The trend is not your friend

Streng genommen ist das keine Nachricht mehr: Die Tageszeitungen in Deutschland haben auch im vergangenen Jahr wieder an Auflage verloren. Die gute Nachricht: Die Verluste sind nicht größer geworden. Die schlechte Nachricht: Die Verluste sind auch nicht weniger geworden. Heißt also, dass in Zahlen ausgedrückt die deutschen Tageszeitungen Jahr für Jahr rund 2 Prozent oder rund 400.000 Exemplare verlieren. Dass man darauf verweist, man habe schöne Zuwächse in der „hochwertigen Leserschaft“ bei den Bordexemplaren zu verzeichnen, ist irgendwie ein ziemlich mauer Trost. (Quelle: BDZV).

Nach allem, was man so mitbekommt, heißt das Zauberwort inzwischen Multi- bzw. Crossmedia. Dass die Zukunft von Zeitungen nicht mehr ausschließlich im gedruckten Objekt liegt, hat sich inzwischen also herumgesprochen, immerhin. Dass man mal was mit Videos und Audios machen könnte, auch. Allerdings, genau hier setzt der Kardinalfehler ein, den viele Verlage in den letzten Jahren immer und immer wieder gemacht haben: Haben wollen tut man das schon, aber Geld ausgeben mag man nicht dafür. Kollege Knüwer beispielsweise hat jetzt mal Videos der „Münsterschen Zeitung“ präsentiert, die nur einen Wert haben: Sie sind so skurril, das man sie wunderbar als abschreckendes Anschauungsobjekt verwenden kann. Man sollte den Münsteranern nicht zuviel der Ehre antun, muss sich aber schon fragen: Ist das jetzt also das Resultat eines kompletten Redaktionsaustauschs und und ist diese Truppe jetzt quasi die Rettung der Zeitung? Wenn ja, haben Herr Wolff-Lensing und der Herr Schuhmacher ganze Arbeit geleistet, angesichts dessen, dass man sich von der neuen Redaktion eine „deutliche Schärfung des journalistischen Profils“ und eine „multimediale Verschränkung“ erwartet hatte.

Bei Lutz Schumacher sollte man ja keine allzu große Lernwilligkeit erwarten, der dachte bei ddp schon mit bekanntem Ergebnis, man könne mit wenig Aufwand großen Ertrag erzielen. Aber alle anderen sollten vielleicht nochmal drüber nachdenken: Es gibt neue, bessere, zeitgemäße journalistische und multimediale Inhalte nicht zum Nulltarif. Bei den Münster-Videos würde ich – ohne Recherche – den Verdacht wagen, dass an die Jungs dort ein Camcorder verteilt wurde mit der Aufforderung: Nun macht mal schön. Leider sieht man das diesen Dingern auch an.

Man muss ja  von Nicht-Journalisten keineswegs erwarten, dass sie Dinge aus journalistischem Antrieb heraus tun. Aber wenigstens strategisch sollten sie denken. Und wenn man das tut, dann wird relativ schnell klar, dass man seiner Zeitung, seiner Marke, seiner verbliebenen Rest-Reputation gar keinen Gefallen tut, wenn man fröhliches Rumdilletieren für jedermann sichtbar auch noch ins Netz stellt. Wer also bisher den Eindruck hatte, seine Zeitung sei irgendwie provinziell und nicht zwingend von Profis gemacht, der wird in diesem Eindruck durch solche Videos auch noch bestärkt. (Um der MZ nicht zuviel aufzubürden: Videos und Multimedia-Versuche solcher Art finden sich nicht nur dort).

Was müsste also eine Zeitung in der aktuellen Lage tun? Investieren. In Inhalte, in Konzepte, in neue Ideen, in gute Leute. Sie müsste ein bisschen mutig sein, ein bisschen risikofreudig und ein bisschen antizyklisch handeln. Stattdessen herrschen bei vielen publizistische Tristesse, Verzagtheit und die Mentalität des Billigen Jakobs. So jedenfalls, liebe Freunde, werden wir, jede Wette, am Ende des zweiten Quartals 2008 eine Pressemitteilung lesen, die nahezu identisch mit der von 2007 ist. Der Trend ist nämlich nicht euer Freund, es gibt ihn nicht erst seit gestern – sondern seit 15 Jahren.

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8 Kommentare

  1. Mit diesen Verlegern, fürchte ich, die alles sind, nur keine Verleger, ist da wohl nichts zu machen. Solange die Rendite noch tröpfelt, wird weiter ‚betriebswirtschaftlich optimiert‘. Und 2015 macht der Letzte das Licht aus. Als ziemlich einzige Tageszeitung hat wohl die taz hinzugewonnen. Weshalb wohl?

  2. Gemach. Laut ivw hat die taz im Vorjahresvergleich bei der Gesamtverbreitung leicht, bei Verkauf und Abos spürbarer verloren, dafür im EV zugelegt. Auch die Druckauflage ging zurück. Dein Beispiel zeigt sehr schön die Crux solcher Messungen. Jeder sucht sich den für ihn passenden Aspekt raus. Unterm Strich jedenfalls komme ich keineswegs zu dem Ergebnis, dass die taz die große Ausnahme von der Regel sei.

    Siehe auch: http://daten.ivw.eu/index.php?menuid=1&u=&p=&detail=true

  3. Ach – das gute alte IVW gibt’s also auch noch: In grauer Vorzeit schrieb ich mal für eine Stadtillustrierte, die auf den Spuren des ‚Wiener‘ wandelte. Das war damals das Hippeste des Hippen unter allen Trend-Illustrierten. Von jeder Ausgabe dieser Stadtillustrierten also wurden Tausende überdruckt. Die Mehrkosten holte man über gestiegene Anzeigenpreise wieder rein. Erschien eine neue Ausgabe, dann kam palettenweise die alte, unverkaufte Ausgabe in den Ramsch. Aber IVW-mäßig standen satte Zahlen zu Buche …

  4. Eben erschrak ich als ich im obigen Text den diesen Link sah: „Mentalität des Billigen Jakobs“ … Das hätte nämlich ganz und gar nicht zu dem gepasst. (-;

  5. Witzig, dass Ihr beim Thema Crossmedia und Bewegtbilder für Printhäuser anfangt, um dann bei der taz zu landen, die ja gerade bei ihrem Online-Relaunch eher die Kunst des ruhigen Flusses propagiert.

    Aber es stimmt schon: Pressemitteilungen sind schnell geschrieben und der nächste Mediamarkt schnell gefunden…

    Dass es auch anders geht, müssen Sie dann nächstens wieder bei uns in der Akademie beweisen, Herr Jakubetz! 😉

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