Wie sich Journalismus kaufen lassen muss

Unternehmen kaufen sich redaktionelle Beiträge, Journalisten sprechen beim Anzeigenleiter vor, welches Unternehmen sie befragen sollen, wenn es um Wrtschaftsthemen geht? Und es sind dann meistens die Anzeigenkunden, die gefragt und die Nicht-Kunden, die ignoriert werden? Redakteure, die meinen, sie könnten die hehren Grundsätze des Journalismus auch im Lokalen durchziehen? Offen gestanden: Im ersten Moment war das, was die Kollegen des ZDF als vermeintlich neuen Negativ-Trend im Journalismus aufdecken wollten, für mich erst einmal nicht sehr viel mehr als ein Schulterzucken wert. Nicht, weil der Beitrag in irgendeiner Weise zu kritisieren wäre – sondern weil das, was Frontal 21 da am Dienstag sendete, jeder wissen müsste, der ein bisschen länger im Geschäft ist und der ein wenig genauer hin sieht. Man muss ja nicht gleich so weit gehen wie in der vieldiskutierten Dreckschwein-Debatte um und mit Don (und vor allem muss man vermutlich auch den Druck berücksichtigen, unter den normale angestellte Redakteure ohne große Alternativen gesetzt werden), aber von der Hand zu weisen ist das Thema nicht: Redaktionen sind tendenziell käuflich, vor allem diejenigen, die unter wirtschaftlichem Druck stehen.

Man könnte es sich (zu) einfach machen und das Problem – so wie in dem ZDF-Beitrag geschehen – auf unsere Regionalpresse reduzieren. Tatsächlich würde ich nahezu jede Wette eingehen, dass in der Tat jeder Redakteur die Aussagen aus dem Beitrag unterschreiben würde. Tatsächlich bin ich mir auch sicher, dass selbst unbedarfte Leser eine Ahnung davon haben, dass im Lokalen manches ein bisschen anders tickt als im „großen“ Journalismus. Und das nicht nur im Hinblick auf Wirtschaft und Anzeigenkunden. Wenn ich mir so durchlese, wie die Welt hier bei uns auffm flachen Land läuft, dann würde ich nach Lektüre unserer Tageszeitung sagen: Alles supi! Prima Politiker! Prima Leute! Prima Gegend! Alle engagiert, alle lieb zueinander – nicht alles wird gut, alles ist gut. Natürlich weiß jeder, der nicht halbwegs verblödet ist, dass es nicht so ist. Nur: Vielleicht will man es in seinem eigenen Mikrokosmos gar nicht so genau wissen, weil man sowas dann nicht mehr als kritischen Journalismus, sondern schnell mal als Nestbeschmutzung empfindet.

Unabhängig davon: Wahr ist natürlich, dass der blanke wirtschaftliche Druck, unter dem insbesondere Regionalzeitungen inzwischen stehen, das journalistische Argumentieren ungemein schwer macht. Dass man natürlich in einer mittelgroßen Stadt seinen besten Anzeigenkunden nur ziemlich ungern in die Pfanne haut, weil es um viel Geld und in vielen Fällen auch persönliche Verflechtungen geht. Das war schon vor etlichen Jahren so und es ist kaum anzunehmen, dass sich daran in Zeiten von sinkenden Umsätzen und schwindenden Auflagen auch nur das Geringste ändert.

Man würde indes der Gattung Tageszeitung ziemlich unrecht tun, würde man die Problematik auf sie beschränken. Wer jemals auch nur in halbwachem Zustand Lokalradio gehört oder Lokalfernsehen gesehen hat, der bekommt schnell eine Ahnung davon, wie viele Sendestrecken gekauft und nur sehr halbherzig als gekaufte Sendestrecken gekennzeichnet werden. Argumentativ haben diejenigen, die unter finanziellem Druck stehen, den Wünschen von Anzeigenkunden nix, aber auch gar nix entgegenzusetzen.

Unbestritten ist, dass es auch Journalisten gibt, die sich einzelnen Zuwendungen gegenüber nicht abgeneigt zeigen (um es diplomatisch zu formulieren). Sie sind ein Teil des Problems, aber eben nur ein Teil. So lange sich Medien, vor allem kleine und mittelgroße, über Werbung finanzieren, sind sie extrem anfällig gegenüber mehr oder minder unverschämten Wünschen der Kunden. Klar, das Manager Magazin (wie im Beitrag zu sehen) hält einen Anzeigenboykott der Bahn schon mal durch, wenn auch vielleicht unter Schmerzen. Der kleine Sender, die kleine Zeitung irgendwo da draußen auf dem flachen Land – die ist schnell um ihre Existenz gebracht.

Weswegen – und das ist systemimmanent – Journalismus immer auch für Käuflichkeit anfällig ist. Man sollte sich deswegen evtl. ein paar Gedanken über das System machen und nicht nur über die Dreckschweine.

Beteilige dich an der Unterhaltung

11 Kommentare

  1. Du meinst die Geschichte, dass *MW es nicht so lustig findet, wenn der Lokalchef in *ingolfing was anderes fährt als einen *MW, also beispielsweise einen *W oder einen *ercedes, weswegen man dem Lokalchef in *ingolfing anbietet, den *MW zu ganz besonderen…? Die meinst du :-)?

  2. Konnte er sich auch leisten, weil es zudem bei jedem Termin bei der ****kasse einen kleinen Umschlag gab, den man dezent zugesteckt bekam: „Fiad Kaffeekasse.“

  3. „Er“ ist nicht ganz richtig ausgedrückt. Wenn ich mich richtig erinnere, gab es damals so gut wie niemanden, der diese obligatorischen Umschläge nicht…na, du weißt schon. Für ein Auto wirds nicht gereicht haben, aber in Zeiten der Not freut man sich ja auch über Kleinigkeiten.

    Und bevor jetzt wir armen Niederbayern wieder alles abbekommen: Ich bin mir sicher, dass dir nahezu jedes Lokalredaktion solche Geschichten en masse erzählen kann.

  4. >> Ich bin mir sicher, dass dir nahezu jedes Lokalredaktion solche Geschichten en masse erzählen kann.

    Völlig klar.

    Trotzdem hätte diesem Artikel eine kurze Disclosure gut getan. Meinst du nicht?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.