Der digitale (und finanzielle und technische) Graben

In meinem Umfeld gibt es jetzt ein eher simpel gestricktes Gemüt. Das bekommt heute „das Internet“, der Mann von der *elekom müsste jeden Moment eintrudeln. Es gibt dieses ganz rasend schnelle Internet und endlich, so habe ich jetzt erfahren, kann man all das machen, was die Segnungen der neuen, digitalen Medienwelt ausmacht: bei eBay irgendwelchen Kram ersteigern, bei Google nach Dingen suchen, die man vorher schon nicht wissen wollte. Und vermutlich noch ein paar andere Dinge tun, über die wir öffentlich lieber den Mantel des Schweigens legen.

Wenn ich ab und an mal neugierig ins Wohnzimmerfenster schaue, dann läuft ohne Unterbrechung die Kiste. Manchmal erlaube ich mir den Spaß und schaue bei mir im Fernseher nach, was drüben läuft. Natürlich führe ich keine Statistik, aber auch ohne statistischen Hintergrund würde ich mich verbindlich auf die Aussage festlegen wollen, dass es meist irgendwas Privates ist. Ich glaube, wenn ich mal nachfragen würde, wie man die ersten Sendungen von Caren Miosga beurteile, würde ich einen erstaunten Blick ernten. Und die Frage, wer diese Carmen Dingsbumms überhaupt sei. Das würde man mich dort allerdings auch fragen, wenn ich mich nach dem frisch gefeuerten SAT1-Anchor Thomas Kausch erkundigen würde. Oder nach der Diskussion um die frisch eingedampften „Info“-Formate von SAT1 (wobei mich in diesem Zusammenhang immer noch erstaunt, wie man angesichts der Einstellung der diversen Boulevard-Formate so hartnäckig davon reden kann, SAT1 stelle die „Nachrichten“ ein).

Achja, liebe Zeitungsmacher – bevor ihr jetzt anfangt zu jubilieren, diese meine Quasi-Nachbarn seien dafür dann ganz bestimmt treue Zeitungsleser: Ich muss euch enttäuschen, sind sie leider auch nicht. Sie sind klassische Nebenbei-Nutzer von irgendwelchen Medien, die hat in ihrer Wahrnehmung nichts kosten. Sie sind nicht bereit – und das ist der entscheidende Punkt – für Medien Geld auszugeben, sie empfinden übrigens (was natürlich Unsinn ist) auch das Internet als „kostenlos“. Ach, Sie denken jetzt, ich hätte außergewöhnlich desinteressierte, ungebildete Nachbarn? Keineswegs. Ich denke, ich habe es mit einem ziemlich authentischen Mainstream-Ausgabe deutscher Familien zu tun.

Der digitale Graben, der von Wissenschaftlern permanent als neues Szenario an die Wand geworfen wird, ist nach meinen Beobachtungen schon lange Realität. Wer nicht bereit und nicht willens und vielleicht auch nicht in der Lage ist, seinen Medienkonsum gezielt (durch den Einsatz von Geld, Technik und Wissen) zu steuern, der bekommt künftig permanent das, worauf wir einen Vorgeschmack in dieser Woche allseitig bekommen haben. Private Sender machen die Rendite zum alleinigen Lebenszweck. Wenn die Rendite auf einem Sendeplatz bei einer Gerichtsshow-Wiederholung höher ist als bei einem Boulevard-Magazin, dann wird die Gerichtsshow gesendet. Mich wundert, nebenbei bemerkt, dieser aktuelle Aufschrei der üblichen Verdächtigen in dieser Woche ja schon etwas: Als Haim Saban ProSiebenSAT1 übernahm, gab er für jeden nachlesbar die Devise aus, dass jeder Sendeplatz eine bestimmte Umsatzrendite erzielen müsse. Rendite wohlgemerkt, nicht Quote. Dass man jetzt auch unter etablierten Medienjournalisten erschrocken feststellt, dass die Rendite der Maßstab sei…nunja. Ansonsten würde ich übrigens sehr dafür plädieren, bei dem SAT1-Thema etwas runter vom Gas zu gehen. Privates Fernsehen ist nun mal in erster Linie eine ökonomisch orientierte Veranstaltung, für alles andere haben wir ja die Segnungen des dualen Systems.

Aber nochmal zurück zur Mediennutzung: Medien für die Leute, an denen es wenig zu verdienen gibt, werden billiger, in jeder Hinsicht. Wer sich ein bisschen mit der Situation von lokalem Rundfunk oder lokalem Fernsehen auseinander setzt, der wundert sich über die Erkenntnis des ZDF, in diesen Programmen würden reihenweise vorgefertigte PR-Beiträge gesendet, ganz und gar nicht mehr. In den meisten Lokalstationen regiert die blanke Not – mangelhaft ausgebildete, unterbezahlte Journalisten und Low-Budget-Redaktionen sind dort der blanke Alltag. Wenn ein Radio-Programmchef nicht mal weiß, dass er Redaktion und Werbung trennen muss, was bittesehr erwartet man dann noch außer eben billigem Programm für all diejenign, die es nicht leisten können und wollen, teure und hochwertigere Medien zu konsumieren. Dass übrigens sogar der Fußball nach der Rück-Übernahme durch Premiere ein ganzes Stück teurer werden dürfte, passt in diesem Zusammenhang ins Bild.

Insofern wundere ich mich schon auch über diejenigen, die die Rahmenbedingungen für Medien, isnbesondere für privaten Rundfunk festlegen. Wenn ich die wesentlichen Entscheidungen der letzten Monate Revue passieren lasse, fällt es schwer, eine klare Linie zu erkennen. Springer durfte also – weil große Gefahr für den Medienstandort – ProSiebenSAT1 keinesfalls übernehmen, ausländische Finanzinvestoren, die exakt jenes Spiel treiben, das Finanzinvestoren nun mal so treiben, dagegen schon. Dagegen wiederum ist der Kartellamt durchaus der Meinung, es sei dem Wettbewerb dienlich, wenn mit Premiere de facto nur noch ein Pay-TV-Anbieter auf dem Markt ist. Und dann wiederum heißt es aus Kreisen der Medienaufseher, man prüfe, ob man SAT1 die Lizenz entziehen lassen könne, was völlig substanzloser Quatsch ist, während man gleichzeitig bedauert, dass man zwar wisse, dass in privaten und lokalen Programmen massenweise eingeschleuste PR-Beiträge liefen, man aber quasi keine Handhabe dagegen habe.

*(Disclaimer: Ich habe ziemlich lange für ProSiebenSAT1 gearbeitet und bin alles andere als unvoreingenommen.)

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2 Kommentare

  1. Alle Medien leben letztlich von Zuschauern/Lesern. Ohne sie keine Einnahmen. Derzeit setzen die Medienverantwortlichen auf jene Zuschauer, die nicht bezahlen können. Der Rest geht laufen. Wo darin der Sinn liegen soll? Ja Herrgott – besitze ich denn die Weisheit eines Medienmoguls?

    Selbst das TV wird übrigens derzeit zu einem Mikromedium – s. (Selbst-)Erfahrungsbericht drüben bei Thomas Knüwer. Alles Massenmediale dagegen saust derzeit als Mure ins Quotental.

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