen, der für ein lokales Angebot gute Abrufzahlen aufwies. Nicht umsonst dürften die anderen bisherigen Bieter für die AZ, insbesondere die SZ und die Ippen-Gruppe, ihre Angebote ausschließlich auf die Online-Ausgabe bezogen haben. Balle selbst hat es mit dem Internet nicht so sehr, weder persönlich noch strategisch. Und es dürfte kein Zufall sein, dass Balle seine Übernahme der AZ vor allem damit begründet, dass er an Print glaubt und ein entsprechendes Zeichen setzen wolle. Von Online war keine Rede.

Nein, diese Rettung der AZ ist keine. Sie hat nur ihr langsames Sterben verzögert.

Der „Spiegel“, das SAT 1 der Magazine

Man muss sich das vermutlich so vorstellen: Beim „Spiegel“ haben sie in Wirklichkeit zwei Redaktionen. Eine für die harten Themen und eine für Rückenschmerzen, Tatort und  alles mit Hitler. Eine Redaktion darf immer dann ran, wenn man einen echten „Spiegel“ machen will. Die andere macht das Heft, wenn man das Gefühl hat, man bräuchte mal wieder Kiosk-Verkäufe.

In dieser Woche war wieder die Kiosk-Redaktion dran:

300

Ganz im Ernst kommt mir der „Spiegel“ seit geraumer Zeit vor wie das SAT 1 der Magazine: Vor lauter Neupositionierung wissen die langsamer selber nicht mehr, wofür sie eigentlich stehen.

Und, ach ja, bevor Sie sich durch den Titel mühen, hier das tl,dr: In Deutschland schauen viele Menschen gerne den Tatort, obwohl der Tatort nicht jedesmal gut ist.

Die Wundertüten kommen ans Ende

Vor drei Wochen hat der „Spiegel“ eine Titelgeschichte von Cordt Schnibben und die Nazi-Vergangenheit seines Vaters gemacht. Vor zwei Wochen befasste sich der Titel damit, dass es angeblich immer mehr Menschen gibt, die mit über 40 Eltern werden. In dieser Woche fragt sich der „Spiegel“ auf dem Titel, ob es womöglich bald wieder Krieg in Europa gibt (Antwort: vermutlich eher nicht).

Die Kollegen vom „Stern“ haben zwischenzeitlich eine Titelgeschichte über veganes Leben gemacht. Davor gab es Titel über alles Mögliche, ich weiß nur nicht mehr genau, was es war. Was der „Focus“ getitelt hat, weiß ich beim besten Willen nicht mehr, im Zweifelsfall könnten es ein paar Listen gewesen sein oder auch Gesundheitstipps.

Das steht hier, weil es vergangene Woche eine interessante Meldung zum Thema Auflagen gegeben hat. Demnach geht es den Zeitschriften in Deutschland auch nicht mehr unbedingt gut – auch den zweieinhalb publizistischen Flaggschiffen „Spiegel“, „Stern“ und „Focus“ nicht mehr. Zusammen mit dem seit Jahren anhaltenden Abwärtstrend der Tageszeitungen könnte man jetzt wieder in das übliche Lamento über den Niedergang von Printmedien anstimmen. Aber das wäre nur die halbe Wahrheit. Denn am Trägermedium alleine liegt es nicht, dass der Journalismus auf gedrucktem Papier zunehmend schwierigeren Zeiten entgegen geht.

Bleiben wir deshalb nochmal kurz beim „Spiegel“ – der „Stern“ hatte sich ja schließlich schon immer als eine gedruckte inhaltliche Wundertüte definiert. Natürlich kann man das schon machen: eine Woche mit Nazis aufmachen und dann wieder mit alten Eltern. Das ist schließlich über Jahrzehnte das Prinzip von Wochentiteln gewesen: Man bildet ungefähr alles ab, was in Deutschland und der Welt passiert, so ein wöchentlicher Welterklärer kann ja auch mal ganz nett sein. Nur: Braucht es den noch, wenn es alle diese Themen sehr viel umfangreicher auch im Netz gibt? Schafft man es wirklich, so unterschiedliche Interessen und Themen und damit auch Zielgruppen hinter einem einzigen Titel zu versammeln? Das ist ja auch die Frage, der sich die Tageszeitungen stellen müssen: Ist es ein Konzept, alles ein bisschen gut zu können, alles ein klein wenig anzureißen, nirgends aber in die Tiefe zu gehen?

Das Prinzip „Wundertüte“ kommt langsam an sein Ende. Das ist kein Problem, das Printmedien exklusiv für sich haben, auch das analoge TV beispielsweise steht zunehmend vor dem Problem, dass sich Nutzer die Inhalte, die sie wirklich sehen wollen, irgendwo rauspicken – und nicht warten, ob zwischen Nachrichten, Spielfilmen, Ratgebersendungen und Sportübertragungen möglicherweise auch mal eine Serie kommt, die sie interessiert. Man könnte auch sagen: Das Nutzerverhalten wird durch die unfassbaren Mengen, die es in der digitalen Welt gibt, zunehmend selektiver. Weil es gar nicht mehr anders geht.

Was können, was müssen Redaktionen tun? Sich eindeutig positionieren. Klare Haltungen einnehmen. Zur Community werden. Nein, nicht durch eine Facebook-Seite, sondern durch Kompetenz und Zugehörigkeit zu einem Thema, zu einem Lebensgefühl. Zugehörigkeit zu einer Community, das ist es, für was Nutzer im Zweifelsfall auch zu zahlen bereit sind.