Spiegel

Zweimal in den letzten Tagen mit Produkten aus dem Hause „Spiegel“ in Berührung gekommen. Produkt eins: XXP. Da freut man sich dann doch, dass solches hochwertiges und hochglänzendes Fernsehen auch eine echte ökonomische Chance hat. Klar könnte man spötteln, dass XXP die 137. Aufbereitung von bisher wirklich noch nie aufgetauchten Farbbildern von Hitlers geheimer Hundehalsbandsammlung macht oder Historiker auf ihren Forschungen auf den Schlachtfeldern dieser Welt begleitet – aber alles in allem ist XXP sehr gut gemachtes Reporterfernsehen, ohne falsche Betroffenheiten, ohne Anbiederungen an den Zeitgeist und gleichzeitig ohne den Habitus des Oberstudienratsfernsehens. Herr Aust sieht allerdings mit aufgekrempelten Hemdsärmeln deutlich cooler aus als im brauen Sakko.

Produkt Nummer 2: der gedruckte Spiegel. Und bei dem frage ich mehr und mehr, warum er erstens zunehmend zu einem neoliberalen Blättchen für das interessierte JuLi-Mitglied wird und warum er zweitens in seinen Titelgeschichten an Irrelevanz nicht mal mehr vom Focus zu übertreffen ist. Wie man aus einer Vorrundenwoche Fußball-WM jedenfalls sofort die Geschichte stricken kann, man befinde sich in Deutschland jetzt in einem Zustand des positiven, ausgelassen Patriotismus, ist mir schleierhaft. Der Redaktion täte ein wenig Blutauffrischung gut, dann würde sie möglicherweise lebensechter an solche Themen rangehen. Die Leute feiern Party. Vier Woche lang. Sie freuen sich über ein großes Event, schwenken ein paar Flaggen, tauschen Trikots. Dann fahren große, blonde, blauäugige Männer in Costa-Rica-Trikots nachhause und kleine, dunkelhäutige Frauen im Deutschland-Dress. Mit Patriotismus hat das null zu tun.

Als Kirchentag war, haben die Leute Vatikan-Fähnchen geschwenkt, ohne dass sie auf einmal alle stockkatholisch wurden. Und wenn Benedikt demnächst wieder kommt, werden die Leute wieder ein Event draus machen. Katholischer sind sie deswegen auch nicht. Insofern: ein ziemlich substanzloser Titel, wie leider des öfteren in der letzten Zeit.

Und das Titelbild sah aus, als wenn der Praktikant der Apotheken-Umschau das erste Mal mit dem Photoshop vom Spiegel hätte spielen dürfen.

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