Bild dir deinen Schiri!

Man muss, um Fußball-Schiedsrichter werden zu wollen, vermutlich zweierlei mitbringen: ein ausgeprägtes dickes Fell — und möglicherweise auch einen latenten Hang zum Masochismus. Sehr viel anders lässt es sich nicht erklären, dass jemand freiwillig in der Bundesliga pfeift, schließlich sind die Konsequenzen klar: Man ist der am schlechtesten bezahlteste Mann auf dem Platz, muss am meisten laufen und es zudem akzeptieren, dass eine Nichterwähnung in einem Fußballbericht schon fast dem größtmöglichen Lob gleichkommt. Umgekehrt ist es wiederum so, dass sich ein Schiedsrichter ganz prima eignet für Sündenbock-Tätigkeiten aller Art; der durchschnittliche Fußball-Fan wird jedenfalls kaum widersprechen, wenn man ihm suggeriert, die Niederlage der Mannschaft seines Herzens sei schon irgendwie zu einem Großteil vom Schiedsrichter zu verantworten („Bild“ schreibt seit geraumer Zeit in diesem Zusammenhang gerne von „Tomaten-Anfällen“, wenn es ganz haarig wird auch mal von „schlimmen Tomaten-Anfällen“).

Letztendlich also kommt man mühelos zu den unterschiedlichsten Bewertungen. Der Stuttgarter Torwart Jens Lehmann beispielsweise vertritt die Aufassung, die Schiedsrichter hätten klar für Bayern gepfiffen; wäre das nicht so gewesen, wäre sein VfB schon lange Meister. Der Münchner Luca Tona wiederum glaubt (Überraschung!), dass die Schiedsrichter in der letzten Zeit „eher gegen uns gepfiffen haben“.

Und weil man es mit Schiedsrichtern im Allgemeinen ja machen kann, gibt „Bild“ auch gerne mal die Tendenz vor einem Spieltag vor. Beim zurückliegenden, vorletzten Spieltag der diesjährigen Bundesliga-Saison ließ das Blatt die Fans schon mal wissen, wie die Spiele laufen könnten. Denn schließlich bekämen die Bayern „heute ihren Sieg-Schiri“, während die armen Herthaner „vor Gagelmann zittern“ müssten.

Uiii, Schiebung?

Das vielleicht nicht, aber immerhin raunte „Bild“ angesichts der Schiedstrichter-Ansetzungen vorsorglich schon mal:

Wenn das mal keine bösen Diskussionen gibt…

Im Text selber zählt „Bild“ auf, was alles für „böse Diskussionen“ sorgen könnte:

  • Der Schiedsrichter, der das Bayern-Spiel pfeift, kommt aus Niedersachsen, da wo auch der Tabellenführer Wolfsburg herkommt! (da vergisst „Bild“ glatt, dass man ebendiesen Niedersachsen gerade eben noch als den „Sieg-Schiedsrichter“ der Bayern bezeichnet hatte)
  • Der Schiedsrichter, der das Stuttgart-Spiel pfeift, kommt aus Bayern!

Zwei Schiedsrichtern widmet das Blatt eine etwas ausführlichere Betrachtung. Dem „Sieg-Schiedsrichter der Bayern“, der in Wirklichkeit Michael Weiner heißt. Und einem gewissen Peter Gagelmann, der der Anschaulichkeit wegen mal eben zum „Alptraum-Schiri“ von Hertha BSC Berlin umgewandelt wird. Für beide plakative Namen gibt es laut „Bild“ auch Gründe: In den letzten acht Spielen, die Weiner bei den Bayern leitete, blieb Bayern unbesiegt. 25mal pfiff Weiner die Bayern insgesamt, dabei gingen die Münchner 19 mal als Sieger vom Platz, nur zweimal verloren sie.

Hertha BSC wiederum kann bei seinen Begegnungen mit dem „Alptraum-Schiri“ Gagelmann keine ganz so detaillierte Statistik aufweisen, immerhin aber daran erinnern, dass Gagelmann vor vier Jahren (!) ihr mal einen Elfmeter verweigerte und zwei Tore aberkannte. Außerdem pfiff er in zehn Spielen noch nie einen Elfmeter für Hertha, was bei „Bild“ ausreicht, um ihn zu Herthas „Alptraum-Schiri“ zu machen. Kein Wunder also, dass die Schiri-Ansetzungen angeblich auch beim DFB „umstritten“ sein sollen…

Dabei ist es relativ leicht ausrechenbar, welcher Schiedsrichter wann welches Spiel pfeift. Schon alleine deswegen, weil der DFB gar keine großen Alternativen hat und es deswegen, Sie ahnen es vermutlich längst, gar keine „Alptraum-Schiris“ und „Sieg-Schiris“ gibt.

Konkretes Beispiel 33. Spieltag, das Spiel Hoffenheim vs. Bayern: 20 Schiedsrichter dürfen in Deutschland Bundesliga pfeifen; aus diesem Kreis muss einer für dieses Spiel rekrutiert werden. Von diesen 20 fallen sechs von vornherein aus – nämlich die für den bayerischen Landesverband pfeifenden Schiedsrichter Wolfgang Stark, Günter Perl, Peter Sippel, Felix Brych, Helmut Fleischer und Deniz Aytekin. Schiedsrichter aus einem Landesverband können nie eine Mannschaft aus dem gleichen Landesverband pfeifen (einzige Mannschaften: beide Teams kommen aus dem gleichen Landesverband).

Bleiben 14.

Markus Schmidt, Marc Seemann und Guido Winkmann scheiden aus diesem Kreis ebenfalls relativ schnell aus. Sie sind entweder ziemlich neu in der Liga oder gelten nicht als die stärksten Schiedsrichter der Liga. In einem Spiel, in dem sich möglicherweise aber die Meisterschaft entscheidet, kommen relativ unerfahrene Schiris kaum in Frage.

Bleiben 11.

Fünf von diesen 11 fallen ebenfalls sofort durchs Raster. Thorsten Kinhöfer (32. Spieltag gegen Leverkusen), Knut Kircher (31. Spieltag in Cottbus), Babak Rafati (30. Spieltag gegen Mönchengladbach), Herbert Fandel (29. Spieltag gegen Schalke 04), Florian Meyer (28. Spieltag in Bielefeld) haben die Bayern in den letzten fünf Wochen gepfiffen. Allerdings lässt es der DFB ausgesprochen selten zu, dass Schiedsrichter innerhalb kurzer Zeit mehrfach die selben Mannschaften pfeifen; schon alleine deswegen, um jeden Manipulationsverdacht im Keim zu ersticken.

Bleiben 6.

  • Manuel Gräfe. Gehört zu den Besten in Deutschland, pfeift ziemlich oft die Bayern, hätte auch genügend zeitlichen Abstand zum letzten Bayern-Spiel. Stammt aber aus Berlin, Stadt eines unmittelbaren Konkurrenten um Titel bzw. Startplatz in der Champions League.
  • Michael Kempter. Gilt auf aufstrebendes Talent. Ist aber erst 26 und in seiner 3. Bundesliga-Saison. Ein (vielleicht entscheidender) Fehler und der Boulevard fragt: Wie kann der DFB diesen Grünschnabel auf das Spiel des Jahres ansetzen?
  • Dr. Jochen Drees. Gilt als erfahren und gut, hat aber im April im Spiel Leverkusen-Wolfsburg mehrfach mit Entscheidungen böse daneben gelegen.
  • Lutz Wagner. Ist in der letzten Saison auf Abschiedstour, gilt nicht als stark genug, um ein derart heikles Spitzenspiel zu pfeifen.

Bleiben also Peter Gagelmann und Michael Weiner. Der eine pfeift Bayern, der andere Hertha – weil es dafür ziemlich zwingende Gründe gibt, die nichts mit Sympathie oder Antipathie zu tun haben (zumal man nicht vergessen darf, dass am Samstag mit Bayern-Stuttgart und Wolfsburg-Bremen zwei echte Endspiele auf dem Programm stehen, bei denen man das ganze Auswahlspielchen noch einmal spielen muss).

Eine lange, vielleicht trockene Geschichte, schon klar. Da lesen sich Storys vom „Alptraum-Schiri“ dann doch etwas griffiger.

Mit großem Dank an Tim R.!

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