Endzeittage

Darf man das so banal wie dennoch treffend sagen? Die Medienwelt befindet sich im tiefsten Umbruch seit der Erfindung des Buchdrucks. Was zunächst wie eine maßlose Übertreibung klingt, erschließt sich in seiner ganzen Dimension, wenn man nur ein paar wenige Zahlen betrachtet: Die traditionsreiche „Abendzeitung“ in München hat de facto die Hälfte ihrer Redaktion entlassen. Die „Süddeutsche Zeitung“, wirtschaftlich vergleichsweise noch passabel dastehend, baut ebenfalls rund zwei Dutzend Stellen in der Redaktion ab – nachdem es bereits in den Jahren zuvor zu konstantem Abbau im Verlag gekommen war. Die WAZ trennte sich von rund 300 Mitarbeitern. In vielen anderen Medienunternehmen geschieht der Abbau leiser, unauffäliger, schleichender – und deswegen aber kein bisschen weniger konstant.  Wollte man ein wenig Rechthaberei betreiben, man könnte sagen: Das haben wir ja doch schon lange so prophezeit. So – und nicht anders. Und was nun, liebe Lordsiegelbewahrer des ewig guten und klassischen Journalismus?

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Umgekehrt kommt man in einem anderen Medienunternehmen aus dem Feiern fast gar nicht mehr heraus: Für das neueste Produkt lagen bereits nach einem Tag mehr Vorbestellungen vor als für die bisherigen Produkte, obschon bereits die immer sichere Millionenseller waren. Doch die neueste Veröffentlichung soll nicht nur einfach viel Geld einspielen, sie soll nicht weniger als die bröckelnde Medienwelt retten: das iPad von Apple steht wie kein anderer Name für den rasanten, tiefgreifenden Wandel. Auf der einen Seite die bisherigen, konventionellen Medienunternehmen, denen in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends beinahe alles an bisher sicher geglaubten Grundlagen wegbrach, was zum Bestehen des Geschäfts nötig gewesen wäre. Auf der anderen Seite die neuen Mediengiganten, die sich unspektakulär und von den ehemaligen Platzhirschen wenig ernst genommen zu den neuen Hütern der (Netz-)Inhalte machten. Ohne Apple, ohne Google geht nichts mehr. Und dann sind da ja auch noch die zumindest bislang noch zahlenden Kunden. Sie wollen auf einmal und aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mehr zahlen – und nicht nur das: Sie wenden sich von den bisherigen Plattformen ab. Das wird öfter mal mit einer Abkehr vom Journalismus allgemein verwechselt, tatsächlich aber lebt der Journalismus in neuen Formen und auf neuen Kanälen weiter. Nur wie er sich finanzieren kann, das ist eine ebenso offene wie heftig diskutierte Frage. 

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Nicht zu vergessen auch all jene, die plötzlich fernab bisheriger Strukturen und Darstellungsformen neue Inhalte liefern und dem etablierten Journalismus schwer zu schaffen machen. Blogger beispielsweise, die auf ihren Seiten hochwertigen, lesenswerten Inhalt produzieren, den bisherigen Redaktionen fachlich Konkurrenz machen — und ihnen das entziehen, was letztendlich in der volldigitalisierten Welt zählen wird: Aufmerksamkeit. Filmer, vom Laien bis hin zum Semi-Profi, die fernab den großen Fernsehens Plattformen wie „YouTube“ füllen oder dort sogar ihre eigenen Kanäle eröffnen. Auch hier lässt sich die selbe Tendenz wie bei den Bloggern beobachten: Natürlich ist nicht alles, was man auf einer Video-Plattform zu sehen bekommt, von hoher Qualität. Aber man macht es sich zu leicht, wenn man die dortigen Videos als verwackelte Gehversuche von Dilettanten abtut. Tatsächlich finden sich ebenso viele Perlen. Und unbeschadet, zu welcher Bewertung der filmerischen Qualität man kommt: Tatsache ist, dass jemand, der zwei Stunden bei „YouTube“ verbringt, zwei Stunden lang nicht fernsehen wird. 

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Bleiben schließlich noch — als letzter, neuester und anscheinend heftigster Trend — die sozialen Netzwerke. Ihr Einfluss auf Medien schien zunächst nicht klar erkennbar: Was soll sich eine Redaktion dafür interessieren, wenn Studenten oder Abteilungsleiter der Fotofreaks sich miteinander vernetzen und ein paar Kontaktdaten austauschen? Inzwischen ist klar, dass mit den Netzwerken zugleich eine digitale Paralellwelt entstanden ist. Vor allem sind es junge Menschen — mithin also die Mediennutzer der Zukuft — die einen beträchtlichen Teil ihrer medialen Inhalte aus Netzwerken beziehen. Aus der Aufmerksamkeitsökonomie ist spätestens jetzt als eine Empfehlungsökonomie geworden. Wer nicht bei Facebook oder bei Twitter vertreten ist, exisitiert digital de facto nicht mehr. Und nicht nur das: Die reine Präsenz ist angesichts on alleine rund 500 Millionen Facebook-Nutzern weltweit kein Wert mehr an sich. Man muss empfohlen werden, um gelesen zu werden. Man muss netzwerken, um stattzufinden. Eine Erkenntnis, die zu vielen Medienunternehmen noch nicht durchgedrungen ist.  Dort meint man vielfach noch, es reiche aus, irgendwelche langweiligen „Fanseiten“ einzurichten oder ab an zu auf Facebook reinzukopieren, was man vor wenigen Minuten bei Twitter geretweetet hat.

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Unlängst hat der Zeitungsverlegerverband übrigens ein paar Zahlen veröffentlicht und er schien ziemlich stolz darauf, dass eine ganz beachtliche Zahl seiner Mitglieder in sozialen Netzwerken vertreten ist. Das ist schön für die Mitglieder und dennoch bezeichnend, weil es nichts heißt. Das ist wie beim ersten großen Blog-Boom vor einigen Jahren. Da entdeckten viele Redaktionen auch das Bloggen für sich, ohne es aber jemals begriffen zu haben. Man bloggte ziemlich missraten vor sich hin und die allermeisten gaben bald entnervt wieder auf. Ähnlich jetzt die ersten Social-Media-Gehversuche. Man ist da, hat´s aber vielerorts nicht wirklich begriffen. Momentan sieht es also an vielen Stellen wieder mal so aus, als würde man sich im Chancenverpassen üben. Social Media ist so ein Fall, das iPad ein anderer. Ich würde viel Geld darauf wetten, dass es bisher in den wenigsten Häusern ein wirklich ausgereiftes Produkt gibt, mit dem man sich künftig auf den Tablets dieser Welt positionieren wird.

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Sicher also scheint, dass der Wandel der Medien noch drastischer ausfällt, als man sich das zu Zeiten der „New Economy“ um die Jahrtausendwende herum hat ausmalen können. Nicht einmal mehr notorische Optimisten geben Verlagen und Sendern in ihren bisherigen Strukturen noch eine echte Überlebenschance. Niemand bezweifelt, dass die Zukunft sich digital abspielen wird. Auch bestehen kaum mehr ernsthafte Zweifel am endgültigen Wechsel zu hyperkonvergenten Supermedien. Das iPad wie die anderen zu erwartenden Tablets markieren auch das Ende des gedruckten Papiers als Massendatenträger.

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8 Kommentare

  1. Das iPad wird die Situation auch nicht verändern. Zumindest nicht die der Medienbranche. Mag sein, dass Apple nun ein iTunes-Pedant für Content launcht. Aber was soll das schon für ein Content sein? Soll Apple nun Multimediainhalte liefern, Slideshows und all die wunderbaren Sachen, für die das Onlinemedium jetzt bereits Möglichkeiten bietet. Das glaubt doch keiner! Eine solche Infrastruktur braucht ihre Zeit. Und Visionäre + Kreative Brains + Geldgeber, die was wagen. Folglich ist das iPad seiner Zeit voraus – und wird nur für eine bestimmte kleine Mini-Elite relevant sein. Wie das iPhone. Davon gibt es 800.000 unter 8 Millionen Deutschen – aber der Popanz, der darum gemacht wird, klingt nach 80.000.000 iPhones. Dank der Propaganderos, die sich für Apple so lieb ins Zeug werfen und geistig prostituieren… Helden, die ihr Goldenes Zeitalter hoffentlich nie erleben werden.

  2. Es stimmt. Medien sind in einem grundlegenden Umbruch und derzeit ist nicht abzusehen, wie sich vor allem die Printmedien retten können. Aber das ist nicht nur eine Marktverschiebung. Dieser Wandel führt derzeit zu einer Rissbildung in unserer Gesellschaft und es ist entscheidend für unsere Zukunft, diese Risse weitsichtig zu kitten. Blogger mögen ja gut sein, sicher. User-Content gelegentlich auch. Aber der professionelle Journalismus mit seinem Korrespondentennetz in und außerhalb von Deutschland, das historische Wissen und Verständnis der Qualitätsmedien und die Meinungsvielfalt des föderalen Systems sind die Basis unserer Demokratie. Sie garantieren eine Öffentlichkeit wie sie in nur wenig anderen Ländern möglich ist und sie bewahren uns vor Politikern wie Putin, Berlusconi u.a. Ich kann nur sehr hoffen, dass dieser Qualitätsjournalismus erhalten bleibt, auch in Zukunft. Und ich kann außerdem nur hoffen, dass ich nicht irgendwann in einer Mediengesellschaft lebe, die nur noch massenattraktiven Content oder schlecht recherchierte User-Texte zur Verfügung stellt. Das mag man auf Blogs nicht gerne hören, lohnt aber das Drüber-Nachdenken!

  3. auch ich bin der meinung, dass das ipad die traditionelle medienwelt nicht retten wird. und ich halte es für naiv zu glauben, dass auch nur annähernd so viele leute, die ihre zeitung abbestellen, nicht mehr kaufen oder erst gar nicht abonnieren, sich ein ipad zulegen um plötzlich wieder zeitung zu lesen…

  4. @sabinehaas:
    Ich lebe ja schon in einer Medienwelt, die schon lange im Wesentlichen nur noch massenattraktiven Content zur Verfügung stellt. Jedenfalls außerhalb des Netzes.

    Und „Qualität“, im Sinne hochwertiger journalistischer Arbeit erlebe ich in Blogs mittlerweile häufiger als in den etablierten Medien. Mehr noch, den wirklichen Wert von gutem Journalismus erlebe ich erst durch die medienkritische Berichterstattung in verschiedenen Blogs.

    Das diese häufig von ausgebildeten Journalisten betrieben werden und – jedenfalls derzeit – kein ausreichendes Erlösmodell haben, das ist wohl wahr.

  5. In mehrfacher Hinsicht kann ich cj und den Kommentar-Schreibern nicht folgen: Ich schaue mir viele Lokalzeitungen in Deutschland an, finde einige prallgefüllt mit Anzeigen und redaktionell gut aufgemacht. Höre überdies, dass die Abonennten-Zahlen auf hohem Niveau fast unverändert bleiben – sollen das Zeitungen sein, die es nach der nicht allein von cj verbreiteten Untergangsstimmung in wenigen Jahren überhaupt nicht mehr gibt?
    Und was sich bei der AZ tut: Unbestritten ist die Entlassung swo vieler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für diese eine soziale und für ihre verbleibenden Kolleginnen und Kollegen eine arbeitsrechtliche Katastrophe. Aber die Frage muss schon erlaubt sein: Wenn die AZ so großartig gemacht ist, wenn sie sich nach einem personellen Schnitt vor kurzer Zeit so gemausert hat – warum wird sie dann nicht gekauft? Schönheit, ein bisschen ketzerisch gesagt, auch „Ponkie“ mit Beiträgen, die nicht allein ein gewisses Maß an Standard, sondern auch an stetiger gleichförmiger Wiederholung erreicht haben, reichen halt schlicht nicht aus.
    Die AZ hat sich stets selbst eingeredet und ihrer Redaktion wurde und wird bis heute immer wieder vorgesagt, dass sie die Beste sei. Boulevard und doch nicht, offen, aber nicht krass, was sie oftmals eben doch war, ein Feuilleton hat sie, besser als in vielen Tageszeitungen. Stimmt schon – aber wenn selbst erstklassige Tageszeitungen in einer ausgedehnten, seriösen Analyse ihrer Aufmachung und der Leserreaktionen erfahren müssen, dass bestenfalls 2,8 Prozent der Leser die Kulturseiten wenigstens anschauen, dann geht halt da nichts mehr. Und Michael Graeter heute noch in irgendeiner Weise als Vorbild zu nennen, ist kühn. Ich dachte, dieser Mensch, der nie Journalist war und niemals ein Kollege (sofern er nicht gerade kollegiales Wissen benötigte!), hätte sich längst aus dem Rennen geschossen.
    Ich bedauere, dass künftig sehr wenigen Kolleginnen und Kollegen zugemeutet wird, eine AZ im bisherigen Umfang zu erarbeiten. Aber ich fände es gut, wenn nicht immer wieder die ach sö schöne Zeitung gelobt, sondern auch darüber nachgedacht würde, was dort schiefgelaufen ist und die Leser vertrieb.

  6. @sabinehaas ^^
    Was auf eine solche Haltung zu erwidern ist, habe ich hier gesagt.

    Alles über einen Kamm zu scheren ist auch kein Modell. Das sollte selbstverständlich sein, wenn man im Beratungsgeschäft tätig ist.

    @thilo
    Danke.

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