Zeitung=Video, Staat= sozialistischer Enteigner

Manchmal muss man fast ein bisschen Mitleid haben mit denjenigen, die für die Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland Pressearbeit leisten müssen, obwohl Pressearbeit doch eigentlich ihr ureigenstes Metier sein müsste. Aber nachdem es den gedruckten Blättern alles in allem nicht so rasend gut geht und ein ernstzunehmender Mensch, der behauptet, das gedruckte Zeitung sei die mediale Zukunft, auch schon lange nicht mehr gesichtet wurde, muss man ab und an ein paar argumentative Kapriolen hinlegen. So kommen dann solche Dinge zusammen wie das, als der BDZV im vergangenen Jahr mal das Ende der Krise und den Start in eine glorreiche Zukunft ausrufen wollte, weil man zumindest den Absturz in Sachen Auflage und Umsätze und wohl auch Relevanz gestoppt habe und sich nunmehr wenigstens wieder auf dem Umsatzstand von 1995 befinde. Wenn man die Rückkehr auf das Level von vor 11 Jahren als Erfolg feiert, kann man sich vorstellen, wie kümmerlich die Lage sein muss. Nun gut, was heißt schon kümmerlich, den meisten Zeitungen geht es aktuell immer noch ganz passabel, aber sie zehren von den Meriten früherer Tage.

Nun könnte man ja dahergehen und ihnen einfach raten: Macht euch zukunftsfähig, ihr Printleute, interessiert euch für digitale Medien, investiert in das künftige digitale Zeitalter (womit nicht nur ausschließlich das Kaufen merkwürdiger Startups und Communitys gemeint ist, ich dachte da eher ans journalistische Kerngeschäft). Es gibt auch fast keinen mehr, der abstreitet, dies sei der richtige Weg für die Zeitungen, der Wandel hin zum digitalen Medienhaus mit Inhalten für die unterschiedlichsten Plattformen – aber man merkt den Verlagshäusern immer noch das tiefsitzende Unbehagen an, das sie befällt, wenn sie ans digitale Teufelszeugs denken. Beispielsweise dann, wenn der VDZ eine Pressemittelung zur Digital-Strategie von ARD und ZDF herausgibt und dabei damit herausrückt, dass man diese Digitalisierung keineswegs freiwillig und gerne mache, im Gegenteil, man sei ja eine:

zur Digitalisierung gezwungene freien Presse.

Schreibt der VDZ und klingt ein bisschen wie die Titel früherer SAT1 Filmchen nach dem Motto „Natalie – auf den Babystrich gezwungen.“ Und nicht nur das, nein, man zwingt die freie Presse nicht nur zur, bäh, Digitalisierung, nein, der Staat und seine staatlichen Sender sind auch Sozialisten, wie es sie in der DDR nicht schlimmer gegeben haben kann. In der FAZ sieht man deswegen gleich eine „Enteignung der freien Presse“ und weil man gerade so schön dabei ist, kann man seinem Unmut gegen alles, was nicht Print auch mal ordentlich Ausdruck verleihen:

„Diejenigen, die im ohnehin parasitär verfassten Internet mit unabhängigem Qualitätsjournalismus ihr Geld verdienen müssen, wird öffentlich subventioniert der Boden entzogen.“

Ich fürchte, genau so sehen sich wirklich, die Printer. Als die Hüter des Guten, die als die letzten Musketiere Qualitätsjournalismus betreiben, zur Digitalisierung gezwungen werden und sich plötzlich im Konkurrenzkampf gegen Parasiten und Dreck von unten befinden. Und dann auch noch staatlich subventioniert enteignet werden.

Lustig ist das schon. Es ist noch nicht so lange her, dass beispielsweise die bayerischen Zeitungsverleger forderten, sie müsste endlich ungehinderten Beteiligungszugriff auf lokalen Rundfunk und lokales Fernsehen bekommen und man solle jetzt endlich mal aufhörem mit dem ganzen Pluralismusquatsch. Dass es in der Praxis gerade in ländlicheren Räumen immer noch zahllose de-facto-Monopole von einzelnen Zeitungshäusern gibt, die von der Zeitung übers Anzeigenblatt bis hin zum TV nahezu alles de facto dominieren, stört in dieser Argumentationskette anscheinend nicht weiter.

Interessant am Rande übrigens auch, dass der VDZ Videos gleich mal zum originären Inhalt von Zeitungen erklärt, bisher dachte ich ja immer, Videos seien eher einem Sender zuzuordnen:

Genau dies droht, sollten ARD und ZDF ihren Rundfunkauftrag um digitale und Internet-Medien einschließlich pressetypischer Informationsangebote mit Text, Bildern und Videos erweitern.

Dabei ist die ganze Geschichte wesentlich einfacher. Man muss nicht gleich mit der Enteignungs- und Zwangsdigitalisierungskeule kommen, es reicht, wenn man sich den journalistischen Alltag vieler Zeitschriften und Zeitungen in Deutschland ansieht. Die ihre Leser über Jahre hinweg zuverlässig in den Schlaf geschrieben haben, deren größte Innovation die Unstellung von vier auf fünf Spalten war. Und die vor allem den Bezug zu einer jüngeren Zielgruppe systematisch verloren. Wenn nach den aktuellsten Zahlen nicht mal mehr jeder Zweite zwischen 14 und 19 Tageszeitungen liest, sollte man sich eventuell andere Gedanken machen als welche über die Digitalstrategie von ARD und ZDF – wobei es im Übrigen ziemlich bizarr ist, dass ZDF mit seinen verheerenden Zahlen in der jungen Zielgruppe als einen Hauptkonkurrenten im Kampf um ein jüngeres Publikum zu betrachten.

Insofern schließt sich für mich ein Kreis: Jörges redet von Dreck von unten, die Zeitschriftenverleger fürchten Zwangsdigitalisierung und die FAZ spricht von Parasiten im Netz und drohender Enteignung. Bei einem von so viel fatalistischem Selbstmitleid geprägtem Weltbild ist der Untergang fast zwingend.

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4 Kommentare

  1. Schöne Zusammenfassung des derzeitigen Chaos!

    Jetzt noch ein Blick auf die Landesmedienanstalten, die laut DWDL mittlerweile konkrete Vorstellungen haben, wie sie Rundfunkangebote im Internet einer Lizenzierung unterstellen wollen. Dabei ist noch nicht wirklich klar, wie das aussehen könnte:
    „In einer ersten Definition beschreiben die Medienwächter als Rundfunk im Internet ‚Angebote mit einem genügend hohen Verbreitungsgrad‘. Derzeit heiße das konkret: ‚Web-TV-Angebote, die 500 zeitgleiche Zugriffe ermöglichen, überschreiten diese Grenze‘, so LFM-Direktor Norbert Schneider. Dabei sei klar, dass diese Grenze willkürlich aber sinnvoll sei, um ein Abgrenzungs-Instrument für Bewegtbild-Angebote im Netz zu haben. Bei der Frage, was genau in diesem Zusammenhang ‚zeitgleich‘ bedeute, sei „Haarspalterei“.
    Mehr dazu bei:http://www.dwdl.de/article/news_11581,00.html

    Jetzt ist doch Bewegung in der Medienbude 🙂

    Gruß

    is

  2. Dann muss ich zur Umgehung einer Lizensierung mein System also so auslegen, dass maximal 499 Zugriffe im exakt selben haarspalterischen Moment zugreifen können? Und bei 501 bin ich dann blöderweise ein echter, richtiger Sender? Klingt nach zukunftsweisenden und praktikablen Konzepten für das Zeitalter der Digitalisierung.

  3. Der Untergang der Print-Medien ist nur eine logische Konsequenz einer, wie ich finde, antrainierten Fähigkeit der Kritiklosigkeit seitens der Journalisten.

    Qualitätsjournalismus ist immer seltener zu finden, besonders, wenn man sich die beinahe gleichlautenden Meldungen der div. Pressehäuser im Print wie auch im digitalen Bereich durchliest (Paperball ist hier ein besonderer Freund der Recherche!). Die Quellen der Meldungen wie auch die Formulierungen und auch die Themengebiete sind durchweg identisch, was nach einer gewissen Zeit zu einer Verödung und Verlangweilung beim Leser (=Targetgroup) führt.

    Ich persönlich vermisse immer mehr den investigativen Journalismus, der kritisch manche Entwicklungen nervend zu hinterfragen weiß. Ob aus Angst, irgendwann wichtige „Interviewpartner“ zu verlieren oder aber den Job, weil das eigene Haus inzwischen einem Oligarchen gehört, die Antwort darauf habe ich für mich noch nicht gefunden.

    Solange sich hier IMHO keine Änderung vollzieht, wird der „Dreck von unten“ eine immer großere Chance erhalten, sich zu etablieren. Und da können sich die (großen) Medien drehen und winden wie sie wollen, sie werden dann weiterhin aktiv am Spiel „Hase und Igel“ beteiligt sein. Ich vermute, dass sie deshalb noch lange der Hase sein werden, zumindestens so lange, bis die Medien erkannt haben, dass das allgemeine Interesse sich nicht unbedingt allein auf DSDS- oder Tanzveranstaltungabgeklatsche konzentriert.

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