Digitale Dauer-Erzähler

Es ändert  sich gerade mal wieder ungefähr alles: Journalismus ist auf dem Weg zu einer Art digitalem Dauer-Narrativ. Vor allem Bewegtbild und Realtime-Jornalismus spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Die ersten großen Branchen-Meetings sind vorbei, die re:publica 15 steht vor der Tür – eine schöne Gelegenheit also, das erste Quartal des neuen Jahres Revue passieren zu lassen. Erster spontaner Eindruck (außer dem, dass es wahnsinnig schnell gegangen ist, wie dieses erste Viertel von 2015 schon wieder vergangen ist): Kann es sein, dass sich das Medien-Rad gerade mal wieder noch einen Tick schneller dreht? Dass es noch schneller geht, dass neue vermeintliche Trends entstehen und sich dabei gerade wieder eine völlig veränderte Welt entwickelt, selbst dann, wenn man in diese Überlegung noch einen deutlich dämpfenden Hype-Faktor einrechnet? Sicher ist zumindest so viel: Wer sich bisher mühevoll vorgearbeitet hat in eine digital-crossmediale Welt, der läuft gerade Gefahr, den Anschluss schon wieder zu verlieren. Tatsächlich liegt das allerdings nicht an uns Journalisten alleine; wir sind ja schon froh, wenn wir bei diesen ganzen Entwicklungen irgendwie hechelnd Schritt halten können. Stattdessen verändern sich aktuell ein paar Parameter, weil die beiden großen Trendsetter dieses digitalen Planeten gerade wieder an ein paar Stellschrauben drehen: die großen Konzerne und die User.

Zusammen genommen leider ein Gemisch, das in den nächsten Monaten dafür sorgt, dass sich die Medienwelt massiv verändert. Und dass wir einmal mehr vor etlichen unbeantworteten Fragen stehen.

Social Video: Die neue Rolle des Bewegtbilds

Bewegtbild, das hieß ganz früher: Fernsehen. Dann hieß es eine Zeit mal: Fernsehen im Web (aka: Mediathek). Inzwischen gibt es auch noch die schöne Gattung „Webvideo“, eine Art Fernsehen im Web, das auf keinen Fall wie Fernsehen aussehen darf. Doch inzwischen gibt es ein paar neue „Sender“, bei denen Bewebtbild entweder die Hauptrolle spielt oder zumindest doch eine sehr dominierende Funktion bekommt. Facebook, Instagram, Twitter und natürlich das aktuell allgegenwärtige Meerkat: Das bewegte Bild spielt inzwischen eine Rolle, die man sich noch vor wenigen Jahren kaum hätte vorstellen können. Und: Bewegtes Bild verlässt seine bisherigen Formatierungen. Der gebaute 1.30-Beitrag steht im Netz plötzlich neben dem 15-Sekünder von Instagram. Was nicht bedeutet, dass das eine besser und das andere schlechter ist. Es ist nur: anders. Die Frage, was Journalisten mit einem 15-Sekunden-Video oder mit der Möglichkeit, von irgendwoher auf der Welt jetzt irgendwas zu streamen, anfangen können, bleibt naturgemäß noch offen. Sicher ist nur: Wenn beispielsweise Instagram inzwischen gerade bei einem jüngeren Publikum zu den wichtigsten sozialen Netzwerken zählt, dann wäre es fahrlässig, sich nicht ein paar Gedanken darüber zu machen, wie man damit umgehen will. Sowohl, was den Kanal als auch das Format des 15-Sekunden-Videos angeht.

Zumal das „soziale“ Video auch wegen seiner Verbreitungswege ganz anders tickt als das frühere Bewegbild. Sozial heißt, dass es sich viral verbreitet, dass es in sozialen Kanälen ebenso geteilt wird wie es auf Handys verschickt wird. Wenn sich Journalismus also auch auf diesen Kanälen abspielen soll, dann brauchen wir auch die entsprechenden Inhalte. Und eine Idee, wie mir mit dem Phänomen des „social Video“ umgehen.

Mehr zum Thema

Ich habe am Dienstag bei der BLM in München einiges genau zu diesem Thema erzählt. Im Video gibt es das hier:

Danach gab es dann eine Diskussion mit Julia Bönisch (süddeutsche.de), Martin Wanninger (PNP), Christoph Neuberger (LMU München), Lucian Kim (Freelancer) und Benjamin Ruth (VICE Germany). Die verlief dann so:

Eine Audio-Zusammenfassung gibt es beim Kollegen H.R.Bruns.

Funktionieren auf allen Kanälen

Bevor irgendjemand mich daran erinnert: Ja, ich habe mal ein Buch geschrieben, das den Titel „Crossmedia“ trägt. Aber das ist erstens schon ein paar Tage her und zweitens ist es ja auch nicht so, dass ich den grundsätzlichen Inhalt dieses Buchs widerrufen müsste. Das Prinzip „Crossmedia“ existiert immer noch, hat seine Berechtigung und wird auch weiterhin seinen Platz haben. Es hat nur seine generell Bedeutung verloren. Vor ein paar Jahren war grossmediales Publizieren für uns der Inbegriff des digitalen Storytellings, obwohl es in Wahrheit schon immer ein eindimensionales Prinzip war. Eines, das davon ausging, dass man einfach noch ein bis zwei Zusatzinhalte für irgendwas schafft, diese Dinge miteinander vernetzt und damit eine Art journalistische Erlebniswelt schafft.

Das ist immer noch ok so – und ich würde nie beispielsweise einem Zeitungsredakteur abraten wollen, wenn er zu einem guten Text noch (beispielsweise) ein Video hat. Aber inzwischen haben die verschiedenen Kanäle im Netz ein Eigenleben entwickelt. Eines, das die frühere Charakteristik, das man dort noch ein paar Zusatzinhalte finden könnte, weit hinter sich gelassen hat. Mittlerweile gibt es im und für das Netz derart viele unterschiedliche Kanäle, Plattformen und Darstellungsformen und zusätzlich auch noch Endgeräte, dass es völlig unmöglich ist, den einen netztauglichen Inhalt definieren zu wollen. Das gilt auch für den einen Nutzer, die eine Nutzungssituation und überhaupt alles andere, was sich irgendwie pauschalisieren ließe. Journalismus muss also auf allen Kanälen funktionieren, zumindest auf allen für ihn relevanten. Herauszufinden, welche das sind, ist die eine Aufgabe (da wird jeder für sich möglicherweise zu sehr unterschiedlichen Resultaten kommen). Herauszufinden, wie solche Kanäle funktionieren, ist das andere. Ich weiß, es klingt banal, aber tatsächlich muss man sich mit einem Kanal, auf dem man reüssieren will, auch mal auseinandersetzen. Ich schreibe das hierhin, weil sich diese banale Erkenntnis noch nicht überall durchgesetzt hat. Was ja irgendwie dann auch wieder erstaunlich ist: Jeder Sender, jeder Verlag, der ein neues Produkt lancieren will betreibt vorher ausführliche und teure Marktforschung.  Im (sozialen) Netz gilt häufig immer noch das Prinzip: Schau wir mal, denn sehen wir schon. Und: Haben wir nicht noch einen Volo? Diese jungen Leute kennen sich doch aus mit diesem Facebook und sonstigem Netzkram.

Man kann das „transmediales Erzählen“ nennen. Muss man aber nicht, weil man bei einem solchen Begriff schnell eine akademische Debatte an der Backe hat. Nennen wir es also so: Journalismus ist ein Ding, das schon jetzt auf sehr vielen unterschiedlichen Kanälen gleichermaßen funktionieren muss. Und das ist etwas ganz anderes als „Crossmedia“. (Davon abgesehen empfehle ich neben dem „Crossmedia“ natürlich wärmstens den „Universalcode“, gerne auch als Webseite).

Jetzt! Journalismus bildet die Echtzeit ab

Was waren das noch für schöne Zeiten, als wir uns irgendwie auch als Chronisten unserer Zeit fühlen durften. Als diejenigen, die das Geschehen ihrer Zeit irgendwie niederschrieben und so eine Art Berichterstatter waren. Das alles sind wir heute zwar auch noch, wenngleich in einem ganz anderen Tempo und unter einem viel größeren Druck als in analogen Tagen.

Daneben aber kommt eine weitere Funktion hinzu, die keineswegs nur ein nettes Gimmick ist. Wenn wir heute von so etwas wie Echtzeit-Journalismus reden, dann geht es dabei ja nicht darum, schnell irgendwas Aufregendes aufgeregt in die Welt zu pusten. Sondern darum, eine Art Echtzeit-Welt zu beschreiben, so weit das möglich ist. Das ist eine mediale Zusatzfunktion, die sich nicht einfach im Aspekt der Schnelligkeit erschöpft. Tatsächlich wird niemand dauerhaft den Kampf um die User gewinnen, weil er eine Eilmeldung achteinhalb Sekunden vor allen anderen rausgebracht hat. Stattdessen zählen auch bei diesem vergleichsweise neuen Thema alte Werte: Einschätzung und Analyse, Kuration und Verifikation gehören zu dem Thema Echtheit-Journalismus genauso dazu, wenn man es wirklich ernst meint. Man auch das vermutlich so ausdrücklich dazu sagen, weil man bei vielen Debatten zu diesem Thema den Eindruck hat, als sei Echtheit-Journalismus so eine Art mediales Kart-Rennen, das der gewinnt, der am schnellsten ist. Dahinter steckt tatsächlich aber eine neue journalistische Kunstform, die weder in ihrer Bedeutung noch in ihrer Komplexität zu unterschätzen ist.

Alles so neu hier…

Natürlich, einzeln betrachtet handelt es sich bei diesen ganzen Geschichten um Phänomene, die man sich anschauen kann, aber nicht muss. Dahinter steckt jedoch mehr: eine Wandlung des tradierten Journalismus mit seinen vergleichsweise wenigen Darstellungsformen hin zu einer Art digitalem Dauer-Narrativ. Der Journalist als eine Art digitaler Geschichten-Erzähler und Begleiter durch einen langen Tag und eine vergleichsweise komplex gewordene Welt.

Meerkat und die Video-Zukunft

Ist Meerkat jetzt nur ein Hype oder doch das nächste große Ding? Egal. Entscheidend beim Thema Bewegbild im Netz ist eine ganz andere Frage…

meerkat-screenshot

Vermutlich war ich ungefähr der Einzige aus der halbwegs mit der digitalen Welt verbundenen Filter Bubble, der nicht (rpt: NICHT) auf der SXSW war. Das ist auf der einen Seite natürlich unverzeihlich uncool, auf der anderen Seite aber insofern nicht so schlimm, weil es dort offensichtlich nur ein Thema gegeben hat: Meerkat. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, wann mein Handy das letzte Mal so derartig oft gepiepst und vibriert hat wie in den letzten zwei Wochen. Irgendwann war irgendwo immer irgendjemand live und lustig war das ja auch irgendwie, Menschen beim Mittagessen in Austin oder auch nur in München zuzusehen.

Es ist also das selbe Spiel wie immer: Am Anfang steht irgendein Tool, das eine kommunikative Sache erheblich vereinfacht. Das Geniale an Meerkat ist ja nicht, dass die App Livestreaming kann. Das können andere schon länger. Dafür ist Meerkat so einfach wie es noch nie eine Streaming-App war. Man drückt ein Knöpfchen und man streamt live in die Welt. Erst wenn eine Sache so simpel ist, wird sie massentauglich (frag nach bei Apple).

Zu den Gesetzmäßigkeiten unserer digitalen Medienwelt gehört auch, dass es bei solchen Phänomen immer zwei Lager gibt: Die einen, die das nächste große Ding sehen und ihr Leben in diesem Fall fortan als einzige Livestream gestalten. Und die anderen, die davor warnen, dass ja bisher noch gar nichts gewonnen sei und so eine App ja erst mal zeigen müsse, wofür sie gut ist. Die dritte Gruppe, die der Kulturpessimisten, sei hier ausgenommen. Die schreibt demnächst Bücher, die vermutlich so schöne Titel wie „Die Echtzeit-Falle“ oder „Das Meerkat-Komplott“ tragen werden.

Die eigentlich interessante Frage bei „Meerkat“ ist dabei gar nicht, was man mit dem aktuellen Hype darum anfängt (der wird sich irgendwann auch mal wieder legen). Die Frage ist eher, wie sich Journalisten dem Thema „Bewegbild“ in Zukunft stellen wollen. Weil Bewegbild inzwischen eine andere Funktion hat als noch zu Zeiten des guten, alten Fernsehens: Bewegtbild ist ein Mittel dazu, weitgehend ungefilterte Momentaufnahmen des täglichen Lebens zu benutzen. Während ja Fernsehen häufig eher eine geschönte, geschnittene, aufpolierte, inszenierte Version des Lebens ist.

Die Frage bleibt dennoch: Und was machen jetzt Journalisten daraus?

Ob sich dabei „Meerkat“ durchsetzen wird, ist zweitrangig. Dafür spricht im Moment mindestens genau so viel wie dagegen. Wichtiger ist eine andere Sache:  Mit Instagram oder Twitter und natürlich auch Facebook haben die großen Social-Media-Plattformen mittlerweile die (Kurz-)Videos als einen wesentlichen Bestandteile ihrer Inhalte entdeckt. Videos in Echtzeit oder in einer Länge von 20, 30 Sekunden – das ist der eigentliche Inhalt um den es geht. Und die Frage: Braucht und will das auf Dauer wirklich jemand? Ich gebe zu, bei der Beantwortung nach dieser Frage selbst unentschlossen zu sein. Vor zwei Jahren hätte ich das noch als Nonsens-Spielerei abgetan. Inzwischen habe ich mich selbst oft genug dabei ertappt, kurze Videoschnipsel zu konsumieren (und sie manchmal sogar zu mögen).

Vergesst also die Debatte um „Meerkat“, dessen Reichweite aktuell ohnehin in unserer Filter Bubble Gefühl viel höher ist als in der echten Welt (Martin Weigert beschreibt das drüben bei t3n ganz gut). Was machen wir mit Bewegtbild im Netz, das mehr sein soll, als irgendwas Zufälliges? Das ist die Debatte der Zukunft.

Digital-Diät

Es begann mit „Foursquare“. Irgendwann öffnete sich mal wieder ein Fenster auf dem Smartphone, eine Push-Mitteilung erschien. Irgendjemand war irgendwo, und er schob sich damit in der Punktewertung wieder ein Stück nach vorne. In dem Moment beschloss ich, „Foursquare“ vom Handy zu löschen. Weil es mir so unsagbar lächerlich vorkam, was ich und andere da taten. Wir checkten an allen möglichen und unmöglichen Orten ein, ab und an hinterließen wir Tipps, was man wo machen kann. Und dafür bekamen wir Punkte, eine Art Hitparade – wer war am meisten unterwegs? Mehr digitales Posertum bei gleichzeitig kaum vorhandenem Nutzwert geht nicht.

„Foursquare“ war also der Auslöser, den ganzen digitalen Kram, mit dem ich mich in den letzten Jahren zugeschüttet hat, auf den Prüfstand zu stellen. Was war wirklich nutzwertig oder wenigstens unterhaltsam? Und was war neben dem unangenehmen Posertum zudem noch ein reiner Zeitfresser? Die Frage schien mir schon deshalb angemessen, weil ich auch ganz ohne „Foursquare“ irgendwann mal festgestellt habe, dass das Piepsen und Pfeifen, die Push-Mitteilungen, Nachrichten und sonstige gut gemeinte Einrichtungen anfingen, in das glatte Gegenteil umzuschlagen. Mir ging mehr Zeit verloren als ich sie gewann. Das ständige Piepsen und Pfeifen verführte mich dazu, zwar enorm viel an irgendwelchem Inhalt aufzunehmen. Aber dass ich mich danach schlauer, erleichterter oder wenigstens besser unterhalten fühlte, konnte ich nicht behaupten.

Und dieses Posertum, dieser Posertum! In den virtuellen Welten stellt sich immer gerade jemand zur Schau und ich könnte nicht behaupten, dass das immer nur angenehm ist. In Kombination mit Push-Meldungen und anderen hübschen Applikationen ergibt das dann einen kruden Mix: Die Push-Meldung ploppt auf und teilt mir mit, dass irgendjemand gerade bei McDonalds ist oder ein Foto von sich selbst gepostet hat.

Geht es bei solchen Spielzeugen überhaupt noch um irgendeine sinnvolle Info, eine gute Unterhaltung? Oder führt der digitale Overkill nicht letztlich dazu, dass das ganze Leben daraufhin überprüft wird, ob es auch post-fähig ist? Ich habe mir dann ein paar Timelines und Accounts diverser Menschen angeschaut (und mich selbst natürlich nicht davon ausgenommen), nur um dann festzustellen: Es gibt tatsächlich Menschen, die ihr Leben digitalgerecht zur Schau stellen. Bei denen wird man den Eindruck nicht los, dass sie ihren Tagesablauf danach richten, ob er auch ausreichend viele Posts bei Facebook, Check-In´s bei Foursquare und Retweets bei Twitter abwirft.

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Nachdem ich gerade so schön in Fahrt war, „Foursquare“ löschte, die Push-Benachrichtigungen deaktivierte und zudem zu dem Schluss kam, nur noch zweimal am Tag Mails zu checken bzw. zu beantworten und bei Messengern nur noch zu reagieren, wenn meine Töchter am anderen Ende sind (manche Zwänge sind einfach stärker, vor allem wenn sie 14 und 11 sind), kam dann auch mal mein Nachrichtenkomsum unter den Prüfstand. Ganz gezielt. Ich meine, ich habe nie zu denen gehört, die sich als News-Junkie bezeichnen. Alleine der Begriff schon: Ein Junkie zu sein, das ist ja nicht gerade etwas Gesundes. Und süchtig nach News? Och nö.

Trotzdem: So ein Smartphone, ein Tablet, ein dauerhafter Netz-Zugang, der verführt zum News-Konsum ungefähr so wie einen Alkoholiker zum Trinken, wenn immer frischer Nachschub im Kühlschrank steht. Aber weiß man wirklich mehr, wenn man sich mit einer Neuigkeiten-Attrappe beschäftigt? Nach einer Woche bewusstem Entzug (einmal morgens, einmal abends) dämmerte mir das, was mir bei etwas Nachdenken schon vorher klar sein hätte können: An den allermeisten Tagen entgeht einem nichts, sogar auf die daueraufgeregten „Eilmeldungen“ und „Liveticker“ kann man ganz gut verzichten. Was im Übrigen zwei interessante Effekte mit sich bringt. Der eine: Man kann sehr viel klarer denken und sich auf Dinge konzentrieren, wenn die Birne frei ist und nicht ständig irgendwelche Häppchen hingeworfen bekommt, mit denen sie sich beschäftigen soll. Das ist wenig überraschend – im Gegensatz zu der zweiten Erkenntnis: Diese ewige Daueraufgeregtheit im Netz hat auch damit zu tun, dass man nicht nur immer schneller Info-Häppchen zu verarbeiten hat. Sondern auch damit, dass es sich sehr viel schneller und aufgeregter kommentiert, wenn man erst kommentiert und dann denkt. Dieser etwas unschönen Reihenfolge leistet aber ein Medium Vorschub, bei dem immer irgendetwas passiert, weil irgendetwas passieren muss. Und dieses Irgendetwas muss dann sofort kommentiert werden. Wenn man das alles mit auch nur einem kleinen bisschen Distanz liest und auch mit den Kommentaren wartet, bis sich die erste helle Aufregung wieder gelegt hat, dann bleibt für die ganze Aufgeregtheit ein ebenso spöttisches Lächeln übrig wie für die digitalen Dauer-Poser und ihr ständiges Heischen um Aufmerksamkeit. Jeder könne mal für 15 Minuten ein Star sein, meinte Warhol. Im Netz gibt es Menschen, denen reichen auch zwei Minuten und ein paar Likes.

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Ich glaube immer noch, dass das Netz eine großartige Erfindung ist. Dass es gerade für Journalisten wunderbare Optionen bietet. Aber genauso ahne ich inzwischen, dass wir deswegen noch lange nicht bei jedem Auswuchs, bei jedem Nonsens mitmachen müssen.  Es ist wie bei jeder Technologie: Sie ist erst mal weder schlecht noch gut, es kommt immer darauf an, was man daraus macht. In meinem Fall: „Foursquare“ ist weg und kommt nie wieder, bei Mails an mich müssen Sie gegebenenfalls mit etwas längeren Reaktionszeiten rechnen und mein Smartphone ist am Abend und meistens auch am Wochenende ausgeschaltet. Was Sie über mich wissen dürfen, finden Sie irgendwo im Netz, alles andere geht Sie nichts an, sorry for that.

Und für meine Töchter habe ich jetzt auch eine Lösung gefunden: Immer, wenn Sie mich via Messenger anpiepsen, dann antworte ich nicht.

Sondern rufe sie an.

Und wo bleibt eine lokale „Paper“-App?

Seit ein paar Jahren gibt es jetzt „Flipboard“.  Die Seite „Rivva.de“ existiert mit kurzer Unterbrechung auch schon ein paar Jahre, ebenso ein paar andere kleine und mittelgroße Aggregatoren. Man kann also beim besten Willen nicht behaupten, dass das Thema Aggregation im Journalismus ein wirklich neues wäre.

Facebook-Paper

Trotzdem bekommt es in diesen Tagen nochmal eine neue Dimension. Weil jetzt ein Player einsteigt, der sich nicht in irgendwelchen mehr oder wenigen kleinen Nischen von mobilen Endgeräten oder im Web rumtreibt. Sondern: der größtmöglich denkbare ist. Facebook hat jetzt in den USA eine neue App  mit dem bezeichnenden Namen „Paper“ herausgebracht (Erscheinungstermin in Deutschland ist noch offen). „Paper“ ist vordergründig betrachtet natürlich kein originär journalistisches Ding. Trotzdem aber werden dort journalistische Inhalte präsentiert werden. Weil dort Inhalte jeglicher Art aggregiert werden können und es natürlich ebenso erwartbar wie folgerichtig ist, dass dort auch Journalismus stattfindet.

Facebook macht jetzt also im Großen das, was „Flipboard“ seit Jahren im eher kleineren Maßstab macht. Der Tag, zusammengefasst und daueraktualisiert in einer einzigen App, die man wahlweise auf dem Smartphone oder dem Tablet mit sich rumtragen kann. Was wäre das anderes als eine Art neuer „Tageszeitung“? Das, wovon Zeitungsmacher schon lange immer wieder mal reden? „Der Tag“, so hieß übrigens auch die App, die der „Spiegel“ als Konsequenz aus seinem Projekt „Tag2020“ entwickelt hatte – und die durchaus einige Parallelen zu Facebooks „Paper“ aufweist.

Was ich daran so erstaunlich finde: Der Gedanke, dass tagesktueller Journalismus im digitalen Zeitalter sowohl eine neue Darstellungsform wie auch ein neues Endgerät benötigen könnte, ist ja nun wirklich kein neuer mehr. Aber wieso ist es – mal wieder – ein branchenfremder Großkonzern, der diese Idee dann letztendlich konsequent umsetzt? Und wieso führen wir in Deutschland seit Jahren erbitterte Auseinandersetzungen vor Gerichten (LSR, Tagesschau-App), anstatt endlich mal damit anzufangen, selbst Lösungen für zukunftsorientierten Journalismus umzusetzen?

Ich kapiere beispielsweise beim besten Willen nicht, warum sich nicht auch regionale Tageszeitungen endlich mal Gedanken darüber machen, wie die Idee eines Aggregators für sie umgesetzt werden könnte. Gerade im Lokalen gäbe es ausreichend Möglichkeiten, eine sich quasi selbst aggregierende Community zu schaffen. Bei der die Inhalte der Tageszeitung ein Bestandteil sind, aber eben nur einer. Wenn Menschen künftig Geld ausgeben werden für Journalismus, dann am ehesten dafür, dass sie zu einer Mischung aus Community und Datenbank Zugriff haben. Und das womöglich noch mobil – denn das mobile Endgeräte nicht die Zukunft, sondern schon jetzt die Gegenwart des Journalismus sind, das ist unbestritten. Ein „lokales Paper“ sozusagen, das ist es, an was lokale und regionale Medien jetzt arbeiten müssten.

Zu befürchten ist allerdings anderes: dass wir irgendwann mal wieder mehr oder weniger absurde juristische Auseinandersetzungen darüber erleben werden, was solche Aggregatoren dürfen – und noch mehr, was sie nicht dürfen. Die Klagewut deutscher Medien ist hinlänglich bekannt. Und die Gerichte mit ihren häufig wirklichkeitsfremden Urteilen bestärken das auch noch: Dass man jetzt Urhebervermerke mitten in Bilddateien platzieren soll und die GEMA ernsthaft über Lizenzgebühren für das Einbetten von Videos nachdenkt, lässt nichts Gutes ahnen.

 

Media Camp: Mobiler Journalismus in Echtzeit

Falls Sie Lust haben, sich mal an sowas zu probieren – oder jemanden kennen, der das möchte: Im September leite ich ein vierwöchiges Media Camp zum Thema Echtzeit- und mobiler Journalismus. Die Details entnehmen Sie bitte der folgenden Ausschreibung des Veranstalters:

Im Blickpunkt des diesjährigen Media Camps im Medieninnovationszentrum Babelsberg (MIZ) steht zukunftsfähiger Echtzeitjournalismus. Teilnehmer können sich noch bis zum 9. August bewerben.

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In einem vierwöchigen Workshop bekommen Sie nicht nur einen Einblick in den medialen Transformationsprozess, sondern entwickeln und produzieren ein eigenes mobiles journalistisches (MoJo)-Format, dass den Veränderungen und Prinzipien des modernen Journalismus gerecht wird.

Journalismus verändert sich, er wird interaktiver, multimedialer, schneller und offener. Heute kann jeder unterwegs zur Ein-Personen-Informationszentrale werden, indem er Videobilder live vor Ort ins Netz sendet und via Twitter-Einbindung mit einem globalen Publikum interagiert.

Im Blickpunkt des diesjährigen Media Camps im Medieninnovationszentrum Babelsberg (MIZ) steht zukunftsfähiger Echtzeitjournalismus. In einem vierwöchigen Workshop bekommen Sie nicht nur einen Einblick in den medialen Transformationsprozess, sondern entwickeln und produzieren ein eigenes mobiles journalistisches (MoJo)-Format, dass den Veränderungen und Prinzipien des modernen Journalismus gerecht wird. 

Profil

  • ·         Sie sind zwischen 20 und 29 Jahre alt und haben eine Affinität zu Medien
  • ·         Sie kennen die Grundlagen des Onlinejournalismus
  • ·         Sie haben erste Erfahrungen in einer Redaktion gesammelt
  • ·         Sie sind vertraut mit dem Umgang audiovisueller Produktionswerkzeuge

Projektleiter Christian Jakubetz  und viele Dozenten werden Sie mit kreativen Methoden und professioneller Expertise unterstützen, ein mobiles Reportermagazin zu entwickeln. Der Studiobereich des MIZ-Babelsberg bietet dazu vielfältige Produktions-möglichkeiten und mobile Technik. Das Format wird ab der dritten Projektwoche über verschiedene soziale Kanäle und Medienpartner distribuiert.

Um crossmedial publizieren zu können, werden in verschiedenen Workshops die Grundlagen des transmedialen Erzählens, sowie die Prinzipien von Open Journalism und Echtzeitjournalismus vermittelt. Ein Besuch der medienwoche@IFA 13 bietet Ihnen die Gelegenheit, sich über neue Entwicklung in den Medien zu informieren.

Die Teilnahme am Media Camp im MIZ-Babelsberg ist kostenlos. Weitere Informationen unter: http://www.miz-babelsberg.de/miz-events/media-camp

Rückfragen und Bewerbungen bis 9. August 2013 an: info@miz-babelsberg.de // Betreff: Media Camp 13.